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Das unerhört Neue im nationalsozialistischen Deutschland liegt darin, daß sich hier der Wirtschaft und Technik ein magisches Denken angegliedert hatte.Die intellektuellen Verleumder unserer Zivilisation, die ihre Sehnsucht den alten Zeiten zuwandten, waren stets Feinde des technischen Fortschritts, wie etwa René Guénon, Gurdjew oder die zahlreichen Hinduisten. Im Nationalsozialismus jedoch hat der Geist der Magie sich der Schalter und Hebel des materiellen Fortschritts bemächtigt. Lenin hat gesagt, der Kommunismus sei Sozialismus plus Elektrizität. Der Nationalsozialismus wäre vielleicht als Guénonismus plus Panzerdivisionen zu bezeichnen. Eins der schönsten Dichterwerke unserer Zeit trägt den Titel The Martian Chronicles. Sein Verfasser ist ein etwa dreißigjähriger Amerikaner, ein Christ nach der Art von Bernanos, ein Gegner der Roboter-Zivilisation, ein Mann voller Zorn und Mitleid. Sein Name lautet Ray Bradbury. Er ist nicht, wie man allgemein glaubt, ein Verfasser von «Science-Fiction»-Erzählungen, sondern ein religiöser Künstler. Seine Themen entlehnt er einer Phantasie modernster Prägung, aber wenn er Reisen in die Zukunft oder in den Weltenraum unternimmt, so will er dabei nur den inneren Menschen und seine wachsende Unruhe beschreiben.

Zu Beginn der Martian Chronicles sind die Menschen daran, ihre erste große interplanetarische Rakete zu starten. Sie wird den Mars erreichen und so zum erstenmal eine Verbindung mit anderen Intelligenzen herstellen. Es ist Januar im Jahre 1999.«Eben noch herrschte der Winter in Ohio: Türen und Fenster waren fest geschlossen. Eisblumen schimmerten an den Scheiben, die Dachränder waren mit Eiszapfen gesäumt... Dann fegte eine Hitzewelle durch die kleine Stadt. Eine Springflut glühendheißer Luft schoß empor; es war, als habe man die Tür eines riesigen Backofens geöffnet. Der heiße Atem fuhr über die Häuser, die Büsche, die Kinder. Die Eiszapfen lösten sich, fielen herab und begannen zu schmelzen ... Der Sommer der Rakete. Die Neuigkeit verbreitete sich von Mund zu Mund. Der Sommer der Rakete. Der sengende 'Wüstenhauch ließ die Eisarabesken an den Fenstern zerfließen... Der Schnee, der aus dem kalten Himmel auf die Stadt herabfiel, verwandelte sich in warmen Regen, noch bevor er den Boden erreichte. Der Sommer der Rakete. Die Menschen traten aus den Türen auf ihre tropfenden Veranden und blickten zum geröteten Himmel empor...»Das, was den Menschen in dem Dichtwerk Bradburys später zustößt, ist traurig und schmerzhaft, denn der Autor glaubt nicht daran, daß sich mit dem äußeren Fortschritt auch ein Fortschritt der Seelen verbinde. Im Prolog jedoch, in dem er diesen «Sommer der Rakete» beschreibt, spricht er einen Archetyp des menschlichen Gedankens an: die Hoffnung auf einen ewigen Frühling. In dem Augenblick, in dem der Mensch an die Himmelsmechanik rührt und ihr einen neuen Motor einsetzt, vollziehen sich hier unten gewaltige Veränderungen. Auch hier greift ein Ereignis in das andere. In den interplanetarischen Räumen, in denen sich von nun an der menschliche Geist manifestiert, werden Kettenreaktionen ausgelöst, die auch auf Erden, wo ein Klimawechsel stattfindet, ihren Widerhall haben. Im Moment, da der Mensch nicht allein den Himmel erobert, sondern auch das, «was jenseits des Himmels ist», in dem Augenblick, in dem sich im All eine große materielle und geistige Revolution vollzieht, in dem die menschliehe Kultur sich zu einer kosmischen Kultur erweitert, wird der Erde eine unmittelbare Belohnung für diese Tat zuteil. Die Elemente bedrängen den Menschen nicht mehr. Eine ewige milder Wärme hüllt den Globus ein. Das Eis, das Sinnbild des Todes, ist besiegt. Die Gleichsetzung des Feuers mit der geistigen Energie ist einweiterer Archetyp des Gedankens. Der Träger dieser Energie ist Träger des Feuers. So sonderbar es erscheinen mag: Hitler war überzeugt, daß überall dort, wo er vorrückte, die Kälte zurückweichen mußte. Diese mystische Überzeugung erklärt zum Teil die Art, wie er den Feldzug in Rußland führte.Die Anhänger Hörbigers, die ihrer Aussage nach imstande sind, das Wetter auf der ganzen Erde auf Monate und sogar auf Jahre vorauszusagen, hatten einen relativ milden Winter prophezeit. Aber es gab noch einen anderen Grund: gleich den Schülern der Welteislehre war Hitler in seinem Innersten absolut sicher, daß er einen Pakt mit der Kälte geschlossen hatte und daß die Schneemassen der russischen Ebenen ihn auf seinem Marsch nicht aufhalten würden. Die Menschheit würde unter seiner Führung in den neuen Zyklus des Feuers eintreten. Er hatte bereits begonnen. Der Winter würde vor seinen Legionen, den Trägern der Flamme, zurückweichen.Und während der Führer der Ausrüstung seiner Truppen sonst ganz besondere Aufmerksamkeit widmete, hatte er den für den Rußlandfeldzug bestimmten Soldaten nur ein paar lächerliche Zusatzstücke bewilligt: einen Wollschal und ein Paar Handschuhe.Im Dezember 1941 fiel das Thermometer plötzlich auf mehr als vierzig Grad unter Null. Die Voraussagen waren falsch gewesen, die Prophezeiungen hatten sich nicht bewahrheitet: die Elemente bäumten sich auf, und die Sterne in ihrer Bahn hörten mit einemmal auf, für die gerechte Sache zu arbeiten. Jetzt triumphierte das Eis über das Feuer. Die automatischen Waffen versagten, da das Öl einfror. In den Kanistern zersetzte sich das synthetische Benzin unter der Einwirkung der Kälte in zwei unbrauchbare Bestandteile. Hinter der Front vereisten die Lokomotiven. Die Männer starben in ihren Uniformröcken und ihren einfachen Soldatenstiefeln. Die leichteste Verwundung bereits war ein Todesurteil. Tausende von Soldaten, die sich auf den Boden hockten, um ihre Notdurft zu verrichten, brachen mit schweren Erfrierungen zusammen. Hitler weigerte sich, an diesen ersten Zwiespalt zwischen Mystik und Realität zu glauben. General Guderian riskierte die Absetzung und vielleicht sogar den Tod, als er nach Berlin flog, um dem Führer über die Lage Bericht zu erstatten und um einen Rückzugsbefehl zu bitten.«Die Kälte ist meine Sache», erwiderte Hitler. «Greifen Sie an!»So kam es, daß das gesamte Panzerkorps, das Polen in achtzehn Tagen und Frankreich in einem Monat besiegt hatte, die Armeen Guderian, Reinhardt und Hoeppner, die mächtige Legion der Eroberer, die Hitler seine «Unsterblichen» nannte, vom Wind zerbissen, vom Eis verbrannt, in der Kältewüste untergehen mußten, um zu beweisen, daß die Mystik wahrer sei als die Natur.Das, was von der Großen Armee übrigblieb, mußte schließlich umkehren. Als im folgenden Sommer die Truppen den Kaukasus besetzten, fand dort eine sonderbare Zeremonie statt. Drei SS-Alpenjäger erkletterten den Gipfel des Elbrus, des heiligen Bergs der Arier, die Hochburg alter Kulturen, den magischen Gipfel der Sekte, die sich «Freunde Lufizers» nannte. Dort pflanzten sie die nach ihrem Ritus geweihte Hakenkreuzfahne auf. Diese Fahnenweihe auf dem Elbrus sollte den Anbruch eines neuen Zeitalters symbolisieren. Von nun an würden die Jahreszeiten dem Willen des Menschen untenan sein, das Feuer würde auf Jahrtausende hinaus das Eis besiegen. Das vergangene Jahr hatte eine schwere Enttäuschung gebracht, aber das war nur eine letzte Prüfung vor dem wahrhaften Sieg des Geistes gewesen. Und trotz der Berichte der meteorologischen Stationen, die? einen noch strengeren Winter als den vorhergehenden prophezeiten, trotz aller drohenden Anzeichen zogen die Truppen auf Stalingrad zu, um Rußland in zwei Teile zu zerschneiden.Doch die «Schüler der Vernunft mit ihren düsteren Mienen» sollten den Sieg davontragen. Die materiellen Menschen, die Menschen «ohne Feuer», mit ihrem Mut, ihrer «jüdisch-liberalen» Wissenschaft, ihrer Technik ohne religiösen Unterbau, die Menschen ohne die «geheiligte Maßlosigkeit» waren es, denen die Kälte und das Eis zu Hilfe kommen und die schließlich triumphieren sollten. Sie sprengten den Hitlerschen Pakt. Sie hatten:den Vortritt vor der Magie.

Nach Stalingrad ist Hitler kein Prophet mehr. Seine Religion bricht zusammen. Stalingrad ist nichtallein eine militärische und politische Niederlage. Das Gleichgewicht der spirituellen Kräfte ist verändert. Die deutschen Zeitungen erscheinen mit schwarzem Trauerrand, und die Beschreibungender Katastrophe, die sie geben, sind noch entsetzlicher als die der russischen Kommuniques. Es wird eine allgemeine Nationaltrauer angeordnet. Aber diese Trauer geht über den Rahmen der Nation hinaus. «Macht es euch klar!» schreibt Goebbels. «"Es ist ein Gedanke, eine ganze Weltanschauung, die hier unterliegen. Die geistigen Kräfte werden zunichte gemacht, die Stunde des Gerichtes naht.»In Stalingrad ist es nicht oder doch nicht nur der Kommunismus, der über den Faschismus triumphiert. Von einem Standpunkt aus, der weit genug entfernt ist, um den Sinn derartig wesentlicher Ereignisse zu erfassen, bemerkt man, daß die humanistische Kultur schlechthin es war, die den Aufschwung einer anderen, luziferischen, magischen Kultur stoppte, die nicht für den Menschen gemacht war, sondern für «etwas, das mehr ist als der Mensch». Es gibt keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Beweggründen der zivilisatorischen Taten der UdSSR und der USA. Das Europa des 18. und 19. Jahrhunderts hat den Motor geliefert, der überall zu gebrauchen ist. Er läuft in Moskau nur nicht mit dem gleichen Geräusch wie in New York. Es war wirklich eine einheitliche Welt, die im Krieg gegen Deutschland stand, und nicht eine momentane Koalition von Völkern, die sich im Grunde feindlich sind. Eine einheitliche Welt, die an den Fortschritt, an die Gleichheit der Menschen und an die Wissenschaft glaubt. Eine einheitliche Welt, die die gleiche Ansicht vom Kosmos, die gleiche Auffassung von den allgemeingültigen Gesetzen hat und die dem Menschen den gleichen Platz im Universum zuweist, der weder zu klein noch zu groß ist. Eine einheitliche Welt, die völlig untergehen sollte, um einer anderen, als deren Verkünder sich Hitler fühlte, Platz zu machen.Der kleine Mensch der «freien Welt» war es, der Bewohner von Moskau, von Boston, von Limoges oder von Lüttich, der kleine positive, rationalistische, mehr moralistische als religiöse Mensch ohne metaphysische Begabung, ohne Interesse für das Phantastische, derjenige, den Zarathustra einen «Zwitter von Pflanze und Gespenst» nennt, der Kiembürger, wie Flaubert ihn als Monsieur Homais in Madame Bovary gezeichnet hat, er war es, der die Große Armee vernichten sollte, die bestimmt war, dem Übermenschen, dem Gottmenschen, dem Herrn über die Elemente, die Klimata und die Gestirne, den Weg zu ebnen.

Und durch eine seltsame Fügung der Gerechtigkeit — oder auch der Ungerechtigkeit — sollte dieser kleine Mensch mit der beschränkten Seele es sein, der Jahre später einen Satelliten in den Himmel schicken und damit das interplanetarische Zeitalter eröffnen sollte.Stalingrad und der Sputnik waren wirklich, wie die Russen sagen, zwei entscheidende Siege, und 1957, bei den Feiern zum Jahrestag ihrer Revolution, nennen sie diese beiden Ereignisse mit Recht in einem Atemzug. Die russischen Zeitungen brachten ein Bild von Goebbels mit der Unterschrift: «Er glaubte, wir würden untergehen. Aber wir mußten siegen, 'um den interplanetarischen Menschen zu schaffen.»Der verzweifelte, wahnwitzige, unheilvolle Widerstand, den Hitler noch leistet, als offensichtlich schon alles verloren ist, läßt sich nur dadurch erklären, daß er auf die von den Hörbiger-Schülern angesagte Sintflut wartete. Wenn die Lage sich nicht mit menschlichen Mitteln umkehren ließ, so blieb immer noch die Möglichkeit, das Urteil der Götter herauszufordern. Eine Sintflut würde als Strafe über die gesamte Menschheit hereinbrechen. Nacht würde sich über die Erde breiten, und alles würde in Regen und Hagel versinken. «Hitler», so berichtet Speer schaudernd, «versuchte mit voller Überlegung, alle und alles in seinen Untergang mit hineinzuziehen. Er war ein Mensch, für den das Ende seines eigenen Lebens das Ende aller Dinge bedeutete.» Goebbels begrüßt in seinen letzten Leitartikeln begeistert die feindlichen Bomber, die sein Land zerstören: «Unter den Trümmern unserer vernichteten Städte sind die Zeugnisse des stumpfsinnigen 19. Jahrhunderts begraben.» Hitler übergibt dem Tod das Regiment: er befiehlt die totale Vernichtung Deutschlands, er läßt die Gefangenen hinrichten, verurteilt seinen früheren Chirurgen zum Tod, läßt seinen Schwager umbringen, fordert den Tod für die besiegten Soldaten und steigt selber ins Grab.

 «Hitler und Goebbels», schreibt Trevor Roper, «forderten das deutsche Volk auf, seine Städte und Fabriken zu zerstören, seine Deiche und Brücken zu sprengen, seine Eisenbahnlinien und das gesamte rollende Material aufzuopfern, und alles das zugunsten einer Legende, im Namen einer Götterdämmerung.» Hitler will Blut; er schickt seine letzten Truppen in den Opfertod: «Die Verluste werden niemals hoch genug sein können», sagt er. Nicht die Feinde Deutschlandts sind es, die hier siegen, es sind die Kräfte des Alls, die sich in Bewegung setzen, um die Erde zu überschwemmen und die Menschheit zu bestrafen, weil sie es zugelassen hat, daß das Eis den Sieg über das Feuer davontrug, daß die Mächte des Todes die Macht des Lebens und der Auferstehung besiegten. Der Himmel wird sich rächen.

Im Sterben bleibt nur noch die Möglichkeit, die große Sintflut zu beschwören. Hitler bringt dem Wasser ein Opfer: er gibt den Befehl, die Berliner Untergrundbahn unter Wasser zu setzen, in deren Schächten Tausende von Menschen, die sich hierher geflüchtet haben, umkommen. Bevor Goebbels im Bunker seine Frau, seine Kinder und sich selbst tötet, verfaßt er einen letzten Artikel, in dem er behauptet, das eigentliche Drama spiele sich nicht auf der Erde, sondern im Kosmos ab. «Unser Ende wird das Ende des Universums sein.»

 

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Die Erde ist hohl Wir leben in ihrem InnernDie Sonne und der Mond befinden sich in ihrem MittelpunktDas Radar im Dienste der MagierEine in Amerika entstandene ReligionIhr deutscher Prophet war ein FliegerDer Anti-EinsteinDie Arbeit eines WahnsinnigenEin Schiedsspruch HitlersJenseits aller Zusammenhänge

Wir schreiben den Monat April des Jahres 1941. Deutschland opfert alle seine Kräfte für den Krieg. Nichts, so scheint es, kann die Techniker, die Gelehrten und die Generäle von ihrer unmittelbaren Aufgabe abbringen.Und doch verläßt eine geheimnisvolle Expedition mit der Zustimmung Görings, Himmlers und Hitlers das Festland. Die Mitglieder dieser Forschergruppe sind einige der besten deutschen Radar-Spezialisten. Unter Führung von Dr. Heinz Fischer, der sich durch seine Arbeiten über die infraroten Strahlen einen Namen gemacht hat, landen sie auf der Ostseeinsel Rügen. Sie sind mit den vollendetsten Radargeräten ausgestattet. Dabei gibt es zu diesem Zeitpunkt erst wenige dieser Apparate, und man benötigt sie vor allem an den neuralgischen Punkten der deutschen Verteidigung. Die Beobachtungen jedoch, denen man sich auf der Insel Rügen widmen- soll, werden im Generalstab der Marine als unerläßlich für die Offensive angesehen, die Hitler an allen Fronten vorbereitet.Kaum gelandet, läßt Dr. Fischer die Geräte in einem Winkel von 45 Grad gegen den Himmel richten. In der gewählten Richtung ist jedoch offensichtlich nichts zu entdecken. Die anderen] Mitglieder der Expedition glauben, es handele sich um einen Versuch. Sie ahnen nicht, was man von ihnen erwartet. Der Zweck der Untersuchungen soll ihnen erst später mitgeteilt werden. Erstaunt bemerken sie, daß die Radargeräte mehrere Tage hindurch in derselben Position verbleiben.

Dann aber kommt die Aufklärung: Der Führer hat gute Gründe, anzunehmen, daß die Erde nicht konvex, sondern konkav ist. Wir wohnen nicht außen auf der Erde, sondern innen und sind somit Fliegen vergleichbar, diesich über die Innenfläche einer Glaskugel bewegen. Die Expedition hatte den Auftrag, den wissenschaftlichen Beweis dieser Wahrheit zu erbringen. Durch die Reflexion der Radarwellen, die sich in gerader Linie fortpflanzen, würde man Bilder von den entferntesten Punkten im Inneren der Kugel erhalten. Die zweite Aufgabe der Expedition war es, durch Reflexion Aufnahmen der in Scapa Flow ankernden englischen Flotte zu beschaffen.Martin Gardner berichtet über dieses verrückte Unternehmen auf Rügen in seiner Arbeit In the Name of Science. Auch Dr. Fischer selbst spielt nach Beendigung des Krieges darauf an. Professor Gerard S. Kuiper vom Observatorium auf dem Mount Palomar widmete im Jahre 1946 eine Reihe von Artikeln der Hohlweltlehre, die den Anlaß zu dieser Expedition gegeben hatte. So schreibt er in Popular Astronomy:«Wichtige Persönlichkeiten in der deutschen Marine und der Luftwaffe glaubten an die Hohlweltlehre. Vor allem meinten sie, daß es auf Grund dieser Lehre möglich sei, die Bewegungen der englischen Flotte zu beobachten, da die konkave Krümmung der Erde Beobachtungen auf sehr weite Entfernung vermittels der infraroten Strahlen gestatten würde, die ja weniger gekrümmt verlaufen als die sichtbaren Strahlen.»Der Ingenieur Willy Ley berichtet dieselben Tatsachen in seiner im Mai 1947 verfaßten Studie Pseudo-sciences in Naziland. So erstaunlich es klingt, es ist wahr: hohe nationalsozialistische Funktionäre und Militärexperten leugneten glattweg das, was für jedes kleine Kind unserer zivilisierten Welt eine augenscheinliche Wahrheit ist, daß nämlich die Erde eine Kugel ist und daß wir außen, auf ihrer Oberfläche leben. Über uns, so denkt das kleine Kind, erstreckt sich das endlose Firmament mit seinen Myriaden von Sternen und Milchstraßen. Unter uns befindet sich das Gestein der Erde. Gleichgültig, ob das Kind Franzose, Engländer, Amerikaner oder Russe ist, es stimmt in dieser Hinsicht völlig überein mit der offiziellen Wissenschaft und ebenso mit allen anerkannten religiösen und philosophischen Thesen. Unsere Moral, unsere Kunst und unsere Technik gründen auf dieser Ansicht, die durch die Erfahrung bewiesen scheint. Wenn irgend etwas die Einheitlichkeit der modernen Kultur deutlich machen kann, dann gewißdie Kosmogonie, die wir alle anerkennen. Ober das Wesentliche, nämlich über die Stellung des Menschen und der Erde innerhalb des Universums, sind wir alle einer Meinung, ob wir Marxisten sein mögen oder nicht. Einzig die Nationalsozialisten teilten diese Auffassung nicht.Für die Anhänger der Hohlweltlehre, die jene berühmte pseudowissenschaftliche Expedition auf die Insel Rügen veranstalteten, leben wir im Innern einer Kugel und sind somit in eine Gesteinsmasse eingeschlossen, die sich bis in die Unendlichkeit erstreckt. Wir haften gewissermaßen an der konkaven Innenseite der Kugel, in deren Mitte sich der Himmel befindet. Dieser wiederum ist eine Masse aus bläulichem Gas mit glänzenden Lichtpunkten, die wir für Sterne halten. Es gibt nur die Sonne und den Mond, doch sind diese unendlich viel kleiner, als die orthodoxen Astronomen behaupten. Damit aber erschöpft sich das Universum. Wir sind allein, im Fels eingeschlossen.Wir wollen jetzt einmal sehen, wie diese Anschauung entstanden ist. Sie leitet sich aus Legenden, aus intuitiven Eingebungen und Erleuchtungen her.

Eine Nation, die in einen Krieg verwickelt ist, in dem die Technik alles bedeutet, verlangt im Jahre 1942 von der Wissenschaft, sie solle die Mystik unterstützen, und von der Mystik, sie solle die Technik bereichern. Auch in Paris oder London gibt es exzentrische Denker, Entdecker abwegiger Kosmogonien, Propheten aller möglichen Verrücktheiten. Sie verfassen Flugschriften, sie stöbern in den Hinterzimmern der Buchhandlungen herum, sie halten Ansprachen im Hyde Park oder in der «Salle de Géographie» auf dem Boulevard Saint-Germain. Im Hitlerdeutschland hingegen erleben wir es, daß Leute dieser Art die Kräfte der Nation und die technische Apparatur einer im Krieg befindlichen Armee mobilisieren. Wir erleben es, daß sie auf die Generalstäbler, die Politiker und Wissenschaftler einen entscheidenden Einfluß ausüben. Wir stehen hier einer völlig neuen Geistesrichtung gegenüber, die sich auf die Verachtung der klassischen Kultur und der Vernunft gründet. Die Intuition, die Mystik, die dichterische Eingebung rangieren hier auf gleicher Stufe mit der wissenschaftlichen Forschung und der rationellen Erkenntnis. «Wenn ich von Kultur reden höre, zieh ich meinen Revolver», sagt Göring. Dieser Satz ist in doppelt Hinsicht erschreckend: einmal im wörtlichen Sinne, der uns Göring-Ubu zeigt, wie er den Intellektuellen den Schädel einschlägt, zum anderen aber in einem viel tieferen und für das, was wir Kultur nennen, viel gefährlicheren Sinne, denn hier zeigt sich uns ein Göring, der Explosivgeschosse wie die Hörbigersche Kosmogonie, die Hohlweltlehre oder die Mystik der Thule-Gesellschaft abfeuert.

Die Hohlweltlehre wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Amerika geboren. Am 10. April 1818 erhielten alle Mitglieder des amerikanischen Kongresses, die Rektoren der Universitäten und einige bedeutende Wissenschaftler den folgenden Brief:An die ganze Welt!Saint Louis, Missouri, Nordamerika, 10. April.Ich erkläre hiermit, daß die Erde hohl und in ihrem Inneren bewohnbar ist. Sie enthält mehrere konzentrische feste Kugeln, die ineinander verschachtelt sind, und ist am Pol mit einer Öffnung von 12 bis 16 Grad versehen. Ich mache mich anheischig, die Wahrheit meiner Behauptung zu beweisen, und bin bereit, das Innere der Erde zu erforschen, wenn die Welt sich entschließt, mich bei meinem Vorhaben zu unterstützen.Jno. Cleves SYMNES, Hauptmann der Infanterie a. D. von OhioSprague de Camp und Willy Ley fassen in ihrer schönen Arbeit The Lands Beyond21 die Theorie und das Abenteuer des ehemaligen Hauptmanns der Infanterie folgendermaßen zusammen:«Symnes behauptet, daß, da alles in der Welt hohl ist, wie zum Beispiel die Knochen, die Haare, die Pflanzenstengel, auch die Planeten hohl sein müßten und daß man im Falle der Erde fünf kugelförmige Gebilde unterscheiden könne, die ineinandergeschoben seien und deren jedes sowohl von innen wie von außen bewohnbar sei. Außerdem seien sie an den Polen mit geräumigen Öffnungen ausgestattet, so daß die Bewohner jeder Kugel sich von jedem beliebigen Punkt des Inneren an einen anderen und ebenso auf die Außenseite begeben könnten, so wie eine Ameise, die zuerst über die innere und dann über die äußere Fläche einer Porzellankugel läuft... Symnes zog seine Vortragsreisen wie Wahlkampagnen auf. Bei seinem Tod hinterließ er Stöße von Notizen und das kleine Holzmodell seines Globus, das sich zur Zeit in der Akademie der Naturwissenschaften von Philadelphia befindet. Sein Sohn, Americ Vespucius Symnes, war einer seiner Schüler und versuchte, die nachgelassenen Notizen zu einem einheitlichen Band zusammenzufassen. Er fügte eine Hypothese an, laut der, wenn die Zeit erfüllt sei, die zehn verlorenen Stämme Israels, die vermutlich in der innersten der Kugeln lebten, wiedergefunden würden.Im Jahre 1870 behauptet ein anderer Amerikaner, Cyrus Read Teed, ebenfalls, daß die Erde hohl sei. Teed war ein hochgebildeter Mann, der sich insbesondere mit der alchimistischen Literatur befaßt hatte. 1869, während er in seinem Laboratorium arbeitete und über das Buch Jesaia meditierte, hatte er eine Erleuchtung. Er begriff auf einmal, daß wir nicht auf der Erde, sondern in ihrem Inneren wohnen. Da diese Vision seiner Ansicht nach gewisse alte Sagen bestätigte, begründete er eine Art Religion und verkündete seine Lehre in einer kleinen Zeitschrift, die er The Sword of Fire betitelte. 1894 hatte er bereits mehr als viertausend fanatische Anhänger gewonnen. Er gab seiner Religion auch einen Namen: den Koreschismus. Im Jahre 1908 starb er, nachdem er verkündet hatte, daß sein Leichnam nicht in Verwesung übergehen werde. Zwei Tage nach seinem Tod jedoch sahen seine Anhänger sich genötigt, ihn einzubalsamieren.Diese Vorstellung von der hohlen Erde knüpft an eine Überlieferungan, die man allerorten und zu allen Zeiten antrifft. Die ältesten Werke der religiösen Literatur sprechen von einer abgesonderten, unter der Erdkruste gelegenen Welt, in der die Totenund die Geister hausen. Als Gilgamesch, der legendäre Held deralten Sumerer und der babylonischen Epen, seinen Ahnherrn Utnapischtim besuchen will, steigt er ins Erdinnere hinab, und hier sucht auch Orpheus die Seele seiner Eurydike. Odysseus bringt, als er an den Grenzen des Abendlandes angekommen ist, ein Opfer, damit die Geister der Abgeschiedenen aus den Tiefen der Erde heraufsteigen und ihm ihren Rat erteilen. Pluton herrscht in der Unterwelt über die Geister der Toten. Und dorthin verbannen die germanischen Sagen auch Venus. Dante verlegt die Hölle in die inneren Kreise. In der europäischen Folklore wohnen die Drachen unter der Erde, und die Japaner stellen sich vor, daß in den Tiefen ihrer Insel ein Ungeheuer haust, dessen Zuckungen die Erde erzittern lassen.Wir sprachen bereits von der vor-nationalsozialistischen Geheimgesellschaft, der Vril-Gesellschaft, die diese Legenden mit den Thesen vermengte, die der englische Schriftsteller Bulwer-Lytton in seinem Roman The Coming Race aufgestellt hatte. Nach Ansicht der Mitglieder dieser Gruppe bewohnen Wesen, die über höhere psychische Kräfte als wir verfügen, Höhlen im Mittelpunkt der Erde. Eines Tages werden sie daraus hervorkommen, um die Herrschaft über uns anzutreten.

Nach Beendigung des ersten Weltkriegs entdeckt Bender, ein junger deutscher Flieger, der in französische Gefangenschaft geraten war, einige alte Exemplare von Teeds Zeitschrift The Sword of Fire sowie etliche Propagandabroschüren, in denen die Behauptung vertreten wurde, daß die Erde hohl sei. Er fühlt sich von dieser Theorie angesprochen, erfährt selbst eine Art Erleuchtung und entwickelt die Doktrin weiter. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland begründet er eine Bewegung, die Hohlweltlehre. Dabei stützt er sich auf die Arbeiten eines anderen Amerikaners, Marshall B. Gardner, der im Jahre 1913 ein Werk veröffentlicht hatte, in dem er den Beweis erbringen wollte, daß die Sonne nicht über der Erde steht, sondern in ihrem Mittelpunkt, und daß ihre Strahlen einen Druck ausüben, der uns auf der konkaven Erdoberfläche festbannt.Für Bender ist die Erde eine Kugel mit denselben Dimensionen, die ihr auch die orthodoxe Geographie zuschreibt; aber sie ist hohl, und das Leben wird vermittels gewisser von der Sonne ausgehender Strahlungen auf ihrer Innenfläche festgehalten. Darüber befinden sich unendliche Gesteinsmassen. Die Luftschicht im Inneren der Kugel ist sechzig Kilometer hoch, dann verdünnt sie sich immer mehr bis zu dem absolut luftleeren Raum im Mittelpunkt, in dem drei Körper schweben: die Sonne, der Mond und das Weltall-Phantom. Das Weltall-Phantom ist eine Kugel aus bläulichem Gas, in der Lichtkörner aufschimmern, die von den Astronomen als Sterne bezeichnet werden. Es wird Nacht auf einem Teil der konkaven Erdenfläche, wenn diese blaue Masse vor der Sonne vorbeizieht und der Schatten dieser Masse Verfinsterungen auf dem Mond hervorruft. Wir glauben an ein äußeres Universum, das sich über uns befindet, weil die Lichtstrahlen sich nicht in gerader Linie bewegen: sie sind, mit Ausnahme der infraroten Strahlen, gekrümmt. Diese Theorie Benders sollte um 1930 populär werden. Leitende Persönlichkeiten des Dritten Reichs, hohe Offiziere der Marine und der Luftwaffe glaubten an die Hohlweltlehre.Es erscheint uns völlig unbegreiflich, daß Männer, die die Führung einer Nation übernommen hatten, sich in ihren Maßnahmen teilweise nach mystischen Intuitionen richteten, welche die Existenz unseres Universums leugneten. Man muß jedoch bedenken, daß in Deutschland dem einfachen Mann, dem Mann von der Straße, der schwer unter der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit gelitten haue, um 1930 die Theorien der Hohlweltlehre auch nicht wahnwitziger vorkamen als der Gedanke, daß ein winziges Körnchen Materie unbegrenzte Energiequellen enthalten könne, oder die Vorstellung einer vierdimensionalen Welt. Die Wissenschaft hatte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts einen Weg eingeschlagen, der nicht mehr der des sogenannten gesunden Menschenverstands war. Für naive, unglückliche und mystisch veranlagte Menschen wurde jede phantastische Idee glaubhaft, vor allem wenn sie so verständlich und tröstlich war wie die Hohlweltlehre.

Hitler und seine Gefährten waren Männer aus dem Volk und Gegner des reinen Intellekts; ihnen mußten die Gedanken Benders viel einleuchtender erscheinen als die Theorien Einsteins, die eine unendlich komplizierte und außerordentlich schwer faßbare Welt vor-aussetzten. Zwar war die Bendersche Welt offensichtlich ebenso vernunftwidrig wie die von Einstein heraufbeschworene, aber um sie zu begreifen, bedurfte es gewissermaßen nur eines Wahnsinns ersten Grades. Bender baute seine Erklärung der Welt auf verrückten Voraussetzungen auf, doch die weitere Entwicklung seiner Gedanken war vernunftgemäß. Der Verrückte hat alles verloren, nur nicht die Vernunft! Die Hohlweltlehre, die die Menschen als die einzigen geistbegabten Lebewesen hinstellte, das Weltall auf die Dimensionender Erde beschränkte und dem Menschen das Gefühl vermittelte, daß er umschlossen, eingefangen, beschützt war wie der Fötus im Mutterleib, befriedigte gewisse Hoffnungen der unglücklichen Seele, die in ihrem Stolz gekränkt und von Haß auf die äußere Welt erfüllt war. Außerdem war sie die einzige deutsche These, die man, dem Juden Einstein entgegenstellen konnte.Die Theorie Einsteins beruht auf den Experimenten von Michelson und Morley, durch die sie bewiesen, daß die Geschwindigkeit des Lichts, das sich parallel zur Erdumdrehung bewegt, gleich der Geschwindigkeit der Lichtstrahlen ist, die senkrecht zur Erdbewegung verlaufen. Einstein folgert daraus, daß das Licht also nicht durch irgendein Mittel «getragen» wird, sondern selbst aus unabhängigen Korpuskeln besteht. Von dieser Gegebenheit ausgehend bemerkt Einstein, daß das Licht sich im Sinne der Bewegung zusammenzieht und daß es eine Lichtenergie gibt. Er stellt die Theorie von der Relativität der Lichtbewegung auf. Nach dem System Benders ist die Erde hohl und bewegt sich somit nicht. Es gibt für ihn keinen Michelson-Effekt. Die Hohlweltlehre trägt der Realität also scheinbar ebenso Rechnung wie die Theorie Einsteins. Zu jener Zeit waren Einsteins Überlegungen noch durch keine experimentelle Nachprüfung unterbaut worden: noch hatte keine Atombombe diese Gedanken auf eine ebenso absolute wie erschreckende Weise bekräftigt. Die führenden Persönlichkeiten des Nationalsozialismus hielten sich für berechtigt, den Arbeiten des genialen Juden jeden Wert abzusprechen. Damit begannen sie ihre Verfolgungstaktik gegen die jüdischen Gelehrten und ihren Kampf gegen die offizielle Wissenschaft.Einstein, Teller, Fermi und eine Anzahl anderer bedeutender Männer mußten emigrieren. Sie fanden gastliche Aufnahme in den Vereinigten Staaten, wo ihnen reichliche Geldmittel und vorzüglich ausgestattete Laboratorien zur Verfügung gestellt wurden. Hier entstand die Grundlage für die Atommacht Amerikas. Der Auftrieb der okkulten Kräfte in Deutschland war es, der den Amerikanern die Atomenergie bescherte.Das wichtigste Forschungszentrum der amerikanischen Armee be-findet sich in Dayton im Staate Ohio. 1957 wurde bekannt, daß es im Laboratorium dieser Forschungsstätte gelungen war, eine Temperatur von einer Million Grad zu erzielen. Der Mann aber, dem dieses außerordentliche Experiment glückte, hieß Dr. Heinz Fischer — es war derselbe Heinz Fischer, der seinerzeit die Expedition auf die Insel Rügen angeführt hatte, welche die Thesen der Hohlweltlehre bestätigen sollte.

Als die amerikanischen Journalisten ihn über seine Vergangenheit befragten, erklärte er: «Die Nazis ließen mich die Arbeit eines Wahnsinnigen verrichten und beeinträchtigten damit erheblich den Fortgang meiner Forschungen.» Man kann sich fragen, was wohl geschehen wäre und wie der Krieg sich entwickelt hätte, wenn die Forschungen Dr. Fischers nicht zugunsten des Mystikers Bender unterbrochen worden wären ...Nach dem negativen Ausgang der Versuche auf der Insel Rügen sank das Renommé Benders in den Augen der NS-Führer trotz der Protektion, die Gering dem früheren Helden der Luftfahrt, für den er Sympathie empfand, angedeihen ließ. Die Anhänger Hörbigers, die Verfechter der Welteislehre, trugen den Sieg davon. Bender kam schließlich in ein Konzentrationslager, wo er starb. So hatte die Hohlweltlehre ihren Märtyrer bekommen.Doch schon lange vor der verrückten Expedition nach Rügen hatten die Schüler Hörbigers Bender mit Hohn überschüttet und das Verbot seiner Schriften gefordert. Das Hörbigersche System erhob Anspruch darauf, eine für alle verbindliche Lehre zu sein:man konnte nicht gleichzeitig an einen Kosmos glauben, in dem Eis und Feuer einen immerwährenden Kampf ausfochten, und an eine in unendliche Gesteinsmassen eingeschlossene Welt.

Hitler wurde gebeten, einen Schiedsspruch zu fällen. Seine Antwort stimmt nachdenklich: «Wir brauchen gar keine einheitliche Auffassung von der Struktur der Welt. Sie können alle beide recht haben.» Das, was zählt, ist nicht der Zusammenhang und die Einheitlichkeit der Sicht, es ist die Zerstörung der aus der Logik hervorgegangenen Systeme, der rationalen Denkmethoden, es sind die mystische Dynamik und die Explosive Wucht der Intuition. In den dunkel schimmernden Bereichen des magischen Geistes ist Platz für mehr als einen Funken.

 

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Das Euthanasie-ProgrammDie Aufhebung der NaturgesetzeDas letzte Gebet Dietrich Eckarts Thule, der magische Mittelpunkt einer untergegangenen KulturEine Pflanzschule der MedienHaushofer, der Magier Rudolf Heß fliegt nach England Das Hakenkreuz und die Inschrift auf der Hausmauer in JekaterinburgDie sieben Männer, die das Leben verändern wolltenEine tibetanische KolonieDie Ausrottungen und das Ritual

In Flensburg lebte nach dem Krieg als tüchtiger Vertrauensarzt für Versicherungsgesellschaften und medizinischer Sachverständiger bei Gerichtsverhandlungen ein Mann namens Fritz Sawade. Gegen Ende des Jahres 1959 warnte eine mysteriöse Stimme den guten Doktor und teilte ihm mit, daß die Behörden sich gezwungen sehen würden, ihn zu verhaften. Er floh, irrte acht Tage umher und stellte sich schließlich der Polizei. In Wirklichkeit handelte es sich um den SS-Standartenführer Werner Heyde. Professor Heyde war der medizinische Organisator des Euthanasie-Programms gewesen, dem in den Jahren 1940 und 1941 zweihunderttausend Kranke zum Opfer fielen und das gewissermaßen als Vorspiel zu den großen Vernichtungsaktionen in den Konzentrationslagern galt.Anläßlich dieser Verhaftung schrieb der französische Journalist Nobecourt, einer der besten Historiker des nationalsozialistischen Deutschland, in der Wochenzeitschrift Carrefour:«Die Affäre Heyde ähnelt wie viele andere einem Eisberg: man bekommt nur einen Bruchteil des wirklichen Umfangs zu sehen ... Die Euthanasie der Geistesschwachen und Unheilbaren, die systematische Ausrottung aller Gruppen, die man in Verdacht hatte, sie könnten die Reinheit des germanischen Bluts vergiften, wurde mit pathologischer Verbissenheit und einem fast religiösen Fanatismus durchgeführt, der an Wahnsinn grenzte. Zahlreiche Beobachter der Prozesse, die nach dem Krieg stattfanden — und zwar namhafte Wissenschaftler und Mediziner, von denen man kaum annehmen kann, daß sie Mystifikationen als gültigeBeweise ansahen — kamen schließlich zu der Ansicht, daß bloße politische Leidenschaft eine unzureichende Erklärung für diese Tatsachen war und daß man wohl das Vorhandensein einer mystischen Verbindung annehmen müsse, die zwischen all den Befehlsgebern und den Vollstreckern dieser Befehle, zwischen Himmler und dem letzten Wärter im Konzentrationslager, bestand.Es drängt sich allmählich die Hypothese einer Geheimgesellschaft auf, die dem äußerlichen Gefüge des Nationalsozialismus zugrunde lag. Es muß eine wahrhaft dämonische Verbindung gewesen sein, und sie gehorchte geheimen Dogmen, die viel schärfer und genauer ausgearbeitet waren als die allgemeinen Thesen in Mein Kampf oder im Mythos des 20. Jahrhunderts. Die Spuren ihrer Riten sind kaum bemerkbar, für die Analytiker der Nazi-Pathologie jedoch (und wir betonen noch einmal, daß es sich um Wissenschaftler und Mediziner handelte) kann an ihrer Existenz kein Zweifel bestehen.»Wir sind allerdings nicht der Ansicht, daß es sich hier um eine einzige, fest organisierte und klar verzweigte Gemeinschaft gehandelt hat, und auch das Bestehen eines einheitlichen Dogmas und bestimmter, allgemeingültiger Riten erscheint uns fraglich. Im Gegenteil, gerade die Vielfältigkeit und Zusammenhanglosigkeit dürften für dieses unterirdische Deutschland, das wir zu beschreiben versuchen, bezeichnend gewesen sein. Einem Abendländer, der vom Positivismus und der kartesianischen Denkweise herkommt, erscheint eine gewisse Einheitlichkeit für jedes, selbst ein mystisches Unternehmen, unerläßlich. Aber wir stehen hier außerhalb des Abendlands; es handelt sich um einen vielgestaltigen Kult, um einen über-geistigen (oder auch unter-geistigen) Zustand, der die verschiedensten nur lose miteinander zusammenhängenden Riten und Glaubensformen absorbiert. Wichtig ist nur, ein geheimes Feuer zu schüren, eine Flamme am Leben zu erhalten, und zu diesem Zweck ist jedes Mittel recht.

In einem solchen Zustand ist nichts mehr unmöglich. Die Naturgesetze sind aufgehoben, die Welt wird fließend. Die Führer der SS behaupten, die Breite des Ärmelkanals sei viel geringer, als sie auf den Landkarten angegeben ist. Für sie, genau wie für die Weisen der Hindu vor zweitausend Jahren oder für den Bischof Berkeley im 18. Jahrhundert, war die Welt nur eine Illusion, und ihre Strukturließ sich durch den wirkenden Gedanken der Eingeweihten verändern.Wir möchten nunmehr gemäß unserer Methode dem Leser einige Hinweise und Zitate über gewisse andere bisher vernachlässigte Seiten des «magischen Sozialismus» unterbreiten: die Thule-Gesellschaft, den Aufbau des Schwarzen Ordens und das Forschungsamt Ahnenerbe. Wir haben über diese Punkte eine etwa tausend Seiten umfassende Dokumentation gesammelt. Wollten wir jedoch eine klare, überzeugende und vollständige Arbeit über dieses Gebiet schreiben, müßte dieses Material zunächst noch einmal überprüft und ergänzt werden. Das liegt für den Augenblick außerhalb des Bereichs unserer Möglichkeiten. Andererseits möchten wir dieses Buch auch nicht ungebührlich belasten, da wir die Gegenwartsgeschichte hier lediglich als Beispiel für den «phantastischen Realismus» herangezogen haben. Darum geben wir nur eine kurze Zusammenfassung einiger interessanter Tatsachen.

An einem Herbsttag des Jahres 1923 stirbt in München eine ungewöhnliche Persönlichkeit, ein Dichter, Verfasser von Dramen, ein Journalist, ein Bohémien: Dietrich Eckart. Seine Lungen sind von Giftgas zerfressen. Vor seiner Agonie spricht er ein Gebet vor einem schwarzen Meteoriten, den er «meine Kaaba» nennt und den er Professor Oberth, einem der Schöpfer der Astronautik, vermachte. Kurz zuvor hatte er ein langes Manuskript an seinen Freund Karl Haushofer geschickt. Seine Angelegenheiten waren geregelt. Er starb, aber die Thule-Gesellschaft sollte weiterbestehen und bald die Erde und das Leben auf dieser Erde verändern.Im Jahre 1920 machen Dietrich Eckart und ein anderes Mitglied der Thule-Gesellschaft, der Architekt Alfred Rosenberg, die Bekanntschaft Hitlers. Diese erste Zusammenkunft findet im Haus Winfred Wagners in Bayreuth statt. Drei Jahre hindurch sind diese beiden Männer nun ständig um den kleinen Gefreiten des ersten Weltkriegs und beeinflussen seine Gedanken und Handlungen. Konrad Heiden 34 schreibt: «Dietrich Eckart übernimmt Adolf Hitlers geistige Führung. Hitler lernt von ihm schreiben und sogar sprechen.» Diese Unterweisung betraf zwei Gebiete: die «Geheimdoktrin» und die Propagandadoktrin. Die Unterhaltungen, die Lehrer und Schüler miteinander führten, hat Eckart in einer merkwürdigen Broschüre aufgezeichnet: Der Bolschewismus von Mosesbis Lenin. Im Juli 1923 ist Eckart, Hitlers neuer Lehrer, eines der sieben Gründungsmitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Sieben: die heilige Zahl. Als er im Herbst stirbt, sagt er:«Folgt Hitler! Er wird tanzen, aber die Musik zu seinem Tanz habe ich komponiert. Wir haben ihm die Mittel gegeben, mit IHNEN in Verbindung zu treten... Beklagt mich nicht: ich werde mehr Einfluß auf die Geschichte gehabt haben als jeder andere Deutsche...»

Die Sage von Thule geht auf älteste Zeiten zurück. Man spricht von einer Insel, die irgendwo im fernen Norden im Meer versunken ist. Oder sollte es sich vielleicht um Grönland handeln? Um Labrador? Ebenso wie Atlantis soll auch Thule der magische Mittelpunkt einer untergegangenen Kultur gewesen sein. Für Eckart und seine Freunde jedoch waren nicht alle Geheimnisse Thules verlorengegangen. Irgendwelche Wesen, die zwischen dem Menschen und Geistern außerhalb der Erde stehen, verfügten nach Ansicht der Eingeweihten über ein Kraftreservoir, aus dem sie schöpfen konnten, um Deutschland die Herrschaft über die Welt zu verleihen, um aus Deutschland die Verkündernation des künftigen Übermenschentums, der bevorstehenden Mutationen der menschlichen Rasse zu machen. Eines Tages werden Legionen sich in Bewegung setzen, um alles, was dem geistigen Schicksal der Erde im Wege steht, zu vernichten, und sie werden von unfehlbaren Männern angeführt werden, die aus den Quellen der Kraft getrunken haben und den Spuren der Großen folgen.Solcherart sind die Mythen, die in der arischen Doktrin Eckarts und Rosenbergs enthalten sind und die diese Propheten eines magischen Sozialismus der medialen Seele Hitlers einimpfen. Aber die Thule-Gesellschaft ist vorerst zweifellos nur eine zwar mächtige, aber kleine Knetmaschine, die Traum und Wirklichkeit miteinander vermengt. Sie wird sehr bald unter anderen Einflüssen und unter der Führung anderer Persönlichkeiten zu einem viel sonderbareren Instrument werden: zu einem Instrument, das imstande ist, das Wesen der Wirklichkeit selbst zu verändern. Erst durch das Auftreten Karl Haushofers scheint die Thule-Gesellschaft ihren wahren Charakter zu gewinnen: sie wird zu einer Geheimgesellschaft, deren Mitglieder in Verbindung mit dem Unsichtbaren stehen — zum magischen Mittelpunkt des Nationalsozialismus.Hitler wurde am 20. April 1889 um 17 Uhr 30 in Braunau am Inn, Salzburger Vorstadt 219, geboren. Diese kleine Stadt an der Grenze zwischen Österreich und Bayern, Begegnungspunkt zweier großer deutschsprachiger Staaten, sollte später für Hitler zu einem symbolischen Ort werden. Eine eigenartige Tradition ist mit der Geschichte dieser Stadt verknüpft: sie ist eine Pflanzstätte für Medien. Hier wurden Willy und Rudi Schneider geboren, deren Experimente auf diesem Gebiet vor etwa dreißig Jahren eine Sensation waren. Hitler hatte dieselbe Amme wie Willy Schneider.

Jean de Pange schreibt 1940:«Braunau ist ein Zentrum der Medien. Eines der bekanntesten ist Frau Stockhammer, die im Jahre 1920 in Wien den Prinzen Joachim von Preußen heiratete. Aus Braunau ließ sich auch der Münchner Parapsychologe Albert Freiherr von Schrenck-Notzing seine Medien kommen, zu denen unter anderen ein Vetter Hitlers gehörte.»Der Okkultismus lehrt, daß, nachdem die geheimen Mächte durch einen Pakt versöhnt sind, die Mitglieder der Gruppe diese Kräfte nur durch Vermittlung eines Beschwörers zur Wirkung bringen könnten. Dieser Beschwörer wiederum kann ohne ein Medium nichts ausrichten.

In unserem Fall nun sieht es ganz so aus, als sei Hitler das Medium gewesen und Haushofer der Beschwörer. Rauschning beschreibt den Führer folgendermaßen:«Man ist gezwungen, an Medien zu denken. Die meiste Zeit sind sie ganz gewöhnliche, unbedeutende Menschen. Plötzlich fallen wie aus dem Himmel Kräfte auf sie, die sie weit über das Maß des Gewöhnlichen herausheben. Diese Kräfte haben mit ihrer eigentlichen Persönlichkeit nichts zu tun. Sie sind wie Besucher von anderen Sternen. Das Medium ist besessen. Wenn der Bann gebrochen ist, fällt es wieder in seine Mittelmäßigkeit zurück. Und auch bei Hitler ist es unzweifelhaft so, daß gewisse Kräfte durch ihn hindurchgehen. Fast dämonische Kräfte, denen der Mensch, der Hitler heißt, nur die augenblickliche äußere Hülle bietet. Durch dieses Zusammentreffen des Gewöhnlichen und desAußerordentlichen ergibt sich jene unerträgliche Zwiespältigkeit, die man empfindet, sobald man mit Hitler in Berührung kommt. Diese Figur hätte von Dostojewsky erfunden sein können. Das jedenfalls ist der Eindruck, den die Verbindung einer krankhaften Unruhe und einer dunklen Kraft in seinem grotesken Gesicht vermittelt.»Und Strasser:«Ein Schlafwandler — wahrhaftig, ein Medium, wie es die wirresten Epochen der Menschheitsgeschichte hervorbringen. Er taucht aus dem Halbschatten auf, zwischen Tag und Nacht. Wie oft bin ich gefragt worden, worin denn die außergewöhnliche Rednergabe Hitlers bestehe. Ich kann sie nicht anders erklären als durch jene wunderbare Intuition, die ihm die unfehlbare Diagnose von der Unzufriedenheit vermittelt, unter der seine Zuhörer leiden ... Das Medium versinkt in Trance, wenn es seinem Publikum gegenübersteht. Das sind die Augenblicke seiner wirklichen Größe...»Bouchez meint:«Ich sah seine Augen an, Augen, die medial geworden waren ... Manchmal ereignete sich etwas Ähnliches wie bei dem Phänomen des Ektoplasmas: irgend etwas schien in dem Redner zu wohnen. Eine Art Fluidum sonderte sich ab... Dann wurde er wieder klein, ja vulgär, ein Irgendwer. Er schien erschöpft, die Akkumulatoren waren leer.»Und Fran¸ ois-Poncet:«Er geriet in ein Art mediale Trance. Sein Gesichtsausdruck war der einer ekstatischen Verzückung.»Hinter dem Medium aber hat man zweifellos nicht einen einzelnen Menschen zu suchen, sondern eine Gruppe, eine Energiegemeinschaft, eine magische Zentrale. Und eins erscheint uns sicher;Hitler wurde von etwas anderem angetrieben als von dem, was er selbst darstellte: von Kräften und Richtungen, die sich zwar nicht ganz deutlich abzeichneten, die aber unendlich gefährlicher waren als die bloße nationalsozialistische Theorie. Von einem Gedanken, der viel größer war als das, was sein eigenes Hirn produzieren konnte, der ihn ständig über sein eigenes Ziel hinausschießen ließ und über den er seinem Volk und seinen Mitarbeitern nur bruchstückhafte und vergröberte Andeutungen machen konnte. Hitler war ein heftig schwingender Resonanzboden.«Er war wirklich der <Trommler>, wie er sich selbst im Münchner Prozeß bezeichnete, und dieser Trommler ist er zeitlebens geblieben. Bei alledem hat er, je nach den Umständen, von dieser Gabe nur soweit Gebrauch gemacht, wie sie seinem Machthunger, seinem Traum von der Welteroberung und der biologischen Erzeugung des Gottmenschen dienlich war.» 35Aber da gab es noch einen anderen Traum, einen anderen Wahn:das Leben auf der gesamten Erde zu verändern. Zuweilen tritt er zutage, oder, richtiger gesagt, dieser Hintergedanke drängt sich vor, sickert plötzlich durch einen kleinen Spalt heraus. Hitler sagt zu Rauschning:«Unsere Revolution ist eine neue Etappe, oder vielmehr sie ist die endgültige Etappe in der Entwicklung, die zur Überwindung der Geschichte führt...»Oder:«Ihr wißt nichts von mir, meine Parteigenossen haben keine Ahnung von den Träumen, die mich bewegen, und von dem grandiosen Gebäude, dessen Grundmauern zumindest stehen werden, wenn ich sterbe... Es wird sich eine Umwälzung auf der Erde vollziehen, die ihr, die nicht Eingeweihten, nicht verstehen könnt... Das, was hier vor sich geht, ist mehr als das Heraufkommen einer neuen Religion...»

Rudolf Heß war der Assistent Haushofers gewesen, als dieser als Professor an der Universität München wirkte. Er ist es, der den Kontakt zwischen Haushofer und Hitler herstellt. (Nachdem Haushofer ihm gesagt hat, daß er ihn im Traum nach England habe fliegen sehen, flieht er, offenbar in einem Anfall geistiger Umnachtung, in einem Flugzeug nach England. In den seltenen Augenblicken der Geistesklarheit, die seine unerklärliche Krankheit ihm läßt, soll der Gefangene Heß, der letzte Oberlebende der Thule-Gesellschaft, erklärt haben, daß Haushofer der Magier, der geheime Meister, gewesen sei36.)Nach dem mißglückten Putsch kommt Hitler als politischer Häftling auf die Festung Landsberg. Auf Veranlassung von Heß besucht Haushofer ihn hier täglich, verbringt jedesmal mehrere Stunden bei ihm, entwickelt ihm seine Theorien und kehrt dabei alle für die politische Machtergreifung günstigen Argumente hervor. In Gemeinschaft mit Heß verquickt Hitler die zur politischen Propaganda verwendbaren Thesen Haushofers mit den Gedanken Rosenbergs zu einem Ganzen, das er sofort diktiert. So entsteht sein Buch Mein Kampf.Karl Haushofer wurde 1869 geboren. Er unternahm zahlreiche Reisen nach Indien und in den Fernen Osten, wurde auch nach Japan geschickt und erlernte dort die Landessprache. Für ihn befand sich die Wiege des deutschen Volkes in Zentralasien, und der Bestand, die Größe und der Adel der Welt waren durch die indogermanische Rasse gesichert. In Japan soll Haushofer einer der bedeutendsten buddhistischen Geheimgesellschaften beigetreten sein und sich verpflichtet haben, falls seine «Mission» scheitern sollte, den vorgeschriebenen zeremoniellen Selbstmord zu begehen.1914 fällt der junge General Haushofer durch seine außergewöhnliche Fähigkeit auf, kommende Ereignisse vorauszusagen: die Stunde, zu der ein feindlicher Angriff stattfinden wird, die Stellen, an denen Granaten einschlagen werden, Unwetter, politische Veränderungen in Ländern, von denen er nichts weiß. Hat auch Hitler diese Gabe der Hellsichtigkeit gehabt, oder war es Haushofer, der . ihm seine eigenen Erleuchtungen einflüsterte? Hitler sagt genau das Datum voraus, an dem seine Truppen in Paris einziehen werden, und er nennt auch den Tag, an dem die ersten Blockadebrecher in Bordeaux eintreffen. Als er sich zur Besetzung des Rheinlands entschließt, sind alle Experten Europas einschließlich der deutschen überzeugt, daß Frankreich und England Gegenmaßnahmen ergreifen werden. Hitler erklärt, dies werde nicht geschehen. Später sagt er das Todesdatum Roosevelts voraus.Nach dem ersten Weltkrieg nimmt Haushofer seine Studien wieder auf und scheint sich ausschließlich für die Probleme der politischen Geographie zu interessieren. Er gründet die Zeitschrift Geopolitik und veröffentlicht zahlreiche Arbeiten. Sonderbarerweise scheinen diese Studien auf einem streng materialistischen politischen Realismus zu fußen. Dieses bei allen Mitgliedern der Gruppe erkennbare Bemühen, eine rein materialistische exoterische Sprache zu führen und auf diese Weise pseudowissenschaftliche Begriffe zu propagieren, stiftet ununterbrochen neue Verwirrung.Hinter dem Geopolitiker verbirgt sich jedoch noch eine andere Persönlichkeit: der Schüler Schopenhauers, der den Weg zum Buddhismus gefunden hat, der Bewunderer des heiligen Ignatius von Loyola, den der Gedanke der Herrschaft über die Menschen reizt, der Mann, der über eine hohe Bildung und eine ungewöhnliche Seelenkraft verfügt. Man darf wohl annehmen, daß Haushofer es war, der das Hakenkreuz als Emblem gewählt hat.Das Hakenkreuz galt in Europa wie in Asien seit jeher als magisches Zeichen. Man sah in ihm ein Symbol der Sonne, der Quelle des Lebens und der Fruchtbarkeit, oder auch ein Symbol des Donners, in dem sich der göttliche Zorn, den man beschwören muß, ausdrückt. Zum Unterschied vom Kreuz, vom Dreieck, vom Kreis oder vom Halbmond ist das Hakenkreuz kein elementares Signum, das in jedem Zeitalter der Menschheit und an jedem Punkt der Erde jeweils mit einer anderen Bedeutung ausgestattet und immer von neuem erfunden werden kann. Es ist das erste mit einer bestimmten Absicht entworfene Symbol. Das Studium seiner Wanderungen wirft das Problem der ersten Zeitalter, des gemeinsamen Ursprungs der verschiedenen Religionen und der prähistorischen Beziehungen zwischen Europa, Asien und Amerika auf. Das älteste Hakenkreuzzeichen wurde in Siebenbürgen entdeckt und dürfte aus dem Ende der Steinzeit stammen. Man findet es auf Hunderten von Spindeln aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. wieder und ebenso auf den Trümmern der Stadt Troja. Im 4. Jahrhundert v. Chr. er-scheint es in Indien und im 5. Jahrhundert n. Chr. in China. Ein Jahrhundert später taucht es in Japan auf, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, an dem der Buddhismus, der es zu seinem Emblem macht, hier an Einfluß gewinnt. Eine Tatsache läßt sich aus alledem herauslesen: in allen semitischen Religionen, also in Ägypten, in Chaldäa, in Assyrien und in Phönizien, ist das Hakenkreuz unbekannt oder tritt nur vereinzelt und zufällig auf. Es ist ein ausschließlich «arisches» Symbol. 1891 schon hebt Ernst Krauss diese Tatsache hervor, und 1908 beschreibt Guido List das Hakenkreuz in seinen populärwissenschaftlichen Arbeiten als ein Symbol der Reinheit des Bluts, das gemeinsam mit einem Zeichen für esoterische Erkenntnis auftritt, welches bei der Entzifferung des Runen-Epos der Edda entdeckt wurde. Am russischen Zarenhof wird das Hakenkreuz durch die Zarin Alexandra Feodorowna eingeführt. Geschah es unter dem Einfluß Der Theosophen? Oder vielleicht unter dem des Mediums Badmajew, jener sonderbaren Persönlichkeit, die eine Ausbildung in Lhasa genossen hatte und späterhin noch immer zahlreiche Verbindungen mit Tibet unterhielt? Tibet aber ist eins der Länder, in denen man sowohl das nach rechts wie das nach links gerichtete Hakenkreuz am häufigsten antrifft. Und in diesem Zusammenhang ist eine sehr erstaunliche Geschichte zu vermerken.

Auf einer Mauer des Hauses in Jekaterinburg, in dem die Zarin die letzten Tage ihres Lebens verbrachte, hatte sie vor ihrer Erschießung ein Hakenkreuz und eine Inschrift gezeichnet. Wie es heißt, wurde eine Photographie von dieser Zeichnung gemacht, bevor sie beseitigt wurde. Der berühmte General Kutjepow soll im Besitz eines am 24. Juli aufgenommenen Photos gewesen sein. Ihm sei, wie verlautet, außerdem die Ikone übergeben worden, die man bei der Leiche der Zarin fand und die eine weitere Botschaft enthielt, in welcher auf die Geheimgesellschaft des Grünen Drachens angespielt wurde. Laut Bericht des Spionageagenten, der später auf mysteriöse Weise vergiftet wurde und der Romane unter dem Pseudonym Teddy Legrand verfaßt hat, war Kutjepow, der spurlos verschwand, auf der Dreimastbark des Barons Otto Bautenaas entführt und dort getötet worden. Auch Bautenaas selbst soll später ermordet worden sein. Teddy Legrand schreibt:«Dieses große weiße Schiff hieß Asgard. Es war also — zufällig? — auf den Namen getauft worden, mit dem die isländischen Sagen das Reich des Königs von Thule bezeichnen.»Nadi Trebitsch-Lincoln (der behauptete, in Wirklichkeit der Lama Djordi Den zu sein) stammte die Gesellschaft der Grünen, die der Thule-Gesellschaft verwandt war, aus Tibet. In Berlin gab es einen tibetanischen Mönch, der unter dem Spitznamen «der Mann mit den grünen Handschuhen» bekannt war und der dreimal in der Presse mit absoluterGenauigkeit im voraus die Zahl der nationalsozialistischen Abgeordneten angab, die in den Reichstag einziehen würden. Dieser Mann hatte regelmäßige Zusammenkünfte mit Hitler. Er war, wie die Eingeweihten sagten, «der Bewahrer der Sdilüssel, die das <Reich Agarthi> öffnen».Damit wären wir wieder in Thule. Zur gleichen Zeit, da Mein Kampf veröffentlicht wurde, erschien auch das Werk des Polen Ossendowski Tiere, Menschen und Götter, in dem zum erstenmal öffentlich die Begriffe Shampullah und Agarthi genannt werden. Im Nürnberger Prozeß wird man diese Namen wieder aus dem Mund derer hören, die das Forschungsamt Ahnenerbe leiteten.Wir schreiben das Jahr 1925*. Die nationalsozialistische Partei beginnt sehr aktiv zu werden. Horst Wessel, der Gewährsmann Hörbigers und Verfasser des später zur zweiten Nationalhymne erhobenen Horst-Wessel-Liedes, organisiert die Sturm-Abteilungen. Ein Jahr später wird er von Kommunisten ermordet. Der deutsche Schriftsteller Hans Heinz Ewers, gewissermaßen ein deutscher Lovecraft, verschreibt sich voller Begeisterung der Partei, weil er in ihr, zumindest in ihren Anfängen, «den stärksten Ausdruck der schwarzen Mächte» erblickt.

Was nun diese «schwarzen Mächte» betrifft, so sind die sieben Begründer der Partei, die davon träumen, das Leben zu verändern, überzeugt, daß sie physisch und vor allem geistig von ihnen gestützt und getragen werden. Falls die Auskünfte, die wir erhielten, zutreffen, so haben der Schwur, der sie bindet, der Mythos, auf den sie sich beziehen und aus dem sie Kraft, Vertrauen und Zuversicht schöpfen, ihren Ursprung in einer tibetanischen Sage. Danach lebte vor drei- oder viertausend Jahren im Gebiet der heutigen Wüste Gobi ein Volk mit einer hohen Kultur. Infolge einer Katastrophe — vielleicht einer Atomkatastrophe — verwandelte das

* In seinem 1931 erschienenen Werk Le symbolisme de la croix bringt René Guénon folgende Fußnote: «Kürzlich fand ich in einem Artikel des Journal des Débats vom 22. Januar 1929 den folgenden Bericht, der darauf hinzuweisen scheint, daß die alten Überlieferungen doch nicht so völlig in Vergessenheit geraten sind, wie man denkt: <1925 erhob sich ein großer Teil der Cuna-Indianer. Sie töteten die Polizisten von Panama in ihrem Territorium und gründeten die unabhängige Republik Thule, deren Fahne ein Hakenkreuz auf orangefarbenem Grund mit rotem Rand zeigt.> Bemerkenswert daran ist vor allem die Verbindung des Hakenkreuzes mit dem Namen Thule, der eine der ältesten Bezeichnungen für das höchste geistige Zentrum darstellt und später auch für einige untergeordnete Zentren Anwendung fand.»

Land Gobi sich in eine Wüste, und die Überlebenden wanderten aus: ein Teil zog nach Nordeuropa, ein anderer in den Kaukasus. Der Gott Thor der nordischen Mythologie soll einer der Helden dieser Wanderung gewesen sein.Die «Eingeweihten» der Thule-Gesellschaft waren überzeugt, daß diese Auswanderer aus dem Lande Gobi die Grundrasse der Menschheit, den arischen Stamm, bildeten. Haushofer wies auf die Notwendigkeit hin, zu den «Quellen» zurückzukehren, d. h., ganz Osteuropa, Turkestan, Pamir, die Wüste Gobi und Tibet zu erobern. Diese Länder waren in seinen Augen die «Herzregion», und der Herrscher über sie war gleichzeitig der Herr der Welt.Nach dieser Sage, so wie sie Haushofer zweifellos gegen 1905 aus dem Orient mitbrachte und wie René Guénon sie auf seine Art in Le Roi du Monde erzählt, siedelten sich die führenden Persönlichkeiten jener hohen Kultur, die großen Weisen, die Söhne der Geister anderer Welten, nach der Katastrophe von Gobi in einem riesigen Höhenbezirk unter dem Himalaja an. Innerhalb dieses Bezirks spalteten sie sich in zwei Gruppen; die eine folgte dem «Weg rechter Hand», die andere dem «Weg linker Hand». Der Mittelpunkt des «ersten Weges» soll Agarthi gewesen sein, eine unauffindbare Stadt, der Ort der Kontemplation, der Tempel des Nicht-Teilhabens an der Welt. Der «zweite Weg» führte über Shampullah, die Stadt der Macht und der Gewalt, deren Kräfte über die Elemente und die Massen der Menschen geboten und sie der «großen Zeitwende» entgegenführten. Den großen Magiern anderer Völker war es möglich, durch Gelöbnisse und Opfer einen Pakt mit Shampullah zu schließen.In Österreich verkündete die Gruppe «Edelweiß» im Jahre 1928, es sei ein neuer Messias geboren. In England erklärten Sir Mosley und Bellamy im Namen der Hörbigerschen Lehre, daß Deutschland vom «Licht» berührt sei. In Amerika erschienen die Silver Roads des Obersten Ballard. Eine Anzahl bedeutender englischer Persönlichkeiten versucht, die Öffentlichkeit vor dieser Bewegung zu warnen, in der sie zunächst nur eine geistige Bedrohung, das Heraufkommen einer luziferischen Religion erblickt. Kipling läßt das Hakenkreuz von den Umschlagdeckeln seiner Bücher entfernen. Lord Tweedsmuir, der unter dem Namen John Buchan schreibt, veröffentlicht zwei Schlüsselromane: The Courts of the Morning und A Prince in Captivity, die eine Beschreibung der Gefahrenenthalten, welche der abendländischen Kultur durch eine geistige und zugleich magische, auf das Böse ausgerichtete «Energiezentrale» erwachsen können. Saint-George Saunders zeigt in The Seven Sleepers und The Hidden Kingdom die düsteren Flammen der nationalsozialistischen Esoterik und ihrer «tibetanischen Herkunft» auf.

Im Jahre 1926 bildeten sich in München und Berlin kleine Kolonien von Hindus und Tibetanern. Nach dem Einmarsch der Russen in Berlin fand man unter den Leichen etwa tausend Todesfreiwillige in deutscher Uniform ohne Ausweise und Abzeichen, die sichtlich der Himalaja-Rasse angehörten. Von dem Augenblick an, da die Bewegung über große Geldmittel verfügt, werden zahlreiche Expeditionen nach Tibet organisiert, die praktisch ohne Unterbrechung bis zum Jahre 1943 fortdauern.Die Mitglieder der Thule-Gesellschaft waren sicher, daß sie die Weltherrschaft erringen würden, daß sie gegen jede Gefahr gefeit seien und daß ihr Wirken sich über tausend Jahre, bis zur nächsten Sintflut, erstrecken werde. Sie verpflichteten sich, von eigener Hand zu sterben, wenn sie einen Fehler begehen sollten, der den Pakt gefährdete, und schworen auch, Menschenopfer darzubringen.

Die Ausrottung der Zigeuner (750 000 Menschen) scheint lediglich «magische» Gründe gehabt zu haben. Wolfram Sievers wurde zum Vollstrecker, zum priesterlichen Henker, zum rituellen Würger ernannt. Wir werden noch einmal auf diese Zusammenhänge zurückkommen, halten es jedoch für nötig, zunächst einen der Aspekte des erschreckenden Problems zu erhellen, vor den diese Ausrottungsaktionen das Gewissen des modernen Menschen stellen. Für die höchsten Stellen ging es offenbar darum, die Gleichgültigkeit der überirdischen Mächte zu bezwingen und ihre Aufmerksamkeit zu erregen. In diesem Bestreben liegt der magische Sinn aller Menschenopfer von den Mayas bis zu den Nationalsozialisten. Während des Nürnberger Prozesses war man oft erstaunt darüber, wie unbeteiligt die höchsten Befehlsgeber dieser Mordaktionen sich gaben. Ein schöner und schrecklicher Satz, den Merritt einem der Helden seines Romans The Dwellers in the Mirage in den Mund legt, hilft uns vielleicht, diese Haltung zu verstehen: «Ich habe vergessen, so wie ich jedesmal in der düsteren Erregung des Rituals die Opfer vergaß ...»Am 14. März 1946 tötete Karl Haushofer zuerst seine Frau Marthaund gab sich dann selbst nach japanischer Tradition den Tod. Kein Denkmal, kein Kreuz zeigt sein Grab an. Er hatte erst sehr spät erfahren, daß sein Sohn Albrecht, der in die Verschwörung und das Attentat gegen Hitler vom 20. Juli 1944 verwickelt war, verhaftet und im Moabiter Gefängnis hingerichtet worden war. In der Tasche des blutdurchtränkten Anzugs von Albrecht Haushofer fand man einige Gedichte, darunter die folgenden Verse:«Für meinen Vater war das Los gesprochen. Es lag einmal in seiner Willenskraft, Den Dämon heimzustoßen in die Haft. Mein Vater hat das Siegel aufgebrochen. Den Hauch des Bösen hat er nicht gesehn. Den Dämon ließ er in die Welt entwehn.»Diese Darstellung in ihrer Kürze und zwangsläufigen Zusammenhanglosigkeit konnte nur ein Bündel von zufälligen Erkenntnissen, Ausschnitten, Hinweisen und Vermutungen bringen. Selbstverständlich schließen die hier nach unserer Methode zusammengestellten Einzelheiten keinesfalls eine Erklärung des nationalsozialistischen Phänomens durch politische und wirtschaftliche Erwägungen aus. Und es ist ebenso selbstverständlich, daß im Geist oder auch im Unterbewußtsein der Menschen, von denen wir sprechen, nicht alles von diesem magischen Glauben bestimmt worden ist. Aber ob man nun die irrwitzigen Bilder, die wir zeichneten, für Phantasie oder für Realität hält, eins erscheint uns sicher: sie haben in gewissen Augenblicken in den Gehirnen dieser Menschen gespukt.

 

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Himmler und das umgekehrte ProblemDer Wendepunkt von 1934Der Schwarze Orden ergreift die MachtDer Mönchsorden mit dem TotenkopfDie Weihe in den BurgenWolfram Sievers' letztes GebetDie sonderbaren Arbeiten des Forschungsamts AhnenerbeDer Hohepriester Friedrich HielscherEine vergessene Tagebucheintragung Ernst JüngersDer Sinn eines Krieges und eines Sieges

Der strenge Winter 1941/1942 war hereingebrochen. Die besten deutschen Soldaten und die Sturmtrupps der SS rückten zum erstenmal nicht vor: wie gebannt saßen sie in den Eisfeldern der russischen Ebene fest. England bereitete sich systematisch auf die kommenden Kämpfe vor, Amerika sollte sich in Kürze zum Eingreifen entschließen. An einem Dezembermorgen dieses Winters traf der behäbige Dr. Kersten, der «Mann mit den magischen Händen», seinen Patienten, den Reichsführer der SS Himmler, traurig und niedergeschlagen an.«Lieber Herr Kersten», sagte Himmler, «ich bin in schrecklichen Nöten.»Begann er etwa, am Endsieg zu zweifeln? Aber nein. Er knöpfte seine Hose auf, um sich den Leib massieren zu lassen, legte sich hin, richtete den Blick zur Decke und begann zu sprechen. Er offenbarte dem Arzt seine Sorgen: der Führer hatte begriffen, daß kein Frieden auf Erden sein werde, solange noch ein einziger Jude am Leben war ... «Ja, und darum», sagte Himmler, «hat der Führer mir be-fohlen, alle Juden, die in unserer Gewalt sind, zu liquidieren.» Seine langen trockenen Hände lagen bewegungslos, wie angefroren, auf dem Sofa. Er schwieg.Der entsetzte Kersten glaubte ein Gefühl des Mitleids beim Herrn des Schwarzen Ordens zu entdecken, und sein Schrecken wurde von einem Strahl der Hoffnung erhellt.«Ja, ja», sagte er, «in den Tiefen Ihres Gewissens billigen Sie diese Grausamkeiten nicht... sonst wären Sie nicht so traurig.»«Aber darum handelt es sich ja gar nicht, durchaus nicht», rief Himmler und richtete sich auf. «Sie verstehen überhaupt nichts!»Hitler hatte ihn zu sich gerufen und von ihm verlangt, sofort fünf bis sechs Millionen Juden auszurotten. Das war eine ungeheure Aufgabe, und Himmler war erschöpft und außerdem gerade zu diesem Zeitpunkt mit Arbeit überhäuft. Es war unmenschlich, für die nächste Zeit diese zusätzliche Anstrengung von ihm zu fordern. Er hatte das seinem geliebten Führer zu verstehen gegeben, aber der geliebte Führer hatte sich damit nicht abgefunden, sondern einen seiner schrecklichen Wutanfälle bekommen. Und nun war Himmler sehr niedergeschlagen, weil er sich in einem Augenblick der Erschöpfung und des Egoismus hatte gehen lassen. 37Wie kann man diese grauenhafte Umkehrung aller Werte verstehen? Es ist nur möglich, wenn man versucht, sich in die Gedankengänge eines Wahnsinnigen zu versetzen. Hier geschieht alles in einer Welt, die parallel zu der unseren verläuft, deren Strukturen und Gesetze jedoch von den unseren völlig verschieden sind. Der Physiker George Gamow stellt sich eine Parallelwelt vor, in der z. B. eine Billardkugel gleichzeitig in zwei Löcher rollen kann. Die Welt, in der Menschen wie Himmler leben, ist der unseren mindestens ebenso fremd wie die Welt Gamows. Der wahre Mensch, der Eingeweihte der Thule-Gesellschaft, steht in Verbindung mit den überirdischen Mächten und richtet seine ganze Energie auf eine Veränderung des Lebens auf dieser Erde. Das Medium verlangt von einem dieser wahren Menschen, er solle fünf Millionen falsche Menschen liquidieren. Gut, einverstanden. Nur der Augenblick ist nicht günstig. Es ist unbedingt nötig? Sofort? Gut, recken wir uns noch ein wenig über uns selbst empor, bringen wir noch ein weiteres Opfer...Am 21. Mai 1945 wird am britischen Kontrollpunkt Meinstedt bei Bremervörde ein Mann mit rundem Kopf und schmalen Schultern festgenommen, der ein Soldbuch, das auf den Namen Heinrich Hitzinger lautet, bei sich hat. Er trägt Zivilkleidung und eine schwarze Klappe über dem rechten Auge. In rascher Folge wird er durch zwei Lager geschleust, nämlich Bremervörde und Zeelos. Im dritten, Westertimke, kommt er vorläufig in Einzelhaft. Drei Tage lang versuchen die englischen Offiziere, seine Identität festzustellen. Schließlich gibt er sich selbst zu erkennen; er nimmt seine Augen-klappe ab und sagt: «Ich bin Heinrich Himmler.» Im Informationszentrum muß er sich nackt ausziehen. Seine Kleidung und sein Körper werden von einem Militärarzt nach Gift und anderenSelbstmordwerkzeugen untersucht. Daraufhin steckt man ihn in eine englische Uniform. Als man dann auch seine Mundhöhle inspizieren will, zerbeißt der Gefangene eine Zyankalikapsel und stürzt zu Boden. Drei Tage später holen ein Offizier und drei Feldwebel die Leiche ab und bringen sie in einen Wald in der Nähe von Lüneburg. Dort wird eine Grube ausgehoben, der Tote hineingesenkt und die Grasnarbe sorgfältig wieder aufgelegt. Niemand weiß heute, wo Himmlers Grab ist, unter den Zweigen welchen Baumes die Überreste eines Mannes ruhen, der sich für eine Wiederverkörperung Kaiser Heinrich I., des Voglers, hielt.Wäre Himmler am Leben geblieben und hätte man ihn in Nürnberg vor Gericht gestellt, was hätte er zu seiner Verteidigung sagen können? Es gab keine gemeinsame Sprache zwischen ihm und seinen Richtern. Er lebte nicht auf dieser Seite der Welt. Er gehörte einer völlig anderen Ordnung der Dinge und des Geistes an.Poetel 38 schreibt:«Man hat die psychologischen Hintergründe, die Auschwitz und alles, was mit diesem Namen verknüpft ist, entstehen ließen, noch nicht hinreichend erklären können. Im Grunde hat auch der Nürnberger Prozeß kein neues Licht auf diese Frage geworfen, und die Fülle der psychoanalytischen Erklärungen, die einfach dahin lauten, daß ebenso wie ein Einzelmensch auch ganze Nationen ihr geistiges Gleichgewicht verlieren können, hat das Problem eher noch undurchsichtiger gemacht. Kein Mensch weiß, was im Gehirn von Männern wie Himmler und seinesgleichen vorging, wenn sie ihre Vernichtungsbefehle gaben.»Wenn wir diese Dinge jedoch von der Warte unseres «phantastischen Realismus» aus betrachten, so können wir es vielleicht ahnen.Denis de Rougemont sagt über Hitler:«Manche, die in seiner Gegenwart einen Schauer heiligen Schreckens empfunden haben, halten ihn für den Sitz einer <Herrschaft>, eines <Throns> oder einer <Macht>, in dem Sinne, wie der heilige Paulus von den Geistern zweiter Ordnung spricht, die den Körper irgendeines Menschen befallen und ihn besetzen können wie eine Festung. Ich habe ihn bei einer seiner großenReden erlebt. Woher kommt ihm die übermenschliche Kraft, die von ihm ausgeht? Man spürt deutlich, daß eine Energie dieser Art nicht die Energie eines Einzelmenschen sein kann und daß sie sich sogar um so wirksamer kundtut, je unbedeutender dieser Einzelmensch selber ist. Er ist nur der Träger einer Kraft, die sich unserer psychologischen Definition entzieht. Was ich hier sage, wäre Romantik simpelster Art, wenn nicht das Werk, das dieser Mann — oder vielmehr die in ihm wirkende Kraft — vollbracht hat, eine Realität wäre, die unser ganzes Jahrhundert in Staunen gesetzt hat.»Während seines Aufstiegs scheint Hitler, der Schüler Eckarts und Haushofers, die zu seiner Verfügung gestellten oder richtiger die durch ihn hindurchgehenden Mächte nur im Sinne eines recht beschränkten politischen und nationalistischen Ehrgeizes angewandt zu haben. Er ist ursprünglich ein durchaus mittelmäßiger Mensch, der nur von einer starken patriotischen und sozialen Leidenschaft angetrieben wird. Die «Mächte» bedienen sich seiner zunächst für untergeordnete Aufgaben: sein Traum hat Grenzen. Doch er wird auf wunderbare Weise vorwärts getragen, alles glückt ihm. Das Medium aber, durch dessen Körper die Kräfte strömen, muß ihren Umfang und ihre Richtung nicht notwendigerweise begreifen.Er tanzt nach einer Musik, die er nicht selbst komponiert hat.

Bis 1934 glaubt er, daß die Schritte, die er tut, gut und richtig sind. Aber er kann sich doch nicht ganz dem Rhythmus anpassen. Er glaubt, daß er sich der Mächte nur zu bedienen brauchte. Doch man bedient sich nicht der Mächte; diese bedienen sich der Menschen. Hier liegt die Bedeutung (oder eine der Bedeutungen) der grundsätzlichen Wandlung, die sich während und unmittelbar nach der Säuberungsaktion im Juni 1934 vollzieht. Die Bewegung, von der Hitler selbst geglaubt hatte, daß sie national und sozialistisch sein müsse, wird immer unmittelbarer von der Geheimlehre beeinflußt. Hitler wird niemals wagen, Rechenschaft über den «Selbstmord» Gregor Strassers zu fordern; man zwingt ihn, den Befehl zu unterzeichnen, der die SS in den Rang einer autonomen, über der Partei stehenden Organisation erhebt. Nach dem Zusammenbruch schreibt Joachim Günther in einer deutschen Zeitschrift: «Die vitale Idee der SA wurde am 30. Juni 1934 durch eine satanische Idee reinsten Wassers, die der SS, besiegt.» «Es ist schwer, genau den Tag festzulegen, an dem Hitler zum erstenmal den Traum der biologischen Mutation träumt», sagt Dr. Delmas. Dieser Gedanke ist nur einer der Aspekte des großen esoterischen Ideenkreises, von dem die nationalsozialistische Bewegung von diesem Zeitpunkt an immer deutlicher bestimmt wird. Und das Medium wird nicht etwa wahnsinnig, wie Rauschning meint, sondern ein immer gehorsameres Werkzeug, es wird zum Trommler eines unendlich ehrgeizigeren Marsches, als es der Marsch einer Partei zur Macht sein kann, den eine Nation oder selbst eine Rasse angetreten hat.Der Mann, der mit der Organisation der SS beauftragt wird, ist Heinrich Himmler.

Diese SS aber ist keine bloße Polizeitruppe, sondern ein regulärer religiöser Orden mit einer hierarchischen Gliederung, die von den Laienbrüdem bis zu den obersten Graden reicht. Zu diesem höchsten Gremium gehören die Verantwortlichen, die um den Schwarzen Orden wissen, dessen Existenz übrigens nie durch die nationalsozialistische Regierung offiziell anerkannt wurde. Innerhalb der Partei sprach man von den «Männern, die dem inneren Kreis angehören», aber nie wurde ihnen eine legale Bezeichnung zugelegt. Es erscheint sicher, daß die nirgends klar formulierte Doktrin auf dem unumstößlichen Glauben an Mächte beruhte, welche die gewöhnlichen Kräfte des Menschen bei weitem übersteigen. In den Religionen unterscheidet man die als Wissenschaft betrachtete Theologie von der intuitiven und unübertragbaren Mystik. Die Arbeiten des Forschungsamtes Ahnenerbe, von denen noch die Rede sein wird, bilden gewissermaßen die theologische Seite, während der Schwarze Orden den mystischen Aspekt der Religion der Herren von Thule verkörpert. Eine Tatsache müssen wir uns einprägen: von dem Augenblick an, in dem das ganze Werk des Aufbaus und der Zielsetzung der Hitlerpartei seine Richtung verändert oder vielmehr sich immer klarer im Sinne einer Geheimlehre orientiert, die das vorgeschobene Medium nur bis zu einem gewissen Grade begreift, aber mehr oder weniger richtig anwendet, haben wir nicht mehr eine nationale und politische Bewegung vor uns. Die allgemeinen Themen werden dieselben bleiben, aber man verwendet sie nur noch in einer für die Massen bestimmten Sprache und zur Beschreibung unmittelbarer Ziele, hinter denen sich ganz andere Absichten verbergen.«Nichts anderes zählte mehr als die unermüdliche Verfolgung eines ungeheuerlichen Traumbilds. Wenn Hitler ein Volk zur Verfügung gehabt hätte, das zur Verwirklichung seines hohen Gedankens besser geeignet gewesen wäre als das deutsche, so hätte er von diesem Zeitpunkt an nicht gezögert, das deutsche Volk zu opfern...»Es ging jedoch nicht um «seinen hohen Gedanken», sondern um den hohen Gedanken einer magischen Gruppe, der Hitler nur als Medium diente. Brasillach 39 erkennt, «daß er das ganze Glück der Menschheit, sein eigenes und das seines Volkes dazu, aufopfern würde, wenn die geheimnisvolle Macht, der er gehorcht, es ihm befehlen würde».«Ich will Ihnen ein Geheimnis sagen: Ich gründe einen Orden», sagt Hitler eines Tages zu Rauschning. Er spricht von den Burgen, in denen eine erste Weihe stattfinden soll, und er fügt hinzu:«Das ist die Stufe der heroischen Jugend. Aus ihr wachst die Stufe des Freien, des Menschen, der Maß und Mitte der Welt ist, des schaffenden Menschen, des Gottmenschen. In meinen Ordensburgen wird der schöne, sich selbst gebietende Gottmensch als kultisches Bild stehen ... Aber es gibt noch Grade, von denen ich nicht sprechen darf...»Die Energiezentrale, die sich um den Hauptkern, den Schwarzen Orden, gruppiert, sondert alle ihre Mitglieder, welchem Grad sie auch angehören mögen, von der Außenwelt ab. Poetel schreibt:«Wohlgemerkt, es war nur ein ganz kleiner aus hochstehenden Persönlichkeiten und SS-Führern zusammengesetzter Kreis, der über die wesentlichen Theorien und Ziele im Bilde war. Die Mitglieder der verschiedenen untergeordneten Trupps erfuhren nur Bruchstücke davon. Wenn sie heiraten wollten, mußten sie vorher die Genehmigung ihrer Vorgesetzten einholen, und sie unterstanden einer eigenen, übrigens äußerst strengen Gerichtsbarkeit, waren jedoch der Zuständigkeit der Zivilgerichte) entzogen. Außerhalb der Ordensregeln gab es für sie keine Gesetze, doch hatten sie andererseits auch keinen Anspruch mehr auf ein Privatleben.»

Die kämpfenden Mönche der Totenkopf-SS (die man nicht mit anderen Formationen verwechseln darf; so setzte sich zum Beispiel die Waffen-SS aus Laienbrüdern und Mitgliedern des dritten Grades zusammen oder auch aus Verbänden menschlicher Maschinen, die der eigentlichen SS nachgebildet waren wie Gießformen einem Original) erhielten ihre erste Weihe in den Burgen. Zuvor jedoch waren sie durch eine Art Seminar, die Napola (Nationalpolitische Er-ziehungsanstalt), hindurchgegangen. Bei der Einweihung eines dieser Institute brachte Himmler die Doktrin auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner: «Glauben, gehorchen, kämpfen ist alles.» Es sind dies die Schulen, in denen man, wie das Schwarze Korps vom 26. November 1942 schreibt, «lernt, den Tod zu geben und zu empfangen». Später wird die Auslese der Kadetten, die in die Burgen aufgenommen wird, erfahren, daß «den Tod empfangen» auch im Sinne von «sein Ich abtöten» verstanden werden kann. Gehören sie jedoch nicht der Auslese der Würdigen an, so ist einfach der physische Tod gemeint, der sie auf dem Schlachtfeld erwartet. «Die Tragödie der Größe besteht darin, daß man über Leichen gehen muß.» Aber was tut es? Nicht alle Menschen führen eine wahrhafte Existenz, und es gibt eine Hierarchie der Existenz, die vom Scheinmenschen bis zum großen Magier reicht.

Die Burgen waren der Ort, an dem man die Gelöbnisse ablegte und zu einem «übermenschlichen unwiderruflichen Schicksal» berufen wurde. Der Schwarze Orden läßt die Drohungen Dr. Robert Leys zur Tat werden:«Derjenige, dem die Partei das Recht, das Braunhemd zu tragen, aberkennt — und das muß jeder von uns genau wissen! — geht nicht allein seiner Funktionen verlustig, sondern er wird ausgelöscht, er selbst, seine Familie, seine Frau und seine Kinder. So lauten die harten, die unerbittlichen Gesetze unseres Ordens.»Damit befinden wir uns außerhalb der Welt. Es geht hier nicht mehr um das ewige Deutschland oder den nationalsozialistischen Staat, sondern um die magische Vorbereitung auf die Ankunft des Gottmenschen, des Menschen nach dem Menschen, den die großenMächte auf die Erde schicken werden, wenn wir das Gleichgewicht unserer geistigen Kräfte umgewandelt haben. Die Zeremonie, bei der man die SS-Rune erhielt, dürfte jener Szene geglichen haben, die Reinhold Schneider beschreibt, als er die Mitglieder des Deutschritterordens schildert, die im Großen Remter zu Marienburg die Gelöbnisse ablegen, durch welche sie zu Streitern der Ecciesia militans werden;«Sie kamen aus Ländern verschiedenster Art, aus einem bewegten Leben. Sie traten in die ummauerte Strenge dieses Schlosses und legten hier ihre Wappenschilde ab, die vor ihnen mindestens vier ihrer Ahnen getragen haben mußten. Von nun an sollte das Kreuz ihr Wappenzeichen sein; es erlegt ihnen den schwersten aller Kämpfe auf und sichert ihnen das ewige Leben.»Derjenige, der weiß, spricht nicht: es existiert keine Beschreibung von der Einweihungszeremonie in den Burgen, aber man weiß, daß ein solches Ritual stattfand. Man nannte es die «Zeremonie der dicken Luft», wohl in Anspielung auf die Atmosphäre außerordentlicher Spannung, die dabei herrschte und die sich erst löste, wenn die Gelöbnisse ausgesprochen waren. Einige Okkultisten, so Lewis Spence, haben darin eine Schwarze Messe rein satanischer Tradition sehen wollen. Willi Frischauer hingegen interpretiert in seinem Buch Himmler, the Evil Genius of the Third Reich (London 1953) die «dicke Luft» als einen Augenblick absoluter Vertierung der Teilnehmenden. Zwischen diesen beiden Thesen ist Platz für eine realistischere und zugleich phantastischere Interpretation.Es bestanden Pläne, die Mitglieder der Totenkopf-SS für ihr ganzes Leben von der Welt der «Scheinmenschen» zu isolieren. Man beabsichtigte, überall in der Welt Städte und Dörfer für die «alten Kämpfer» anzulegen, die einzig der Verwaltung und der Autorität des Ordens unterstehen sollten. Aber Himmler und seine «Brüder» entwarfen ein noch viel umfassenderes Traumbild. Man würde einen souveränen SS-Staat gründen, ein Vorbild für die ganze Welt. Himmler läßt im März 1943 verlauten:«Auf der Friedenskonferenz wird die Welt erfahren, daß das alteBurgund wieder auferstehen soll, dieses Land, das einst die Heimat der Künste und Wissenschaften war und das Frankreich auf den Rang eines in Weinessig konservierten Blinddarms herabgedrückt hat. Der souveräne Staat Burgund mit seiner Armee, seinen Gesetzen, seinem Münz- und Postwesen wird der Modellstaat der SS sein. Er wird die französische Schweiz einbeziehen, die Pikardie, die Champagne, die Franche-Comté, den Hennegau und Luxemburg. Die offizielle Sprache wird selbstverständlich die deutsche sein. Die nationalsozialistische Partei wird keinerlei Rechte in diesem Staat ausüben. Einzig die SS wird herrschen, und die ganze Welt wird starr vor Staunen sein über diesen Staat, in dem die Weltanschauung der SS in die Praxis umgesetzt werden soll.»Die wahre SS, der Kreis der «Eingeweihten», steht in ihren eigenen Augen jenseits von Gut und Böse. «Die Organisation Himmlers zählt nicht auf die fanatische Hilfe von Sadisten, die die Wollust des Mordens anlockt; sie zählt auf den neuen Menschen.» Außerhalb des «inneren Kreises», dem die «Totenköpfe», ihre Führer, angehören, die entsprechend ihrem Rang in die Geheimlehre eingeweiht sind und deren allerheiligsten Mittelpunkt die Thule-Gesellschaft bildet, gibt es noch die gewöhnliche SS. Sie ist eine seelenlose Maschine, ein Roboter, der sich serienmäßig herstellen läßt, indem man von den «negativen Eigenschaften» ausgeht. Zu dieser Herstellung braucht die Geheimlehre nicht bemüht zu werden, sie ist eine einfache Frage der Dressur.«Es geht nicht darum, die Ungleichheit unter den Menschen abzuschaffen. Im Gegenteil: man muß sie vergrößern und sie zu einem durch unüberwindbare Schranken geschützten Gesetz machen ... Wie soll die künftige Gesellschaftsordnung aussehen? Meine Kameraden, ich werde es euch sagen: es wird eine Herrenklasse geben, es wird die in Rangstufen eingeteilte Menge der Parteimitglieder geben, es wird die große Masse der Anonymen geben, die Gemeinschaft der Dienenden, der ewig Minderjährigen, und noch unter diesen noch die Klasse der Besiegten, die modernen Sklaven. Und über all diesen Klassen wird ein neuer Hochadel stehen, von dem ich hier nicht sprechen kann ... Die einfachen Kämpfer brauchen von diesen Plänen nichts zu wissen ...»Die Welt ist ein Stoff, den man verändern muß, damit sich eine von den Magiern beschworene Kraft von ihr absondert, eine psychische Energie, die imstande ist, die Mächte des Universums, dieUnbekannten Übermenschen, die Meister des Kosmos anzuziehen. Die Tätigkeit des Schwarzen Ordens entspricht keinen militärischen oder politischen Erfordernissen; sie folgt den Geboten einer magischen Notwendigkeit. Die Konzentrationslager sind eine Schöpfung der nachahmenden Magie: sie stellen einen symbolischen Akt, einen Entwurf dar. Alle Völker sollen entwurzelt und in ein einziges riesiges Nomadenvolk verwandelt werden, in ein Rohmaterial, mit dem man nach Belieben schalten und walten kann und aus dem schließlich das Meisterwerk geformt werden soll: der Mensch, der mit den Göttern in Verbindung steht. Hier ist die Gießform («Die Hölle ist die Gießform des Himmels», sagt Barbey d'Auréville) des Planeten, der zum Schmelzkessel für den magischen Rührstab der SS geworden ist.Bei der Unterweisung, die die Eingeweihten in den Burgen erhalten, wird ihnen ein Teil der Geheimlehre durch die folgende Formel übermittelt.«Als einzig Lebendes gibt es nur den Kosmos, das Universum. Alle Dinge, alle Wesen einschließlich des Menschen sind nur verschiedene Formen, die sich im Verlauf der Zeitalter des lebenden Universums immer mehr erweitern.»Wir selbst können uns also nur als lebend bezeichnen, insofern wir uns dieses Seins bewußt sind, das uns umgibt und umfängt und durch uns andere, neue Formen vorbereitet. Die Schöpfung ist noch nicht vollendet, der Geist des Kosmos ist noch nicht zur Ruhe gekommen. Darum laßt uns den Befehlen nachkommen, die die Götter uns übermitteln, uns, den grausamen Magiern, den Bäckern, die den blutigen und blinden Teig der Menschenmassen kneten! Die Vernichtungsöfen von Auschwitz: ein Ritual.

Der SS-Obersturmbannführer Wolfram Sievers, der sich auf eine rein verstandesmäßige Verteidigung beschränkt hatte, bat darum,;man möge ihn, bevor er zum Galgen geführt werde, ein letztes Mal seinen Kult zelebrieren und seine mysteriösen Gebete sprechen;lassen. Nachdem er es getan hatte, bot er gleichmütig seinen Hals dem Henker dar. Er war Geschäftsführer des Forschungsamts Ahnenerbe gewesen und als solcher in Nürnberg zum Tode verurteilt worden. Die ursprüngliche Gründung dieser Forschungsstelle ging auf die Privatinitiative von Sievers' geistigem Meister Friedrich Hielscher zurück, den eine mystische Freundschaft mit dem schwedischen Forscher Sven Hedin verband. Sven Hedin wiederum stand in engem Kontakt mit Haushofer. Er kannte den Fernen Osten sehr genau, hatte lange in Tibet gelebt und spielte eine wichtige Vermittlerrolle bei der Aufstellung der nationalsozialistischen Geheimlehre. Friedrich Hielscher war nie Nationalsozialist gewesen und unterhielt sogar Beziehungen zu dem jüdischen Philosophen Martin Buber. Seine Theorien jedoch stimmten mit gewissen «magischen» Vorstellungen der großen Meister des Nationalsozialismus überein. 1935, also zwei Jahre nach seiner Gründung, machte Himmler das Forschungsamt Ahnenerbe zu einer offiziellen, der SS angegliederten Organisation. Ihre Aufgabe war es, das Erbe der indogermanischen Rasse nach Ort, Geist und Ausdruck zu bestimmen und die Ergebnisse dieser Untersuchungen in gemeinverständlicher interessanter Form unter das Volk zu bringen. Diese Aufgabe sollte nach streng wissenschaftlichen Methoden gelöst werden. So wurde das deutsche rationale Denken in den Dienst des Irrationalen gestellt.

Im Januar 1939 wurde das Ahnenerbe kurzweg der SS eingegliedert und seine Führer in den persönlichen 'Stab Himmlers übernommen. Zu diesem Zeltpunkt verfügte das Forschungsamt über fünfzig Institute, die einem Spezialisten für alle heiligen Texte, Professor Wust, unterstanden, der an der Universität München Vorlesungen über Sanskrit gehalten hatte.Es scheint, daß Deutschland für das Forschungsamt Ahnenerbe mehr Geld ausgegeben hat als Amerika für die Herstellung der ersten Atombombe. Das Spektrum seiner Arbeit reichte von der rein wissenschaftlichen Tätigkeit bis zum Studium okkulter Praktiken, von der an Häftlingen vorgenommenen Vivisektion bis zur Spionage in ausländischen Geheimgesellschaften. Es kam zu Besprechungen mit Skorzcny, bei denen man die Möglichkeit erwog, eine Expedition zur Entwendung des heiligen Grals auszurüsten. Himmler schuf als Spezialabteilung einen Forschungschenst für den «Bereich des Übernatürlichen».Die Liste der Berichte, die das Ahnenerbe mit großer Mühe und beträchtlichem Kostenaufwand zusammenstellte, ist von wahrhaft phantastischer Buntheit. Da wird vom augenblicklichen Stand derRosenkreuzer-Gesellschaft gesprochen; man erforscht die Symbolik, die im Verbot des Harfenspiels in der Grafschaft Ulster liegt; man untersucht die okkulte Bedeutung der gotischen Türme und der Zylinderhüte, die die Schüler von Eton tragen usw. Als die deutschen Truppen sich darauf vorbereiten, Neapel zu räumen, betont Himmler in seinen Befehlen immer wieder, man dürfe um keinen Preis vergessen, den Grabstein des letzten Höhenstaufenkaisers mitzunehmen. 1943, nach dem Sturz Mussolinis, versammelt der Reichsführer in einer Villa bei Berlin die sechs bedeutendsten Okkultisten Deutschlands und erteilt ihnen den Auftrag, den Ort zu bestimmen, an dem der Duce gefangen sitzt. Die Generalstabsbesprechungen der SS beginnen mit einer Konzentrationsübung nach dem Yoga-System. In Tibet nimmt Dr. Scheffer auf Anordnung von Sievers zahlreiche Beziehungen mit Lama-Klöstern auf.Während des Krieges organisiert Sievers in den Deportiertenlagern jene entsetzlichen Experimente, mit denen sich später verschiedene Schwarzbücher beschäftigt haben. Das Ahnenerbe wird durch ein «Institut für Wehrwissenschaftliche Forschung» erweitert, dem «alle in Dachau gegebenen Möglichkeiten» zur Verfügung stehen. Professor Hirt, der dieses Institut leitet, stellt eine Sammlung typisch jüdischer Skelette zusammen. Sievers erteilt der Invasionsarmee in Rußland den Befehl, eine Sammlung von Schädeln jüdischer Kommissare zu beschaffen. Als im Nürnberger Prozeß die Rede auf diese Themen kommt, bemerkt man bei Sievers nicht die geringste Spur eines normalen menschlichen Gefühls. Der Begriff «Mitleid» ist ihm fremd. Er ist anderswo. Er hört auf andere Stimmen.

Hielscher hat zweifellos eine bedeutende Rolle bei der Ausarbeitung der Geheimlehre gespielt. Wenn man diese Lehre nicht in Betracht zieht, bleibt die Haltung von Sievers, ebenso wie die vieler anderer Verantwortlicher, absolut unverständlich. Mit Begriffen wie «moralische Ungeheuerlichkeit», «geistige Grausamkeit», «Wahnsinn» ist nichts erklärt.

Den geistigen Lehrer von Sievers erwähnt Ernst Jünger in seinem Werk Strahlungen, das seine Tagebücher während der Jahre der Besetzung von Paris enthält. So schreibt er am 14. Oktober 1943: «Abends Besuch bei Bogo.» (Vorsichtshalber legt Jünger in seinen Tagebüchern den hohen Persönlichkeiten Pseudonyme bei. Mit «Bogo» ist Hielscher gemeint, während Hitler «Kniébolo» heißt.)«Bogo erscheint mir in dieser an originalen Kräften so armen Zeit als einer der Bekannten, über die ich am meisten nachgedacht und noch am wenigsten zum Urteil gekommen bin. Früher glaubte ich, daß er in die Geschichte unserer Zeit eingehen würde als eine. ihrer geistreich überspitzten, doch weniger bekannten Figuren, und heute glaube ich, daß er mehr bestellen wird. Vor allem sind viele, ja vielleicht die meisten der geistig bewegten jungen Leute der Generation, die nach dem Weltkriege heranwuchs, durch seinen Einfluß und oft durch seine Schule hindurchgegangen... Er bestätigte mir einen Verdacht, den ich seit langem hege, nämlich den, daß er eine Kirche gegründet hat. Jetzt sitzt er über der Dogmatik, während er mit der Liturgie schon weit gediehen ist. So zeigte er mir eine Reihe von Gesängen und einen Festzyklus <Das Heidnische Jahr>, der eine Zuordnung von Göttern, Festen, Farben, Tieren, Speisen, Steinen und Pflanzen umfaßt. Ich sah darin, daß die Lichtweih am 2. Februar zu feiern ist...»Das, was Jünger weiter erzählt, bestätigt unsere These:«Grundsätzlich glaubte ich an Bogo eine Veränderung wahrzunehmen, die mir für die gesamte geistige Elite kennzeichnend scheint und die darin besteht, daß er mit dem rationalistisch erworbenen Elan des Denkens in metaphysische Gebiete eilt. Das fiel mir bereits an Spengler auf und zählt zu den. günstigen Vorzeichen. Summarisch gesprochen war das 19. Jahrhundert ein rationales, während das 20. ein kultisches ist. Davon lebt auch bereits Kniébolo, und daher die völlige Unfähigkeit der liberalen Intelligenzen, auch nur den Ort zu sehen, an dem er steht.»Hielscher, den man nicht behelligt hatte, sagte beim Nürnberger Prozeß als Zeuge für Sievers aus. Vor den Richtern beschränkte er sich auf einige politische Abschweifungen und absichtlich ausgefallene Bemerkungen über die Rassen und Stämme früherer Zeiten. Er bat um die Erlaubnis, Sievers zur Hinrichtung begleiten zu dürfen, und sprach mit ihm die zu einem besonderen Kult gehörenden Gebete, über den Hielscher im Laufe des Verhörs kein Wort hatte verlauten lassen.Sie wollten das Leben verändern und es auf eine neue Art mit dem Tod verknüpfen. Sie bereiteten die Ankunft des Unbekannten Übermenschen vor. Sie hatten eine magische Auffassung von der Welt und vom Menschen. Ihr hatten sie die gesamte Jugend ihres Landes geopfert und den Göttern Ströme von Menschenblut dargebracht. Sie hatten alles getan, um sich die überirdischen Mächte günstig zu stimmen. Sie haßten die moderne abendländische Kultur, gleichgültig ob ihr Träger das Bürgertum oder die «Arbeiterklasse» war: auf der einen Seite widerstrebte ihnen der fade Humanismus, auf der anderen der beschränkte Materialismus. Sie mußten siegen, denn sie waren die Bewahrer einer Flamme, die ihre Gegner, die Kapitalisten wie die Marxisten, seit langem hatten erlöschen lassen, weil sie sich mit der müden Vorstellung eines flachen und begrenzten Schicksals abgefunden hatten. Sie würden für ein Jahrtausend die Herren der Welt sein, denn sie standen auf der Seite der Magier, der Hohepriester, der Demiurgen... Und nun sahen sie sich auf einmal besiegt, vernichtet, abgeurteilt, gedemütigt von minderwertigen Durchschnittsmenschen, von Kaugummikauern oder Wodkatrinkern, von Männern, denen der heilige Wahnsinn fremd war, die einem lächerlichen Glauben anhingen und engstirnig untergeordnete Ziele verfolgten. Von positiv, rational und moralisch denkenden Menschen einer ganz oberflächlichen Welt, von schlechthin menschlichen Menschen. An den Millionen dieser Anhänger des guten Willens sollte der stählerne Wille der Ritter des flammenden Dunkels scheitern! Diese mechanisierten Tölpel im Osten, diese knochenweichen Puritaner im Westen hatten mehr Tanks, mehr Flugzeuge, mehr Kanonen gebaut als sie! Und sie hatten die Atombombe, diese Menschen, die sich keine Vorstellung von den großen verborgenen Kräften machen konnten! Und wie Schnecken nach einem Gewitterguß kamen sie nach dem Eisenregen hervorgekrochen, die bebrillten Richter, die Professoren des Menschenrechts und der horizontalen Tugend, die Doktoren der Mittelmäßigkeit, die Baritone der Heilsarmee, die Krankenträger des Roten Kreuzes, die naiven, großsprecherischen Verkünder der «goldenen Zukunft». Sie kamen nach Nürnberg, um ihnen hier einen Anfangsunterricht in Moral zu erteilen — ihnen, den Herren der Welt, den kämpfenden Mönchen, die einen Pakt mit den überirdischen Mächten geschlossen hatten, den Opferpriestern, die dieWahrheit im schwarzen Spiegel lasen, den Verbündeten von Shampullah, den Erben des heiligen Grals!Die Angeklagten von Nürnberg und ihre Führer, die sich dem Gericht durch Selbstmord entzogen hatten, konnten eines nicht verstehen: daß nämlich die Kultur, die über sie triumphiert hatte, ebenfalls und zwar viel uneingeschränkter eine geistige Kultur war, eine ungeheure Bewegung, die von Chicago bis Taschkent die Menschheit einem höheren Schicksal entgegenführen will. Die Nationalsozialisten hatten die Ratio angezweifelt und durch die Magie ersetzt. Sie konnten es tun, da die kartesianische Vernunft tatsächlich nicht den ganzen Menschen und die Gesamtheit seiner Erkenntnisfähigkeit erfaßt.

Die Richter von Nürnberg, die Wortführer der siegreichen Kultur, wußten selber nicht, daß dieser Krieg ein geistiger Krieg gewesen war. Die Meinung, die sie von ihrer eigenen Welt hatten, war nicht hoch genug. Sie glaubten nur, daß das Gute den Sieg über das Böse habe davontragen müssen, ohne jedoch die Tiefe des besiegten Bösen und die Höhe des siegreichen Guten zu erkennen. Die von mystischen Gedanken bewegten deutschen und japanischen Kämpfer hielten sich für viel größere Magier, als sie in Wirklichkeit waren. Den zivilisierten Völkern, denen sie unterlagen, war gar nicht bewußt, welch höhere magische Bedeutung ihre eigene Welt gewonnen hatte. Sie sprachen von Vernunft, von Gerechtigkeit, von Freiheit, von Achtung vor dem Leben, aber alle diese Begriffe, so wie sie sie auf-faßten, gehörten gar nicht mehr in diese zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der die Grundlagen der Erkenntnis sich gewandelt haben und der Übergang in einen anderen menschlichen Bewußtseinszustand allmählich wahrnehmbar wird.«Wenn man mich auf die eine Wange schlägt, so biete ich nicht die andere dar, und ich schlage auch nicht mit der Faust zurück:ich schleudere den Blitz.» Dieser Kampf zwischen den Herren der Unterwelt und den kleinen normalen Menschen der Erdoberfläche, zwischen den Mächten der Finsternis und der im Fortschritt begriffenen Menschheit, mußte in Hiroshima durch das leuchtende Zeichen einer Macht beendet werden, die jenseits aller Diskussion stand.

 

Dritter Teil

Der unendliche Mensch

1 EIN NEUES ERLEBNIS

Das Phantastische in Feuer und Blut Die Barrieren der UngläubigkeitDie erste RaketeBürger und Arbeiter der ErdeDie falschen Tatsachen und die echten Fiktionen Die bewohnten WeltenBesucher von anderen SternenDie großen VerbindungenDie modernen MythenDer phantastische Realismus in der PsychologieVorschlag einer Entdeckungsreise in das phantastische Innere des Menschen

Als ich in jener Nacht aus dem Keller heraufkam, war Juvisy, die Stadt meiner Kindheit, verschwunden. Ein dichter gelber Nebel lagerte über einem Meer von Trümmern, aus dem Rufe und Jammerlaute drangen. Die Welt meiner Spiele, Freundschaften und Liebschaften, fast alle Zeugen meiner ersten Lebensjahre lagen begraben unter dieser weiten Mondlandschaft. Ein wenig später, als die ersten Hilfstrupps eintrafen, kamen die Vögel. Sie ließen sich durch das Licht der Scheinwerfer täuschen, glaubten, es sei Tag, und begannen auf den staubbedeckten Sträuchern zu singen.Eine andere Erinnerung: An einem Sommermorgen, drei Tage vor der Befreiung von Paris, befand ich mich mit etwa zehn Kameraden in einem Privathaus in der Nähe des Bois de Boulogne. Wir kamen aus verschiedenen Jugendlagern, die überstürzt geräumt worden waren, und nun führte uns der Zufall in dieser letzten «Kaderschule» zusammen, in der man uns, während draußen unter Waffenklirren und Kettengerassel eine Welt in Trümmer sank, ungerührt beibrachte, wie man Marionetten herstellt, Komödie spielt und singt. An jenem Morgen nun standen wir in der in falscher Gotik erbauten Halle und sangen unter Leitung eines romantischen Chordirigenten dreistimmig das Volkslied «Gebt mir doch Wasser, gebt mir doch Wasser, Wasser, Wasser für meine zwei Eimer...» Ein Telephonklingeln unterbrach uns. Einige Minuten später führte der Dirigent uns in eine Garage. Ein paar andere junge Leute mußten, die Maschinenpistole in der Hand, die Ausgange bewachen. Zwischen Autowracks und Benzinkanistern lagen die von Kugeln durchlöcherten Leichen junger Menschen: Mitglieder einer von den Deutschen an der großen Kaskade imPols de'Boulogne ermordeten Widerstandsgruppe. Man hatte esfertiggebracht, sie hierherzuholen und Särge zu beschaffen. Boten waren ausgeschickt, um die Familien zu benachrichtigen. Und jetzt galt es, diese Leichen zu waschen, die Blutlachen aufzuwischen,ihnen die von den Geschossen aufgerissenen Jacken und Hosen zuzuknöpfen, die Körper in die Särge zu betten und weißes Papier über diese Ermordeten zu breiten, deren Augen, Münder und Wunden noch vor Entsetzen zu schreien schienen; es galt, diesem Tod eine gewisse Würde zu verleihen. Und so arbeiteten wir in dieser Schlachthausatmosphäre mit Schwamm und Bürste und «gaben Wasser, Wasser, Wasser...» .Pierre Mac Orlan reiste vor diesem Krieg auf der Suche nach dem «sozial Phantastischen» umher, das er in der malerischen Atmosphäre der großen Hafenstädte fand: in den Kneipen von Hamburg, auf den Themsekais, im Tierpark von Antwerpen. Eine liebenswerte, aber .überlebte Marotte! Das Phantastische ist heute nicht mehr Sache der Künstler, es ist in Feuer und Blut zu einer erlebten Erfahrung der zivilisierten Welt geworden. Der Handschuhmacher von der nächsten Ecke steht eines Morgens auf der Schwelle seiner Haustür, einen gelben Stern auf der Brust. Die Tochter des Hausmeisters erhält aus London in surrealistischem Stil abgefaßte Botschaften und trägt unsichtbare Offizierstressen, An den Balkons der Häuser eines Dorfes hängen plötzlich Leichen: das Werk geheimnisvoller Partisanen. Mehrere Welten, die ihrem innersten Wesen nach völlig entgegengesetzt sind, überschneiden ? sich; der Wind des Zufalls weht uns von der einen in die andere. Bergier erzählt mir:«Im Lager Mauthausen bezeichnete man uns mit den Buchstaben NN — Nacht und Nebel. Keiner von uns hatte noch Hoffnung, zu überleben. Als am 5. Mai 1945 der erste amerikanische Jeep den Hügel herauf rollte, richtete sich neben mir ein russischer Deportierter, einer der Anführer des antireligiösen Kampfes in der Ukraine, auf seinen Ellbogen auf und rief:<Gott sei gelobt!>Alle Männer, deren körperliche Verfassung es noch zuließ, wurden in Fliegenden Festungen repatriiert, und so kam es, daß ich mich am Morgen des 19. Mai auf dem Flughafen von Linz in Österreich befand. Das Flugzeug kam aus Burma. <Das istein richtiger Weltkrieg, nicht wahr?> sagte der Funker zu mir. Er übermittelte für mich eine Botschaft an das Hauptquartier der Alliierten in Reims und zeigte mir dann seine Radaranlage. Da gab es alle Arten von Apparaten, deren Verwirklichung ich bestenfalls im Jahre 2000 für möglich gehalten hatte. In Mauthausen hatten die amerikanischen Ärzte mir von der Entdeckung des Penicillins erzählt. In zwei Jahren war die Wissenschaft um hundert Jahre vorangekommen. Ein verrückter Gedanke schoß mir durch den Kopf: <Und die Atomenergie?> — <Man spricht davon>, antwortete der Funker. <Die Sache ist noch ziemlich geheim, aber es gibt da allerhand Gerüchte.. .> Einige Stunden später stand ich in meinem gestreiften Anzug auf dem Boulevard de la Madeleine. War das Paris? War es ein Traum? Menschen umringten mich, überschütteten mich mit Fragen. Ich flüchtete in die Métro und rief meine Eltern an:<In ein paar Minuten bin ich bei euch.> Aber ich stieg doch zuerst wieder auf die Straße hinauf. Ich mußte meinen Lieblingsort aus der Vorkriegszeit wiedersehen: die amerikanische Buchhandlung Brentano's auf der Avenue de l'Opera. Mein Erscheinen rief eine Sensation hervor. Und da lagen alle Zeitungen und Zeitschriften der Welt. Mit einem ganzen Armvoll verließ ich das Geschäft...

Auf einer Bank im Tuileriengarten bemühte ich mich, diese neue Welt mit der Welt, wie ich sie gekannt hatte, in Einklang zu bringen. Man hatte die Leiche Mussolinis an einen Fleischerhaken gehängt. Hitler war verbrannt. Deutsche Truppen befanden sich auf der Insel Oleron vor der Mündung der Charente und in den Häfen der Atlantikküste. War denn der Krieg in Frankreich noch nicht zu Ende? Als ich die technischen Zeitschriften durchblätterte, wirbelte mir der Kopf. Diese Sache mit dem Penicillin stimmte also, Sir Alexander Fleming hatte tatsächlich diesen Triumph errungen? Eine neue Chemie war entstanden, die der Silikone, jener Zwischenglieder zwischen dem Organischen und Mineralischen. Der Helikopter, dessen Konstruktion im Jahre 1940 für unmöglich erklärt worden war, wurde serienweise fabriziert. Die Elektronik hatte geradezu phantastische Fortschritte gemacht. Das Fernsehen würde bald ebenso verbreitet und selbstverständlich sein wie das Telephon. Ich kam in eine Welt, in der meine Träume für das Jahr 2000 Wirklichkeit geworden waren. Aber die Texte, die ich da las, waren mir unverständlich. Wer war dieser Marschall Tito? Und diese Vereinten Nationen, was bedeuteten sie? Und dieses DDT?Plötzlich begann ich zu begreifen, körperlich wie geistig, daß ich kein Gefangener mehr war, nicht mehr zum Tode verurteilt, daß mir die Zeit und jede Freiheit zur Verfügung stand, um zu verstehen und zu handeln. Zunächst einmal konnte ich die ganze Nacht, die vor mir lag, darauf verwenden, wenn ich wollte ... Ich glaube, ich war in diesem Augenblick sehr blaß geworden. Eine Frau trat auf mich zu und bot mir an, mich zu einem Arzt zu bringen. Ich lehnte ab und lief zu meinen Eltern, die ich in Tränen aufgelöst fand. Auf dem Tisch im, Eßzimmer lagen Briefe, die Radfahrer gebracht hauen, Telegramme von Militärbehörden und Zivilpersonen. In Lyon hatte man eine Straße nach mir benannt, ich war zum Hauptmann befördert worden, verschiedene Länder hatten mir Auszeichnungen verliehen, und eine amerikanische Dienststelle, die in Deutschland nach Geheimwaffen forschte, bat um meine Mitarbeit. Gegen Mitternacht drängte mein Vater mich, endlich zu Bett zu gehen. Im Augenblick des Einschlafens kamen mir ohne ersichtlichen Grund zwei lateinische Wörter ins Gedächtnis:magna, mater. Als ich am nächsten Morgen erwachte, klangen sie mir wieder in den Ohren, und nun begriff ich auch ihren Sinn. Im alten Rom mußten diejenigen, die sich dem Geheimkult der Magna Mater weihen wollten, zuvor durch ein Blutbad gehen. Wenn sie am Leben blieben, so waren sie damit ein zweites Mal geboren.»In diesem Krieg wurden sämtliche Verbindungstüren zwischen allen Welten aufgestoßen. Ein ungeheurer Windstoß sprengte sie. Dann schleuderte uns die Atombombe ins Atomzeitalter. Im nächsten Augenblick schon kündeten die Raketen uns die kosmische Ära an. Alles wurde möglich. Die Barrieren der Ungläubigkeit, die im 19. Jahrhundert so fest gewesen waren, wurden schon durch den Krieg erschüttert. Jetzt aber brachen sie gänzlich zusammen.Im März 1954 erklärte Ch. Wilson, der amerikanische Kriegsminister: «Sowohl die USA wie Rußland verfügen von jetzt an über die Macht, die ganze Welt zu vernichten.» Die Idee des Weltuntergangs kam auf. Der Mensch, der von der Vergangenheit abgeschnitten war und sich vor der Zukunft fürchtete, entdeckte die Gegenwart als absoluten Wert, sah in dieser hauchdünnen Grenze eine wiedergefundene Ewigkeit. Die Reisenden der Verzweiflung, der Einsamkeit und des Ewigen wagten sich auf Flößen ins Meer hinaus, Noahs des Experimentierzeitalters, Pioniere der nächsten Sintflut, und sie nährten sich von Plankton und fliegenden Fischen. Der Himmel bevölkerte sich mit Besuchern aus dem Jenseits. Ein kleiner Sandwichverkäufer namens Adamsky, der seinen Stand zu Füßen des großen Teleskops auf dem Mount Palomar hat, erklärt, die Bewohner der Venus hätten ihn besucht, beschreibt seine Unterhaltungen mit ihnen in einem Buch, das einer der größten Verkaufserfolge der Nachkriegszeit ist, und wird zum Rasputin des holländischen Königshofs.

Am 13. September 1959 verkündeten um 22 Uhr 02 Funkstationen aller Länder, daß zum erstenmal eine von der Erde abgeschossene Rakete den Mond erreicht habe. Ich hörte Radio Luxemburg. Der Sprecher verlas die Nachricht und gab anschließend bekannt, seine Station werde von nun an jeden Sonntag um diese Stunde eine Sendung mit dem Titel «Die offene Tür» bringen ... Ich ging in den Garten hinaus, um den leuchtenden Mond zu betrachten, dies Sinnbild der Ruhe und Gelassenheit, auf dem seit einigen Sekunden die Trümmer der Rakete ruhten. Auch der Gärtner war herausgekommen. «Wissen Sie», sagte er, «das ist fast so schön wie das Evangelium ...» Er hatte spontan die Bedeutung dieses Ereignisses erfaßt und es in die richtige Größenordnung eingereiht. Ich fühlte mich diesem Mann wahrhaft nahe, ihm und allen einfachen Menschen, die in dieser Minute staunend und von einer undefinierbaren, aber tiefen Bewegung ergriffen ihr Gesicht zum Himmel wandten. «Glücklich der Mensch, der den Kopf verliert; er wird ihn im Himmel wiederfinden!» Gleichzeitig fühlte ich mich den Menschen meines Milieus unendlich fern, all jenen Schriftstellern, Philosophen und Künstlern, die sich unter dem Vorwand, einen klaren Kopf behalten und den Humanismus verteidigen zu wollen, einer solchen Begeisterung verschlossen. So hatte mir zum Beispiel mein Freund Jean Dutourd, ein bemerkenswerter Schriftsteller und Verehrer Stendhals, einige Tage zuvor gesagt: «Komm, bleiben wir doch mit den Füßen auf der Erde und lassen wir uns nicht durch diese elektrischen Spieleisenbahnen für Erwachsene den Kopf verdrehen.» Ein anderer mir sehr lieber Freund, Jean Giono, den ich in Manosque besuchte, erzählte mir, daß er eines Sonntag morgens, als er über :Colmar-les-Alpes kam, gesehen habe, wie der Polizeihauptmann und der Pfarrer auf dem Vorplatz der Kirche mit Reifen spielten. «Solange es noch Polizeihauptleute und Pfarrer gibt, die mit Reifen spielen», sagte er, «ist hier unten Platz für Glück, und wir sind hier besser aufgehoben als auf dem Mond...»

Ich sah es: alle meine Freunde waren verspätete Bürger in einer Welt, in der die Menschen, von ungeheuren Plänen in kosmischem Maßstab bewegt, sich als Arbeiter der Erde zu fühlen begannen. «Bleiben wir doch auf der Erde!» sagten meine Freunde. Sie reagierten wie die Handweber von Lyon, als die mechanischen Webstühle erfunden wurden: sie fürchteten, arbeitslos zu werden. Meine schriftstellernden Freunde fühlen, daß in dem Zeitalter, das jetzt beginnt, die sozialen, moralischen, politischen und philosophischen Perspektiven der humanistischen Literatur, des psychologischen Romans bald recht unwesentlich erscheinen müssen. Die hauptsächliche Wirkung der sogenannten modernen Literatur besteht darin,:daß sie uns daran hindert, wahrhaft modern zu sein. Ihre;Verfasser wollen sich einreden, sie schrieben «für die ganze Welt».

Trotzdem spüren sie, daß die Zeit heranrückt, in der der Geist der Massen sich von neuen Mythen angezogen fühlen wird, von gewaltigen Abenteuern, und in der sie selber, wenn sie fortfahren,ihre kleinen «humanen» Geschichtchen zu schreiben, ihre Leser mit falschen Tatsachen täuschen, anstatt ihnen echte Fiktionen zu erzählen.An jenem Abend des 13. September 1959, als ich in den Garten hinausging und im tiefdunklen Himmel den Mond betrachtete, der von nun an die Spuren der Menschenwelt trug, war ich von einer zwiefachen Bewegung erfaßt. Ich dachte an meinen Vater. Genau wie er es früher jeden Abend in unserem kleinen Vorstadtgarten getan hatte, hob auch ich bewegt meinen Blick. Und genau wie ihm drängte sich auch mir die größte aller Fragen auf: «Sind wir Menschen dieser Erde die einzigen lebenden Wesen?» Mein Vater stellte diese Frage, weil seine Seele groß war und weil er zudem Bücher gelesen hatte, die einen zweifelhaften Spiritualismus vertraten, naive Nutzanwendungen gaben. Ich stellte sie, während ich die Prawda und Werke der reinen Wissenschaft las und mit Naturforschern verkehrte. Aber als ich da mit erhobenem Gesicht unter den Sternen stand, fühlte ich mich doch meinem Vater verbunden durch die gleiche brennende Neugier, der sich das Gefühl einer unendlichen Erweiterung des Geistes zugesellte.Ich erwähnte schon das Entstehen der Gerüchte über die «Fliegenden Untertassen». Man kann darin eine sehr bezeichnende soziale Tatsache erblicken. Aber es versteht sich andererseits von selbst, daß man nicht an Irgendwelche Raumschiffe denken darf, aus denen kleine, bürgerlich geartete Geschöpfe ausstiegen, um sich mit Schrankenwärtern und Sandwichverkäufern zu unterhalten. Die Existenz von Marsmenschen, Saturnbewohnern oder Jupiterwesen ist unwahrscheinlich.

Unser Freund Charles-Noel Martin faßt unsere tatsächlichen Erkenntnisse über diese Frage zusammen und schreibt:«Die Vielzahl der möglicherweise bewohnbaren Gestirne in den Milchstraßen und insbesondere in der unseren läßt uns mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit vermuten, daß ungeheuer zahlreiche Formen des Lebens bestehen.»Auf jedem Planeten einer anderen Sonne, und sei diese auch Hunderte von Lichtjahren von der Erde entfernt, dürften uns ähnliche Wesen existieren, sofern dort die Bedingungen der Masse und der Atmosphäre den unseren entsprechen. Man hat berechnet, daß es allein in unserem Milchstraßensystem etwa zehn bis zwölf Millionen Planeten gibt, die unserer Erde mehr oder weniger vergleichbar sind. Harlow Shapley rechnet in seinem Werk Of Stars and Men im bekannten Weltall mit 1011 wahrscheinlichen Schwestergestirnen der Erde. Alles, was wir über diese Dinge wissen, legt die Vermutung nahe, daß noch andere Welten bewohnt sind und noch andere Wesen das Universum bevölkern. Ende 1959 wurden an der Cornell University in den Vereinigten Staaten Spezial-Laboratorien eingerichtet.

Unter der Leitung der Professoren Coccioni und Morrison, die auf diesem Gebiet bahnbrechende Arbeit geleistet haben, forscht man hier nach Zeichen und Botschaften, die andere im Kosmos lebende Wesen uns möglicherweise übermitteln.Mehr noch als die Landung von Raketen auf den uns nahen Gestirnen könnte ein Kontakt zwischen den Menschen und Wesen mit einer anderen Geistesbeschaffenheit und vielleicht auch einer anderen seelischen Struktur zum umwälzenden Ereignis. unserer heutigen Geschichte werden.Wenn es nun andere geistbegabte Wesen gibt — wissen sie von unserer Existenz? Fangen sie vielleicht das ferne Echo der von uns ausgesandten Rundfunk- und Fernsehwellen auf, und können sie es entziffern? Sehen sie mit Hilfe von Apparaten die Störungen, die die Riesenplaneten Jupiter und Saturn auf unserer Sonne hervorrufen? Schicken sie Raumschiffe in unsere Milchstraße? Es ist denkbar, daß schon unzählige Male Beobachtungsraketen durch unser Sonnensystem gezogen sind, ohne daß wir auch nur die geringste Ahnung davon hatten. Wir sind zur Stunde, da ich diese Zeilen schreibe, nicht einmal imstande, unseren Lunik III wiederzufinden, dessen Sender gestört ist. Wir wissen nicht, was in unserem eigenen Bereich geschieht.Sind irgendwelche Fremde aus dem Kosmos schon einmal zu uns gekommen, um uns zu besuchen? Es ist höchst wahrscheinlich, daß bereits interplanetarische Reisen stattgefunden haben. Aber warum sollten diese Wesen ausgerechnet zu uns, auf die Erde, gekommen sein? Milliarden von Sternen sind über das Feld der Lichtjahre verstreut. Sind wir für sie die nächsten? Die interessantesten? Und doch ist es statthaft, sich vorzustellen, daß «große Fremde» gekommen sind, um unseren Globus zu betrachten, sich sogar einmal darauf niederzulassen und für einige Zeit hierzubleiben. Seit mehr als einer Jahrmilliarde besteht das Leben auf der Erde. Der Mensch ist vor etwa einer Million Jahren hier erschienen, während unsere Erinnerungen kaum über viertausend Jahre hinausgehen. Was wissen wir also? Vielleicht haben einmal prähistorische Ungeheuer ihre langen Hälse vorbeigleitenden Raumschiffen entgegengereckt.Dr. Ralph Stair vom amerikanischen N.B.S. hat seltsame glasartige Felsbrocken, die sogenannten Tektiten, untersucht, die sich verstreut in der Gegend des Libanon finden, und nimmt auf Grund dieser Untersuchungen an, daß diese Gebilde von einem verschwundenen Planeten stammen könnten, dessen Bahn zwischen dem Mars und dem Jupiter verlief. In den Tektiten hat man radioaktive Aluminium- und Beryllium-Isotope entdeckt.Einige durchaus glaubwürdige Gelehrte sind der Ansicht, daß der Phobos, ein Satellit des Mars, hohl ist. Es würde sich also um ein künstliches Gestirn handeln, das von nicht-irdischen geistbegabten Wesen in die Bahn des Mars geschickt wurde. So jedenfalls lautet die Schlußfolgerung eines Artikels, der im November 1959 in der wissenschaftlich ernstzunehmenden Zeitschrift Discovery erschien. Sie deckt sich mit der von einem sowjetischen Spezialisten für Radio-Astronomie, Professor Schtlowski, aufgestellten Hypothese.In einem vielbeachteten Aufsatz, den eine Moskauer literarische Zeitschrift im Februar 1960 brachte, spricht der Physiker und Mathematiker Professor Agrest die Vermutung aus, daß die Tektiten, die sich nur bei sehr hohen Temperaturen und unter der Einwirkung starker nuklearer Strahlungen bilden konnten, möglicherweise die Reste von Peilgeschossen sind, weiche aus dem Kosmos auf die Erde gesandt wurden. Demnach wären also vor einer Jahrmillion Besucher aus dem Weltraum zu uns gekommen. Für Professor Agrest (der sich in diesem Aufsatz nicht scheut, derart phantastische Hypothesen vorzutragen, und damit zeigt, daß die Wissenschaft auch innerhalb eines positiven philosophischen Denksystems der schöpferischen Einbildungskraft und den kühnsten Vermutungen soweit wie möglich Rechnung tragen kann und soll), für Professor Agrest ist die Zerstörung von Sodom und Gomorrha möglicherweise auf eine thermonukleare Explosion zurückzuführen, die entweder Raumfahrer absichtlich auslösten oder die sich infolge der vor der Rückkehr dieser Besucher in den Kosmos notwendigen Zerstörung ihrer Energiedepots ergab. In den am Toten Meer aufgefundenen Manuskripten liest man folgende Beschreibung:«Eine Säule aus Rauch und Staub erhob sich, gleich einer Rauchsäule, die aus dem Herzen der Erde kommt. Sie überschüttete Sodom und Gomorrha mit einem Schwefel- und Feuerregen und zerstörte die Stadt, die ganze Ebene, alle Bewohner und alle Pflanzen. Und die Frau Lots wandte sich um und verwandelte sich in eine Statue aus Salz. Und Lot lebte in Zoar; dann siedelte er sich in den Bergen an, denn er fürchtete sich, in Zoar zu bleiben.Die Menschen wurden angewiesen, die Stätten der künftigen Explosion zu verlassen, sich nicht an ungeschützten Orten aufzuhalten, die Explosion nicht anzusehen und sich unter der Erde zu verbergen ... Die Flüchtigen, die sich umdrehten, wurden blind und starben.»Eins der geheimnisvollsten Monumente in dieser Gegend des Antilibanon ist die «Terrasse von Baalbek». Es handelt sich um eine Plattform, die aus Steinblöcken erbaut ist, von denen einige mehr als zwanzig Meter Seitenlänge messen und zweitausend Tonnen wiegen. Man hat sich nie erklären können, warum, wie und von wem diese Plattform angelegt wurde. Nach Ansicht von Professor Agrest ist es nicht ausgeschlossen, daß wir es hier mit den Resten einer Landefläche zu tun haben, die von den aus dem Kosmos gekommenen Astronauten erbaut wurde.Schließlich wären noch die Berichte der Moskauer Akademie der Wissenschaften über eine Explosion zu erwähnen, die sich am 30. Juni 1908 in Sibirien ereignete. Man entnimmt daraus, daß sie möglicherweise auf die Zerstörung eines Raumschiffs anläßlich einer Notlandung zurückzuführen ist.An diesem 30. Juni 1908 stieg um sieben Uhr morgens eine Feuersäule über der sibirischen Taiga auf, die eine Höhe von achtzig Kilometern erreichte. Eine riesige Feuerkugel, die mit der Erde in Berührung kam, vernichtete den Wald auf vierzig Kilometer im Umkreis. Mehrere Wochen lang zogen über Rußland, Osteuropa und Nordafrika sonderbare goldfarbene Wolken hin, die während der Nacht das Sonnenlicht reflektierten. In London photographierte man um ein Uhr nachts Menschen, die auf der Straße die Zeitung lasen. Noch heute hat sich in dieser Gegend Sibiriens keine neue Vegetation gebildet. Die von einer russischen wissenschaftlichen Expedition im Jahre 1960 vorgenommenen Messungen ergaben, daß die Radioaktivität hier das Dreifache des normalen Werts beträgt.Wenn nun tatsächlich Besucher von anderen Planeten zu uns gekommen sind, haben sie sich dann unter uns bewegt? Nein, antwortet der sogenannte gesunde Menschenverstand: wir hätten sie bemerken müssen. Das ist jedoch keineswegs sicher. Die erste Regel der Tierpsychologie lautet, daß man die Tiere, die man beobachtet, nicht stören darf. Der Tübinger Forscher Zimansky, ein Schüler des genialen Konrad Lorenz, hat drei Jahre hindurch dieSchnecken studiert und sich dabei ihrer Sprache und ihrem psychischen Verhalten soweit angeglichen, daß die Schnecken ihn schließlich für ihresgleichen hielten. Das gleiche Verfahren können unsere Besucher gegenüber den Menschen angewandt haben. Dieser Gedanke mag unseren Widerspruch herausfordern, er ist dennoch begründet.Eine andere Frage: Sind vielleicht vor Beginn der uns bekannten Menschheitsgeschichte wohlwollende Forscher von anderen Planeten zu uns auf die Erde gekommen? Eine indische Sage spricht von den Herren von Dzyan, die aus dem Kosmos kamen, um den Erdenbewohnern das Feuer und den Bogen zu bringen. Und das Leben selbst, ist es auf der Erde entstanden, oder ist es uns durch Raumfahrer gebracht worden? Die meisten Astronomen und Theologen nehmen an, daß das irdische Leben auf der Erde selbst begonnen hat. Thomas Gold, der Astronom von Cornell, hingegen verneint diese These. In einem Bericht, den Gold im Januar 1960 beim Kongreß der Raumforscher in Los Angeles vortrug, entwikkelte er den Gedanken, daß das Leben vielleicht seit zahllosen Jahrmilliarden schon anderswo im Universum existierte, bevor es auf der Erde Wurzel faßte.Seit etwa einer Jahrmilliarde existiert das Leben auf der Erde. Auch Gold weist auf diese Tatsache hin. Es begann mit den einfachsten Formen von mikroskopischem Ausmaß.Nach Verlauf einer Jahrmilliarde kann nach Golds Hypothese der befruchtete Planet Geschöpfe entwickelt haben, die genügend Intelligenz besaßen, um weiter in den Raum vorzudringen, andere fruchtbare, aber jungfräuliche Planeten zu besuchen und dort ihrerseits entwicklungsfähige Mikroben zu hinterlassen. Dieser Vorgang ist vermutlich der normale Beginn des Lebens auf jedem Planeten einschließlich der Erde. «Raumfahrer», so sagt Gold, «können vor einer Jahrmilliarde die Erde besucht haben, und die Rückstände der uns von ihnen geschenkten Lebensformen können sich derart weiterentwickelt haben, daß den Mikroben bald ein anderes Medium (nämlich der menschliche Raumfahrer) ersteht, der imstande ist, sie über ein noch weiteres Betätigungsfeld zu ver-streuen.»Wie ist es nun mit den anderen Systemen, die jenseits unserer Milchstraße im Raum schweben? Gold gehört zu den Gelehrten, die sich zur Theorie eines starren Universums bekennen.Und wann hat das Leben begonnen? Die Theorie eines starren Universums besagt, daß der Raum keine Grenzen und die Zeit weder Anfang noch Ende kennt. Wenn das Leben sich von den alten zu den neuen Milchstraßen fortpflanzt, so kann seine Geschichte durchaus auf eine Ewigkeit zurückblicken: auch sie hat weder Anfang noch Ende. «Sind wir von anderswo gekommen», fragt sich auch der Biologe Loren Eiseley, «und sind wir im Begriff, uns mit Hilfe von Instrumenten auf eine Rückkehr in unsere eigene Heimat vorzubereiten ...?»

Ein Wort noch über den Himmel. Die stellare Dynamik lehrt, daß kein Stern einen anderen «einfangen» kann. Die Doppelsterne oder auch die Tripelsterne, deren Vorhandensein beobachtet wird, müssen demnach gleich alt sein. Nun hat jedoch die Spektroskopie in den Doppel- und Tripelsystemen Bestandteile verschiedenen Alters entdeckt. So begleitet zum Beispiel ein zehn Milliarden Jahre alter weißer Zwerg ein drei Milliarden Jahre altes rotes Riesengestirn. Das ist theoretisch unmöglich und trotzdem eine Tatsache. Bergler und ich haben eine Anzahl von Physikern und Astronomen über diesen Punkt befragt. Einige, und zwar nicht die unbedeutendsten, schließen die Hypothese nicht aus, nach der diese anomalen Sterngruppierungen durch gewisse geistbegabte Wesen bewußt verursacht wurden. Man müßte demnach die Existenz von denkenden Wesen voraussetzen, die die Sterne aus ihrer Bahn rücken und künstlich neue Konstellationen zustandebringen könnten und die auf diese Weise dem Universum kundtun, daß in einer bestimmten Region des Himmels zum höheren Ruhme des Geistes das Leben sich manifestiert.In einer erstaunlichen Vorausschau der künftigen Spiritualität schrieb Blanc de Saint-Bonnet*: «Die Religion wird uns durch das Absurde kundgetan werden, Wir werden keiner falsch verstandenen Doktrin mehr folgen, der Mahnruf unseres Gewissens wird nicht mehr ungehört verklingen. Die Tatsachen selber werden ihre Stimme erschallen lassen. Die Wahrheit wird von den Höhen des Worts herab-

*Ein verkannter französischer Philosoph, der von 1815 bis 1880 lebte. SeinHauptwerk: L'Unité Spirituelle.

steigen und in das Brot eingehen, das wir essen. Das Licht wird zu Feuer werden!»Zu dem verwirrenden Gedanken, daß der menschliche Geist vielleicht nicht die einzige lebendige und treibende Kraft im Universum ist, hat sich noch ein anderer gesellt: der, daß unser eigener Geist imstande sein kann, Welten aufzusuchen, die anders sind als die unsere, ihre Gesetze zu erfassen und gewissermaßen eine Forschungsreise auf die Rückseite des Spiegels zu unternehmen. Diesen phantastischen Durchbruch verdanken wir dem mathematischen Genie. Der Mangel an Neugier und Kenntnissen war es, der uns seit Rimbaud die dichterische Erfahrung als das wesentliche Movens der geistigen Revolution in unserer modernen Welt ansehen ließ. In Wahrheit jedoch ist ein anderes Ereignis viel wesentlicher: der Durchbruch des mathematischen Genies. Schon Valéry hat das sehr richtig erkannt. Der Mensch steht heute vor seinem eigenen mathematischen Genie wie vor dem Bewohner eines fremden Sterns. In Welten, die jeder menschlichen Erfahrung fern und unzugänglich sind, leben die mathematischen Einheiten, entwickeln sich, werden befruchtet. H. G. Wells nimmt in seinem Buch Men like Gods40 an, daß es ebenso viele Welten gibt wie Seiten in einem dicken Buch. Wir bewohnen nur eine dieser Seiten. Das mathematische Genie jedoch ist imstande, das gesamte Werk zu überblicken: es stellt die echte und unbegrenzte Macht dar, über die das menschliche Gehirn verfügt. Denn es bereist die anderen Universen, und wenn es von diesen Erkundungsfahrten zurückkehrt, bringt es Werkzeuge mit, die es befähigen, die Welt, in der wir leben, zu verändern. Das Sein und das Tun stehen gleichermaßen in seiner Macht. So stellt der Mathematiker zum Beispiel eine Raumtheorie auf, nach der zwei volle Umläufe benötigt werden, um in die Ausgangsposition zurückzukehren. Diese jeder Tätigkeit innerhalb unserer Existenzsphäre völlig fremde Arbeit aber befähigt ihn, die Gesetze zu entdecken, denen die Elementarteilchen in den mikroskopischen Räumen unterworfen sind, und somit die Kernphysik, die unsere Zivilisation umwandelt, voranzutreiben. Die mathematische Intuition, die den Weg zu anderen Welten auftut, bewirkt gleichzeitig eine konkrete Verwandlung unserer eigenen Welt. Das mathematische Genie, das dem der abstrakten Musik so nahesteht, übt andererseits die stärkste denkbare Wirkung auf die reale Materie aus.

So ersteht aus dem «absoluten Anderswo» die «absolute Waffe». Wenn schließlich der mathematische Gedanke sich zum höchsten Grad der Abstraktion aufschwingt, bemerkt der Mensch, daß dieser Gedanke möglicherweise nicht sein ausschließliches Eigentum ist. Er entdeckt, daß zum Beispiel die Insekten Kenntnis von bestimmten Eigenschaften des Raums besitzen, die sich unseren Sinnen entziehen. Vielleicht, so muß er sich sagen, existiert eine universale mathematische Idee, vielleicht steigt aus der Gesamtheit alles Lebendigen der Gesang des überlegenen Geistes auf.In dieser Welt, in der dem Menschen nichts mehr sicher erscheint, weder er selbst noch die bis vor kurzem gültigen Gesetze und Tatsachen seiner Umgebung, entfaltet sich in Windeseile eine neue Mythologie. Die Kybernetik hat den Gedanken aufgebracht, daß die menschliche Intelligenz von der des Elektronengehirns überholt worden sei, und der gewöhnliche Mensch betrachte das magische grüne Auge der «denkenden» Maschine mit dem gleichen ängstlichen Erschauern wie der alte Ägypter die Sphinx. Das Atom thront auf dem Olymp und hält den Blitz in der Faust. Kaum haue man begonnen, den französischen Atommeiler von Marcoule zu bauen, als die Menschen in der Umgebung bereits der Ansicht waren, daß ihre Tomaten verkümmerten. Die Atombombe bringt die Wetterverhältnisse durcheinander und läßt uns Mißgeburten erzeugen. Eine ganze Literatur, die sogenannte «Science Fiction», stellt eine Odyssee unseres Jahrhunderts mit Marsmenschen und Mutanten auf, und der metaphysische Odysseus, der zu uns heimkehrt, hat zuvor den Raum und die Zeit bezwungen.Zu der Frage «Sind wir die einzigen?» kommt heute noch eineweitere: «Sind wir die letzten?» Wird die Entwicklung mit dem Menschen aufhören? Oder bildet sich bereits der Übermensch heran? Lebt er nicht schon unter uns? Und muß man sich diesenÜbermenschen als Individuum vorstellen oder vielleicht als Kollektivwesen, als die gesamte Masse der Menschheit, die im Begriff steht, zu gären, zu gerinnen und zu einem Bewußtsein ihrer Einheit und ihres Aufstiegs zu gelangen? Im Zeitalter der Massen stirbt das Individuum, aber es erleidet den erlösenden Tod der spirituellen Tradition: es stirbt, um wahrhaft geboren zu werden. Es stirbt in seinem psychologischen Bewußtsein, um das kosmische Bewußtsein zu erlangen. Es spürt, wie es einem ungeheuren Druck ausgesetzt wird. Ihm bleibt die Wahl, zu sterben, indem es sich dem Druck entgegenstemmt, oder zu sterben, indem es ihm nachgibt. Im Falle der Ablehnung, des Widerstands, ist der Tod absolut. Im Falle des Nachgebens ist der Tod nur eine Zwischenstufe, die zum totalen Leben führt, denn es geht dabei um eine Neuordnung der Masse zur Bildung eines einheitlichen Seelenzustands, der von der Erkenntnis der Zeit und des Raums und vom Entdeckungshunger regiert wird.Bei genauer Betrachtung wird in alledem der Grund für die Gedanken und Beunruhigungen des Menschen von heute viel deutlicher sichtbar als in irgendwelchen Analysen des neo-naturalistischen Romans oder in sozialpolitischen Untersuchungen. Man wird sehr bald gewahr, daß diejenigen, die nur Zeugen sein und die neuen Dinge mit alten Augen sehen wollen, von den Tatsachen erschlagen werden müssen.Bei jedem Schritt, den der Mensch in dieser dem Unbekannten aufgetanen Welt tut, sieht er Fragezeichen aufragen, so riesengroß wie antediluvianische Tiere und Pflanzen. Er ist ihnen nicht gewachsen. Aber wie groß ist der Mensch heute eigentlich?

Die Soziologie und die Psychologie haben sich wesentlich langsamer entwickelt als die Physik und die Mathematik. Und so kommt es, daß der Mensch des 19. Jahrhunderts sich plötzlich einer ganz anderen Welt gegenübersieht. Aber ist der Mensch, wie die Psychologie und die Soziologie des 19. Jahrhunderts ihn beschreiben, der wirkliche Mensch? Das erscheint keineswegs sicher. Nach der durch Descartes' Discours de la Methode verursachten geistigen Revolution, nach der Geburt der Wissenschaften und des enzyklopädischen Denkens, nach dem großen Beitrag, den der Rationalismus und der optimistische Wissenschaftsglaube des 19. Jahrhunderts lieferten, befinden wir uns heute in einer Situation, in der die Unendlichkeit und Vielfalt der neuentdeckten Realitäten notwendig eine Änderung unserer bisherigen Begriffe von der Natur und der menschlichen Erkenntnis herbeiführen, die gültigen Ideen über die Beziehungen des Menschen zu seinem eigenen Geist über den Haufen werfen — kurz, eine völlig andere Einstellung erfordern müßten als die, welche wir noch gestern als die moderne Einstellung bezeichneten.

Der Invasion des Phantastischen von außen her müßte eine Erkundung des Phantastischen in uns entsprechen. Gibt es dies Phantastische in uns? Und sollte das, was der Mensch geleistet hat, nicht die Projektion dessen sein, was er istoder werden kann? Diese Erkundung des Phantastischen in uns nun ist es, die wir vornehmen wollen. Oder besser gesagt, wir wollen uns bemühen aufzuzeigen, daß diese Erkundung nötig ist. und wir wollen eine Methode dafür entwerfen.

 

2 DAS PHANTASTISCHE IN UNS

Pioniere: Balzac, Hugo, FlammarionJules Romains und die tiefste aller FragenDas Ende des Positivismus Was ist Parapsychologie ?Außergewöhnliche Tatsachen und bewiesene ErfahrungenDas Beispiel der TitanicHellsichtigkeitVorherwissen und TraumParapsychologie und PsychoanalyseUnsere Arbeit schließt die Zuhilfenahme des Okkultismus und der Scheinwissenschaften ausAuf der Suche nach der Maschinerie der Tiefen

Der Literaturkritiker und Philosoph Albert Beguin hat einmal behauptet, Balzacs Begabung sei viel mehr die der visionären Schau als die der Beobachtung gewesen. Dieser Satz erscheint mir zutreffend. In einer großartigen Novelle, Le Requisitionnaire, sieht Balzac die Geburt der Parapsychologie voraus, die erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stattfinden und das Studium der «psychischen Kräfte» des Menschen zum Gegenstand einer exakten Wissenschaft erheben sollte:«Zur selben Stunde, in der Mme. de Dey in Carenian starb, wurde ihr Sohn im Morbihan erschossen. Diese tragische Tatsache ist ein weiterer Beitrag zu den Beobachtungen über die geheimen Beziehungen, für welche die Gesetze des Raumes nicht existieren. Einzelne interessierte Menschen haben mit methodischer Neugier Dokumente über dieses Gebiet zusammengetragen, die eines Tages die Grundlagen einer neuen Wissenschaft ergeben werden, der bis heute ein genialer Kopf fehlt.»1891 erklärte Camille Flammarion 41:«Das Ende unseres Jahrhunderts ähnelt in manchem dem des vorigen. Der Geist ist der Lehrsätze einer Philosophie, die sich selbst als positivistisch bezeichnet, überdrüssig. Man kommt auf den Verdacht, daß sie sich irrt. .. <Erkenne dich selbst !> sagt Sokrates. Seit einigen tausend Jahren haben wir eine Unmenge von Dingen gelernt, nur nicht das, was uns unmittelbar betrifft.Es scheint, als ginge die gegenwärtige Tendenz des menschlichen Geistes endlich dahin, der sokratischen Maxime zu gehorchen.»Zu Flammarion ins Observatorium von Juvisy kam einmal monatlich Conan Doyle aus London, um gemeinsam mit dem Astronomen gewisse ungeklärte und im übrigen auch etwas zweifelhafte Fälle von Hellsichtigkeit, von Geistererscheinungen und Materialisationen zu besprechen. Flammarion glaubte an Geister, und Conan Doyle sammelte «Geisterphotographien». Die von Balzac erahnte «neue Wissenschaft» war noch nicht geboren, aber ihre Notwendigkeit wurde immer fühlbarer.In der großartigen Studie Victor Hugos über Shakespeare stehen die folgenden wundervollen Sätze:«Jeder Mensch trägt sein Patmos in sich. Es steht ihm frei, ob er auf dieses erschreckende Vorgebirge des Denkens steigen will, von dem aus man in die Schattenwelt blickt. Wenn er es nicht tut, verbleibt er im gewöhnlichen Leben, im gewöhnlichen Bewußtsein, in der gewöhnlichen Tugend, im gewöhnlichen Glauben, im gewöhnlichen Zweifel, und damit ist es gut. Ja, für seine innere Ruhe ist es zweifellos so am besten. Wenn er jedoch diesen Gipfel ersteigt, ist er ein für allemal gefangen. Die gewaltigen Wogen des Wunders sind ihm erschienen. Niemand erblickt ungestraft diesen Ozean ... Er sträubt sich wohl gegen diesen lockenden Abgrund, gegen dieses Eintauchen in dasUnerforschte, gegen diese Abwendung von der Erde und vomLeben, gegen dieses Eindringen in ein verbotenes Gebiet, gegen diesen Drang, das Unberührbare zu betasten — er kommt doch immer wieder hierher zurück, er stützt sich darauf, er neigtsich darüber, er tut einen Schritt und noch einen. Auf dieseWeise aber dringt man in das Undurchdringliche ein, so gelangtman in die grenzenlose Weite des Zustands der Unendlichkeit.»Was mich selber betrifft, so hatte ich im Jahre 1939 präzise Vorstellungen von einer Wissenschaft, die einwandfreie Zeugnisse über das innere Leben des Menschen erbringen, den Geist zu neuen Betrachtungen über die Natur der Erkenntnis zwingen und allmählich zu einer Abänderung der wissenschaftlichen Forschungsmethoden auf allen Gebieten führen würde. Ich war damals neun,zehn Jahre alt, und der Krieg überraschte mich genau zu dem Zeitpunkt, an dem ich beschlossen hatte, mein Leben dem Aufbau einer Psychologie und Physiologie der mystischen Zustände zu widmen.

In jenen Tagen las ich in der Nouvelle Revue Fran¸ aise einen Aufsatz von Jules Romains mit dem Titel Reponse a la plus vaste question. Sein Inhalt war prophetisch und bedeutete für mich eine unerwartete Bestätigung meiner eigenen Einstellung. Nach dem Kriege entstand tatsächlich eine Wissenschaft der seelischen Zustände, die Parapsychologie, die heute in voller Entwicklung begriffen ist. Doch auch innerhalb der offiziellen Wissenschaften, wie der Mathematik oder der Physik, wurde der Geist gewissermaßen auf einen anderen Platz gerückt. Jules Romains schrieb:«Ich glaube, daß die Hauptschwierigkeit für den menschlichen Geist weniger darin besteht, in einer bestimmten Ordnung oder in gewissen Richtungen zu unanfechtbaren Schlüssen zu gelangen, als vielmehr darin, eine Möglichkeit zu entdecken, die Schlüsse, zu denen er bei seinen Untersuchungen über die verschiedenen Gebiete der Realität oder bei seinen Vorstößen in die je nach der Epoche wechselnden Richtungen gelangt, miteinander in Einklang zu bringen. So fällt es ihm zum Beispiel außerordentlich schwer, die an sich völlig exakten Begriffe, die sich aus der modernen wissenschaftlichen Erforschung der physikalischen Phänomene ergeben haben, mit den vielleicht durchaus haltbaren Vorstellungen abzustimmen, die er sich in Zeiten erarbeitet hat, in denen er sich mehr mit den spirituellen oder psychischen Tatsachen befaßte und auf die sich noch heute manche Wissenschaftler berufen, welche sich abseits aller physikalischen Methoden mit Untersuchungen auf spirituellem oder psychischem Gebiet beschäftigen. Ich bin keineswegs der Ansicht, daß die moderne Wissenschaft, die man oft eines platten Materialismus beschuldigt, von einer Revolution bedroht ist, die ihre sicheren Ergebnisse zunichte machen wird (wirklich bedroht können nur zu allgemeine oder voreilig aufgestellte Hypothesen sein, die nicht absolut einwandfrei sind). Aber möglicherweise steht sie eines Tages Resultaten gegenüber, die durch sogenannte <psychische> Methoden erzielt wurden und die so zwingend und entscheidend sind, daß es ihr nicht mehr möglich ist, sie wie bisher zu ignorieren oder für nichtig zu erklären.

Viele Leute bilden sich ein, daß in diesem Augenblick sich alles von selbst ergeben werde, daß die <positive> Wissenschaft nur ruhig in ihrem augenblicklichen Gebiet zu bleiben brauche, während außerhalb ihrer Grenzen völlig neue Erkenntnisse erarbeitet werden, die sie zur Zeit als puren Aberglauben bezeichnet oder in die Domäne des <Unerkennbaren> verweist und verächtlich der Metaphysik überläßt. Aber so einfach wird die Entwicklung nicht verlaufen. Einige der wichtigsten Ergebnisse der experimentellen psychischen Forschung werden, sobald sie offiziell bestätigt und als Wahrheiten anerkannt sind -und dieser Tag wird unausweichlich kommen — die positive Wissenschaft innerhalb ihrer eigenen Grenzen angreifen. Dann aber muß der menschliche Geist, der bisher aus Angst vor Verantwortung so tut, als bemerke er diesen Konflikt nicht, sich entscheiden und einen Schiedsspruch fällen. Damit wird er eine schwere Krise heraufbeschwören, ebenso schwer wie jene, die durch die Anwendung der physikalischen Entdeckungen in der industriellen Technik entstand. Das Leben der. Menschheit selbst wird durch sie eine Veränderung erfahren. Ich halte diese Krise für möglich, für wahrscheinlich, und ich glaube, daß sie uns binnen kurzem erreicht.»An einem Wintermorgen begleitete ich einen Freund zum Krankenhaus, wo er sich einer dringenden Operation unterziehen mußte. Es dämmerte erst, und wir gingen im Regen die Straße entlang und hielten nach einem Taxi Ausschau. Mein Freund hatte hohes Fieber und konnte sich nur schwankend vorwärtsbewegen. Plötzlich wies er mit dem Finger auf eine Spielkarte, die umgekehrt und mit Schmutz bedeckt auf dem Pflaster lag. «Wenn es ein Joker ist,, geht alles gut», sagte er. Ich hob die Karte auf und drehte sie um. Es war ein Joker.

Die Parapsychologie, bemüht sich, durch Reihenexperimente zu einer systematischen Erforschung derartiger Ereignisse zu gelangen. Ist der normale Mensch mit einer Kraft begabt, die er fastnie anwendet — und zwar offenbar nur, weil man ihm eingeredet hat, daß er sie nicht besitze? Gewisse nach streng wissenschaftliehen Prinzipien durchgeführte Versuche scheinen den Begriff desZufalls hier auszuschalten. Ich hatte Gelegenheit, gemeinsam mit Aldous Huxley im Jahre 1955 am Internationalen Kongreß für Parapsychologie teilzunehmen und später die Bemühungen amerikanischer, schwedischer und deutscher Mediziner und Psychologen zu verfolgen, die sich mit diesen Forschungen befaßten. An der Ernsthaftigkeit dieser Arbeiten kann kein Zweifel bestehen. Würde die Wissenschaft nicht eine durchaus legitime Abneigung dagegen haben, sich auf Dichter zu berufen, so könnte die Parapsychologie eine ausgezeichnete Definition bei Guillaume Apollinaire finden:«Ein jeder ist Prophet, mein lieber Andre Billy,Aber man hat den Leuten schon so lange eingeredet,Daß sie keine Zukunft haben und für alle Zeit unwissend bleiben,Idioten von Geburt an, Daß sie sich damit abgefunden haben und keiner auf die Idee kommt,Sich auch nur zu fragen, ob er die Zukunft kennt oder nicht. Es ist kein religiöser Geist in alledem, Weder im Aberglauben noch in den Prophezeiungen Noch in dem, was man Okkultismus nennt. Es gibt jedoch eine Art, die Natur zu beobachten Und die Natur zu interpretieren, Die sehr legitim ist.» 42Die parapsychologischen Experimente scheinen zu beweisen, daß zwischen Mensch und Universum über die gewöhnlichen, durch die Sinne gegebenen Beziehungen hinaus noch andere Relationen bestehen. Demnach ist jeder normale Mensch imstande, weit entfernte oder hinter Wänden verborgene Dinge wahrzunehmen, die Bewegungen von Gegenständen zu beeinflussen, ohne diese zu berühren, seine Gedanken und Gefühle in das Nervensystem eines anderen Menschen zu projizieren und schließlich in einigen Fällen sogar kommende Ereignisse vorherzuwissen.Sir H. R. Haggard, ein im Jahre 1925 verstorbener englischer Schriftsteller, gab in seinem Roman Maiwa's Revenge eine ausführliche Beschreibung von der Flucht seines Helden Allan Quatermain. Dieser wird von Eingeborenen aufgespürt, während er eine Felswand erklettert. Seine Verfolger halten ihn an einem Fuß fest; er befreit sich, indem er parallel zu seinem rechten Bein einen Pistolenschuß abfeuert. Einige Jahre nach der Veröffentlichung des Romans erhielt Haggard den Besuch eines englischen Forschungsreisenden. Dieser war eigens nach London gekommen, um den Schriftsteller zu fragen, woher dieser sein Abenteuer in allen Einzelheiten erfahren habe, da er selbst mit keinem Menschen darüber gesprochen hatte und ihm daran lag, diesen Mord zu verheimlichen. In der Bibliothek des 1946 verstorbenen österreichischen Schriftstellers Karl Hans Strobl machte dessen Freund Willy Schrödter die folgende Entdeckung:«Ich blätterte in seinen eigenen Arbeiten, die auf einem Bücherbord standen. Zwischen den einzelnen Seiten fand ich zahlreiche Zeitungsausschnitte.

Aber es handelte sich dabei nicht, wie ich zuerst geglaubt hatte, um Kritiken, sondern um Tatsachenberichte. Mit einem sonderbaren Schrecken stellte ich fest, daß sie von Ereignissen handelten, die Strobl lange vor ihrem Eintreten beschrieben hatte.»

1898 schildert ein amerikanischer Science-Fiction-Autor, Morgan Robertson, den Untergang eines riesigen Schiffes. Dieses aus seiner Phantasie hervorgegangene Schiff hatte eine Wasserverdrängung von 70 000 Tonnen, war 800 Fuß lang und transportierte 3000 Passagiere. Es wurde von drei Schiffsschrauben angetrieben. Während der Jungfernfahrt stieß das Schiff in einer Aprilnacht im Nebel mit einem Eisberg zusammen und versank. Sein Name lautete The Titan.Die Titanic, die später unter den gleichen Umständen unterging, hatte eine Wasserverdrängung von 66 000 Tonnen, war 828,5 Fuß lang, transportierte 3000 Passagiere und war mit drei Schiffsschrauben ausgerüstet. Die Katastrophe ereignete sich in einer Aprilnacht. Das sind Tatsachen.

Sehen wir uns nun einmal die von den Parapsychologen vorgenommenen Experimente an. In Durham in den Vereinigten Staaten sitzt der Experimentator und hält ein aus fünf Spezialkarten bestehendes Spiel in der Hand. Er mischt die Karten und zieht eine nach der anderen. Eine Kamera registriert den Vorgang. Im selben Augenblick versuchtin Zagreb in Jugoslawien ein anderer Experimentator die Reihenfolge der gezogenen Karten zu erraten. Dieser Versuch wird Tausende von Malen wiederholt. Es erweist sich, daß die Zahl der Fälle, in denen die richtige Karte genannt wird, so hoch ist, daß man nicht mehr von Zufall sprechen kann.In London befindet sich der Mathematiker J. S. Soal in einem geschlossenen Raum und zieht aus einem ähnlichen Spiel die Karten. Der Student Basil Shakelton, der hinter einer undurchsichtigen Wand sitzt, versucht sie zu erraten. Als man die Ergebnisse untersucht, stellt sich heraus, daß der Student mit einer Häufigkeit, die weit über dem Prozentsatz normaler Wahrscheinlichkeit liegt, die Karte bezeichnet hat, die als nächste gezogen wird.In Stockholm konstruiert ein Ingenieur einen Apparat, der automatisch Würfel hochschleudert und ihren Fall auf einem Film festhält. Einige Zuschauer, Mitglieder der Universität, bemühen sich, den Fall einer bestimmten Nummer zu begünstigen, indem sie intensiv daran denken. Es gelingt ihnen in einer so großen Anzahl der Fälle, daß bloßer Zufall ausgeschlossen erscheint.Bei seiner Untersuchung der Phänomene des Vorauswissens im Schlafzustand hat der Engländer Dünne wissenschaftlich nachgewiesen, daß bestimmte Träume sogar eine noch ferne Zukunft zu enthüllen vermögen43. Dünne selbst träumte . im Jahre 1901, daß die an der Kanalküste gelegene Stadt Lowestoft von einer ausländischen Flotte bombardiert worden sei. Dieses Bombardement fand im Jahre 1914 mit allen von Dünne 1901 bezeichneten Einzelheiten statt.

Derselbe Dünne sah im Traum die Schlagzeilen von Zeitungen, die vom Ausbruch des Mont Pelée sprachen. Das Ereignis trat einige Monate später ein. Auch die deutschen Forscher Moufang und Stevens haben in ihrem Werk Das Mysterium der Träume zahlreiche beglaubigte Fälle zitiert, in denen Träume zukünftige Ereignisse enthüllt oder auch zu wichtigen wissenschaftlichen Entdeckungen geführt haben.Der berühmte Atomforscher Niels Bohr hatte als Student einen sonderbaren Traum. Er saß auf einer Sonne aus brennendem Gas. Planeten rasten zischend an ihm vorbei. Sie waren durch feine Fäden mit der Sonne verknüpft und kreisten um sie. Plötzlich ging das Gas in festen Zustand über, die Sonne und die Planeten schrumpften zusammen und verhärteten sich.. In diesem Augenblick erwachte Niels Bohr und war sich schlagartig bewußt, daß edas seit langem gesuchte Atom-Modell entdeckt hatte. Die «Sonne» war der feststehende Mittelpunkt, um den die Elektronen kreisten. Die ganze moderne Atomphysik mitsamt ihren Anwendungen ist aus diesem Traum hervorgegangen.. Der Chemiker August Kékulé von Stradonitz erzählt:«An einem Sommerabend war ich im Autobus, mit dem ich nach Hause fuhr, eingeschlafen. Deutlich sah ich, wie rings um mich die Atome sich zu Paaren zusammenschlössen. Diese Atompaare vereinigten sich zu größeren Gebilden, die ihrerseits von noch größeren Gruppen angezogen wurden, und alle diese Korpuskeln wirbelten in einem wilden Rundtanz. Ich verbrachte einen Teil der Nacht damit, die Vision meines Traumes niederzuschreiben. Die Theorie der Struktur war gefunden.»Nachdem ein Ingenieur der amerikanischen Telephongesellschaft Bell in den Zeitungen die Berichte über die Bombenangriffe auf London gelesen hatte, sah er in einer Herbstnacht 1940 in einem Traum, wie er selbst den Plan eines Apparats aufzeichnete, mit dessen Hilfe es möglich war, ein Flak-Geschütz im voraus genau auf den Punkt einzustellen, den ein Flugzeug, dessen Bahn und Schnelligkeit bekannt ist, überfliegen wird. Nach dem Erwachen zeichnete er das Schema aus dem Gedächtnis auf. Die Konstruktion dieses Apparats, bei dem zum erstenmal das Radar Anwendung finden sollte, erfolgte unter der Leitung des großen Gelehrten Norbert Wiener, und die Überlegungen, zu denen Wiener hierdurch angeregt wurde, sollten zur Geburt der Kybernetik führen.«Man darf», so sagt Lovecraft, «die ungeheure Bedeutung, die die Träume erlangen können, keinesfalls unterschätzen.» 44 Ebensowenig sollte man die Phänomene des Vorherwissens, ob sie nun im Schlaf oder im Wachzustand auftreten, für unwichtig halten. Im Zuge einer solchen Überlegung machte die amerikanische Kommission für Atomenergie im Jahre 1958 einen Vorschlag, mit dem sie sich über die gesicherten Ergebnisse der offiziellen Psychologie hinwegsetzte. Sie beantragte die Verwendung von «Hellsehern», die versuchen sollten, die Ziele russischer Bombenangriffe im Kriegsfall zu erraten.45Der geheimnisvolle Passagier ging am 25. Juli 1959 an Bord des Atom-Unterseeboots Nautilus. Dieses lief sofort aus, tauchte und kreuzte sechzehn Tage lang durch die Tiefen des Atlantischen Ozeans. Der namenlose Passagier schloß sich in seine Kabine ein. Nur der Matrose, der ihm seine Mahlzeiten brachte, und Kapitän Andersen, der ihm täglich zwei Besuche abstattete, bekamen sein Gesicht zu sehen. Bei diesen Besuchen übergab der Passagier dem Kapitän jeweils ein Blatt Papier, auf das er in wechselnder Reihenfolge fünf mysteriöse Zeichen gemalt hatte: ein Kreuz, einen Stern, einen Kreis, ein Viereck und drei Wellenlinien. Kapitän Andersen und der unbekannte Passagier setzten ihre Unterschrift auf das Blatt, und der Kapitän schob es zusammen mit zwei kleinen Zetteln in einen Umschlag, den er verschloß. Auf dem einen der Zettel waren Stunde und Datum vermerkt, auf dem anderen standen die Worte: «Streng geheim. Im Falle der Gefahr, daß das Unterseeboot angehalten wird, sofort zu vernichten.» Am Montag, dem 10. August 1959, legte das Unterseeboot in Croyton an. Der Passagier bestieg einen Dienstwagen, der ihn unter Geleitschutz zum nächsten Militärflughafen brachte.Einige Stunden später ging das Flugzeug auf dem kleinen Flugplatz der Stadt Friendship in Maryland nieder. Auch hier erwartete ein Wagen den Reisenden. Er fuhr ihn zu einem Gebäude mit der Aufschrift: «Zentrum für Spezialforschungen Westinghouse. Unbefugten ist der Zutritt verboten.» Der Wagen hielt vor dem Wachtposten, und der Reisende bat, zu Hauptmann William Bowers, dem Direktor der biologischen Abteilung am Forschungsinstitut der Luftwaffe der Vereinigten Staaten, geführt zu werden.Hauptmann Bowers erwartete ihn in seinem Büro.«Setzen Sie sich, Leutnant Jones», sagte er. «Haben Sie den Umschlag?»Wortlos reichte Jpnes dem Hauptmann den Umschlag. Dieser ging zu einem Safe, öffnete ihn und entnahm ihm einen zweiten Umschlag, der dem ersten zum Verwechseln ähnlich sah, nur daß er den Aufdruck «Forschungszentrum X, Friendship, Maryland» trug, während auf dem ersten die Worte «Unterseeboot Nautilus» standen.Hauptmann Bowers öffnete die beiden Umschläge und nahm je einen Packen kleinerer Umschläge heraus, die er ebenfalls öffnete. Schweigend legten die beiden Männer die mit demselben Datum versehenen Blätter nebeneinander. Dann verglichen sie sie. In über 70 Prozent der Fälle waren auf den beiden Blättern, die dasselbe Datum trugen, die Zeichen in derselben Reihenfolge angeordnet.«Wir stehen an einem Wendepunkt der Geschichte», sagte Hauptmann William Bowers. «Zum erstenmal ist unter Bedingungen, die jede Möglichkeit eines Betrugs ausschließen, mit einer für die praktische Anwendung ausreichenden Präzision der menschliche Gedanke ohne jede materielle Vermittlung von einem Gehirn auf ein anderes übertragen worden.»Wenn man eines Tages die Namen der beiden Männer erfährt, die »an diesem Experiment beteiligt waren, so werden sie zweifellos ihren Platz in der Geschichte der Wissenschaften erhalten.Für den Augenblick sind sie «Leutnant Jones», ein Marineoffizier, und «ein gewisser Smith», Student an der Duke-Universität in Durham, North Carolina.Während der sechzehn Tage, die das Experiment in Anspruch nahm, setzte sich der «gewisse Smith», der in einem Raum eingeschlossen war, den er diese ganze Zeit über nicht verließ, zweimal täglich vor ein automatisches Kartenmisch-Gerät. Im Inneren dieses Apparates wurden in einer Trommel tausend Karten durcheinandergemischt. Es handelte sich dabei nicht um übliche Spielkarten, sondern um vereinfachte Karten, die sogenannten Zener-Karten. Diese Karten, die seit langem für die parapsychologischen Experimente benutzt werden, sind alle von derselben Farbe. Sie tragen eins der folgenden fünf Zeichen: drei Wellenlinien, Kreis, Kreuz, Viereck oder Stern. Zweimal täglich warf der mit einem Uhrwerk versehene Apparat im Abstand von je einer Minute fünf Karten aus. Der «gewisse Smith» richtete seine Blicke fest auf die ausgeworfene Karte und bemühte sich, intensiv daran zu denken. Zur selben Zeit versuchte in einer Entfernung von 2000 Kilometern, Hunderte von Metern unter dem Wasserspiegel des Atlantischen Ozeans, der Leutnant Jones zu erraten, welche Karte Smith fixierte. Er schrieb das Resultat nieder und ließ das Blatt von Kapitän Anderson gegenzeichnen. In sieben von zehn Fällen riet Leutnant Jones richtig. Ein Betrug war ausgeschlossen. Selbst wenn man die unwahrscheinlichsten Absprachen annehmen wollte, so war doch keinerlei Verbindung zwischen dem getauchten Unterseeboot und dem Versuchsraummöglich, in dem Smith sich befand. Auch Radiowellen können nicht eine mehrere hundert Meter dicke Schicht von Meerwasser durchdringen. Zum erstenmal in der Geschichte der Wissenschaften hatte man den unwiderlegbaren Beweis erbracht, daß eine Fernverbindung zwischen zwei menschlichen Gehirnen möglich ist. Das Studium der Parapsychologie trat damit endlich in eine wissenschaftliche Phase ein.Diese große Entdeckung wurde unter dem Druck militärischer Notwendigkeiten gemacht. Schon Anfang des Jahres 1957 hatte die berühmte Rand Corporation *, die sich im Auftrag der amerikanischen Regierung mit geheimen Forschungen beschäftigt, einen Bericht über diesen Plan bei Präsident Eisenhower vorgelegt. «Unsere Unterseeboote», konnte man darin lesen, «sind zur Zeit nutzlos, da es unmöglich ist, mit ihnen in Verbindung zu treten, wenn sie getaucht sind und vor allem, wenn sie sich unter der Eisdecke des Polarmeeres befinden. Es empfiehlt sich daher, sämtliche neuen Mittel und Möglichkeiten zu versuchen.» Ein Jahr lang hatte dieser Bericht keinerlei Wirkung.

Die wissenschaftlichen Berater Präsident Eisenhowers waren der Ansicht, daß dieser Vorschlag allzusehr an Tischrücken und ähnliche okkulte Manipulationen erinnerte. Als schließlich das «Piep-Piep» des Sputnik I wie ein Alarmsignal über der Welt ertönte, kamen die größten amerikanischen Gelehrten zu der Überzeugung, daß es höchste Zeit sei, in Jeder Richtung zu forschen, einschließlich der Richtungen, die die Russen verschmähten. Die amerikanische Wissenschaft richtete einen Appell an die öffentliche Meinung. Am 13. Juli 1958 veröffentlichte die Sonntagsbeilage der New York Herald Tribune einen Artikel des bedeutendsten Militärfachmanns der amerikanischen Presse, Ansel E. Talbert. Dieser schrieb:«Die Streitkräfte der Vereinigten Staaten müssen unbedingt in Erfahrung bringen, ob die von einem menschlichen Gehirn ausgesandte Energie über Tausende von Kilometern hinweg ein anderes menschliches Gehirn beeinflussen kann... Es handelt sich hier um ein rein wissenschaftliches Experiment. Die festgestellten Erscheinungen erhalten — ebenso wie jeder andere Vorgang im lebenden Organismus — ihre Energiezufuhr durch die Verbrennung der dem Organismus zugeführten Nährstoffe ...

* Rand = Research and Development.

Die Erforschung und Erweiterung dieser Phänomene liefert uns vielleicht eine neue Verbindungsmöglichkeit zwischen den Unterseebooten und dem Festland und eines Tages vielleicht auch zwischen einzelnen Raumschiffen.»Auf Grund dieses Artikels und zahlreicher Berichte von Wissenschaftlern, die die Eingabe der Rand Corporation unterstützten, entschloß die Regierung sich zu handeln. Heute bestehen Forschungslaboratorien dieser neuen Disziplin, der Parapsychologie, bei der Rand Corporation in Cleveland, bei Westinghouse in Friendship, Maryland, bei der General Electric In Schenectady, bei der Bell Telephone in Boston und im Forschungszentrum der Armee in Redstone, Alabama. In Redstone liegen die Räume, in denen die Möglichkeiten der Gedankenübertragung untersucht werden, fünfhundert Meter neben dem Büro von Wernher von Braun, dem Erforscher des Weltraums. Man kann darin ein Symbol dafür sehen, daß die Eroberung der Planeten und die Exploration des menschlichen Geistes schon heute parallel vor sich gehen.In weniger als einem Jahr haben diese mit allen Mittel ausgestatteten Laboratorien bereits mehr Resultate erzielt, als jahrhundertelange Untersuchungen auf dem Gebiet der Telepathie bisher aufzustellen vermochten. Der Grund dafür ist sehr einfach: die Forscher sind ohne jede vorgefaßte Meinung vom Nullpunkt aus-gegangen. Es wurden Kommissionen in die ganze Welt entsandt, und in England z. B. nahmen Mitglieder einer solchen Kontakt mit namhaften Gelehrten auf, welche die Phänomene der Gedankenübertragung überprüft und bestätigt hatten. Dr. Soal von der Universität Cambridge konnte den Forschern derartige Kommunikationen zwischen zwei jungen Bergarbeitern aus Wales vorführen, die über mehrere hundert Kilometer hinweg zustande kamen.In Deutschland fand die Kommission die Unterstützung so an-erkannter Wissenschaftler wie Hans Bender und Pascual Jordan, die nicht allein Phänomene der Gedankenübertragung beobachtet hatten, sondern sich auch nicht scheuten, darüber zu schreiben. In Amerika selbst häuften sich die Beweise. Ein chinesischer Wissenschaftler, Dr. Ching Yu Wang, konnte mit Hilfe einiger ebenfalls chinesischer Kollegen den Experten der Rand Corporation absolut überzeugende Proben von Gedankenübertragungen liefern.Wie geht man nun praktisch vor, um so erstaunliche Resultatezu erzielen, wie sie sich bei dem Experiment mit Leutnant Jones und dem «gewissen Smith» ergaben?Man muß dazu ein Experimentatoren-Paar finden, zwei Personen, von denen die eine die Rolle des Senders, die andere die des Empfängers übernimmt. Wirklich sensationelle Ergebnisse kann man nur erreichen, wenn man für das Experiment zwei Personen einsetzt, deren Gehirne in gewisser Weise synchronisiert sind. (Die amerikanischen Spezialisten gebrauchen in diesem Fall die aus der Rundfunktechnik entlehnte Bezeichnung «Resonanz», wobei sie sich bewußt sind, daß dieser Ausdruck sehr ungenau ist.)Bei den Versuchen hat sich herausgestellt, daß die Verbindung nur in einer Richtung verläuft. Wenn man das Experiment umkehrt, also die empfangende Person senden und die sendende empfangen lassen will, erreicht man nichts. Zur Erzielung einer in beiden Richtungen wirkenden Verbindung würde man also zwei «Paare» benötigen: erstens eine sendende und eine empfangende Person an Bord des Unterseeboots und zweitens eine sendende und eine empfangende Person in einer Versuchsstation auf dem Festland.Wie werden diese Personen ausgewählt?Zur Zeit ist das noch ein Geheimnis. Man weiß lediglich, daß die Wahl nach einer Überprüfung der Elektro-Enzephalogramme getroffen wird, d. h. nach Untersuchung der elektrisch registrierten Gehirntätigkeit der freiwilligen Kandidaten.Weitere Aufklärung auf diesem Gebiet erbrachten die Arbeiten einer amerikanischen Psychologin, Mrs. Gertrude Schmeidler. Frau Dr. Schmeidler hat nachgewiesen, daß die Kandidaten, die sich für diese Experimente zur Verfügung stellen, in zwei Kategorien eingeteilt werden können, die sie als die «Schafe» und die «Ziegen» bezeichnet. Die Schafe sind diejenigen, die an die Möglichkeit außersinnlicher Wahrnehmungen glauben, die Ziegen sind jene, die nicht daran glauben. Zur Herstellung einer Fernverbindung muß man, wie es scheint, ein Schaf mit einer Ziege zusammenbringen.Außerordentlich erschwerend für diese Arbeit ist die Tatsache, daß im Moment, da die Fernverbindung hergestellt wird, weder der Sender noch der Empfänger etwas davon merkt. Die Kommunikation vollzieht sich in der Sphäre des Unbewußten, und nichts davon dringt ins Bewußtsein. Der Sender hat keine Ahnung, ob seine Botschaft ihr Ziel erreicht. Der Empfänger weiß nicht, ob er Signale von einem anderen Gehirn auffängt oder ob er selber etwaserfindet. Darum hat man auch nicht erst versucht, komplizierte oder mehrdeutige Bilder zu übermitteln, sondern sich mit den einfachen fünf Symbolen der Zener-Karten begnügt. Ist diese An der Übertragung erst einmal geglückt, kann man die Karten unschwer wie einen Code nach der Art des Morse-Alphabets benutzen und verständliche Botschaften formulieren.

Im Augenblick handelt es sich erst einmal darum, die Übertragungs-Methode zu vervollkommnen, sie zuverlässiger zu machen. Man arbeitet dabei in den verschiedensten Richtungen und sucht insbesondere nach wirksamen Medikamenten, die eine Gedankenübertragung erleichtern können. Ein amerikanischer Pharmakologe, Dr. Humphrey Osmond, hat einige Resultate auf diesem Gebiet erzielt, die er im März 1947 in einem Bericht an die Akademie der Wissenschaften von New York veröffentlichte.Allerdings haben Leutnant Jones und der «gewisse Smith» keinerlei Drogen benutzt, da es bei diesen Experimenten der amerikanischen Streitkräfte darauf ankam, die Möglichkeiten eines normalen menschlichen Gehirns grundsätzlich zu erforschen 22. Außer Kaffee, der die Übertragung zu begünstigen scheint, und Aspirin, das sie im Gegensatz dazu verhindert und lahmt, sind bei den Experimenten der Rand Corporation keine Stimulantia zugelassen.Diese Experimente aber eröffnen zweifellos eine neue Ära in der Menschheitsgeschichte und der Geschichte der Wissenschaften 46.Auf dem Gebiet der «paranormalen Heilungen» — also der durch psychologische Behandlung erzielten Genesungen — sei es durch einen Heilpraktiker, der «das Fluidum besitzt», oder durch einen Psychoanalytiker (wobei selbstverständlich ein scharfer Unterschied zwischen diesen beiden Methoden zu machen ist), sind die Parapsychologen zu äußerst interessanten Schlüssen gekommen. Sie haben einen neuen Begriff eingeführt: den. des «Paars», das durch den Arzt und den Kranken gebildet wird. Das Ergebnis der Behandlung hängt ihrer Ansicht nach davon ab, ob sich ein telepathischer Rapport zwischen dem Behandelnden und seinem Patienten einstellt oder nicht. Wenn eine solche Verbindung zustande kommt — die einer Liebesbeziehung ähnelt — entsteht durch sie jene Hyper-Klarsichtigkeit und Hyper-Empfänglichkeit, wie sie bei Liebenden beobachtet wird, und dann ist eine Heilung möglich. Kommt die Verbindung nicht zustande, verschwenden Heilender und Kranker ihreZeit. Der Begriff des «Fluidums» ist heute zugunsten des «Paar»-Begriffs in den Hintergrund gedrängt worden. Man nimmt an, daß es möglich sein wird, gleichsam die psychologischen Umrisse sowohl des Heilenden wie des Patienten aufzuzeichnen. Bestimmte Tests sollen klären können, welche Art von Intelligenz und Sensibilität sowohl der Arzt wie der Patient besitzt und welche unbewußten Kontakte sich zwischen beiden ergeben können. Der Arzt, der sein durch den Test erarbeitetes Schema mit dem seines Patienten vergleicht, wird auf diese Weise von vornherein wissen, ob eine erfolgversprechende Behandlung möglich ist oder nicht.In New York zerbricht ein Psychoanalytiker den Schlüssel des Aktenschranks, in dem er seine Kartothek aufbewahrt. Er stürzt zu einem Schlosser und läßt sich sofort einen neuen Schlüssel anfertigen. Er spricht mit keinem Menschen über diesen Zwischenfall. Einige Tage später, während einer Wachtraumbehandlung, sieht der Patient einen Schlüssel vor sich und beschreibt ihn. Der Schlüssel ist zerbrochen und trägt die Nummer des Schlüssels zum Aktenschrank. Wir haben in diesem Fall ein einwandfreies Beispiel von Osmose vor uns.Dr. Lindner, ein berühmter amerikanischer Psychoanalytiker, behandelte im Jahr 1953 einen namhaften Atomwissenschaftler47. Dieser hatte jedes Interesse an seiner Arbeit, seiner Familie und seiner gesamten Umgebung verloren. Er wich, wie Lindner berichtet, in eine andere Welt aus. Immer häufiger begab er sich im Geiste auf einen fremden Planeten, auf dem die Wissenschaft wesentlich weiter fortgeschritten war und wo er eine führende Rolle spielte. Er hatte sehr präzise Vorstellungen von dieser Welt, von ihren Gesetzen, ihren Sitten und ihrer Kultur. Sonderbarerweise fühlte Lindner sich nach und nach von der Wahnidee seines Patienten angezogen: er begleitete ihn in Gedanken in seine Welt und hatte selbst gelegentliche Anfälle von Geistesabwesenheit. Von diesem Zeitpunkt an löste sich der Kranke allmählich von seiner Vision, und der Heilungsprozeß begann. Aber auch Lindner mußte seinerseits einige Wochen später geheilt werden. Er hatte durch sein Experiment jene Aufgabe erfüllt, die dem Thaumaturgen seit urdenklichen Zeiten gestellt ist: die Aufgabe, das Leiden des anderen «auf sich zu nehmen», die Sünden anderer zu sühnen.Die Parapsychologie hat keinerlei Beziehung zum Okkultismus. Im Gegenteil, sie bemüht sich um eine Entmystifizierung dieses Bereichs. Trotzdem wollen die Gelehrten und Philosophen, die sie strikt ablehnen, in ihr eine Ermutigung zur Scharlatanerie sehen. Das Urteil ist falsch. Wahr hingegen ist, daß unsere Epoche mehr als jede andere die Entwicklung von Pseudowissenschaften begünstigt, die «sich alles zunutze machen, mit allen Ansprüchen auftreten und dabei nichts Greifbares und Fundiertes aufweisen können». Wir sind davon überzeugt, daß es unentdeckte Gebiete im Menschen gibt. Die Parapsychologie empfiehlt eine Methode zu ihrer Erforschung. Auf den folgenden Seiten möchten wir unsererseits eine Methode in Vorschlag bringen. Diese Erforschung hat kaum erst begonnen, und sie wird, so glauben wir, eine der großen Aufgaben der künftigen Kultur sein. Zweifellos wird man bisher unbekannte natürliche Kräfte entdecken, untersuchen und beherrschen lernen müssen, damit der Mensch sein Schicksal auf einer in Umwandlung begriffenen Erde erfüllen kann. Wir sind dessen sicher. Aber wir sind auch überzeugt, daß die gegenwärtige Verbreitung des Okkultismus und der falschen Wissenschaften unter einem fast unermeßlich großen Publikum ein Krankheitszeichen ist. Nicht die gesprungenen Spiegel sind es, die Unglück bringen, sondern die gesprungenen Gehirne.In den Vereinigten Staaten gibt es seit dem letzten Krieg mehr als 30 000 Astrologen und 20 Zeitschriften, die lediglich der Astrologie gewidmet sind und deren eine in einer Auflage von 500 000 Exemplaren erscheint. Mehr als 2000 Zeitungen haben ihre astrologische Spalte. Im Jahre 1943 handelten fünf Millionen Amerikaner nach den Anweisungen von Wahrsagern und gaben 200 Millionen Dollar aus, um ihre Zukunft zu erfahren. In Frankreich sind allein 40 000 Heilpraktiker tätig, und es gibt mehr als 50 000 Büros für okkulte Beratungen. Nach zuverlässigen Schätzungen 48 belaufen sich die Honorare der Wahrsager und Wahrsagerinnen, Hellseher, Magier, Pendler und Heilpraktiker in Paris auf eine Gesamtsumme von 500 Millionen Francs. Das Budget der «Magie» soll in Frankreich etwa 3 Milliarden pro Jahr betragen, also wesentlich mehr als die Summe, die für wissenschaftliche Forschungen zur Verfügung steht."

<Ich meine, es würde nicht viel schaden, wenn sich jemand als Spion verkleidete und behauptete, dem Feind alles mögliche dumme Zeug aufgebunden zu haben. Aber wenn jemand in Wirklichkeit mit dem Feind verhandelt — dann allerdings! — Ich meine daher, wenn ein Wahrsager .. .>

<Sie glauben wirklich .. .>

<Ja, ich glaube, er verhandelt mit dem Feinde.» 49Es ist unbedingt notwendig, und sei es auch nur, um das Feld unserer Untersuchungen zu säubern, daß wir diese Invasion bekämpfen und zurückdämmen. Aber es geschieht außerdem zugunsten des Fortschritts der Erkenntnis. Es muß betont werden, daß es nicht darum geht, zum Positivismus zurückzukehren, den Flammarion bereits 1891 als überlebt betrachtete, zu keinem irgendwie gearteten beschränkten Wissenschaftsglauben, gerade jetzt, da die Wissenschaft selbst uns neue Überlegungen über die Strukturen des Geistes aufdrängt. Wenn der Mensch Kräfte besitzt, die bisher vernachlässigt wurden, und wenn es, wie wir anzunehmen geneigt sind, einen höheren Bewußtseinszustand gibt, dann darf man, indem man die Invasion des Okkultismus und der falschen Wissenschaften bekämpft, nicht gleichzeitig die zu Experimenten verwendbaren Hypothesen ablehnen, nicht die echten Tatsachen und nicht die erhellenden Vergleiche. «Man soll das Kind nicht mit dem Bade ausschütten», sagt ein Sprichwort.Sogar die sowjetische Wissenschaft räumt ein, «daß wir nicht alles wissen, daß es aber keinen Bezirk gibt, der tabu ist, und auch keine Gebiete, die auf immer unerreichbar sind». Die Spezialisten des Pawlow-Instituts, die chinesischen Gelehrten, die sich dem Studium einer höheren Nerventätigkeit widmen, arbeiten zum Beispiel auch über Yoga. Der wissenschaftliche Journalist Saparin schreibt in der russischen Zeitschrift Kraft und Wissen 50:«Für den Augenblick sind die von den Yogis gezeigten Phänomene noch nicht erklärbar, sie werden es aber zweifellos eines Tages sein. Es besteht größtes Interesse für derartige Erscheinungen, da sie die außerordentlichen Möglichkeiten der Maschine Mensch enthüllen.»Das Studium der außersinnlichen Fähigkeiten, die «Psionik», wie die amerikanischen Forscher diese Wissenschaft in Analogie zur Elektronik und Nukleonik bezeichnen, verspricht tatsächlich praktische Anwendungsmöglichkeiten von beträchtlichem Umfang. Die letzten Arbeiten über den Orientierungssinn der Tiere haben das Vorhandensein außersinnlicher Fähigkeiten aufgezeigt. Der Zugvogel, die Katze, die 1300 Kilometer zurücklegt, um wieder nach Hause zu gelangen, der Schmetterling, der das Weibchen im Umkreis von 11 Kilometern aufspürt, sie alle scheinen das gleiche Wahrnehmungs- und Aktionsvermögen auf große Entfernungen hin zu besitzen. Wenn wir das Wesen dieses Phänomens ergründen könnten, würden wir vielleicht ein neues Kommunikations- und Orientierungsmittel finden. Wir hätten dann ein menschliches Radargerät zu unserer Verfügung.Die direkte Übermittlung von Gefühlen, wie sie sich offenbar bei dem «Paar» Arzt—Patient ergibt, könnte zu wertvollen Neuerungen auf therapeutischem Gebiet führen. Das Bewußtsein des Menschen ist einem im Ozean treibenden Eisberg vergleichbar. Sein weitaus größter Teil befindet sich unter Wasser. Manchmal gerät der Eisberg ins Schwanken und läßt eine riesige unbekannte Masse sehen. «Ein Wahnsinniger!» sagen wir dann. Wenn es möglich wäre, mit Hilfe irgendeines «psionischen Verstärkers» eine direkte Verbindung zu diesen unsichtbaren Massen aufzunehmen, so könnte man vielleicht die Geisteskrankheiten völlig zum Verschwinden bringen.Die moderne Wissenschaft lehrt uns, daß ihr durch die bis zum höchsten Grad perfektionierten experimentellen Methoden Grenzen gesetzt sind. So würde etwa ein genügend scharfes Mikroskop eine so starke Lichtquelle benötigen, daß diese wiederum das beobachtete Elektron von seinem Platz verrücken und somit eine wirkliche Beobachtung unmöglich machen würde. Wir können das Innere des Atomkerns nicht kennenlernen, indem wir ihn bombardieren, da er sich eben durch diese Einwirkung verändert. Hingegen ist es denkbar, daß die uns bisher unbekannten Fähigkeiten des menschlichen Intellekts eine direkte Wahrnehmung der letzten Strukturen der Materie und der Harmonien des Weltalls ermöglichen. Vielleicht verfügen wir eines Tages über «psionische Mikroskope» und «psionische Teleskope», die uns das Innere eines Atomkerns oder eines fernen Sterns direkt erkennen lassen.

 

3 AUF DEM WEG ZU EINER PSYCHOLOGISCHEN REVOLUTION

Die Zeit des wahren ErwachensWir brauchen einen Einstein der PsychologieDer religiöse Gedanke wird neu geborenDer Todeskampf unserer Gesellschaft — Jaurès und der von Fliegen summende BaumDas Spektrum der Intelligenz

«Von Fabriken rauchende Erde. Von Geschäften erzitternde Erde. Von hundert neuen Strahlungen vibrierende Erde. Dieser große Organismus lebt endgültig nur durch und für eine neue Seele. Unterhalb des Zeitenwandels ein Gedankenwandel. Wo aber sollen wir diese subtile erneuernde Umbildung entdecken, die uns, ohne unseren Körper sichtbar zu verändern, zu neuen Wesen gemacht hat — wo ist sie? Nirgendwo anders als in einer neuen Intuition, die das Antlitz der Welt, in der wir uns bewegen, ganz und gar umgestaltet — mit anderen Worten; in einem Erwachen.»So hat also für Teilhard de Chardin die Mutation der Gattung Mensch schon begonnen: die neue Seele ist im Begriff, geboren zu werden. Diese Mutation vollzieht sich in den tieferen Regionen des Geistes, und uns wird durch diese «erneuernde Umbildung» eine totale und total andere Sicht des Universums geboten. Der Wachzustand des Bewußtseins wird ersetzt durch einen höheren Zustand, im Vergleich zu dem der vorhergehende nur ein Schlaf war. Damit ist die Zeit des wahren Erwachens gekommen.Der Naturwissenschaft gegenüber ist die Seelenwissenschaft erheblich im Rückstand.

Die sogenannte moderne Psychologie studiert den Menschen gemäß einer Vorstellung des vom militanten Positivismus beherrschten 19. Jahrhunderts. Die wahrhaft moderne Wissenschaft untersucht eine Welt, die ständig neue Überraschungen bietet und die den Strukturen des Geistes und der Natur der Erkenntnis, wie sie offiziell anerkannt sind, immer weniger angepaßt ist. Die Psychologie der Bewußtseinszustände setzt einen fertigen, statischen Menschen voraus: den homo sapiens der Aufklärungszeit. Nun aber enthüllt die Physik eine Welt, die gleichzeitig mehrere Spiele spielt und von der aus zahlreiche Türen ins Unendliche gehen. Die Naturwissenschaften münden im Phantastischen, während die Geisteswissenschaften noch immer im positivistischen Aberglauben befangen sind.Die Psychologie gründet ihre Sätze noch heute auf dem Bild eines Menschen, dessen geistige Funktionen ein für allemal festgelegt und klassifiziert sind. Nun haben wir aber ganz im Gegenteil den Eindruck, daß der Mensch durchaus nicht «ausgewachsen» ist. Die Welt wird zur Zeit von großen Erschütterungen heimgesucht. Diese Erschütterungen wirken einerseits in die Höhe und betreffen das Gebiet der Erkenntnis; sie erstrecken sich aber auch in die Breite und führen zur Bildung großer Massen. In alledem lassen sich die Anfänge einer tiefgreifenden Veränderung des menschlichen Bewußtseinszustandes erkennen. Und darum sollte unserer Ansicht nach eine wirksame Psychologie, die unserer Zeit angepaßt ist, nicht von dem ausgehen, was der Mensch ist (oder was er vielmehr zu sein scheint), sondern von dem, was er werden kann, von seiner möglichen Entwicklung. Die Erforschung dieses neuen — oder zukünftigen — Menschen haben wir uns zur Aufgabe gemacht.Alle uns überlieferten Lehren beruhen auf dem Gedanken, daß der Mensch kein abgeschlossenes Wesen ist. Die Psychologen früherer Zeiten untersuchen die Bedingungen, unter denen sich die Veränderungen, Umbildungen und Transmutationen vollziehen müssen, die den Menschen seiner wahren Vollendung entgegenführen. Eine bestimmte nach unserer Methode vorgenommene und völlig moderne Überlegung bringt uns auf den Gedanken, daß der Mensch vielleicht Fähigkeiten besitzt, die er gar nicht anwendet, einen ganzen ungebrauchten Maschinenpark. Wir sagten es bereits:die Erkenntnis der Außenwelt führt, wenn wir sie immer weiter vorantreiben, schließlich dazu, daß wir die Natur unserer Erkenntnisfähigkeit selbst, die Strukturen des Intellekts und des Wahrnehmungsvermögens in Frage stellen. Wir sagten gleichfalls, daß die nächste Revolution psychologischer Art sein werde. Das ist nicht nur unser persönlicher Standpunkt; viele moderne Forscher, von Oppenheimer bis Costa de Beauregard, von Wolfgang Pauli bis Heisenberg, von Charles-Noel Martin bis Jacques Menetrier, teilen ihn mit uns.Allerdings muß hinzugefügt werden, daß auf der Schwelle dieser Revolution nichts von den hohen, fast religiösen Gedanken, diedie Forscher bewegen, in den Geist der gewöhnlichen Menschen eindringt, daß kein Hauch davon die Tiefen der Gesellschaft streift. Die Veränderung spielt sich lediglich in einigen wenigen Köpfen ab. An den gängigen Vorstellungen über die Natur des Menschen und die menschliche Gesellschaft hat sich seit dem 19. Jahrhundert nichts geändert.

In einem unveröffentlichten Aufsatz über Gott schreibt Jaurès am Ende seines Lebens die herrlichen Sätze:«Wir wollen nur eines sagen: daß nämlich der religiöse Gedanke, der für eine Zeitlang verblaßt war, wieder von Geist und Bewußtsein der Menschen Besitz ergreifen kann, da die gegenwärtigen Ergebnisse der Wissenschaften die Voraussetzungen dafür schaffen. Es gibt von jetzt ab, wenn man es so ausdrücken kann, eine Religion, die zur Verfügung steht, und wenn sie zu dieser Stunde noch nicht in die Tiefen der Gesellschaft eingedrungen ist, wenn das Bürgertum einem platten Spiritualismus oder einem lächerlichen Positivismus huldigt, wenn das Proletariat entweder einem knechtischen Aberglauben oder einem wilden Materialismus ergeben ist, so darum, weil das heutige soziale Regime ein Regime der Verdummung und des Hasses ist, kurzum ein irreligiöses Regime. Etwas Religiöses hingegen finden wir in der Eroberung der Natur durch den Menschen, in dem Bestreben, die Kräfte des Universums den Bedürfnissen der Menschheit anzupassen. Irreligiös daran ist nur, daß der Mensch die Natur erobert, indem er die Menschen zu Sklaven macht. Nicht die Sorge um den materiellen Fortschritt ist es, die den Menschen von den hohen Gedanken und von der Betrachtung der göttlichen Dinge ablenkt, sondern die übermäßige Arbeitslast, die die meisten Menschen so erschöpft, daß ihnen nicht mehr die Kraft bleibt, zu denken, und nicht einmal die Kraft, das Leben, also Gott, zu fühlen. Und daneben die Übersteigerung der schlechten Leidenschaften, der Eifersucht und des Ehrgeizes, welche die eigentliche Kraft der Mutigsten und Glücklichsten in ruchlosen Kämpfen aufbrauchen. Die Menschheit, die zwischen der Bedrohung durch den Hunger und der Übersteigerung des Hasses steht, kann nicht an die Unendlichkeit denken.

Die Menschheit ist wie ein großer Baum unter einem Gewitterhimmel, in dem es von Fliegen summt, und in diesem Dröhnen des Hasses muß die tiefe und göttliche Stimme des Universums untergehen.»Ich war tief bewegt, als ich diesen Text von Jaurès entdeckte. Er nahm die Worte eines langen Briefes auf, den mein Vater einmal an ihn schrieb. Mein Vater hatte fieberhaft auf eine Antwort gewartet, die niemals kam. Mich aber erreichte sie beinahe fünfzig Jahre später durch diesen unveröffentlichten Aufsatz ...Gewiß, der Mensch hat von sich selbst nur Kenntnis, insofern er etwas tut, also dann, wenn die Wissenschaft als Krönung all seiner unermüdlichen Arbeit ihm etwas über das Universum, seine Geheimnisse, seine Kräfte und seine Harmonien enthüllt. Und wenn er diese Kenntnis nicht besitzt, so liegt das daran, daß die gesellschaftliche Organisation, die sich auf veraltete Ideen gründet, ihn der Hoffnung, der Muße und des Friedens beraubt. Wie könnte er, der im wahrsten Sinne des Wortes vom Leben abgeschnitten ist, seine unendliche Weite entdecken?

Und doch deutet alles darauf hin, daß die Zustände sich sehr rasch ändern werden, daß die Erschütterungen der großen Massen, der ungeheure Druck der Entdeckungen und der Technik, die Bewegung der Ideen in den Sphären wahrer Verantwortlichkeit und der Kontakt mit außerirdischen Intelligenzen die alten Prinzipien, die das Leben in der Gesellschaft lähmen, hinwegfegen werden und daß der Mensch am Ende seines Weges, der von der Entfremdung zur Revolte, von der Revolte zur Zustimmung führte, wieder fähig wird, in sich selbst die «neue Seele», von der Teilhard spricht, erwachen zu fühlen und in voller Freiheit dieses »Vermögen, Ursache zu sein» entdecken wird, welches das Sein mit dem Tun verknüpft.Daß der Mensch gewisse Fähigkeiten wie Vorherwissen oder Telepathie besitzt, scheint festzustehen. Es gibt hierfür genügend überprüfbare Belege. Bisher jedoch hat man diese Tatsachen immer als angebliche Beweise für die «Realität der Seele» oder die «Geister der Toten» hingestellt. Es ist indessen absurd, das Außergewöhnliche als eine Manifestation des Unwahrscheinlichen anzusehen. Wir haben deshalb in unserer Arbeit darauf verzichtet, irgendwelche okkulten oder magischen Begriffe zu Hilfe zu nehmen, womit nicht gesagt sein soll, daß man sämtliche Tatsachen und Schriften, die dieses Gebiet betreffen, außer acht lassen sollte. In dieser Hinsicht machen wir die für seine Zeit so neue, ehrenhafte und gescheite Einstellung Francis Bacons zu der unseren:«Man muß in diesen Dingen vorsichtig sein, denn es geschieht dem Menschen leicht, daß er sich irrt, und wir befinden uns hier vor zwei Arten von Irrtümern: die einen leugnen alles, was außerordentlich ist, und die anderen lassen die Vernunft beiseite und verfallen der Magie. Darum muß man sich vor den vielen Büchern hüten, die Verse, Chiffren, Gebete, Beschwörungen und Opferbeschreibungen enthalten — denn das sind Bücher der puren Magie — und ebenso vor der Unzahl jener anderen Bücher, in denen weder die Macht der Kunst noch die der Natur beschrieben wird, sondern nur die Erfindungen der Schwarzkünstler. Andererseits muß man bedenken, daß sich unter den Büchern, die als magische Bücher angesehen werden, einige befinden, die dies ganz und gar nicht sind, sondern Geheimnisse der Weisen enthalten ... Sollte einer in diesen Arbeiten irgendeine Wirkung der Natur oder der Kunst entdecken, so möge er sich daran halten...»Der einzige Fortschritt in der Psychologie war bisher der Entschluß, die Tiefe unseres Inneren, die sogenannten unterbewußten Zonen, zu erforschen. Wir meinen nun, daß es hier auch Höhen zu erforschen gibt, eine überbewußte Zone. Oder richtiger gesagt, unsere Forschungen und Überlegungen haben uns zu der Annahme gebracht, daß unser Gehirn mit einer Ausrüstung versehen wurde, die zum größten Teil ungenutzt blieb. Im normalen Wachzustand des Bewußtseins ist ein Zehntel des Kortex in Tätigkeit. Was geht in den anderen, scheinbar schweigenden neun Zehnteln vor? Und sollte es nicht auch einen Zustand geben, in dem sich die Gesamtheit in einer organisierten Tätigkeit befinden könnte? Alle Tatsachen, die wir jetzt berichten und untersuchen wollen, lassen sich mit einer Aktivierungserscheinung sonst untätiger Zonen in Verbindung bringen. Es existiert jedoch keine Richtung der Psychologie, die sich diesem Phänomen zugewendet hätte. Zweifellos wird man die weitere Entwicklung der Neurophysiologie abwarten müssen, bevor eine «Höhenpsychologie» entstehen kann. Wir möchten hier nicht irgendwelchen Resultaten vorgreifen, aber doch schon vor dem Entstehen einer solchen neuen Wissenschaft die Aufmerksamkeit unseres Lesers auf dieses Gebiet lenken. Es kann sein, daß seine Erforschung sich als ebenso wichtig erweisen wird wie die Eroberung des Atoms und des Raums.Das ganze Interesse war bisher auf das gerichtet, was sich unterhalb des Bewußtseins befindet. Was das Bewußtsein selbst betrifft, so erscheint es in der modernen Forschung immer wieder als ein Phänomen, dessen Herkunft sich aus tieferen Zonen herleiten läßt:aus dem Sexus bei Freud, aus den bedingten Reflexen bei Pawlow usw. Darum trifft auf die gesamte psychologische Literatur, zum Beispiel auf den modernen Roman, die Definition Chestertons zu: «Leute, die, wenn sie von der See sprechen, nur von der Seekrankheit reden.» Aber Chesterton dachte katholisch: er setzte das Vorhandensein von Bewußtseinshöhen voraus, weil er als Prämisse die Existenz Gottes anerkannte. Die Psychologie hingegen mußte sich von den Thesen der Theologie ebenso wie von den Postulaten der anderen 'Wissenschaften befreien. Wir meinen nur, daß diese Befreiung noch nicht vollständig genug ist, daß es auch eine Befreiung nach oben hin geben muß und daß diese durch eine methodische Erforschung der Phänomene erreicht werden kann, die unser Bewußtsein übersteigen, durch das Studium des Intellekts, der in einer höheren Schwingung vibriert.Das Lichtspektrum bietet sich uns folgendermaßen dar: links die breite Zone der Hertzschen und der infraroten Wellen, in der Mitte der schmale Streifen des sichtbaren Lichts und rechts wiederum ein unermeßlich breiter Fächer: Ultraviolett, Röntgenstrahlen, Gammastrahlen und das Unbekannte.

Und wenn nun das Spektrum der Intelligenz, des menschlichen Lichtes, diesem Spektrum vergleichbar wäre? Links die Infra-Zone des Unterbewußten, in der Mitte das schmale Stück des Bewußtseins und rechts der unendlich breite Streifen des Überbewußten. Die Forschungen haben sich bisher nur auf das Bewußtsein und das Unterbewußtsein erstreckt. Das weite Gebiet des Überbewußtseins scheint das Forschungsfeld von Mystikern und Magiern geblieben zu sein, und ihre Ergebnisse sind geheime Untersuchungen und schwer entzifferbare Zeugnisse. Die Geringfügigkeit der Ausbeute bewirkt, daß man gewisse unleugbare Fakten, wie die Intuition und das Genie, die den ersten Bezirken des rechten Streifens angehören, durch die Phänomene des Unterbewußtseins erklärt, die dem linken Streifen zugeordnet sind. Das, was wir vom Unterbewußtsein wissen, dient uns zur Erklärung des wenigen, was wir vom Überbewußtsein ahnen, Nun läßt sich aber die rechte Seite des Lichtspektrums nicht durch seine linke erklären, die Gammastrahlennicht durch die Hertzschen Wellen: sie haben nicht die gleichen Eigenschaften. Wenn darum ein Zustand oberhalb des Bewußtseins existiert, müssen hier auch völlig andere Eigenschaften des Geistes angenommen werden. Also muß man nach Methoden suchen, dievon den in der Psychologie des Unterbewußtseins angewandten abweichen.

 

4 EINE WIEDERENTDECKUNG DES MAGISCHEN GEISTES

Das grüne Auge des VatikansEine andere IntelligenzDer Analogierechner im Gehirn des MenschenDie Geschichte von der «relavote» Die Natur spielt vielleicht ein doppeltes SpielDie Kurbel der Super-MaschineNeue Kathedralen, ein neues ArgotDie letzte PforteDie Existenz als InstrumentNeue und vernunftgemäße Betrachtungen über die SymboleNicht in allem ist alles

Bei dem Versuch, gewisse Manuskripte, die man am Ufer des Schwarzen Meeres gefunden hatte, zu entziffern, versagte die Kunst der besten Linguisten der Welt. Hierauf stellte man eine Maschine, einen Elektronenrechner, im Vatikan auf und legte ihr eine fürchterliche Krakelei vor, Bruchstücke eines uralten Pergaments, das kreuz und quer mit den Resten unentzifferbarer Zeichen bedeckt war. Die Maschine mußte eine Arbeit vollbringen, zu deren Bewältigung Hunderte von menschlichen Gehirnen in Hunderten von Jahren nicht imstande gewesen wären: sie mußte die Schriftzüge vergleichen, sämtliche möglichen Serien ähnlicher Schriftzüge neu schaffen, unter allen möglichen Wahrscheinlichkeiten eine Wahl treffen, aus allen vorstellbaren Vergleichsmöglichkeiten ein Gesetz der Ähnlichkeit ableiten, dann, nachdem die unendliche Liste der Kombinationen erschöpft war, auf Grund der einzig annehmbaren Ähnlichkeits-Serie ein Alphabet konstruieren, eine Sprache wiedererschaffen, Fehlendes ergänzen und das Ganze auch noch übersetzen. Die Maschine ließ das reglose und kalte Lava-Licht ihres grünen Auges aufschimmern, begann zu knistern und zu knattern, unzählige rasche Wellen durchliefen ihr Elektronengehirn, und endlich ließ sie aus diesem Wirrwarr von Abfällen eine Botschaft aufsteigen, befreite das Wort der alten, begrabenen Welt. Die Schatten der Buchstaben auf dem verstaubten Pergamentfetzen belebten sich, verbanden und befruchteten sich von neuem, und aus diesem entstellten Leichnam der Worte erhob sich eine verheißungsvolle Stimme: «Und in dieser Wüste werden wir uns einen Weg zu unserem Gott bahnen.»Man kennt den Unterschied zwischen der einfachen Arithmetik und den mathematischen Wissenschaften. Der mathematische Gedanke hat seit Evariste Galois eine Welt entdeckt, die dem Menschen fremd ist, die der menschlichen Erfahrung, dem Universum, so wie das normale menschliche Bewußtsein es versteht, nicht entspricht. Unsere Logik, die binär reagiert, also nur Ja oder Nein umfaßt, wird durch eine Super-Logik ersetzt, die sowohl Ja wie Nein kennt. Diese Super-Logik gehört nicht in den Bereich des Vernunftdenkens, sondern in den der Intuition. Und in diesem Sinne kann man behaupten, daß die Intuition, also eine «wilde» Fähigkeit, eine «ungewöhnliche» Kraft des Geistes, «jetzt in weiten Kreisen der Mathematiker regiert51».Wie funktioniert das Gehirn des Menschen normalerweise? Es funktioniert wie eine arithmetische, eine binäre Maschine: ja—nein, einverstanden—nicht einverstanden, richtig—falsch, ich liebe—ich liebe nicht, gut—schlecht. Als binäre Maschine ist unser Gehirn unschlagbar. Hochbegabte Rechner haben sogar die Elektronenmaschinen übertroffen.Was ist ein arithmetischer Elektronenrechner? Es ist eine Maschine, die mit außerordentlicher Schnelligkeit einteilt, annimmt oder ablehnt und die verschiedenen Faktoren zu Serien ordnet. Kurzum, es ist eine Maschine, die Ordnung in der Welt schafft. Sie ahmt die Tätigkeit unseres Gehirns nach. Der Mensch klassifiziert. Dieses ordnende Prinzip entspricht seiner Natur. Alle Wissenschaften gründen sich auf diesem Bestreben nach Einteilung.Nun gibt es aber auch Elektronenrechner, die nicht nur arithmetisch, sondern auch analogisch funktionieren. Ein Beispiel: Will man einen Staudamm konstruieren und alle Bedingungen des Widerstands untersuchen, so stellt man zunächst ein Modell dieses Damms her. Auf dieses Modell überträgt man alle bekannten Beobachtungen. Dann wird die Gesamtheit dieser Beobachtungen der Maschine anvertraut. Diese koordiniert und vergleicht mit übermenschlicher Geschwindigkeit, stellt zwischen diesen tausend Details sämtliche möglichen Verbindungen her und sagt dann: «Wenn der dritte Pfeiler von rechts nicht stärker abgestützt wird, muß er im Jahre 1984 zusammenbrechen.»Der Analogierechner hat sein unfehlbares Auge auf die Gesamtheit der Reaktionen des Staudamms gerichtet, dann hat er alle Aspekte seiner Existenz betrachtet, hat sich selbst diese Existenz zu eigen gemacht und alle Gesetze daraus abgeleitet. Er hat die Gegenwart in ihrer Totalität gesehen, hat mit einer Geschwindigkeit, die die Zeit zusammenschrumpfen läßt, alle nur möglichen Beziehungen zwischen den einzelnen Faktoren hergestellt und so gleichzeitig auch die Zukunft erfassen können. Kurz, er hat den Schritt vom Wissen zum Erkennen getan.Wir sind nun der Ansicht, daß auch das Gehirn des Menschen in gewissen Fällen wie ein Analogierechner arbeiten kann. Es könnte also:

1. alle einen Gegenstand betreffenden Beobachtungen zusammenstellen,

2. eine Liste der Beziehungen zwischen den vielfältigen Aspekten dieses Gegenstands entwerfen,

3. gewissermaßen der Gegenstand selbst werden, sich sein Wesenzu eigen machen und sein gesamtes Schicksal entdecke.

All dies selbstverständlich mit einer Elektronengeschwindigkeit, wobei Zehntausende von Verknüpfungen in einer fast atomisierten Zeit hergestellt werden. Diese ans Wunderbare grenzende Reihe präziser mathematischer Operationen ist es, die wir zuweilen, wenn der Mechanismus zufällig ausgelöst wird, als Erleuchtung bezeichnen.Wenn das Gehirn nun wie ein Analogierechner funktionieren kann, so ist es auch imstande, seine Schlüsse nicht vom Gegenstand selbst, sondern von einem Modell abzuleiten. Nicht von Gott selbst, sondern von einem Idol. Nicht von der Ewigkeit, sondern von einer Stunde. Nicht von der ganzen Erde, sondern von einem Sandkorn. Es muß also angesichts eines Sinnbilds, das die Rolle des Modells spielt, mit einer Geschwindigkeit, die das schnellste binäre Denken übertrifft, alle Zusammenhänge erkennen.Wenn das möglich ist, wenn Einordnung, Vergleich und Ableitung sich mit einer ins Unwahrscheinliche gesteigerten Geschwindigkeit vollziehen können, wenn unser Geist sich in bestimmten Fällen so verhält wie das Elementarteilchen im Zyklotron, so haben wir damit die Erklärung für alle Magie gefunden. Dann verstehen wir, wie der Maya-Priester, der mit bloßem Auge einen Stern betrachtet, auf Grund dieser Beobachtung in seinem Gehirn die Gesamtheit des Sonnensystems rekonstruieren und ohne Zuhilfenahme eines Teleskops die Planeten Uranus und Pluto entdecken kann (wie es gewisse Basreliefs anscheinend bezeugen). Der Alchimist warin der Lage, von einem Phänomen in seinem Schmelztiegel ausgehend, sich eine exakte Vorstellung vom Bau des kompliziertesten Atoms zu machen und das Geheimnis der Materie zu entschlüsseln. Wir haben damit die Erklärung für die Formel in der Hand, nach der «das, was oben ist, dem gleicht, was unten ist». Und wenn wir uns auf das Gebiet der einfachsten nachahmenden Magie begeben, so verstehen wir auch, wie der Zauberer des Cro-Magnon, der in seiner Höhle das rituelle Abbild des Bisons anstarrte, sämtliche Gesetze der Bison-Welt begreifen und seinem Stamm Ort und Zeit angeben konnte, die für die nächste Bisonjagd günstig sein würden.Die Techniker der Kybernetik haben Elektronen-Maschinen konstruiert, die zunächst arithmetisch und dann analogisch funktionieren. Diese Maschinen dienen vor allem zur Entzifferung chiffrierter Texte. Die Gelehrten aber sträuben sich gegen die Vorstellung, daß der Mensch das, was er erschafft, auch selbst sein kann. Sonderbare Bescheidenheit!Wir wollen folgende Hypothese aufstellen: Der Mensch verfügt über einen Apparat, der jeder technisch konstruierbaren Maschine gleichkommt oder sie sogar übertrifft und der imstande ist, das Ergebnis zu erzielen, das auch die Technik anstrebt, nämlich die universellen Kräfte zu verstehen und selbst zu lenken. Warum sollte er nicht in den Tiefen seines Gehirns eine Art Analogierechner haben?Wir haben eine Post: die Hormonsekrete begeben sich an tausend Stellen unseres Körpers, um hier gewisse Reizwirkungen auszulösen.Wir haben ein Telephon: unser Nervensystem. Man zwickt mich, ich schreie auf; ich schäme mich und erröte usw.Warum sollten wir nicht auch ein Radiogerät haben? Vielleicht schickt unser Gehirn Wellen aus, die sich mit großer Schnelligkeit fortpflanzen. In diesem Fall würden wir über ein unbekanntes Verbindungssystem verfügen. Es ist vorstellbar, daß unser Gehirn pausenlos solche Wellen ausschickt, daß aber die Aufnahmegeräte nicht angestellt sind oder doch nur bei seltenen Anlässen funktionieren, so wie ein defektes Radiogerät, das manchmal, wenn man es anstößt, für einen Augenblick zu tönen beginnt.

Ich war sieben Jahre alt und stand in der Küche neben meiner Mutter, die das Geschirr abwusch. Meine Mutter ergriff eine «lavette», einen Spüllappen, um das Fett von den Tellern zu entfernen, und sie dachte im selben Augenblick daran, daß ihre Freundin Raymonde diesen Lappen eine «relavote» zu nennen pflegte. Ich schwatzte irgend etwas; in jener Sekunde aber sagte ich plötzlich:«Raymonde nennt das eine <relavote>.» Dann fuhr ich in meinem Gebrabbel fort. Ich würde nichts mehr von diesem Erlebnis wissen, wenn meine Mutter mich nicht oft daran erinnert hätte. Sie war damals fast erschrocken, so als hätte sie an ein großes Geheimnis gerührt.Ich bin mir klar darüber, was man von Zufällen zu halten hat, selbst von jenen besonderen, die C. G. Jung als «sinnvolle Koinzidenzen» bezeichnet, aber andererseits habe ich mit einem sehr vertrauten Freund oder einer leidenschaftlich geliebten Frau schon mehrere analoge Erlebnisse gehabt und bin darum der Ansicht, daß man in solchen Fällen doch den Begriff der Koinzidenz einmal beiseitelassen und sich an eine magische Interpretation wagen sollte. Man muß sich nur zunächst über die Bedeutung des Wortes «magisch» einig werden.Was hatte sich damals, als ich sieben Jahre alt war, in jener Küche ereignet? Ich glaube, mir selbst unbewußt (und auf Grund eines unmerklichen Anstoßes, einer unendlich feinen Schwingung, vergleichbar dem leichten Luftzug, der einen seit langem im labilen Gleichgewicht verharrenden Gegenstand zum Umfallen bringt, eines rein zufälligen, ganz unauffälligen Erzitterns) hatte sich eine Maschine in mir, die durch tausend und aber tausend Aufwallungen der Liebe, jener einfachen, heftigen, ausschließlichen Kinderliebe, ungeheuer empfindlich geworden war, urplötzlich in Bewegung gesetzt. Diese nagelneue und funktionsbereite Maschine, die in der Schweigezone meines Gehirns, in der kybernetischen Fabrik des Dornröschenschlosses stand, hat meine Mutter angeblickt. Sie hat sie gesehen, hat sämtliche Aspekte ihres Denkens, ihres Herzens, ihrer Stimmungen und ihrer Gefühle zusammengefaßt; sie hat sich in meine Mutter selbst verwandelt und ihr ganzes Wesen und ihr Schicksal bis zu jenem Augenblick erfaßt. Sie hat schneller als mit Lichtgeschwindigkeit alle Assoziationen von Gefühlen und Gedanken, die durch meine Mutter seit ihrer Geburt hindurchgegangen waren, gesichtet und eingeordnet, bis sie schließlich zur letzten Assoziation, «lavette»-Raymonde-«relavote», gelangte. Und dann verkündete ich das Ergebnis dieser Maschinenarbeit, die sich mit einer so irrwitzigen Schnelligkeit vollzogen hatte, daß ihr Resultat mich durchdrang, ohne eine Spur zu hinterlassen, genau wie die kosmischen Strahlen uns durchdringen, ohne daß wir etwas davon spüren. Ich sagte: «Raymonde nennt das eine <relavote>.» Dann kam die Maschine zum Stillstand, oder vielleicht hörte ich auch auf, ihre Botschaft zu empfangen, nachdem es mir für eine Milliardstel Sekunde gelungen war, und ich fuhr in dem Satz fort, den ich zuvor begonnen hatte.Ich sollte unter anderen Umständen noch mehr derartige «Koinzidenzen» erleben, und ich meine, daß es möglich ist, sie ebenso zu interpretieren. Es kann sein, daß diese Maschine ständig in Betrieb ist, daß wir aber nur gelegentlich empfangsbereit sind. Und schon diese Empfangsbereitschaft selbst ist sehr selten. Bei einigen Menschen ist sie zweifellos überhaupt nicht vorhanden. Auch hier gibt es «Menschen, die Glück haben» und solche, die keines haben.So kommen wir allmählich zu der Einsicht, daß die magische Auffassung von der Beziehung des Menschen zum «Anderswo», zu den Dingen, zum Raum, zur Zeit durchaus nicht im Widerspruch steht zu einer freien und lebendigen Betrachtung der Technik und der modernen Wissenschaft. Eben ihre Modernität ist es, die uns gestattet, an die Mitwirkung des Magischen zu glauben. Die Elektronenrechner sind es, die uns veranlassen, den Zauberer des Cro-Magnon und den Maya-Priester ernst zu nehmen. Wenn in der Schweigezone des Gehirns superschnelle Verbindungen hergestellt werden und wenn unter gewissen Umständen das Ergebnis dieser Arbeit vom Bewußtsein aufgenommen wird, muß man bestimmte Praktiken der nachahmenden Magie, bestimmte prophetische Offenbarungen, bestimmte poetische oder mystische Erleuchtungen, bestimmte Wahrsagungen, die wir gewöhnlich dem Wahnsinn oder dem Zufall zuschreiben, als reale Erfahrungen des im echten Wachzustand befindlichen Geistes ansehen.Im übrigen wissen wir schon seit mehreren Jahren, daß die Natur nicht «vernünftig» ist.

Sie paßt sich nicht der üblichen Verhaltensweise unseres Intellekts an. Für den Teil unseres Gehirns, der normalerweise tätig ist, gibt es nur ein binäres Denken. Hier weiß, dort schwarz. Hier ja, dort nein. Hier beständig, dort unbeständig.Die Maschine, die unser Verstehen regelt, ist eine arithmetische Maschine. Sie sortiert, sie vergleicht. Der ganze Discours de la methode beruht auf dieser Tatsache. Und ebenso die ganze chinesische Philosophie des Yin und des Yang (und das I Ging, das «Buch der Wandlungen», das einzige Orakelbuch, dessen Regeln die Antike uns überliefert, ist aus graphischen Figuren zusammengesetzt: drei fortlaufenden und drei unterbrochenen Linien, die in jeder möglichen Weise kombiniert sind).

Einstein sagte am Ende seines Lebens: «Ich frage mich, ob die Natur nicht immer dasselbe Spiel spielt.» Ich habe tatsächlich den Eindruck, als entziehe die Natur sich der binären Maschine, die unser Gehirn in seiner normalen Tätigkeit darstellt. Seit Louis de Broglie sind wir gezwungen anzunehmen, daß das Licht gleichzeitig stetig und unterbrochen, gleichzeitig Welle und Teilchen ist. Aber keinem menschlichen Gehirn ist die Darstellung eines solchen Phänomens, das Verständnis von innen her, die wirkliche Erkenntnis gelungen.

Nehmen wir jetzt einmal an, daß, ausgehend von einem Modell des Lichts (die gesamte religiöse Literatur und Ikonographie sind überreich an solchen Darstellungen des Lichts), das Gehirn in einer blitzartigen ekstatischen Erleuchtung vom arithmetischen zum analogischen Zustand übergeht. Es wird selber zum Licht. Es sieht die unbegreifbare Erscheinung. Es wird mit ihr geboren. Es kennt sie. Es gelangt dorthin, wohin die hohe Intelligenz eines de Broglie nicht gelangen konnte. Dann aber fällt es zurück: der Kontakt mit den gewaltigen Maschinen, die in dem großen Geheimbereich des Gehirns arbeiten, ist unterbrochen. Seine Erinnerung vermittelt ihm nur Bruchstücke der Erkenntnis, die es soeben erlangt hatte. Und die Sprache scheitert bei dem Versuch, selbst diese Fragmente zu übersetzen. Vielleicht haben einige Mystiker so die Erscheinungen der Natur geschaut, die unser moderner Intellekt entdecken und erahnen, aber sich nicht zu eigen machen konnte.«Und da fragte ich, der Schreiber, wie oder was sie sah und ob sie etwas Körperliches sah. Sie antwortete: Ichsehe eine Fülle, eine Helle, aus der mir eine Vollkommenheit zuteil wird, die ich nicht auszusprechen weiß und der ich nichts an die Seite stellen könnte...»Das ist ein außerordentlich bezeichnender Abschnitt der Bekenntnisse, die Angela di Foligno ihrem Beichtvater diktierte.Der Elektronenrechner, der auf das mathematische Modell eines Staudamms oder eines Flugzeugs angesetzt ist, funktioniert analogisch. Bis zu einem gewissen Grade wird er selbst zu diesem Staudamm oder diesem Flugzeug und entdeckt die Gesamtheit der Aspekte ihrer Existenz. Wenn unser Gehirn ebenso arbeiten kann *, so beginnen wir zu verstehen, warum der Zauberer sich ein Bild des Feindes formt, den er treffen will, oder den Bison aufzeichnet, dessen Spur er entdecken möchte. Er wartet vor diesen Modellen ab, bis sein Geist vom binären zum analogischen Stadium, vom gewöhnlichen Bewußtseinszustand zu einem höheren Wachzustand übergegangen ist. Er wartet darauf, daß die Maschine analogisch zu arbeiten beginnt und daß in der Schweigezone seines Gehirns jene überschnellen Verbindungen zustande kommen, die ihm die totale Realität des dargestellten Gegenstands vermitteln. Er wartet, aber er verhält sich nicht passiv. Was tut er? Er hat entsprechend den alten Weisungen, den Überlieferungen, die vielleicht nur das Ergebnis vieler tastender Versuche sind, Ort und Stunde gewählt. Diese Stunde einer bestimmten Nacht zum Beispiel ist günstiger als eine andere Stunde jener anderen Nacht — vielleicht wegen des Standes der Gestirne, wegen der kosmischen Strahlung, wegen der Anordnung der Magnetfelder. Der Zauberer nimmt eine bestimmte, genau festgelegte Haltung ein. Er vollführt bestimmte Gesten, Tanzfiguren, er murmelt bestimmte Wörter, stößt bestimmte Töne aus, einen bestimmten Pfiff. Man ist bisher noch nicht auf den Gedanken gekommen, daß es sich hier um erste tastende Versuche handeln könnte, die in der Schweigezone unseres Gehirns stehenden ultra-schnellen Maschinen in Bewegung zu setzen.

Die Riten sind vielleicht nur eine etwas komplizierte Zusammenstellung rhythmischer Vorkehrungen, durch die die höheren Funktionen des Geistes zur Tätigkeit angeregt werden. Irgendwelche mehr oder weniger wirksame Umdrehungen der Kurbel. Wir haben allen Grund anzunehmen, daß das In-Betrieb-Setzen dieser höheren Funktionen tausendmal kompliziertere und schwierigere

* Wohlgemerkt, unser Vergleich mit dem Elektronenrechner ist nicht in jeder Hinsicht stichhaltig, wie jeder Vergleich, ist auch er nur ein Ausgangspunkt und selbst das Modell eines Gedankens.

Maßnahmen erfordert, als sie beim Übergang vom Schlafzustand in den normalen Wachzustand nötig sind.Seit den Veröffentlichungen von Karl von Frisch weiß man, daß die Bienen eine Sprache haben: sie zeichnen bei ihrem «Tanz» außer-ordentlich komplizierte mathematische Figuren in die Luft und übermitteln sich dadurch für den Bestand des Bienenstockes wichtige Nachrichten. Man darf wohl annehmen, daß der Mensch, wenn er eine Verbindung mit seinen höchsten Kräften aufnehmen will, eine Reihe von Impulsen auslösen muß, die mindestens ebenso kompliziert, ebenso scharf berechnet und ebenso sonderbar sind wie diejenigen, die seine gewöhnlichen geistigen Handlungen bestimmen.Die Gebete und Riten vor den Götzenbildern, vor den symbolischen Figuren der Religionen, wären demnach Versuche, bestimmter magnetischer, kosmischer, rhythmischer oder anderer Energien habhaft zu werden und sie zu lenken, um auf diese Weise jenes analogische Denken auszulösen, das dem Menschen erlaubt, die dargestellte Gottheit wahrhaft zu erkennen.Wenn dies so ist, wenn es Techniken gibt, mit deren Hilfe man vom Gehirn einen Ertrag erlangen kann, der weit über den Ergebnissen selbst des größten binären Geistes steht, und wenn bisher nur die Okkultisten sich um die Auffindung dieser Techniken bemüht haben, versteht man auch, warum die meisten wichtigenEntdeckungen auf praktischem wie auf wissenschaftlichem Gebiet :vor dem 19. Jahrhundert von ihnen gemacht wurden. Unsere Sprache leitet sich ebenso wie unser Gedanke von dem arithmetischen, binären Funktionieren unseres Gehirns ab. Wir teilen in Ja und Nein, in positiv und negativ ein, wir stellen Vergleiche auf und ziehen Schlüsse. Wenn die Sprache uns dazu dient, Ordnung in unsere Gedanken zu bringen, die selbst wiederum ganz in der Arbeit des Einordnens befangen sind, so ergibt sich schon aus;dieser Tatsache, daß sie — die Sprache — kein von außen kommen- des schöpferisches Element, kein göttliches Attribut ist. Sie fügt dem Gedanken keinen Gedanken hinzu. Wenn ich spreche oder schreibe, bremse ich die Maschine. Ich kann sie nur beschreiben, wenn ichihre Bewegungen unter der Zeitlupe betrachte. So drücke ich lediglich mein binäres Bewußtwerden von der Welt aus, und auch das kann ich nur dann, wenn dieses Bewußtwerden mit verminderter Geschwindigkeit vor sich geht. Meine Sprache gibt das verlangsamte Bild einer Welt wieder, das seinerseits an das binäre Denken gebunden ist. Diese Unzulänglichkeit der Sprache ist offensichtlich, und immer wieder haben Dichter und Schriftsteller darüber Klage geführt. Was aber sollen wir von der Unzulänglichkeit des binären Denkens selbst sagen? Die innere Existenz, das Wesen der Dinge, entgleitet ihm. Es kann entdecken, daß das Licht zugleich Welle und Teilchen ist, daß das Benzolmolekül zwischen seinen sechs Atomen doppelte Bindungen herstellt, die sich dennoch gegenseitig ausschließen. Es nimmt an, aber es kann nicht verstehen, es kann die Realität der Strukturen, die es untersucht, nicht seinem eigenen Rhythmus eingliedern. Um das zu erreichen, müßte es seinen Zustand ändern. Andere Maschinen als die üblichen müßten im Gehirn zu arbeiten beginnen, und das binäre Denken müßte durch ein analogisches Bewußtsein ersetzt werden, das selbst die Formen der beobachteten Strukturen annimmt und sich ihren unbegreiflichen Rhythmen angleicht. Zweifellos vollzieht sich dieser Akt in der wissenschaftlichen Intuition, in der dichterischen Erleuchtung, in der religiösen Ekstase und noch in anderen Fällen, von denen wir nichts wissen. Der Ruf nach dem erwachten Bewußtsein, also nach einem Zustand, der etwas anderes ist als der normale Wachzustand, ist das Leitmotiv aller alten Philosophien. Und er ist auch das Leitmotiv der größten modernen Physiker und Mathematiker, für die «Irgend etwas im menschlichen Bewußtsein vor sich gehen muß, damit es vom Wissen zum Erkennen gelangen kann».Es ist darum nicht überraschend, daß die Sprache, die ja nur von einem Bewußtwerden der Welt im normalen Wachzustand Zeugnis ablegen kann, dunkel und unverständlich wird, sobald es sich darum handelt, das Wesen der inneren Strukturen auszudrücken, gleichgültig ob es dabei um das Licht, die Ewigkeit, die Zeit, die Energie, die Seele des Menschen usw. geht. Indessen müssen wir hier zwei Arten der Dunkelheit unterscheiden.Die eine rührt daher, daß die Sprache das Instrument eines Geistes ist, der sich bemüht, diese Strukturen zu untersuchen, die er sich doch niemals zu eigen machen kann. Sie ist das Vehikel einer Natur, die vergebens gegen eine andere Natur anrennt. Bestenfalls kann sie das Zeugnis einer Unmöglichkeit übermitteln, das Echo eines Gefühls der Ohnmacht und des Verstoßenseins. Ihre Dunkelheit ist echt. Sie ist mit Recht nichts als Dunkelheit.Die andere kommt daher, daß der Mensch, der sich auszudrücken bemüht, gelegentlich in blitzartigen Erhellungen einen anderen Bewußtseinszustand kennengelernt hat. Er hat dann für einen Augenblick im innersten Wesen dieser Strukturen gelebt. Er hat sie erkannt. Das ist der Mystiker vom Typ des heiligen Johannes vom Kreuz, der erleuchtete Gelehrte vom Typ Einsteins oder der inspirierte Dichter vom Typ 'William Blakes, der entrückte Mathematiker vom Typ eines Galois. Wenn der «Sehende» dann in seinen früheren Zustand zurücksinkt, versagt er bei dem Versuch, sich mitzuteilen. Aber eben dadurch drückt er die positive Gewißheit aus, daß das Universum kontrollierbar und lenkbar wäre, wenn es dem Menschen gelänge, den normalen Wachzustand so innig wie möglich mit dem Zustand eines Super-Wachseins zu verquicken. Etwas sehr Eindrucksvolles taucht in seiner Sprache auf: die Umrisse eines höheren Instruments. Fulcanelli, der vom Mysterium der Kathedralen redet, und, Wiener, der von der Struktur der Zeit spricht, sind dunkel; aber hier ist die Dunkelheit keine eigentliche Dunkelheit: sie ist ein;Zeichen dafür, daß anderswo irgend etwas leuchtet.Zweifellos trägt nur die moderne mathematische Sprache gewisseErgebnissen des analogischen Denkens Rechnung. In der mathematischen Physik gibt es die Gebiete des «absoluten Anderswo» und es gibt «Entitäten vom Ausmaß Null»; man versucht also, in unfaßbaren und doch realen Welten Messungen vorzunehmen. Man kann sich fragen, warum die Dichter sich noch nicht an die Seite dieser Wissenschaft gestellt haben, um von hier aus den Gesang der phantastischen Realitäten zu vernehmen — es sei denn, sie haben es unterlassen, weil sie Angst hatten, die Tatsache kennen zu müssen, daß die magische Kunst außerhalb ihrer Arbeitszimmer lebt und gedeiht. Mittag-Leffler sagt über die Arbeiten von Abel *:«Es handelt sich hier um echte lyrische Gedichte von erhabener Schönheit; die Vollkommenheit der Form läßt die Größe desGedankens durchscheinen und überschüttet den Geist mit den Bildern einer Welt, die den banalen Erscheinungsformen des

* Niels Henrik Abel, genialer norwegischer Mathematiker, starb 1829 im Alter von 27 Jahren.

Lebens ferner stehen und unmittelbarer aus der Seele aufgestiegen scheinen als das schönste Werk des besten Dichters im üblichen Sinne des Wortes.»Diese mathematische Sprache, die von der Existenz einer Welt zeugt, welche sich dem normalen Bewußtseinszustand entzieht, ist als einzige aktiv und in ständigem Wachstum begriffen.Die «mathematischen Wesen», also die Ausdrücke und Zeichen, die das Leben und die Gesetze der unsichtbaren, der undenkbaren Welt symbolisieren, entwickeln sich und befruchten ihrerseits wieder andere «Wesen».

Genau besehen ist diese Sprache die wahrhaft lebendige Sprache, das echte «Argot» unserer Zeit.Wenn wir dem ursprünglichen Sinn des Worts «Argot» nachgehen, dem Sinn, den es im Mittelalter hatte, so finden wir ihn in der avantgardistischen Wissenschaft, in der mathematischen Physik, die, von nahem betrachtet, eine Sprengung des herkömmlichen Intellekts, eine neue Hellsichtigkeit bewirkt.Was ist die gotische Kunst, der wir unsere Kathedralen verdanken? Fulcanelli 52 schreibt:«Für uns ist die gotische Kunst, der <art gothique>, nur eine orthographische Entstellung des Worts argotique, entsprechend dem phonetischen Gesetz, das in allen Sprachen herrscht, ohne auf die Orthographie, die traditionelle Kabbala, Rücksicht zu nehmen.»Die Kathedrale ist also ein Werk des «art got» oder des Argot. Und was ist die Kathedrale von heute? Machen wir uns frei von nutzlosen Glaubenssymbolen der Vergangenheit, um uns dem Heute besser anpassen zu können! Suchen wir die moderne Kathedrale nicht in den von einem Kreuz überhöhten Monumenten aus Glas und Beton. Die Kathedrale des Mittelalters war das den Menschen von gestern geschenkte Mysterienbuch. Das Mysterienbuch von heute aber wird von den Physikern und Mathematikern geschrieben, und sie fügen «mathematische Wesen» wie Fensterrosen in ihre Konstruktionen, die interplanetarische Rakete, Atommeiler und Zyklotron heißen. Hier liegt die echte Kontinuität, hier verläuft der wahre Faden der Tradition.Die «Argotiers» des Mittelalters, geistige Söhne der Argonauten, die den Weg zum Garten der Hesperiden kannten, schrieben ihre hermetische Botschaft in den Stein. Unverständliche Zeichen für die Menschen, deren Bewußtsein keine Transmutationen durchgemacht hat, deren Denken nicht jene unerhörte Beschleunigung erfahren hat, dank der das Unbegreifliche real, fühlbar und.,, lenkbar wird. Die Erbauer der Kathedralen waren nicht geheimnisvoll aus Liebe zum Geheimnis, sondern einfach weil sie ihre, Entdeckungen der Gesetze der Energie, der Materie und des Geistes in einem anderen Bewußtseinszustand gemacht hatten, der nicht direkt mitteilbar war. Sie waren geheimnisvoll, weil «sein»'«anders sein» bedeutete.Das Argot unserer Tage, Erinnerung an ein hohes Beispiel, ist;durch die abschwächende Wirkung der Zeit zu einem Dialekt geworden, zu einer Sprache der Ungebärdigen, Freiheitsliebenden, Verfemten, der Nomaden, aller derer, die außerhalb der herkömmlichen Gesetze und Konventionen leben. Zur Sprache der «Voyous», mit anderen Worten der «Sehenden», jener, von den< uns wiederum Fulcanelli berichtet, daß sie sich im Mittelalter auch den Titel Söhne oder Kinder der Sonne anmaßten, da ja der «art got», die gotische Kunst, auch die Kunst des Lichts und des Geistes war.Die echte, unverfälschte Tradition jedoch finden wir wieder, wenn wir bemerken, daß dieser «art got», diese Kunst des Geist heute die der «mathematischen Wesen» ist, der Integralen Lebesques, der «Zahlen jenseits des Unendlichen» — die Kunst der Physiker und Mathematiker, die in ungewohnten Kurven, in «verbotenen Licht», in Donner und Blitz die Kathedralen unser zukünftigen Messen erbauen.Ein religiöser Leser mag diese Betrachtungen vielleicht anstößig finden. Sie sind es nicht. Wir glauben, daß die Möglichkeiten des menschlichen Gehirns unbegrenzt sind. In dieser Hinsicht stehen wir im Widerspruch zur offiziellen Psychologie und Wissenschaft, die «dem Menschen vertraut», sofern er nicht den von den Rationalisten des 19. Jahrhunderts gezogenen Rahmen überschreitet. Mit dem Geist der Religion hingegen sollte unsere Auffassung uns nicht in Widerspruch bringen, zumindest nicht mit dem, an ihm am reinsten und höchsten ist.Der Mensch kann zu den Geheimnissen vordringen, das Lichtsehen, die Ewigkeit sehen, sich in seiner inneren Haltung dem universalen Rhythmus anpassen, eine fühlbare, Erkenntnis vom letzten Zusammenströmen der Kräfte erlangen und, wie Teilhard de Chardin, das unbegreifbare Leben des Punktes Omega leben, an dem die gesamte Schöpfung am Ende der Erdenzeit angelangt sein wird, erfüllt, verzehrt und zugleich geläutert. Der Mensch kann alles. Sein Geist, der zweifellos von Anfang an mit unbegrenzter Erkenntnisfähigkeit begabt ist, kann unter gewissen Bedingungen die Gesamtheit der Lebensmechanismen erfassen. Und die bis ins letzte entfaltete Kraft des menschlichen Geistes kann sich vermutlich auf die Totalität des Universums erstrecken. Doch es gibt einen Punkt, an dem diese Kraft innehalten muß: den Punkt, an dem der Geist des Menschen am Ende seiher Mission angelangt ist und ahnt, daß es jenseits des Universums noch «etwas anderes» gibt. Hier hilft auch das analogische Bewußtsein nicht mehr weiter. Es bestehen im Universum keine Vorbilder für das, was sich jenseits des Universums findet. Diese unüberschreitbare Schwelle führt zum Reich Gottes. In diesem Sinn bekennen wir uns auch zu dem Ausdruck «das Reich Gottes».Weil er versucht hatte, über die Grenzen des Universums hinauszukommen, indem er sich eine Zahl vorstellte, die größer war als alles, was im Universum enthalten sein konnte, weil er versucht hatte, sich einen Begriff zu bilden, der mit dem Universum allein nicht erfüllt werden konnte, verfiel der geniale Mathematiker Cantor in Wahnsinn.

Es gibt eine letzte Pforte, welche der analogische Intellekt nicht öffnen kann. Wenige Texte kommen an metaphysischer Größe dem gleich, in welchem H. P. Lovecraft den Versuch unternimmt, das unausdenkbare Abenteuer des erwachten Menschen zu beschreiben, dem es gelungen ist, diese Pforte um einen Spaltbreit zu öffnen, und der in jenen Raum hineinschlüpfen möchte, in dem Gott jenseits der Unendlichkeit thront...53«Er wußte, daß es in Boston einen Randolph Carter gegeben hatte; trotzdem konnte er nicht genau feststellen, ob er das sei, dieses Fragment, diese Facette einer Einheit jenseits der Letzten Pforte, oder vielleicht ein anderer, der einmal dieser Randolph Carter gewesen war. Sein Ich war zerstört, und doch war ihm dank irgendeiner unbegreiflichen Fähigkeit bewußt,daß er eine ganze Legion von «Ichs» war — falls an diesem Ort, an dem, jeder Begriff einer individuellen Existenz abgeschafft war, überhaupt etwas so Einzelnes in irgendeiner Form überleben konnte. Es war, als habe sein Körper sich plötzlich in eins jener vielköpfigen Götzenbilder verwandelt, wie man sie in indischen Tempeln sieht. Mit unsinniger Anstrengung bemühte er sich angesichts dieses Konglomerats, seinen ursprünglichen Körper davon abzulösen — falls es überhaupt noch einen ursprünglichen Körper gab...Im Verlauf dieser erschreckenden Visionen wurde dieses Fragment von Randolph Carter, das die Letzte Pforte durchschritten hatte, vom Fußpunkt des Schreckens hinweggerissen, um in die Abgründe eines noch tieferen Entsetzens geschleudert zu werden. Doch diesmal kam das Entsetzen von innen: es war eine Kraft, eine Art Persönlichkeit, die ihm plötzlich gegenüberstand und ihn gleichzeitig umringte, die sich seiner bemächtigte und in seine eigene Gegenwart einging, die in allen Ewigkeiten lebte und an alle Räume grenzte. Man konnte zwar nicht von einer sichtbaren Manifestation sprechen, aber das 'Wahrnehmen dieser Einheit und die beängstigende Vermengung der Begriffe der Identität und der Unendlichkeit vermittelten ihm einen lähmenden Schrecken. Dieser Schrecken übertraf bei weitem jede ähnliche Empfindung, deren Möglichkeit die vielfachen Facetten Carters bisher auch nur erahnt hatten... Diese Einheit war alles in einem und eines in allem, ein zugleich unendliches und begrenztes Wesen, das nicht allein einem Kontinuum von Raum und Zeit angehörte, sondern ein Bestandteil des ewigen Mahlstroms der Lebenskräfte war, jenes letzten, grenzenlosen Mahlstroms, der ebenso jede mathematische Berechnung wie jede Phantasie übertrifft. Vielleicht war es jene Einheit, die gewisse Geheimkulte der Erde mit leiser Stimme beschwören , und die luftige Geister in nebelhaften Spiralen durch ein unübersetzbares Zeichen, ausdrücken... Und in einem Blitz, dessen Schein sich immer weiter verbreitete, erkannte das Fragment Carter die Oberflächlichkeit, die Unzulänglichkeit eben dessen — eben dessen, was er soeben empfunden hatte...»Wir wollen auf unser anfängliches Postulat zurückkommen. Wir;behaupten nicht, daß es in der großen Schweigezone des Gehirnseinen elektronischen Analogierechner gebe. Wir sagen: Da es arithmetische Maschinen und analogische Maschinen gibt, ist dann nicht auch jenseits der Aktivität unseres Intellekts im Normalzustand ein Funktionieren in einem höheren Zustand denkbar? Könnte unser Intellekt nicht über ähnliche Fähigkeiten verfügen wie der Analogierechner? Man darf unseren Vergleich nicht buchstäblich auffassen. Es handelt sich um einen Ausgangspunkt, eine Abschußrampe, um in noch wilde, kaum erforschte Gegenden des Geistes zu gelangen. Und es ist möglich, daß der Geist in jenen Regionen auf einmal zu funkeln beginnt und Licht auf Dinge wirft, die gewöhnlich im Universum verborgen sind. Wie bringt er es fertig, in diese Bezirke einzudringen, in denen sein eigenes Leben buchstäblich wunderbar wird? Wodurch wird die Zustandsänderung bewirkt? Wir behaupten nicht, daß wir es wüßten. Wir weisen nur darauf hin, daß es unter den magischen und religiösen Riten und in der umfangreichen alten und modernen Literatur, die sich mit besonderen Momenten und phantastischen Erlebnissen des Geistes befaßt, Tausende und aber Tausende bruchstückhafter Beschreibungen gibt, die man einmal sammeln und vergleichen sollte und aus denen sich vielleicht eine verlorene — oder auch eine zukünftige — Methode ableiten läßt.Es kann sein, daß der Geist manchmal zufällig die Grenze dieser unerforschten Regionen streift. Dann löst er für den Bruchteil einer Sekunde jene großen Maschinen aus, deren Geräusch er undeutlich vernimmt.

Zu diesen Fällen gehört mein Erlebnis mit der «relavote» ebenso wie alle sogenannten «parapsychologischen Phänomene», die uns so verwirren. Dazu gehören ferner jene außerordentlichen und seltenen blitzartigen Erleuchtungen, wie sie den meisten Menschen ein-, zwei- oder dreimal im Verlauf ihres Lebens, vor allem im Kindesalter, begegnen. Es bleibt nichts davon zurück, kaum daß sie sich später noch daran erinnern.Das Überschreiten dieser Grenze (oder, wie die alten Texte sagen: «das Eintreten in den Zustand des Wachseins») ist aber unendlich viel mehr als die eben geschilderten Augenblicke, und es scheint nicht vom Zufall abzuhängen. Höchstwahrscheinlich muß der Mensch hierzu eine enorme Anzahl innerer und äußerer Kräfte sammeln und koordinieren. Die Annahme, daß diese Kräfte zu seiner Verfügung stehen, ist keinesfalls abwegig. Wir haben nur noch nicht die richtige Methode entdeckt, sie anzuwenden. Bis vor kurzem kannten wir auch noch keine Methode, um die Kernenergie zu befreien. Nur wenn wir unsere ganze Existenz einsetzen, um dieser Kräfte habhaft zu werden, werden wir sie uns auch Untertan machen können. Die Asketen, die Heiligen, die Thaumaturgen, die Seher, die Dichter und die genialen Wissenschaftler, sie alle stimmen darin überein.

Und der moderne amerikanische Dichter William Temple schreibt: «Keine Offenbarung ist möglich, wenn nicht die ganze Existenz selbst ein Werkzeug der Offenbarung wird.»Nehmen wir unseren Vergleich wieder auf. Während des zweiten Weltkriegs wurde die «strategische Forschung» geboren. Damit die Notwendigkeit einer solchen Methode spürbar wurde, «mußten Probleme auftauchen, die sich dem normalen Verstand und der üblichen Erfahrung entzogen». Die Taktiker wandten sich darum an die Mathematiker:«Wenn eine Situation infolge der Kompliziertheit ihrer äußeren Struktur und ihrer sichtbaren Entwicklung mit den gewohnten Mitteln nicht mehr zu meistern ist, bittet man Wissenschaftler, diese Situation wie ein Naturphänomen ihre», Fachgebiets zu behandeln und eine entsprechende Theorie zu entwerfen. Aus einer Situation oder von einem Gegenstand eine Theorie ableiten heißt ein abstraktes Modell erfinden, dessen Eigenschaften die des betreffenden Gegenstandes nachahmen. Das Modell ist stets mathematischer Art. Mit seiner Hilfe werden konkrete Fragen in mathematische Eigenschaften übersetzt.»Es handelt sich um das «Modell» eines Gegenstands oder eine Situation, die zu neu oder zu kompliziert sind, um vom Intellekt vollständig erfaßt werden zu können.«Bei der grundsätzlichen strategischen Forschung bemüht man sich nun, einen Analogierechner so zu konstruieren, daß er das betreffende Modell bearbeitet. Wenn man nun die Regler tätigt, beginnt die Maschine zu funktionieren und liefert Antworten auf alle Fragen, im Hinblick auf die das Modell erdacht wurde.»Diese Definitionen sind einer technischen Zeitschrift entnommen 54. Für eine Sicht des «erwachten Menschen» und das Verständnis des «magischen» Geistes sind sie wichtiger als die meisten Werke der okkultistischen Literatur.

Wenn wir statt Modell Idol oder Symbol sagen und statt Analogierechner erleuchtete Gehirnarbeit oder Zustand einer Super-Klarsichtigkeit, stellt sich heraus, daß der geheimnisvollste Weg der menschlichen Erkenntnis — derjenige, den die Erben des positivistischen 19. Jahrhunderts ablehnen — ein Weg der Wahrheit und Größe ist. Und es ist die moderne Technik, die uns veranlaßt, ihn so zu betrachten.«Das Vorhandensein von Symbolen, rätselhaften Zeichen und mysteriösen Ausdrücken in den religiösen Traditionen, den Werken der Kunst, in Märchen und folkloristischen Gebräuchen beweist die Existenz einer im Orient wie im Okzident allgemein verbreiteten Sprache, deren überhistorische Bedeutung offenbar an der Wurzel unserer eigenen Existenz, unserer Erkenntnisse und unserer Werte zu suchen ist.» 55Was aber ist das Symbol, wenn nicht das abstrakte Modell einer Realität, einer Struktur, die der Geist des Menschen nicht völlig beherrschen kann, von der er sich jedoch eine «Theorie» konstruiert?«Das Symbol enthüllt gewisse Aspekte der Realität — und zwar die tiefsten — die sich jedem anderen Erkenntnismittel entziehen.» 56 So wie beim «Modell», das der Mathematiker auf Grund eines Gegenstands oder einer Situation entwirft, die sich nicht durch den normalen Verstand oder die übliche Erfahrung erfassen lassen, ahmen auch die Eigenschaften des Symbols die Eigenschaften des hier abstrakt dargestellten Gegenstandes nach, dessen eigentliches Wesen verborgen bleibt. Auch hier brauchten, wir so etwas wie einen Analogierechner, der das Modell bearbeitet, damit das Symbol die ihm innewohnende Realität enthüllt und alle die Fragen beantwortet, im Hinblick auf die es geschaffen wurde. Das Äquivalent dieser Maschine ist unserer Ansicht nach im Menschen vorhanden. Gewisse noch wenig bekannte geistige oder physische Praktiken können ihr Funktionieren auslösen. Alle asketischen, religiösen und magischen Handlungen scheinen auf dieses Ergebnis hinzuzielen, und zweifellos ist es auch der Inhalt jener immer wieder auftauchenden traditionellen Verheißung, die den Weisen «den Wachzustand» verspricht.So sind die Symbole also vielleicht die seit den Ursprüngen der denkenden Menschheit entworfenen abstrakten Modelle, durch die wir die innersten Strukturen des Universums erfühlen können. Aber Vorsicht! Die Symbole stellen nicht den Gegenstand oder das Phänomen selbst dar. Und ebenso falsch wäre es, anzunehmen, daß sie nichts sind als einfache Schemata. Auch bei der strategischen Forschung ist das «Modell» nicht das verkleinerte oder vereinfachte Modell einer bekannten Situation. Es ist ein möglicher Ausgangspunkt zur Erkenntnis derselben — und zwar ein Ausgangspunkt, der aus der Realität herausgenommen und in die mathematische Welt versetzt worden ist. Der nach diesem Modell konstruierte Analogierechner muß daraufhin gewissermaßen in einen elektronischen Trancezustand geraten, um praktisch verwertbare Antworten hervorzubringen. Darum sind alle Erklärungen von Symbolen, die uns von Okkultisten geliefert werden, l ohne Interesse. Sie behandeln die Symbole, als seien sie Schemata, die der Intellekt im Normalzustand erfassen kann — sie tun so, als könne man von diesen Schemata aus unmittelbar auf eine Realität schließen. In all den Jahrhunderten, in denen sie sich so an Deutungen des Andreaskreuzes, des Hakenkreuzes oder des Davidsterns versuchten, haben sie die Erkenntnis über die innersten Strukturen des Universums um keinen Schritt weitergebracht.Durch eine Eingebung seines ungewöhnlichen Intellekts gelangt Einstein dazu, die Beziehung Raum-Zeit zu erahnen (er erfaßt sie nicht vollständig, macht sie sich nicht zu eigen und meistert sie nicht). Um seine Entdeckung auf einer Stufe, auf der sie verständlich ausdrückbar ist, zu übermitteln und um sich selbst zu befähigen, die visionäre Höhe seiner eigenen Eingebung wieder zu erreichen, entwirft er das Zeichen ?, das Symbol des Triëders.Dieses Zeichen ist kein Schema der Realität. Es ist für den allgemeinen Gebrauch unverwendbar. Es ist ein «Steh auf und wandle!)» für alle physikalisch-mathematischen Erkenntnisse. Und doch kann auch diese in einem logisch begabten Hirn in Bewegung gesetzt Gesamtheit nicht genau das wiederfinden, was der Triëder beschwört, sie kann nicht in jene Welt eindringen, in der das durch dieses Zeichen ausgedrückte Gesetz regiert. Am Ende dieses Wegs jedoch wird man wissen, daß diese andere Welt existiert.Vielleicht sind alle Symbole ähnlicher Art. Die rückläufige Swastika oder das Hakenkreuz, dessen Ursprung sich in der fernsten Vergangenheit verliert, ist vielleicht das «Modell» für das Gesetz der Zerstörung. Möglicherweise entspricht bei jeder Zerstörung in der Materie oder im Geist die Bewegung der Kräfte diesem Modell, so wie die Raum-Zeit-Beziehung dem Triëder entspricht. In gleicher Weise ist die Spirale, wie der Mathematiker Eric Temple Bell meint, vielleicht das Modell der inneren Struktur jeder Entwicklung (der Energie, des Lebens, der Erkenntnis).Die Symbole, die Zeichen, sind vielleicht für geistige Maschinen erdachte Modelle — für Maschinen jedoch, die wir gegenwärtig noch nicht in Betrieb setzen können und die erst dann zu laufen beginnen, wenn unser Intellekt einen anderen Zustand erreicht hat.Vielleicht entwirft unser Intellekt im Normalzustand mit seinen feinsten Instrumenten gewisse Modelle, dank denen er sich, wenn er in einen höheren Zustand übergegangen ist, die letzte Realität der Dinge zu eigen machen kann. Wenn es Teilhard de Chardin gelingt, den Punkt Omega zu erfassen, entwirft er so ein Modell des letzten Punkts der Entwicklung. Damit er jedoch die Realität dieses Punktes fühlt, damit er eine so wenig vorstellbare Wirklichkeit in ihrer Tiefe erlebt, damit das Bewußtsein diese Realität aufnimmt und sich ganz zu eigen macht — damit es schließlich selbst zum Punkt Omega wird und alles erfaßt, was an einem solchen Punkt erfaßbar ist: den letzten Sinn des Erdenlebens, das kosmische Schicksal des vollendeten Geistes jenseits des Zeitenendes auf unserem Planeten — damit dieser Übergang von der Idee zur Erkenntnis vollzogen wird, muß eine andere Form des Intellekts ausgelöst werden. Sagen wir: ein analogischer Intellekt, sagen wir: die mystische Erleuchtung, sagen wir: der Zustand der absoluten Kontemplation.So sind die Idee der Ewigkeit, die Idee der Vollendung, die Idee Gottes vielleicht von uns geformte Modelle und dazu bestimmt, in einem anderen Bereich unseres Intellekts, in jener gewöhnlich in Schweigen getauchten Zone, die Antworten zu liefern, im Hinblick auf die wir diese Modelle erfunden haben.Wir sind also der Ansicht, daß die höchste, die leidenschaftlichste Tätigkeit des menschlichen Geistes darin besteht, «Modelle» zuerfinden, die für eine andere, weitgehend unbekannte und schwer auszulösende Tätigkeit des Geistes bestimmt sind. Und in diesem Sinne kann man sagen: Alles ist Symbol, alles ist Zeichen, alles ist Beschwörung einer anderen Realität.Von der Idee der Dreieinigkeit, der Idee der Vollendung, führt der Weg über das Kreuz, das Hakenkreuz, die Fensterrose, die Kathedrale, die Jungfrau Maria, die «mathematischen Wesen» und die Zahlen bis zur von Nadeln durchstochenen Statuette des Dorfmagiers. All das ist Modell, Skizze eines Gegenstands, der in einer anderen Welt existiert als in jener, aus der das Modell stammt. Aber diese Skizzen sind nicht austauschbar: das dem Elektronenrechner vorgelegte Modell des Staudamms ist mit dem Modell der Überschallrakete nicht zu vergleichen.

Nicht in allem ist alles. Die Spirale ist nicht im Kreuz. Das Bild des Bisons nicht in der Photographie, auf die das Medium sich konzentriert, der Punkt Omega des Paters Teilhard nicht in Dantes Hölle, der Menhir nicht in der Kathedrale, die Zahlen Cantors nicht in den Chiffren der Apokalypse. Wenn es auch von allem Modelle gibt, so sind diese Modelle doch nicht wie ein ineinanderpassender Satz von Tischchen, sie formen kein zerlegbares Ganzes, aus dem das Geheimnis des Universums abzulesen wäre.Wenn die wirksamsten Modelle, die man dem in einem höheren Wachzustand befindlichen Intellekt liefern kann, die Modelle ohne Dimension, also die Ideen, sind, muß man die Hoffnung aufgeben, in der Großen Pyramide oder im Hauptportal von Notre-Dame das Modell des Universums zu finden. Wenn es überhaupt ein Modell des ganzen Universums gibt, dann kann es nur im Gehirn des Menschen existieren, an der äußersten Spitze des feinsten aller Intellekte. Aber sollte das Universum wirklich nur auf den Menschen angewiesen sein? Wenn der Mensch eine Unendlichkeit ist, sollte das Universum dann nicht die Unendlichkeit sein und noch etwas anderes dazu?

 

5 DER ZUSTAND DES ERWACHTSEINS

Nach Art der Theologen, der Gelehrten, der Magier und der Kinder Unser Gruß an einen Mann, der Stöcke in die Speichen aller Räder steckt Der Konflikt zwischen Spiritualismus und Materialismus oder eine Frage der AllergieDie Sage vom TeeUnd wenn es sich nun um eine naturliche Fähigkeit handelt?Der Gedanke, der zu Fuß geht, und jener, der fliegtEin Zusatz zu den MenschenrechtenTräumereien über den erwachten MenschenWir ehrenwerten Barbaren

In einem ziemlich umfangreichen Band habe ich eine Gesellschaft von Intellektuellen beschrieben, die unter Anleitung des Thaumaturgen Gurdjew nach dem «Zustand des Erwachtseins» suchte. Ich bin noch heute der Ansicht, daß dies die vornehmste Aufgabe des Menschen ist. Gurdjew behauptete, daß der moderne Geist, der auf dem Misthaufen geboren sei, auch zum Misthaufen zurückkehren werde, und er lehrte seine Schüler, dieses Jahrhundert zu verachten. Gurdjew jedoch war ein alter Mann, der den modernen Geist mit dem verkrampften kartesianischen Denken des 19. Jahrhunderts verwechselte. Für den wahrhaft modernen Geist ist das kartesianische Denken nicht mehr das Allheilmittel; er ist der Ansicht, daß die Natur des Intellekts selbst neu überprüft werden muß. So kann also gerade die äußerste Modernität den Menschen zu nutzbringenden Überlegungen über die mögliche Existenz eines anderen Bewußtseinszustandes führen: über die mögliche Existenz eines erwachten Bewußtseins. In dieser Hinsicht reichen die Mathematiker und Physiker von heute den Mystikern von gestern die Hand. Gurdjews verächtliche Haltung (und ebenso die Rene Guénons, jenes anderen, jedoch rein theoretischen Verteidigers des Erwachtseins) ist nicht angebracht. Wäre Gurdjew wahrhaft erleuchtet gewesen, so hätte er sich nicht so irren können. Für einen Intellekt, der die dringende Notwendigkeit einer Transmutation verspürt, kann es gegenüber seiner Zeit keine Verachtung geben, sondern nur Liebe.Bis dahin war der Zustand des Erwachtseins nur in religiösen,esoterischen oder poetischen Begriffen beschworen worden. Gurdjews unbestreitbares Verdienst ist der Beweis, daß es eine Psychologie und eine Physiologie dieses Zustands geben kann. Aber er gebrauchte eine absichtlich dunkle Sprache und sperrte seine Schüler hinter die Mauern einer Einsiedelei. Wir hingegen wollen versuchen, uns weltlicher Mittel zu bedienen und wie Menschen zu sprechen, die der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts angehören. Selbstverständlich müssen wir bei einem solchen Gegenstand in den Augen der Spezialisten als Barbaren erscheinen. Nun, ein wenig sind wir es tatsächlich! Wir fühlen, wie in der Welt von heute eine neue Seele für ein neues Zeitalter der Erde geschmiedet wird. Unsere Methode, die mögliche Existenz eines Zustands des Erwachtseins zu ergründen, wird weder völlig religiös, noch völlig esoterisch oder poetisch, noch völlig wissenschaftlich sein. Sie wird etwas von allen diesen Gebieten an sich haben und sich doch nicht ganz mit ihnen vertragen. Und eben das ist die Renaissance:ein Strudel, in den, bunt durcheinandergemengt, die Methoden der Theologen, der Gelehrten, der Magier und der Kinder geworfen werden.

An einem Augustmorgen des Jahres 1957 drängten sich die Londoner Journalisten am Kai vor einem Postschiff, das nach Indien auslief. Ein Herr und eine Dame in den Fünfzigern, Leute von unauffälligem Äußeren, gingen an Bord. Es war der große Biologe J. B. S. Haldane, der in Begleitung seiner Frau England für immer verließ. «Ich habe genug von diesem Land und von einem Haufen Dinge in ihm», erklärte er ruhig. «Vor allem vom Amerikanismus, der über uns hereinbricht. Ich möchte nach neuen Ideen suchen und frei in einem neuen Land leben.» So begann eine neue Etappe in der Laufbahn eines der außergewöhnlichsten Menschen dieser Epoche. J. B. S. Haldane hatte Madrid mit dem Gewehr in der Hand gegen die Truppen Francos verteidigt. Er hatte der englischen kommunistischen Partei angehört und dann, nach der Affäre Lyssenko, seine Mitgliedskarte zerrissen. Und jetzt fuhr er nach Indien, um dort die Wahrheit zu suchen.Dreißig Jahre hindurch hatte sein schwarzer Humor beunruhigend gewirkt. Auf die Rundfrage einer Tageszeitung anläßlich des Jahrestags der Enthauptung König Karls, bei der alte Kontroversen wieder aufgeflammt waren, antwortete er: «Wenn Karl I.ein Geranium gewesen wäre, so hätten seine beiden Teile weitergelebt.» Nachdem er im Atheistenklub einen feurigen Vortrag gehalten hatte, erhielt er den Brief eines englischen Katholiken, in dem dieser ihm versicherte, daß «Seine Heiligkeit der Papst nicht einverstanden sei». Sofort paßte Haldane sich dieser respektvollen Formel an. In seinen Briefen redete er den Kriegsminister mit «Eure Grausamkeit» an, den Luftfahrtminister mit «Eure Schnelligkeit» und den Präsidenten der rationalistischen Liga mit «Eure Gottlosigkeit».An jenem Augustmorgen jedoch waren auch Haldanes «linke» Kollegen nicht sehr unglücklich über seine Abreise. Denn Haldane hatte zwar die marxistische Biologie verteidigt, dabei aber eine Erweiterung der wissenschaftlichen Forschungsgebiete und das Recht gefordert, auch jene Phänomene zu untersuchen, die dem rationalen Denken nicht konform sind. Mit ruhiger Unverfrorenheit hatte er erklärt: «Ich untersuche alles, was in der Physiko-Chemie wahrhaft außergewöhnlich ist, aber ich will auch die anderen Gebiete nicht vernachlässigen.»Seit langem hatte er darauf bestanden, daß die Wissenschaft sich systematisch mit dem Begriff des «mystischen Erwachens» befassen solle. Seit 1930 hatte er in seinen Werken The Inequality of Men und The Possible Worlds trotz seines Rufs als seriöser Wissenschaftler erklärt, daß das Universum zweifellos viel seltsamer sei, als man es sich vorstelle, und daß man die poetischen oder religiösen Zeugnisse über einen dem normalen Wachzustand überlegenen Bewußtseinszustand zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung machen müsse.Einem solchen Mann war es offenbar vom Schicksal bestimmt, sich eines Tages nach Indien einzuschiffen, und es wäre nicht erstaunlich, wenn seine künftigen Arbeiten Themen behandeln würden wie Elektro-Enzephalographie und Mystik oder Vierter Bewußtseinszustand und Metabolismus des Kohlendioxyds. Das ist durchaus denkbar bei einem Mann, unter dessen Schriften sich bereits eine Untersuchung über die Anwendungsmöglichkeiten des achtzehndimensionalen Raums auf die wesentlichen Probleme der Genetik befindet. In unserer Übergangsepoche kann es nur logisch erscheinen, daß dieser Mann sowohl seinen spiritualistischen Feinden wie seinen materialistischen Freunden wie ein Mensch vorkam, der Stöcke in die Speichen ihrer Räder steckte.

Genau wie Haldane müssen auch wir uns aus dem alten Streit zwischen Spiritualisten und Materialisten völlig heraushalten. Das ist die wahrhaft moderne Haltung. Wir dürfen auch nicht über diesem Streit stehen. Weder darüber noch darunter; denn er hat weder Bedeutung noch Sinn. Die Spiritualisten glauben an die Möglichkeit eines höheren Bewußtseinszustandes. Sie erblicken darin eine Eigenschaft der unsterblichen Seele. Die Materialisten stampfen mit den Füßen und schwingen das Banner Descartes sobald auch nur die Rede darauf kommt. Weder die einen noch die anderen bemühen sich, diese Frage einmal unvoreingenommen zu betrachten. Es muß jedoch noch eine andere Art geben, sich diesem Problem zu nähern. Und zwar eine realistische Art, in dem Sinne, wie wir diesen Begriff auffassen: im Sinne eines konsequenten Realismus, der auch die phantastischen Seiten der Realität in Rechnung setzt.Es ist übrigens denkbar, daß dieser alte Streit nur scheinbar philosophischen Charakter hat. Möglicherweise ist er nur ein Disput zwischen Menschen, die funktionell verschieden auf ein Naturphänomen reagieren. So etwas wie der ewige Zank zwischen Monsieur, der gern bei offenem Fenster schläft, und Madame, die Zugluft verabscheut. Vielleicht handelt es sich hier nur um den Zusammenprall zweier gegensätzlicher Menschentypen, und es ist nichts daran, das ein Licht auf verborgene Zusammenhänge werfen könnte.Wir möchten folgende Hypothese aufstellen:Der Übergang vom Schlaf zum Wachzustand bringt eine Anzahl von Veränderungen im Organismus mit sich. So verändert sich zum Beispiel die arterielle Spannung und ebenso die Reaktion der Nerven. Wenn, wie wir annehmen, noch ein anderer Zustand existiert, den wir den Zustand des Über-Wachseins nennen möchten, so muß der Übergang zu ihm ebenfalls von gewissen physiologischen Veränderungen begleitet sein.Wir wissen, daß für manche Menschen das Erwachen schmerzhaft oder doch zumindest äußerst unangenehm ist. Die moderne Medizin berücksichtigt diese Tatsache und unterscheidet nach ihrer Reaktion auf das Erwachen zwei Menschentypen.Wie sieht nun der Zustand des «Über-Bewußtseins», der Zustand eines wahrhaft erweckten Bewußtseins, aus? Die Menschen, die ihn erlebt haben, können uns nachträglich keine rechte Beschreibung davon geben. Die Sprache versagt bei dem Versuch, Rechenschaft zu erstatten. Wir wissen, daß es möglich ist, kraft einer Willensanstrengung diesen Zustand zu erreichen. Alle mystischen Übungen zielen auf dieses Ergebnis hin. Wir wissen auch, daß es, wie Vivekananda sagt, möglich ist, daß «ein Mensch, der in dieser Wissenschaft nicht erfahren ist (in der Wissenschaft der mystischen Exerzitien), zufällig in diesen Zustand gerät». Die poetische Literatur der ganzen Welt wimmelt von Berichten über derartige unverhoffte Erleuchtungen. Und wie viele Menschen, die weder Dichter noch Mystiker sind, haben wohl schon verspürt, daß sie im Bruchteil einer Sekunde diesen Zustand gestreift haben?Vergleichen wir diesen eigenartigen, außerordentlichen Zustand mit einem anderen, ähnlichen. Die Mediziner und die Psychologen haben damit begonnen, zu militärischen Zwecken Untersuchungen über das Befinden des Menschen im Zustand der Schwerelosigkeit vorzunehmen. Wenn ein bestimmter Grad der Beschleunigung überschritten ist, wird die Schwere aufgehoben. Der Mensch, der mit zunächst geschlossenem Fallschirm aus einem Versuchsflugzeug abspringt, schwebt dann einige Sekunden lang. Man hat festgestellt, daß einige Personen bei diesem Fall ein außerordentliches Glücksgefühl empfinden, andere hingegen ein Gefühl äußerster Beängstigung.Nun ist es auch möglich, daß der Übergang vom normalen Wachzustand in einen höheren (erleuchteten oder magischen) Bewußtseinszustand gewisse feine Veränderungen im Organismus mit sich bringt, die von einigen Menschen als unangenehm, von anderen als angenehm empfunden werden. Das Studium einer mit den Bewußtseinszuständen verknüpften Physiologie steckt noch in den ersten Anfängen. Gewisse Fortschritte wurden bei der therapeutischen Maßnahme des Dauerschlafs erzielt. Die Physiologie des höheren Bewußtseinszustandes hat, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bisher noch kaum die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler erregt. Unserer Hypothese entsprechend gibt es einen rationalistischen, positivistischen Menschentyp, der gewissermaßen zur Selbstverteidigung aggressiv wird, sobald es in der Literatur, in der Philosophie oder in der Wissenschaft darum geht, den Bereich zu verlassen, in dem das Bewußtsein Im Normalzustand angesprochen wird. Daneben aber gibt es einen spiritualistischenMenschentyp, der jede Anspielung auf eine Überhöhung des Bewußtseins wie eine Erinnerung an ein verlorenes Paradies empfindet. So würde man am Ursprung eines riesigen Gelehrtengezänks die einfädle Alternative finden: «Ich liebe, oder ich liebe nicht.» Aber was ist es denn, das in uns liebt oder nicht liebt? In Wahrheit ist es niemals das Ich. Es sollte einfach heißen: «Es liebt in mir, oder es liebt nicht.» Rücken wir darum so weit wie möglich von dem falschen Problem Spiritualismus—Materialismus ab, das in Wirklichkeit vielleicht nur die Frage einer Allergie ist. Wesentlich ist, zu wissen, ob der Mensch in seinen unerforschten Bereichen über höhere Werkzeuge, so etwas wie mächtige Verstärker seines Intellekts, verfügt.

Es wird erzählt, daß Bodhidharma, der Begründer des Zen-Buddhismus, eines Tages während einer Meditation einschlief (das will besagen, daß er sich unversehens in den für die meisten Menschen normalen Bewußtseinszustand zurückgleiten ließ). Dieser Vorfall kam ihm so entsetzlich vor, daß er sich die Augenlider abschnitt. Diese, so berichtet die Legende, fielen zu Boden, und aus ihnen entsproß die erste Teepflanze. Der Tee, der vor dem Einschlafen schützt, ist die Pflanze, die den Wunsch der Weisen, sich stets wachzuhalten, symbolisiert, und daraus entstand dann der Spruch:«Der Geschmack des Tees und der Geschmack des Zen sind einander gleich.»Der Begriff des «Zustands des Erwachtseins» ist offenbar so alt wie die Menschheit. Er ist der Schlüssel zu den ältesten religiösen Texten, und vielleicht bemühte sich bereits der Mensch des Cro-Magnon, diesen dritten Bewußtseinszustand zu erreichen. Die Datierungsmethode mit Hilfe des Kohlenstoffs 14 hat ergeben, daß die Indianer im Südosten Mexikos vor mehr als sechstausend Jahren bestimmte Pilze aßen, um sich in eine Über-Klarsichtigkeit zu steigern. Immer geht es darum, das «dritte Auge» zu öffnen, den normalen Bewußtseinszustand zu überwinden, in dem alles nur Illusion, Verlängerung der Träume eines tiefen Schlafes ist. «Wach auf, Schläfer, wach auf!» Von den Evangelien bis zu den Märchen stets derselbe Mahnruf, Die Menschen haben alle erdenklichen Mittel angewandt, um diesen Zustand des Erwachtseins zu erreichen: Riten, Tänze, Gesänge,Kasteiung, Fasten, körperliche Martern, die verschiedenstenDrogen. Wenn der moderne Mensch erst einmal die Wichtigkeit des Einsatzes erfaßt hat — und das kann nicht mehr lange dauern — wird er bestimmt noch andere Möglichkeiten finden. Der amerikanische Wissenschaftler J. B. Odds denkt an eine elektronische Stimulierung des Gehirns 57. Der englische Astronom Fred Hoyle schlägt die Betrachtung leuchtender Bilder auf einem Fernsehschirm vor *. Schon H. G. Wells malte in seinem schönen Roman In the Days of the Comet58 aus, wie nach dem Zusammenstoß mit einem Kometen die Erdatmosphäre plötzlich von einem Gas erfüllt ist, das eine Über-Klarsichtigkeit hervorruft. Die Menschen durchbrechen endlich die Schranke zwischen Wahrheit und Illusion. Sie erwachen zu den echten Realitäten, Und mit einem Schlag sind alle praktischen, moralischen und geistigen Probleme gelöst.Es scheint, als hätten bisher nur die Mystiker sich ernstlich darum bemüht, dieses Super-Bewußtsein zu erlangen. Wenn es möglich ist, welcher Kraft ist es dann zuzuschreiben? Die Gläubigen sprechen von der Gnade Gottes. Die Okkultisten von magischer Weihe.

Und wenn es sich um eine ganz natürliche Fähigkeit handelte?Die jüngste Wissenschaft hat erwiesen, daß beträchtliche Teile unserer Hirnmasse noch immer unerforschtes Gebiet sind. Der weitaus größte Teil unserer Fähigkeiten liegt noch immer brach. Dies ist der Sinn der uralten Sage vom verborgenen Schatz. Und eben das sagt auch der englische Gelehrte Gray Walter in einer der wesentlichen Arbeiten unserer Epoche: The Living Brain. In einem zweiten Werk mit dem Titel Farther Outlook, das eine Mischung von Antizipation und Beobachtung, Philosophie und Dichtung darstellt, erklärt Walter, daß es zweifellos keine Grenze für die Möglichkeiten des menschlichen Gehirns gebe und daß unser Denken eines Tages die Zeit ebenso explorieren werde, wie es heute den Raum erforscht. In dieser Prophezeiung stimmt er überein mit dem Mathematiker Eric Temple Bell, der dem Helden

*In seinem Roman The Black Cloud. Dort sind die schwarzen Wolken, die im Weltraum zwischen den Sternen schweben, höhere Lebensformen. Die Superintelligenzen nehmen sich vor, die Erdenmenschcn zu erwecken, indem sie ihnen leuchtende Bilder schicken, die in den menschlichen Gehirnen bestimmte Verbindungen herstellen und damit den «Zustand des erwachten Bewußtseins» einleiten.

seines Romans The Time Stream die Fähigkeit verleiht, durch die ganze Geschichte des Kosmos zu reisen *.Halten wir uns an die Tatsachen. Man kann das Phänomen des «Erwachtseins» einer unsterblichen Seele zuschreiben. Seit Tausenden von Jahren wird uns diese Erklärung angeboten; aber sie hat uns der Lösung des Problems -um keinen Schritt näher gebracht.Unser Erklärungsversuch lautet folgendermaßen:Die Gehirntätigkeit vollzieht sich gewöhnlich unter dem Einfluß von Nervenreizen. Es ist eine langsame Bewegung, bei der pro Sekunde einige Meter auf der Oberfläche der Nerven zurückgelegt werden. Unter gewissen Umständen aber kann eine andere Form der Kommunikation einsetzen, die sehr viel rascher ist und bei der eine elektromagnetische Welle in Tätigkeit tritt, die sich mit Lichtgeschwindigkeit fortpflanzt. In diesen Fällen wird bei der Registrierung und Weiterleitung von Informationen die ungeheure Schnelligkeit des Elektronenrechners erreicht. Kein Naturgesetz widerspricht einem solchen Phänomen, obgleich die Wellen, die wir hier annehmen, sich nicht auf der Hirnrinde nachweisen lassen.

Normalerweise ist der menschliche Gedanke, wie Emil Meyerson treffend dargelegt hat, ein Fußgänger. Die meisten seiner Erfolge sind im Grunde die Frucht eines sehr langsamen und beschwerlichen Fußmarsches. Die bewundernswertesten Entdeckungen sind eigentlich Selbstverständlichkeiten. Sie sind es, auch wenn sie sich unvermutet enthüllt haben. Der große Leonhard Euler betrachtete die Formel

ei pi +1 = 0

als den erhabensten Gipfel des mathematischen Denkens.Diese Formel, die das Reale mit dem Imaginären zusammen-

* Wie Fred Hoyle und viele andere englische, amerikanische oder russische Gelehrte schreibt auch Eric Temple Bell (unter dem Pseudonym John Taine) phantastische Essays oder Romane. Der Leser, der darin nur einen entspannenden Zeitvertreib großer Geister sieht, erfaßt die Zusammenhänge nicht. Es ist für diese Männer die einzige Möglichkeit, gewisse von der offiziellen Philosophie nicht anerkannte Wahrheiten zu verbreiten, wie in jeder vor-revolutionären Epoche werden auch hier die Gedanken der Zukunft verhüllt ausgesprochen. Das Kinderjäckchen einer «Science-Fiction» ist die Hülle, unter der sich die echten Wahrheiten dieser Stunde verbergen.

koppelt und die Grundlage der natürlichen Logarithmen bildet, ist eine Selbstverständlichkeit. Sobald man sie einem Studenten der Mathematik einmal erklärt hat, wird er zugeben, daß sie «in die Augen springen» muß. Warum hat es aber so vieler Jahre des Nachdenkens bedurft, um eine solche Selbstverständlichkeit herauszufinden?In der Physik ist die Entdeckung der Wellennatur der Elementarteilchen der Schlüssel zu einer neuen Epoche. Auch hier handelt es sich um eine Selbstverständlichkeit. Einstein sagte: «Die Energie ist gleich mc2, wobei m die Masse und c die Geschwindigkeit des Lichtes bezeichnet.» Das war im Jahre 1905. 1900 formulierte Planck: «Die Energie ist gleich hf, wobei h eine Konstante und f die Schwingungsfrequenz darstellt.» Es dauerte bis zum Jahre 1923, bis Louis de Broglie auf den Gedanken kam, die beiden Formeln gleichzusetzen und zu schreiben:hf=mc2.Der Gedanke kriecht, selbst bei den größten Geistern. Er beherrscht den Gegenstand nicht.Ein letztes Beispiel: Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts lehrte man, daß der Begriff der Masse gleichzeitig in der Formel für die kinetische Energie (e = ½ mv2) und in Newtons Gesetz der Schwere auftaucht (nach dem die bei der Anziehung wirkende Kraft umgekehrt proportional dem Quadrat des Abstandes der beiden Körper ist).Warum sollte erst Einstein begreifen, daß das Wort «Masse» in den beiden klassischen Formeln den gleichen Sinn hat? Die ganze Relativitätstheorie ergibt sich unmittelbar aus dieser Erkenntnis. Warum hat in der gesamten Geschichte des menschlichen Denkens nur ein einziger Geist diesen Zusammenhang gesehen? Und warum hat er ihn nicht mit einem Schlag erfaßt, sondern erst nach zehnjährigem hartnäckigem Forschen? Weil unser Denken Schritt für Schritt einen gewundenen Pfad zurücklegt, der auf einer Ebene liegt und sich mehrfach überschneidet. Und vermutlich tauchen die Ideen periodisch auf und verschwinden wieder, wahrscheinlich werden sie immer wieder vergessen und müssen dann neu entdeckt werden.Trotzdem erscheint es möglich, daß der Geist sich über diesen Pfad erheben kann, daß er nicht mehr mühsam zu kriechen braucht, sondern sich eine Übersicht verschaffen kann, daß er esvermag, sich wie ein Vogel oder ein Flugzeug fortzubewegen. Er kann es in jenem Zustand, den die Mystiker den Zustand des Erwachtseins nennen.Handelt es sich dabei um einen oder mehrere Zustände des Erwachtseins? Wir sind geneigt, anzunehmen, daß es mehrere gibt, eine ganze Anzahl verschiedener Flughöhen. «Die erste Stufe wird als Genie bezeichnet. Die anderen sind der Menge unbekannt und werden ins Gebiet der Sagen und Mythen verwiesen. Auch Troja war eine Sage, bevor die Ausgrabungen seine tatsächliche Existenz nachwiesen», heißt es bei Gustav Meyrink.Wenn die Menschen die physische Möglichkeit in sich haben, zu diesem Zustand oder diesen Zuständen des Erwachtseins zu gelangen, sollte die Suche nach den Mitteln, diese Möglichkeit anzuwenden, das Hauptziel ihres Lebens sein.Wenn die Menschen nicht alle ihre Kräfte diesem Bemühen zuwenden, darf man weder ihre «Leichtfertigkeit» noch ihre «Bösartigkeit» dafür verantwortlich machen. Das Ganze ist keine Angelegenheit der Moral. Und ein wenig guter Wille, ein paar vereinzelte Anstrengungen sind in dieser Sache ganz nutzlos. Vielleicht sind die höheren Instrumente unseres Gehirns nur anwendbar, wenn das gesamte Leben — das individuelle wie das kollektive — selbst zu einem Instrument wird, das wir einzig dafür einsetzen, den angestrebten Zustand zu erreichen.Wenn die Menschen den Übergang in den Zustand des Erwachtseins nicht als ihr einziges Ziel ansehen, so liegt es daran, daß die Schwierigkeiten, die sich im gesellschaftlichen Leben ergeben, und die Mühe um die Beschaffung der Existenzmittel ihnen nicht die Zeit lassen, sich einer solchen Aufgabe voll zu widmen. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, aber bis heute hat unsere Zivilisation sich noch nicht als fähig erwiesen, allen Menschen genügend Brot zu verschaffen.In dem Maße, in dem der technische Fortschritt den Menschen freieren Spielraum gewährt, wird das Bemühen um den «dritten Zustand», um die Hyper-Klarsichtigkeit, den Vorrang vor allen anderen Bestrebungen erhalten.

Die Möglichkeit, an diesem Bemühen teilzunehmen, wird schließlich zu den grundlegenden Menschenrechten zählen. Die nächste Revolution wird psychologischer Art sein.Stellen wir uns einen Neandertalmenschen vor, den ein Wunder in das Institute for Advanced Study von Princeton versetzt. Er wird sich Dr. Oppenheimer gegenüber in einer ähnlichen Situation befinden wie wir angesichts eines «wahrhaft erwachten» Menschen, eines Menschen, dessen Denken nicht mehr zu Fuß geht, sondern sich in drei, vier oder n Dimensionen bewegt.Was unsere physischen Möglichkeiten betrifft, so scheint es, als könnten wir uns durchaus zu solchen Menschen entwickeln. Es gibt genügend Zellen in unserem Gehirn, genügend mögliche Zwischenverbindungen. Aber wir vermögen uns nur schwer vorzustellen, was ein solcher Geist sehen und verstehen würde.Die alchimistischen Überlieferungen versichern uns, daß die Bearbeitung der Materie im Schmelztiegel das hervorruft, was wir Modernen als Strahlung oder als Kraftfeld bezeichnen. Diese Strahlung würde alle Zellen des Adepten umwandeln und aus ihm einen wahrhaft erwachten Menschen machen, einen Menschen, der «gleichzeitig hier und auf der anderen Seite stünde, einen lebendigen Menschen».Akzeptieren wir einmal diese Hypothese, diese weitgespannte Voraussetzung einer nicht-euklidischen Psychologie. Nehmen wir an, daß in dieser Stunde ein Mensch wie wir, der auf eine ganz bestimmte Weise mit der Materie und der Energie verfährt, völlig verwandelt, «erweckt» wird. 1955 zeigte Professor Singleton in den Wandelgängen der Atomkonferenz in Genf seinen Kollegen einige Nelken, die er auf einem Beet gezüchtet hatte, das im Bereich der Strahlungen des großen Kernreaktors von Brookhaven lag. Es waren Blüten in einem violetten Rot, eine bisher unbekannte Sorte. Alle ihre Zellen waren verändert, und sie konnten sich nun, sei es durch Stecklinge, sei es durch Samen, fortpflanzen und in diesem neuen Zustand verharren. Das gleiche gilt für unseren «neuen Menschen». Indem er sich das, was wir alle auf unseren verschiedenen Fachgebieten wissen, auf eine neuartige Weise zu eigen macht, oder auch einfach indem er alle nur möglichen Verbindungen zwischen den wissenschaftlichen Ergebnissen, so wie sie in den Lehrbüchern der Gymnasien und den Universitätsvorlesungen dargelegt werden, herstellt, kann er zu der Bildung von Begriffen gelangen, die uns ebenso fremd sind, wie es der Begriff der Chromosomen für Voltaire oder der des Neutrino für Leibniz gewesen wäre. Ein solcher Mensch hätte nicht das geringste Interesse mehr daran, mit uns in Verbindung zu treten, und er würde sich bestimmt nicht bemühen, auf uns Eindruck zu machen, indem er versuchte, uns die Rätsel des Lichts oder die Geheimnisse des Gens zu erklären.

Valéry veröffentlichte seine Gedanken nicht in der Semaine de Suzette. Dieser Mensch würde über und zugleich neben der Menschheit stehen. Er könnte einen nutzbringenden Gedankenaustausch nur mit Geistern pflegen, die dem seinen ebenbürtig wären.Dieser Gedanke verlockt uns zu Meditationen. Man kann sich zum Beispiel vorstellen, daß die verschiedenen mythischen Überlieferungen aus einem Kontakt mit den Intelligenzen anderer Planeten herrühren. Man kann annehmen, daß für einen wahrhaft erwachten Menschen Zeit und Raum keine Schranken mehr bilden und daß die Kommunikation mit den Intelligenzen anderer bewohnter Welten für ihn möglich geworden ist — eine Vorstellung, die übrigens auch besagen würde, daß niemals Besucher aus dem Jenseits zu uns gekommen sein müssen.Man. kann träumen. Unter der Voraussetzung, wie Haldane schreibt, daß wir nicht vergessen, daß Träume dieser Art vermutlich stets weniger phantastisch sind als die Wirklichkeit.

Wir möchten nun drei wahre Geschichten erzählen, die uns als Illustrationen unserer Hypothese dienen sollen. Dabei räumen wir selbstverständlich ein, daß Illustrationen noch keine Beweise sind. Trotzdem bestärken uns diese drei Beispiele in der Annahme, daß es noch andere als die von der offiziellen Psychologie anerkannten Bewußtseinszustände gibt. Selbst der so ungenaue Begriff des Genies reicht hier nicht aus. Wir haben unsere Beispiele nicht;aus dem Leben .und den Taten der Mystiker gewählt, obgleich ein solches Verfahren leichter und vielleicht wirksamer gewesenwäre. Aber wir möchten unserem Vorsatz treu bleiben, diese Frage außerhalb aller kirchlichen Bindungen zu behandeln — gewissermaßen mit bloßen Händen, als ehrenwerte Barbaren.

 

6 DREI GESCHICHTEN ZUR ILLUSTRATION

Die Geschichte eines großen Mathematikers im UrzustandDie Geschichte des erstaunlichsten aller HellseherDie Geschichte eines Weisen von morgen, der um 1750 lebte

1. Ramanujan

Eines Tages zu Beginn des Jahres 1887 begibt sich ein Brahmane aus der Provinz Madras in den Tempel der Göttin Namagiri. Er hat vor vielen Monaten seine Tochter verheiratet, und die Ehe ist bisher kinderlos geblieben. Möge die Göttin dem Paar Fruchtbarkeit verleihen! Namagiri erhört sein Gebet. Am 22. Dezember wird ein Sohn geboren, der den Namen Srinivasa Ramanujan Alyangar erhält. Am Vorabend der Geburt war der Mutter die Göttin erschienen, um ihr zu verkünden, daß ihr Sohn ein außergewöhnlicher Mensch sein werde.Mit fünf Jahren kommt das Kind zur Schule. Vom ersten Tag an versetzt seine Intelligenz die Lehrer in Staunen. Ramanujan scheint das; was man ihm beibringen will, bereits zu wissen. Er bekommt eine Freistelle am Gymnasium von Kumbakonam, wo er die Bewunderung seiner Mitschüler und Lehrer erringt. Als er fünfzehn Jahre alt ist, veranlaßt einer seiner Freunde ihn, sich von der städtischen Bibliothek ein Werk mit dem Titel A Synopsis of Elementary Results in Pure and Applied Mathematics auszuleihen. Diese aus zwei Bänden bestehende Arbeit ist ein von einem Professor aus Cambridge, George Shoobridge, herausgegebenes Nachschlagewerk, in dem etwa 6000 mathematische Lehrsätze zusammengefaßt sind. Es enthält jedoch nicht die Beweisführungen für diese Sätze. Der Eindruck, den es auf den Geist des jungen Hindu macht, ist phantastisch. Ramanujans Gehirn fängt plötzlich auf eine für uns vollkommen unverständliche Weise zu arbeiten an. Er findet die Beweise für sämtliche Formeln. Nachdem er die Geometrie erschöpft hat, widmet er sich der Algebra. Ramanujan hat später erzählt, daß die Göttin Namagiri ihm zu verschiedenen Malen erschienen sei, um ihm die schwierigsten Berechnungen zu erklären. Mit sechzehn Jahren fällt er durchs Examen, da seine englischen Sprachkenntnisse nicht ausreichen, und das Stipendium wird ihm entzogen. Allein, ohne jede Hilfsmittel setzt er seine mathematischen Studien fort. Zunächst macht er sich sämtliche Kenntnisse auf diesem Gebiet zu eigen, über die die Menschheit im Jahre 1880 verfügte. Er kann nun auf die Arbeit von Professor Shoobridge verzichten. Er geht weit über ihn hinaus. Ganz allein leistet er die gesamte mathematische Arbeit der abendländischen Kultur noch einmal und entwickelt sie weiter. Die Menschheitsgeschichte kennt kein ähnliches Beispiel. Auch Galois hat nicht allein gearbeitet. Er hatte am Pariser Polytechnikum studiert, dem damals besten mathematischen Institut der Welt. Er hatte Zugang zu Tausenden von Schriften. Er stand in Verbindung mit den bedeutendsten Gelehrten. Es ist kein Fall bekannt, in dem der menschliche Geist sich fast ohne Hilfe auf solche Höhen emporgeschwungen hat, wie es bei Ramanujan geschah.1909, nach Jahren voller Arbeit und Entbehrungen, heiratet Ramanujan. Er sucht nach einer Stellung. Man empfiehlt ihn an einen städtischen Steuereinnehmer, Ramachandra Rao, einen recht gebildeten, für Mathematik interessierten Mann. Dieser ha uns einen Bericht über sein erstes. Zusammentreffen mit Ramanujan hinterlassen:«Ein kleiner, ungepflegter, schlecht rasierter Mann mit Augen wie ich nie welche gesehen hatte, trat in mein Zimmer, unter dem Arm ein abgegriffenes Notizbuch. Er erzählte mir von erstaunlichen Entdeckungen, die weit über meine Kenntnis hinausgingen. Ich fragte ihn, was ich für ihn tun könne. Er erwiderte, er brauche nur das Notdürftigste zum Leben, um se Studien fortsetzen zu können.»Ramachandra Rao will ihm eine kleine Rente aussetzen. AberRamanujan ist zu stolz, um eine solche Unterstützung anzunehmen. Schließlich findet man einen Posten für ihn: eine untergeordnete Buchhalterstellung im Hafenamt von Madras.1913 rät man ihm, mit dem großen englischen Mathematik G. H. Hardy, der damals Professor in Cambridge war, in Verbindung zu treten. Er schreibt an ihn und schickt ihm mit gleicher Post 120 geometrische Formeln, die er entdeckt und bewiesen hat. Hardy schrieb später darüber: «Diese Aufzeichnungen konnten nur von einem Mathematiker allerhöchsten Ranges stammen. Kein Ideendieb, kein Schwindler, und sei er noch so genial, wäre imstande, derartig abstrakte Probleme zu erfassen.» Er fordert Ramanujan sofort auf, nach Cambridge zu kommen. Aber die Mutter des jungen Mannes widersetzte sich der Reise aus religiösen Gründen. Wieder einmal ist die Göttin Namagiri, die die Schwierigkeiten beseitigt. Sie erscheint der alten Dame, um sie davon zu überzeugen, daß ihr Sohn nach Europa fahren kann, ohne Schaden an seiner Seele zu nehmen, und zeigt ihr im Traum Ramanujan, wie er im großen Hörsaal von Cambridge sitzt, umgeben von Engländern, die ihm bewundernd lauschen.Ende des Jahres 1913 schifft der Hindu sich ein. Fünf Jahre hindurch arbeitet er in England und fördert auf geradezu erstaunliche Weise die mathematischen Wissenschaften. Er wird zum Mitglied der Royal Society of Sciences gewählt und in Cambridge zum Professor am Trinity College ernannt. 1918 erkrankt er an Tuberkulose. Er kehrt nach Indien zurück, wo er im Alter von zweiunddreißig Jahren stirbt.Bei allen Menschen, mit denen er in Berührung gekommen ist, hat er einen außerordentlichen Eindruck hinterlassen. Er schien nur in einer Welt der Zahlen zu leben. Hardy besucht ihn eines Tages im Krankenhaus und erzählt ihm, daß er ein Taxi genommen habe. Ramanujan erkundigt sich nach der Wagennummer:1729. «Was für eine schöne Zahl!» ruft er. «Es ist die kleinste Zahl, die zweimal die Summe zweier Kubikzahlen ausmacht.» In der Tat ist 1729 gleich 103 plus 93 und außerdem gleich 123 plus 13. Hardy brauchte sechs Monate, um diese Formel zu beweisen, und für die vierte Potenz ist dieses Problem noch heute ungelöst.Die Geschichte Ramanujans gehört zu jenen Geschichten, die absolut unglaubhaft wirken. Und doch ist sie wahr. Es ist nicht möglich, die Art der Entdeckungen Ramanujans in einfachen Ausdrücken zu erklären. Es handelt sich dabei um abstrakteste Probleme des Zahlenbegriffs, insbesondere der Primzahlen.Über Ramanujans Interessen außerhalb der Mathematik weiß man wenig. Kunst und Literatur waren ihm ziemlich gleichgültig.Aber er konnte sich für das Außergewöhnliche begeistern. In Cambridge hatte er sich eine kleine Bibliothek und eine Kartothek über alle Arten von Phänomenen zusammengestellt, die dem Verstand nicht ohne weiteres einleuchten.

2. Cayce

Edgar Cayce starb am 5. Januar 1945 und nahm bei seinem Tode ein Geheimnis mit, das er selbst niemals ganz ergründet und das ihn sein Leben lang erschreckt hatte. Die Edgar Cayce Foundation in Virginia Beach, an der Mediziner und Psychologen arbeiten, ist noch heute mit der Analyse seiner Akten beschäftigt. Seit 1958 legt man in Amerika großes Gewicht auf das Studium des Phänomens der Hellsichtigkeit, da man der Ansicht ist, daß Menschen mit telepathischen und hellseherischen Fähigkelten auf militärischem Gebiet von großem Nutzen sein könnten. Unter allen bekannten Fällen von Hellsichtigkeit ist der von Cayce der auffallendste, einwandfreieste und außerordentlichste 59.Der kleine Edgar Cayce war sehr krank. Der Landarzt saß seinem Bett und bemühte sich vergeblich, ihn aus dem Koma erwecken. Plötzlich jedoch ertönte Edgars Stimme, klar und ruhig, obwohl er bewußtlos war. «Ich werde Ihnen sagen, was mir fehlt. Ein Baseball hat mich an der Wirbelsäule getroffen. Man muß einen besonderen Umschlag vorbereiten und ihn mir am Halsansatz auflegen.» Und mit derselben Stimme nannte das Kind die Liste der Pflanzen, die man vermischen und präparieren soll «Sie müssen sich aber beeilen, sonst wird auch das Gehirn angriffen.»Da man ohnehin keinen anderen Rat wußte, befolgte man Edgars Anweisungen. Am Abend war das Fieber gefallen, und nächsten Tag konnte das Kind frisch und gesund das Bett verlassen. Edgar erinnerte sich an nichts. Die meisten Pflanzen, die nannt hatte, kannte er überhaupt nicht.So beginnt eine der erstaunlichsten Geschichten der Medizin. Cayce, ein ungebildeter Bauernsohn aus Kentucky, der keine Neigung hatte, seine Gabe anzuwenden, und sich dauernd unglücklich fühlte, weil er nicht so war «wie alle anderen», sollte im hypnotischen Schlaf mehr als fünfzehntausend Kranke beraten und heilen, und diese Heilungen sollten von autorisierter Stelle beglaubigt werden.Er arbeitete zunächst auf der Farm eines Onkels, dann als Gehilfe in einer Buchhandlung in Hopkinsville und erwarb schließlich ein kleines Photoatelier, in der Absicht, hier in Ruhe seine Tage zu verbringen. Es war durchaus nicht sein Wunsch, den Thaumaturgen zu spielen. Sein Freund aus der Kindheit, Al Layne, und dessen Braut taten ihr möglichstes, um ihn zu überreden — nicht aus Ehrgeiz für ihn, sondern weil er, wie sie sagten, nicht das Recht habe, seine Gabe für sich zu behalten und den Leidenden seine Hilfe zu verweigern. Al Layne ist schwächlich und häufig krank. Er schleppt sich mühsam durchs Leben. Cayce willigt endlich ein, sich in seinen «Schlafzustand» zu versetzen: er beschreibt die Grundübel und gibt die Heilmittel an. Als er wieder erwacht ist, ruft er entsetzt: «Aber das ist doch nicht möglich! Ich kenne nicht die Hälfte der Wörter, die du da aufgeschrieben hast. Du darfst diese Mittel nicht nehmen, das ist zu gefährlich! Ich verstehe überhaupt nichts davon — das ist ja reine Magie!» Er weigert sich, Al wiederzusehen, und schließt sich in sein Atelier ein. Acht Tage später dringt Al bei ihm ein: er hat sich in seinem ganzen Leben noch nie so wohl gefühlt. Die kleine Stadt gerät in ein regelrechtes Fieber: jeder will Cayce konsultieren. Der lehnt ab. «Nur weil ich im Schlaf rede, werde ich doch jetzt nicht anfangen, Kranke zu behandeln.» Endlich gibt er nach. Aber er stellt Bedingungen. Er will die Patienten nicht sehen, weil er fürchtet, wenn er sie kenne, werde sein Urteil dadurch beeinflußt werden. Es sollen Arzte bei den Séancen zugegen sein. Und er nimmt keinen Pfennig dafür an, auch nicht das kleinste Geschenk.Die Diagnosen und Anweisungen, die er im Hypnoseschlaf gibt, sind von einer derartigen Genauigkeit und Sicherheit, daß die Mediziner annehmen, es müsse sich um einen Kollegen handeln, der sich als Heilpraktiker getarnt hat. Cayce beschränkt sich auf zwei Konsultationen pro Tag; nicht weil er die Ermüdung fürchtet — im Gegenteil, er fühlt sich nach dem Schlaf immer sehr erfrischt — sondern weil er Photograph bleiben möchte. Er versucht auf keine Weise, sich medizinische Kenntnisse zu erwerben. Er liest nichts. Er bleibt ein Bauernsohn, der nur eine einfache Schule besucht hat. Und noch immer lehnt er sich gegen seine sonderbare Gabe auf. Aber sowie er sich entscheidet, keinen Gebrauch mehrdavon zu machen, versagt ihm für einige Zeit die Stimme.James Andrews, ein amerikanischer Eisenbahnmagnat, konsultiert ihn. Cayce verschreibt ihm im Hypnosezustand ein gewisses «Scharleiwasser». Das Mittel ist nicht aufzufinden. Vergebens läßt Andrews Anzeigen in medizinischen Zeitschriften erscheinen. Im Verlauf einer weiteren Séance gibt Cayce die äußerst komplizierte Zusammensetzung dieses Wassers an. Nun erhält Andrews die Zuschrift eines jungen Arztes aus Paris: dessen Vater, der ebenfalls Arzt war, hatte dieses «Scharleiwasser» hergestellt, aber vor fünfzig Jahren die Fabrikation wieder aufgegeben. Die Zusammensetzung des Mittels ist identisch mit der von dem kleinen Photographen «erträumten».Der städtische Vorsitzende der Medical Association, John Blackburn, interessiert sich leidenschaftlich für den Fall von Edgar Cayce. Er stellt ein Dreierkomitee zusammen, das voll staunender Verwunderung allen Séancen beiwohnt. Die American Medical Association erkennt die Fähigkeiten von Cayce an und erteilt ihm offiziell die Erlaubnis, «psychische Konsultationen» abzuhalten. Cayce hat einen achtjährigen Sohn, Hugh Lynn. Eines Tages, als das Kind mit Streichhölzern spielt, bringt es einen Magnesiumstab zur Explosion. Die Augenärzte erklären, das Kind werde völlig erblinden, und schlagen vor, ein Auge zu entfernen. Voller Entsetzen läßt Cayce sich in den Schlafzustand sinken. In diesem Zustandlehnt er die Operation ab und verordnet für zwei Wochen mitGerbsäure getränkte Umschläge. Den Spezialisten erscheint eine solche Behandlung als heller Wahnsinn. Unter den schwersten Gewissensbissen wagt Cayce es dennoch, gegen den Rat der Ärzte zu handeln. Vierzehn Tage später ist Hugh Lynn geheilt. Eines Tages verbleibt Cayce nach einer Konsultation im Schlafzustand und diktiert nacheinander vier ganz präzise Verordnungen. Man weiß nicht, für wen diese Rezepte bestimmt sind. Achtundvierzig Stunden später kommen die Kranken, denen mit diesen Mitteln geholfen werden kann. Während einer Séance verordnet Cayce ein Mittel, das er Codiron nennt, und gibt dazu die Adresse eines Laboratoriums in Chicago an. Man telephoniert dorthin und hört die erstaunte Frage: «Woher können Sie denn etwas von unserem Codiron gehört haben? Es ist noch nicht im Handel. Wir haben eben erst die Formel fertiggestellt und den Namen für das Präparat gefunden.»?Cayce wird von einer unheilbaren Krankheit befallen, um die nur er allein weiß. Er stirbt an dem Tag und zu der Stunde, die er vorher genannt hat: «Um fünf Uhr nachmittags werde ich endgültig geheilt sein.» Geheilt davon, «anders zu sein als die anderen».Als man ihn im Schlafzustand befragte, wie er es anstelle, um zu seinen Diagnosen und Therapievorschriften zu kommen, hatte er erklärt (und auch an diese Antwort konnte er sich nach dem Erwachen nicht mehr erinnern!), daß er in der Lage sei, mit dem Gehirn jedes lebenden Menschen in Verbindung zu treten und diesen Gehirnen nach Bedarf die Informationen zu entnehmen, die zur Behandlung des jeweiligen Falles nötig seien. Vielleicht handelte es sich hier um eine andere Art Intellekt als den üblichen, der in Cayce lebendig wurde und sämtliche in der Menschheit zirkulierenden Erkenntnisse benutzen konnte, so wie man sich einer Bibliothek bedient — nur daß dieses Sammeln der Informationen augenblicklich, geradezu mit Lichtgeschwindigkeit oder der Schnelligkeit eines elektromagnetischen Stroms vor sich ging. Allerdings berechtigt uns nichts, den Fall Cayce auf diese oder eine andere Weise zu erklären. Mit Sicherheit weiß man nur, daß ein Photograph in einer kleinen Stadt, ein Mensch ohne Bildung oder höhere Interessen, sich beliebig in einen Zustand versetzen konnte, in dem sein Geist arbeitete wie der eines genialen Arztes oder vielmehr wie die Geister aller Ärzte zugleich.

3. Boskowitsch

Ein Science-Fiction-Thema: Wenn die Relativisten recht hätten wenn wir in einer vierdimensionalen Welt lebten und imstande wären, uns das bewußt zu machen, dann wäre es vorbei mit dem, was wir als «gesunden Menschenverstand» bezeichnen. Die Autoren phantastischer Erzählungen bemühen sich, in Zeit-Raum-Begriffen zu denken. Ihren Bemühungen entsprechen auf dem Niveau der reinen Forschung und einer theoretischen Sprache die Bemühungen der großen Physiker und Mathematiker. Aber ist der normale Mensch überhaupt fähig, in vier Dimensionen zu denken? Er brauchte dazu eine andere geistige Struktur. Wird eine solche Struktur dem Menschen nach dem Menschen, dem Wesen der nächsten Mutation, beschieden sein? Und lebt dieser Mensch Vielleicht schon unter uns? Die Schriftsteller der Science-Fiction haben diese Frage bejaht. Aber weder van Vogt in seinem schönen phantastischen Buch über die Slans noch Sturgeon in seiner Beschreibung More than Human haben gewagt, eine so unglaubliche Gestalt zu erschaffen, wie Rudjer Boskowitsch es war.Ein Mutant? Ein Reisender in der Zeit? Der Bewohner eines anderen Planeten, der sich hinter der Maske dieses geheimnisvollen Mannes verbarg?Boskowitsch wurde 1711 in Dubrovnik geboren — zumindest gab er selbst es so an, als er sich im Alter von vierzehn Jahren als freier Student am Jesuitenkollegium in Rom' einschrieb. Er studierte Mathematik, Astronomie und Theologie. Als er 1728 sein Noviziat beendet hatte, trat er in den Jesuitenorden ein. 1736 veröffentlich er einen Bericht über die Sonnenflecken. 1740 lehrt er Mathematik am Collegium Romanum und wird dann zum wissenschaftlichen Berater am Vatikan ernannt. Er gründet ein Observatorium, nimmt die Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe inAngriff, repariert die Kuppel der Peterskirche, mißt den Meridian zwischen Rom und Rimini. Dann erforscht er mehrere GegendenEuropas und Asiens und macht Ausgrabungen an derselben Stelle, an der später Schliemann die Mauern von Troja finden sollte. Am 26. Juni 1760 wird er zum Mitglied der Royal Society von England gewählt und trägt bei dieser Gelegenheit ein langes lateinisches Gedicht über die sichtbaren Erscheinungen der Sonne und des Mondes vor, von dem die Zeitgenossen sagen: «Das ist Newton im Munde Vergils.» Er wird von den größten Gelehrten seiner Epoche empfangen und führt unter anderem einen interessanten Briefwechsel mit Johnson und Voltaire. 1773 wird ihm die französische Staatsbürgerschaft angeboten. Er übernimmt die Leitung der Abteilung für optische Instrumente der Königlichen Marine und lebt bis zum Jahre 1783 in Paris. Lalande sah in ihm den größten Gelehrten seiner Zeit. D'Alembert und Laplace sollten über seine fortschrittlichen Ideen erschrecken. 1785 zieht er sich nach Bassanozurück und widmet sich der Drucklegung seiner gesammelten Werke. 1787 stirbt er in Mailand.Erst vor kurzer Zeit und auf Grund einer Anregung der jugoslawischen Regierung hat man Boskowitschs Werk und vor allem seine 1758 in Wien erschienene Theorie der Naturphilosophie60 noch einmal näher überprüft. Die Überraschung war allgemein.Allan Lindsay Mackay, der diese Arbeit in einem Artikel im New Scientist vom 6. März 1958 beschreibt, ist der Ansicht, daß es sich hier um einen Geist des 20. Jahrhunderts handelt, der gezwungen war, im 18. Jahrhundert zu leben und zu arbeiten.Es hat den Anschein, als sei Boskowitsch nicht allein der Wissenschaft seiner Zeit voraus gewesen, sondern auch unseren heutigen Kenntnissen. Er legt eine einheitliche Theorie des Universums vor, ein allgemeines System, das sowohl für die Mechanik wie für die Physik, die Chemie, die Biologie und sogar die Psychologie gilt. In dieser Theorie sind Materie, Zeit und Raum nicht unendlich teilbar, sondern aus Punkten oder Körnern zusammengesetzt. Dieser Gedanke erinnert an die letzten Arbeiten von Jean Charon und Heisenberg, die Boskowitsch zu übertreffen scheint. Er erstattet weiterhin Bericht über das Licht, den Magnetismus, die Elektrizität und chemische Phänomene, die zu seiner Zeit bekannt waren, später entdeckt wurden oder sogar heute noch ihrer Erklärung harren. Man findet bei ihm die Quantentheorie, die Wellenmechanik und das aus Nukleonen zusammengesetzte Atom. Der Wissenschaftshistoriker L. L. Whyte versichert, Boskowitsch sei seiner Epoche um mindestens zweihundert Jahre voraus gewesen und man könne ihn erst dann wirklich verstehen, wenn die Verbindung zwischen Relativitätstheorie und Quantenphysik endlich vollzogen sei. Man nimmt an, daß im Jahre 1987, also in seinem zweihundertsten Todesjahr, das Werk Boskowitschs vielleicht seinem Wert entsprechend eingeschätzt werden kann.Bisher hat sich noch niemand an eine Erklärung dieses erstaunlichen Falles herangewagt. Zwei vollständige Ausgaben seiner Werke, eine in serbokroatischer, die andere in englischer Sprache, sind zur Zeit im Umlauf. In dem Briefwechsel zwischen Boskowitsch und Voltaire findet man unter anderen modernen Ideen die folgenden:Die Festsetzung eines internationalen geophysikalischen Jahres.Die Übertragung der Malaria durch Mücken.Die Anwendungsmöglichkeit des Kautschuks (ein durch La Condamine, einen Jesuiten und Freund Boskowitschs, in die Praxis über-tragener Gedanke).Die Existenz von Planeten, die um andere Sonnen als die unsere kreisen.Die Unmöglichkeit, das Seelenleben in einem bestimmten Bezirk des Körpers zu lokalisieren.Die Erhaltung des «Quantitätenkorns» der Bewegung in der Welt. Es handelt sich hier um die 1900 formulierte Plancksche Konstante.Boskowitsch widmet auch der Alchimie erhöhte Aufmerksamkeit und gibt klare wissenschaftliche Übersetzungen der alchimistischen Sprache. So unterscheiden sich zum Beispiel für ihn die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde nur durch die verschiedene Anordnung von Teilchen, die weder Masse noch Gewicht haben — eine Hypothese, mit der er die heutigen avantgardistischen Forschungen über die universelle Gleichung vorwegnimmt. Ebenso verblüffend ist das, was Boskowitsch über gewisse Naturphänomene und -ereignisse sagt. Wir begegnen bei ihm bereits der statistischen Mechanik des amerikanischen Gelehrten Willard Gibbs, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Theorie vorgetragen, aber erst im 20. Jahrhundert anerkannt wurde. Daneben findet man den Nachweis der Radioaktivität (die im 18. Jahrhundert nochvöllig unbekannt war) durch eine Serie von Ausnahmefällen in den Naturgesetzen — also durch das, was wir heute «die statistische;Überwindung der Schranken des Potentials» nennen. Warum hat dieses außerordentliche Werk das moderne Denken;nicht beeinflußt? Weil die deutschen Philosophen und Wissenschaftler, die bis zum ersten Weltkrieg auf dem Gebiet der Forschung tonangebend waren, kontinuierliche Strukturen bevorzugten, während die Begriffe Boskowitschs im wesentlichen auf der Idee der Diskontinuität fußen. Weil die systematischen bibliothekarischen Forschungen und die historischen Arbeiten über Boskowitsch erst sehr spät in Angriff genommen werden konnten, denn der Autor war ein großer Reisender gewesen, sein Werk deshalb weithin zerstreut, und die ersten Zeugnisse über sein Leben sind in einem Land zu suchen, das ständig politischen Wirren ausgesetzt war. Wenn man erst einmal seine gesamten Schriften beisammen hat und auch die Zeugnisse seiner Zeitgenossen wieder entdeckt und eingeordnet sind, dann wird eine seltsame, beunruhigende, erschütternde Figur vor uns stehen.

7 PARADOXE UND HYPOTHESEN ÜBER DEN ERWACHTEN MENSCHEN

Warum unsere drei Geschichten die Leser enttäuscht habenWir wissen nichts Sicheres über Levitation, Unsterblichkeit usw. — Dennoch besitzt der Mensch die Gabe der Allgegenwart, er kann entfernte Dinge sehenWas ist eine Maschine?Wie der erste erwachte Mensch entstanden sein kannEin phantastischer, aber vernunftgemäßer Traum über die untergegangenen KulturenDie Fabel von der PantherkatzeDie Schrift Gottes

Diese Fälle sind unwiderleglich; aber es mag sein, daß sie den Leser trotzdem enttäuschen. Die meisten Menschen nämlich schätzen Bilder mehr als Tatsachen. Auf dem Wasser gehen ist das Bild der Herrschaft über das bewegte Element, die Sonne anhalten das Bild des Triumphs über die Zeit. Die Beherrschung des bewegten Elements und der Triumph über die Zeit sind vielleicht reale Tatsachen, die in einem veränderten Bewußtsein, im Inneren eines stark beschleunigten Geistes, möglich sein können, und diese Tatsachen können zweifellos tausend wichtige Folgen in der fühlbaren Wirklichkeit nach sich ziehen: in der Technik, den Wissenschaften, den Künsten.

Aber die meisten Menschen wollen, sobald man ihnen von einem anderen Bewußtseinszustand spricht, Leute sehen, die tatsächlich auf dem Wasser wandeln, die Sonne anhaken, durch Mauern gehen oder mit achtzig Jahren wie Zwanzigjährige aussehen. Um an die unendlichen Möglichkeiten des erwachten Geistes glauben zu können, erwarten sie, daß der kindliche Teil ihres Intellekts, der Bildern und Legenden Glauben schenkt, Entschuldigung und Rechtfertigung erfährt.Und noch etwas anderes spielt hier eine Rolle. Angesichts von Fällen, wie Ramanujan, Cayce oder Boskowitsch sie darstellen, sträubt man sich gegen die Annahme, daß es sich hier um andersgeartete Geister handle. Man möchte lediglich annehmen, daß gewisse Hirne, die sonst genauso strukturiert sind wie die unseren, das Vorrecht haben, «höher zu steigen, als es üblich ist», und daß sie von «dort oben» bestimmte Erkenntnisse herabgeholt haben. So als ob irgendwo im Weltall ein zusätzlicher Vorratsraum fürWissen vorhanden sei, aus dem ein paar Geister — Inhaber eines besonderen Höhenrekords — sich versorgen könnten. Diese absurde Vorstellung wirkt beruhigend.Wir sind im Gegensatz hierzu der Ansicht, daß Cayce, Ramanujan und Boskowitsch höhere Intelligenzen waren, die hier unter uns geblieben sind (wohin sollten sie auch gehen?), die jedoch mit außergewöhnlicher Schnelligkeit funktionierten. Der Unterschied liegt nicht im Niveau, sondern in der Schnelligkeit. Das gleiche gilt für den Geist der großen Mystiker. In der Kernphysik wie in der Psychologie ist das Wunder in der Akzeleration zu suchen. Wir müssen, , so glauben wir, von diesem Begriff ausgehen, wenn wir den dritten Bewußtseinszustand, den Zustand des Erwachtseins, untersuchen wollen.Wenn jedoch dieser Zustand des Erwachtseins möglich, wenn er keine Gnade des Himmels oder das' Geschenk irgendeines Gottes ist, sondern zur normalen Ausrüstung unseres Gehirns und unseres Körpers gehört, könnte dieses Zubehör, wenn es einmal in Betrieb gesetzt ist, nicht noch andere Dinge verwandeln als unseren Intellekt? Wenn der Zustand des Erwachtseins Eigenschaft eines höheren Nervensystems ist, so müßte die Aktivierung dieses Systems auf den ganzen Körper einwirken und ihm neue, andersartige Kräfte verleihen. Alle Überlieferungen verknüpfen mit dem dritten Bewußtseinszustand das Vorhandensein von Kräften; sie nennen die Kraft der Unsterblichkeit, der Levitation, der Telekinese. Aber sind diese Kräfte nicht vielleicht nur Bilder dessen, was der Geist auf dem Gebiet der Erkenntnis vermag, wenn er seinen Zustand verändert hat? Oder sind sie Realitäten? Es soll einige glaubhafte Fälle von Levitation gegeben haben 61. Was die Unsterblichkeit betrifft, so haben wir den Fall Fulcanelli zwar behandelt, aber nicht;klären können. Das ist alles, was wir zu diesen Fragen aussagen können. Mit irgendeinem experimentell beglaubigten Beweis können wir nicht aufwarten. Und wir wagen schließlich einzugestehen, daß wir daran auch nicht sehr interessiert sind. Nicht das Bizarre beschäftigt uns hier, sondern das Phantastische, Außerdem müßte die Frage der paranormalen Kräfte auf ganz andere Weise behandelt werden: nicht vom Standpunkt der kartesianischen Logik aus (den Descartes, wenn er heute noch lebte, bestimmt ablehnen! würde), sondern im Licht einer modernen, unvoreingenommenen Wissenschaft. Betrachten wir die Dinge mit den Augen eines Besuchers aus dem Weltall, der heute auf unserem Planeten landet. Er wird sehen: Levitation ist möglich.

Hellsehen gibt es, der Mensch hat die Gabe der Allgegenwart, er hat sich der universellen Energie bemächtigt. Das Flugzeug, das Radioteleskop, das Fernsehen, der Atommeiler existieren. Es sind keine Naturprodukte: es sind Schöpfungen des menschlichen Geistes. Diese Beobachtung mag kindlich erscheinen, sie ist dennoch anregend und belebend. Kindlich ist es nur, alles auf den einzelnen Menschen zurückführen zu wollen. Der einzelne Mensch hat nicht die Gabe der Allgegenwart oder der Levitation, er ist nicht hellsichtig. Die menschliche Gesellschaft und nicht das Individuum ist es, die über diese Kräfte verfügt. Aber vielleicht Ist auch der Begriff des Individuums naiv;die Überlieferung mit ihren Sagen bezieht sich vielleicht auf die menschliche Gesamtheit, auf das Phänomen Mensch im allgemeinen.«Ihr seid nicht seriös! Ihr sprecht von Maschinen!»Das erklären uns sowohl die Rationalisten, die auf Descartes fußen, wie die Okkultisten, die sich auf die «Oberlieferung» berufen.

Aber was ist eine Maschine? Auch hier haben wir eine Frage, die etwas klarer formuliert werden müßte.Sind ein paar mit Tinte auf ein Pergament gezeichnete Striche eine Maschine? Nun läßt sich aber durch die Technik der aufgedruckten Stromkreise, die die moderne Elektronik ständig anwendet, ein Wellenempfänger herstellen, der aus mit Tinte gezogenen Linien besteht, wobei die eine Tinte Graphit, die andere Kupfer enthält.Ist ein Edelstein eine Maschine? Nein, wird man uns von allen Seiten antworten. Nun stellt aber die kristallinische Struktur eines Edelsteins eine sehr komplizierte Maschine dar, und man benutzt den Diamanten als Detektor für Atomstrahlungen. Die Transistoren, also künstliche Kristalle, ersetzen sowohl Elektronenröhren wie auch verschiedene andere elektrische Apparate, beispielsweise Umformer zur Erhöhung der Voltspannung.Bei seinen feinsten und wirksamsten technischen Erfindungen bedient sich der menschliche Geist immer einfacherer Mittel.«Das ist doch Wortspielerei!» empört sich der Okkultist. «Ich rede von Manifestationen des menschlichen Geistes, die ohne jede künstliche Vermittlung zustande kommen».Aber in diesem Fall ist er es, der mit den Worten spielt.Kein Mensch hat je ohne Verwendung irgendwelcher Geräte eine Manifestation des menschlichen Geistes registrieren können. Dieser Begriff des «Geistes an sich» ist eine gefährliche Täuschung. Der in Aktion befindliche menschliche Geist bedient sich einer sehr komplizierten Maschine, die im Verlauf von drei Milliarden Jahren entwickelt wurde: des menschlichen Körpers. Und dieser Körper ist niemals allein, kann gar nicht allein existieren: er ist durch tausend materielle und dynamische Fäden mit der Erde und dem gesamten Kosmos verknüpft.Wir wissen nicht alles über unseren Körper und seine Beziehung • zum Weltall. Niemand kann mit Sicherheit sagen, wo die Grenzen der menschlichen Maschine liegen und wie ein Geist, der ihre Möglichkeiten voll auszuwerten verstünde, sie gebrauchen würde.Wir wissen nicht alles über die Kräfte, die in uns selbst und um uns herum, auf der Erde und im Kosmos rings um die Erde, in Bewegung sind. Niemand vermag zu sagen, wie die einfachen Naturkräfte beschaffen sind — Energien, von denen wir nichts ahnen und die doch in unserer Reichweite liegen — die ein Mensch, der mit einem erwachten Bewußtsein begabt ist und von der Natur eine direktere Vorstellung hat als wir mit unserem linearen Intellekt, anwenden könnte.Einfache Naturkräfte. Betrachten wir noch einmal die Dinge mit den Augen des unvoreingenommenen Fremdlings, der von außen kommt. Nichts ist einfacher, nichts leichter zu fabrizieren als ein elektrischer Transformator. Die alten Ägypter wären durchaus in der Lage gewesen, einen zu konstruieren, wenn sie die Theorie der Elektromagnetik gekannt hätten.Nichts ist simpler als die Befreiung der Atomenergie. Man brauchtnur ein Körnchen reines Uran in schwerem Wasser aufzulösen und man kann schweres Wasser herstellen, indem man gewöhnliches Wasser fünfundzwanzig oder auch hundert Jahre lang immer von neuem destilliert. 'Die Maschine zur Vorausbestimmung der Gezeiten, die Lord Kelvin im Jahre 1893 baute und die als der Vorläufer unserer Analogierechner und unserer gesamten Kybernetik gelten kann, bestand aus Rollen und Bindfäden. Schon die Sumerer hätten herstellen können.Das ist eine Anschauungsweise, die dem Problem der untergangenen Kulturen ganz neue Dimensionen verleiht.

Wenn es in vergangenen Zeiten Menschen gegeben hat, die den echten Wachzustand erreicht hatten, und wenn diese Menschen ihre Kräfte nicht allein auf den Gebieten der Religion, der Philosophie und der Mystik angewandt haben, sondern auch auf den Gebieten der objektiven Erkenntnisse und der Technik, so ist es absolut natürlich, verständlich und vernunftgemäß, daß sie selbst mit Hilfe der einfachsten Vorrichtungen «Wunder» vollbringen konnten.

Ein weiser Mann, so erzählt uns Jorge Luis Borges, hatte sein ganzes Leben damit verbracht, unter den zahllosen Zeichen der Natur nach dem unaussprechbaren Namen Gottes, der Chiffre des großen Geheimnisses, zu suchen. Viel Schweres hat er zu erdulden, bis er schließlich von den Sbirren eines Fürsten festgenommen und dazu verurteilt wird, von einer Pantherkatze zerrissen zu werden. Man wirft ihn in einen Käfig. Hinter den Stäben des Gitters, das man im nächsten Augenblick hochziehen wird, lauert das Raubtier auf seine Beute. Unser Weiser schaut auf das Tier, und plötzlich, während er die Flecken seines Fells betrachtet, entdeckt er im Rhythmus dieser Formen die Zahl, das Signum, nach dem er an so unendlich vielen Orten gesucht hat. Jetzt weiß er, warum er sterben soll und daß im Sterben seine Sehnsucht erfüllt wird — das aber ist kein Tod.Das All verschlingt uns, oder es gibt uns sein Geheimnis preis, je nachdem, ob wir es zu betrachten verstehen oder nicht. Es ist höchst wahrscheinlich, daß die feinsten und tiefsten Gesetze des Lebens und des Schicksals aller Dinge deutlich in der materiellen Welt um uns zu lesen sind, daß Gott seine Schrift auf allem hinterlassen hat, so wie für den Weisen auf dem Fell der Pantherkatze, und daß es nur eines bestimmten Blickes bedürfte ... Der erwachte Mensch wäre dann der Mensch, der diesen Blick hat.

 

8 EINIGE DOKUMENTE ÜBER DEN ZUSTAND DES ERWACHTSEINS

Eine Anthologie, die uns fehltDie Reden GurdjewsMein Aufenthalt in der Schule des ErwachensEin Bericht von Raymond AbellioEin Abschnitt aus einem Roman eines verkannten Genies

Wenn es einen Zustand des Erwachtseins gibt, dann fehlt auf dem Gebäude der modernen Psychologie noch ein Stockwerk. Wir möchten nun vier Dokumente vorlegen, die aus unserer Epoche , stammen. Wir haben sie fast aufs Geratewohl ausgewählt, da uns die Zeit fehlte, eine eingehendere Suchaktion zu unternehmen. Eine Anthologie der Zeugnisse und Studien über den Zustand des Erwachtseins wurde bis heute noch nicht zusammengestellt. Sie wäre jedoch sehr nützlich, da sie die alten Verbindungen mit der Überlieferung wieder herstellen könnte. Daneben würde sie Wege aufzeigen, die künftig zu beschreiten wären. Schriftsteller müßten einen Schlüssel zu vielen Erkenntnissen darin finden, den Forschern auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften würde sie man die Anregung liefern, und die Gelehrten könnten hier den Faden erblicken, der durch alle großen Abenteuer des Geistes läuft, und sie würden sich weniger isoliert vorkommen. Dabei möchten wir betonen, daß wir bei der Zusammenstellung dieser Dokumente die Absicht hatten, ein paar kurze Hinweise auf eine mögliche Psychologie des Zustands des Erwachtseins in ihrer einfachsten Form zu geben.

Der Leser findet daher in diesem Kapitel:

1. einige Auszüge aus den Reden Georg Iwanowitsch Gurdjews, die der Philosoph Ouspensky gesammelt hat;

2. mein eigenes Zeugnis über die Versuche, die ich unternahm, um unter Anleitung der Lehrer an der Gurdjew-Schule den Weg zum Zustand des Erwachtseins zu finden;

3. den Bericht des Romanschriftstellers und Philosophen Raymond Abellio über eine persönliche Erfahrung;

4. den in unseren Augen aufschlußreichsten Text der gesamten modernen Literatur über diesen Zustand: einen Auszug aus dem Roman Das grüne Gesicht von Gustav Meyrink.

1. Auszüge aus den Reden Gurdjews

Um den Unterschied zwischen den einzelnen Bewußtseinszuständen zu verstehen, müssen wir zunächst auf den ersten, den Schlafzustand, eingehen. Er ist ein völlig subjektiver. Der Mensch ist hier in seine Träume versunken — gleichgültig, ob er eine Erinnerung an sie bewahrt oder nicht. Selbst wenn irgendwelche realen Eindrücke auf den Schläfer einwirken, wie gewisse Geräusche, Stimmen, Hitze, Kälte oder Gefühle seines eigenen Körpers, so können diese doch nur phantastische Bilder in ihm hervorrufen. Dann erwacht der Mensch. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als befände er sich jetzt in einem ganz anderen Bewußtseinszustand. Er kann sich bewegen, mit anderen Personen sprechen, Pläne machen, Gefahren sehen, sie vermeiden und so weiter. Normalerweise sollte man annehmen, daß seine Lage nun wesentlich günstiger ist als im Schlaf. Aber wenn wir den Dingen ein wenig mehr auf den Grund gehen, wenn wir einen Blick auf die innere Welt des Menschen werfen, auf die Ursachen seiner Handlungen, entdecken wir, daß er sich jetzt fast im gleichen Zustand befindet wie vorher. Ja, er ist sogar in einer noch schlechteren Lage, denn während des Schlafes ist er passiv, das heißt, er kann nichts unternehmen. Im Wachzustand hingegen kann er handeln, und die Folgen seiner Handlungen werden auf ihn und seine Umgebung zurückwirken. Dabei ist er sich seiner selbst gar nicht wahrhaft bewußt. Er ist eine Maschine, alles stößt ihm zu. Er kann die Flut seiner Gedanken nicht hemmen, er kann weder seiner Phantasie, noch seinen Gefühlen, noch seiner Aufmerksamkeit gebieten. Er lebt in einer subjektiven Welt des «ich liebe», «ich liebe nicht», «das gefällt mir», «das gefällt mir nicht», «ich habe Lust», «ich habe keine Lust» — in einer Welt also, die aus dem besteht, was er zu lieben oder nicht zu lieben, zu wünschen oder nicht zu wünschen glaubt. Er sieht nicht die wirkliche Welt. Die reale Welt ist für ihn hinter der Mauer seiner Phantasie verborgen. Er lebt in einem Traum. Das, was er sein «klares Bewußtsein» nennt, ist nur Schlaf — und zwar ein viel gefährlicherer Schlaf als der, den er nachts in seinem Bett erlebt.Betrachten wir irgendein Ereignis in der Geschichte der Menschheit. Den Krieg zum Beispiel. Auch in diesem Augenblick ist Krieg. Was soll das heißen? Es bedeutet, daß mehrere Millionen Schlafender bemüht sind, mehrere Millionen anderer Schlafender zu vernichten. Wenn sie sich weigerten, das zu tun, würden sie natürlich aufwachen. Alles, was zur Zeit vor sich geht, ist auf Rechnung dieses Schlafes zu setzen.Diese beiden Bewußtseinszustände also, der Schlafzustand und der Wachzustand, sind gleichermaßen subjektiv. Erst wenn der Mensch beginnt, sich seiner selbst bewußt zu werden, kann er wahrhaft erwachen. Dann gewinnt das ganze Leben rings um ihn ein anderes Aussehen und einen neuen Sinn. Er erblickt darin ein Leben von schlafenden Menschen, ein Traumleben. Alles, was die Leute sagen, was sie tun, geschieht im Schlaf. Nichts davon kann also auch nur den geringsten Wert haben. Allein das Erwachen und das, was zum Erwachen führt, hat wirklichen Wert.Wie oft habt ihr mich schon gefragt, ob es nicht möglich wäre, den Krieg zu vermeiden. Natürlich wäre es möglich. Die Menschen brauchten nur zu erwachen. Das klingt sehr einfach. Und doch gibt es nichts, das schwieriger wäre, weil der Schlaf durch das gesamte Leben um uns und durch alle Bedingungen unserer Umwelt verursacht und erhalten wird.Wie kann man sich diesem Schlaf entziehen? Das ist die wichtigste und wesentlichste Frage, die ein Mensch stellen kann. Doch;bevor er sie stellt, muß er sich von der Tatsache überzeugen, daß er schläft. Und das wird ihm nur möglich sein, wenn er aufzuwachen versucht. Wenn er erst einmal begriffen hat, daß er sich seiner selbst nicht bewußt ist und daß ein Bewußtwerden bis zu einem gewissen Grad ein Erwachen bedeutet, und wenn er die Erfahrung gemacht hat, wie schwer es ist, sich seiner selbst bewußt zu werden, dann wird er auch begreifen, daß der Wunsch allein nicht genügt. Genauer gesagt, der Mensch kann nicht allein zum Erwachen gelangen. Wenn aber zwanzig Menschen vereinbaren, daß der erste von ihnen, der aufwacht, die anderen weckt, besteht schon eine gewisse Chance. Doch selbst das genügt noch nicht, denn es ist denkbar, daß diese zwanzig Menschen gleichzeitig einschlafen und nur träumen, daß sie aufwachen. Manmuß also nach einer anderen Lösung suchen. Die zwanzig Menschen müssen von einem Menschen beaufsichtigt werden, der selbst nicht einschläft oder der zumindest nicht so leicht einschlummert wie die anderen oder der doch nur dann, und zwar ganz bewußt,einschläft, wenn es statthaft ist, das heißt, wenn daraus kein Schaden für ihn oder die anderen entstehen kann. Die zwanzig Menschen müssen also einen solchen Menschen finden und ihn dazu bringen, sie aufzuwecken und ihnen nicht zu gestatten, wieder in den Schlaf zurückzusinken. Ohne diese Voraussetzung ist ein Erwachen nicht möglich. Diese Tatsache gilt es zu begreifen.Es ist möglich, tausend Jahre lang zu denken, es ist möglich, ganze Bibliotheken zu schreiben, Theorien zu Tausenden aufzustellen — und alles das im Schlaf, ohne jede Hoffnung auf ein Erwachen. Im Gegenteil: die von Schlafenden verfertigten Theorien und Bücher werden nur bewirken, daß immer mehr Menschen in diesen Schlaf hineingezogen werden.Diese Idee vom Schlaf ist keineswegs neu. Fast seit der Erschaffung der Welt schon hat man den Menschen davon gesprochen. Wie oft lesen wir zum Beispiel in den Evangelien: «Wacht auf!», «Wache!», «Schlaft nicht!». Sogar die Jünger Jesu schliefen im Garten Gethsemane, während ihr Meister zum letztenmal betete. Diese Tatsache besagt alles. Aber verstehen die Menschen sie? Sie halten sie für eine rhetorische Floskel, für eine Metapher. Und sie begreifen nicht, daß sie buchstäblich als Wahrheit begriffen werden muß. Dabei ist gerade in diesem Fall der Grund noch leicht zu erfassen. Die Jünger brauchten ja nur zu erwachen, oder sie sollten es zumindest versuchen. Man hat mich tatsächlich oft gefragt, warum die Evangelien nie vom Schlaf sprechen ... Es ist auf jeder Seite davon die Rede. Die Frage beweist nur, daß die Menschen auch die Bibel im Schlaf lesen.Wie bringt man es fertig, einen schlafenden Menschen aufzuwecken? Man muß ihn anstoßen. Wenn ein Mensch jedoch sehr tief schläft, genügt ein einfacher Stoß nicht. Dann muß man ihn immer wieder, unaufhörlich rütteln. Infolgedessen ist ein Mensch nötig, der dies besorgt. Ich sagte bereits, daß ein Mensch, der erwachen will, sich einen Helfer dingen muß, der es übernimmt, ihn ständig wachzurütteln. Aber wen kann er dazu bringen, wenn doch alle Welt schläft? Er nimmt einem Menschen das Versprechen ab, ihn zu wecken, und dieser fällt seinerseits in Schlaf. Wozu ist er ihm also nütze? Und wenn man einen Menschen findet, der tatsächlich fähig ist, sich wachzuhalten, so wird dieser vermutlich Wichtigeres zu tun haben, als die anderen zu wecken.Es besteht auch die Möglichkeit, sich mechanisch wecken zu lassen. Man kann eine Weckeruhr benutzen. Das Unglück ist nur, daß man sich allzurasch an jede Weckeruhr gewöhnt: man hört sie schließlich gar nicht mehr. Man braucht also viele Weckeruhren mit verschiedenen Klingelzeichen. Der Mensch muß sich buchstäblich mit Weckern umgeben, die ihn am Einschlafen hindern. Aber auch hier erheben sich wieder neue Schwierigkeiten. Die Weckeruhren müssen aufgezogen werden; um sie aufzuziehen, ist es unerläßlich, daß man daran denkt; um daran zu denken, muß man immer wieder aufwachen. Und das Schlimmste: der Mensch gewöhnt sich an alle Wecker, und nach eine» gewissen Zeit schläft er nur um so besser. Infolgedessen müssen die Wecker ständig ausgewechselt werden, und man muß immer wieder neue erfinden. Das hilft mit der Zeit. Leider besteht aber nur wenig Hoffnung, daß der Mensch diese ganze Leistung des Erfindens, des Aufziehens und des Austauschens all der Weckeruhren allein, ohne äußere Hilfe, vollbringen kann. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, daß er diese Arbeit zwar in Angriff nimmt, dann aber bald einschläft und im Schlaf träumt, daß er Wecker erfindet, sie aufzieht und austauscht. Ein Mensch, der erwachen will, muß sich also nach anderen Menschen umsehen, die den gleichen Wunsch haben, um dann mit ihnen zusammenzuarbeiten. Aber das ist leichter gesagt als getan, denn die , Bewältigung einer solchen Aufgabe und ihre Organisation verlangen Kenntnisse, über die der gewöhnliche Mensch nicht verfügt. Die Arbeit muß organisiert werden, und einer muß die Leitung;übernehmen. Wenn diese beiden Bedingungen nicht erfüllt sind, kann die Anstrengung nicht die erwarteten Erfolge zeitigen, und alle Mühe ist vergebens. Die Menschen können sich quälen, aber auch diese Qualen werden sie nicht erwachen lassen. Es sieht so aus, als sei für gewisse Menschen nichts schwieriger, als diese Zusammenhänge zu begreifen. Sie mögen aus eigener Initiative zum größten Einsatz fähig sein, aber sie werden sich um keinen Preis der Welt davon überzeugen lassen, daß ihr erstes Opfer darin bestehen muß, sich einem anderen zu unterwerfen.Und sie wollen nicht zugeben, daß all ihre anderen Opfer in diesem Fall zu nichts nütze sind.Die Arbeit muß geplant werden. Und das kann nur durch einen Menschen geschehen, der ihre Probleme, ihre Methoden undZiele kennt und der sich selbst schon einmal in ein solch organisiertes Werk eingegliedert hat.(Die vorstehenden Reden von Georg Iwanowitsch Gurdjew sind bei P. D. Ouspensky, Fragments d'un Enseignement Inconnu, wiedergegeben.)

2. Meine ersten Eindrücke in der Gurdjew-Schule

«Man nehme eine Uhr», wurde uns gesagt, «betrachte den großen Zeiger, versuche die Wahrnehmung seiner selbst festzuhalten und sich auf den Gedanken zu konzentrieren: Ich bin Louis Pauwels und bin in diesem Augenblick hier.> Man versuche weiter nichts als das zu denken, folge einfach der Bewegung des großen Zeigers und bleibe seiner selbst, seines Namens, seiner Existenz und des Ortes, an dem man sich befindet, bewußt.»Anfangs erschien mir das einfach und sogar ein wenig lächerlich. Ich kann wohlgemerkt im Geist die Vorstellung parat halten, daß ich Louis Pauwels heiße, daß Ich jetzt hier bin und zusehe, wie sich der große Zeiger meiner Uhr langsam vorwärts bewegt. Bald aber muß ich feststellen, daß diese Idee nicht mehr lange feste Form behält, daß sie tausend neue Konturen annimmt und nach allen Richtungen auseinanderläuft — so wie Salvador Dali die Dinge malt, als seien sie in etwas quallig Auseinanderlaufendes verwandelt. Doch dann geht mir auf, daß man von mir ja nicht verlangt hat, eine Vorstellung fest- und gegenwärtig zu halten, sondern eine Wahrnehmung. Man hat von mir nicht nur verlangt, zu denken, daß ich bin, sondern es zu wissen und von dieser Tatsache eine absolute Kenntnis zu entwickeln. Nun spüre ich schon, daß dies möglich ist und sich in mir dahin umsetzen könnte, daß mir etwas Neues und Wichtiges aufgeht. Dazu kommt die Entdeckung, daß mich tausend Gedanken — oder Schatten von Gedanken — Tausende von Wahrnehmungen, Bildern und Ideenverbindungen ununterbrochen überfallen, die nichts mit meinem Bemühen zu tun haben und mich von meinem Vorhaben abbringen. Mitunter nimmt auch der Zeiger meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und indem ich ihn ansehe, verliere ich mich selbst aus den Augen. Mitunter ist es mein Körper, ein Zucken im Bein, irgendein Vorgang im Leib, der meineAufmerksamkeit vom Uhrzeiger und von mir selbst gleichzeitig ablenkt. Ein anderes Mal glaube ich mein kleines «Innenkino abgestellt und die Außenwelt abgeschaltet zu haben, und sehe merke ich, daß ich in eine Art Schlaf sinke und der Zeiger verschwunden ist oder ich selbst verschwunden bin; wobei sich die Bilder, Wahrnehmungen und Ideen wie hinter einem Schleier ineinander verwickeln, als ob sich ein Traum während des Schlafes selbständig gemacht habe. Dann endlich gelingt es: in einem Sekundenbruchteil betrachte ich diesen Zeiger und bin ich, wirklich und wahrhaftig. Aber schon im gleichen Sekundenbruchteil beglückwünsche ich mich dazu, mein Geist klatscht sozusagen Beifall, mein Denken freut sich, dies erreicht zu haben — und dadurch wird alles wieder heillos kompromittiert. Verärgert und fast erschöpft breche ich das Experiment ab, weil mir das alles so vorkommt, als hätte ich die unangenehmsten Minuten meines Daseins erlebt, als hätte ich bis zum äußersten die Luft angehalten. Und das kam mir alles so entsetzlich lang vor. Dabei sind kaum mehr als zwei Minuten vergangen, und nur drei oder vier blitzartige Momente innerhalb dieser zwei Minuten haben mir eine klare Vorstellung von mir selbst vermittelt.Es muß also zugegeben werden, daß wir so gut wie nie uns selbst bewußt sind und daß wir uns auch so gut wie nie dessen bewußt sind, wie schwierig Bewußtsein ist.Man sagte uns, daß der «Bewußt-Seins-Zustand» zunächst ein jeder Zustand sei, in dem der Mensch endlich einsehe, daß er gut wie nie bewußt ist, und in dem er so nach und nach jene Widerstände kennenlerne, die sich seinem darauf gerichteten Bemühen entgegenstellen. Im Lichte dieses ganz kleinen Experimentes kann man also behaupten, jemand vermöge ein Buch zu lesen, das ihm gefällt, ihn langweilt oder in Begeisterung versetzt — ohne sich eine einzige Sekunde bewußt zu sein, daß er ist, und infolgedessen wendet sich so gut wie gar nichts von dem, was er liest, an ihn selbst. Das Gelesene ist ein Traum unter seinen anderen Träumen, durch uns hindurchgeflossen, wie so vieles unser Bewußtseindurchfließt. Denn unser wahres Bewußtsein kann vollkommen abgewendet sein von dem, was wir sagen, denken, wollen und uns einbilden — und das ist fast immer der Fall.Damit ging mir auf, daß zwischen dem Schlafzustand und Zustand, in dem wir uns beim üblichen Wachsein befinden, indem wir sprechen und handeln, nur ein herzlich kleiner Unterschied besteht . . . Unsere Träume sind unsichtbar geworden wie die Sterne wenn der Tag anbricht, aber sie sind doch gegenwärtig, und wir leben weiterhin unter ihrem Einfluß. Wir haben nach dem Aufwachen lediglich anstelle der eigenen Regungen eine kritische Haltung gewonnen, besser geordnete Gedanken, kontrolliertere Handlungen, eine gesteigerte Intensität der Eindrücke, Gefühle und Wünsche, aber wir stecken noch immer im Nicht-Bewußtsein. Es handelt sich nicht um ein wirkliches Erwachen, sondern um einen «erwachten Schlaf», und eben in diesem Zustand des «erwachten Schlafs» verläuft fast unser ganzes Leben. Man lehrte uns, daß es möglich ist, vollständig zu erwachen, in den Zustand des Bewußtseins seiner selbst zu gelangen. In diesem Zustand würde ich — wie ich schon im Verlauf der Übungen mit der Uhr ahnte — die Arbeit meiner Gedanken und das Abrollen der Bilder, Ideen, Gefühle, Empfindungen und Wünsche objektiv beobachten können. Ich würde in diesem Zustand die Fähigkeit entwickeln können, diesen Ablauf gelegentlich zu stoppen oder ihn in eine andere Richtung zu lenken. Und diese Bemühung, so sagte man mir, würde eine gewisse feste Grundlage in mir schaffen. Sie sei nicht dazu da, um dieses oder jenes Ziel zu erreichen, nein," es genüge, daß sie vorhanden sei, damit sich in mir die Substanz meines eigenen Wesens bilde und mehre. Mir wurde gesagt, daß ich dann, wenn ich ein gefestigtes Wesen besäße, zum «objektiven Bewußtsein» gelangen könne und daß es mir alsdann möglich sein werde, eine totale, objektive, eine absolute Erkenntnis nicht nur meiner selbst, sondern auch der anderen Menschen, aller Dinge und der ganzen Welt zu gewinnen.(Louis Pauwels, Gurdjew der Magier)

3. Der Bericht Raymond Abellios

Wenn ich in der «natürlichen» Haltung, die alle menschlichen Wesen mit mir teilen, ein Haus «sehe», so ist meine Wahrnehmung spontan: ich nehme dieses Haus wahr und nicht meine Wahrnehmung an sich. In der «transzendentalen» Haltung hingegen ist es meine Beobachtung selbst, die ich perzipiere. Diese Wahrnehmung der Wahrnehmung jedoch bedeutet eine grundsätzliche Veränderung des ursprünglichen Zustands. Der zunächst naiv erlebte Zustand verliert seine Spontaneität eben durch die Tatsache, daß das, was zuvor Zustand und nicht Objekt war, nunmehr Gegenstand der neuen Betrachtung wird und daß zu den Elementen meiner neuen Wahrnehmung nicht allein die des Hauses als solches zählt, sondern auch die der Wahrnehmung selbst, insofern diese erlebtes Geschehen ist. Von wesentlicher Bedeutung bei dieser «Veränderung» ist es, daß in diesem bireflexiven oder richtiger reflektiert-reflexiven Zustand der eigentliche Anblick des Hauses, der mein ursprüngliches Motiv war, dadurch, daß «meine» zweite Wahrnehmung sich über «seine» erste Wahrnehmung schiebt, keineswegs verlorengeht, weggeschoben oder verwischt wird, sondern sich auf eine fast paradoxe Weise intensiviert, daß er sich klarer, gegenwärtiger, mit einer stärkeren objektiven Realität beladen darbietet als zuvor. Wir stehen hier vor einer Tatsache, die durch die rein spekulative Analyse nicht zu erklären ist: der einer Überhöhung des zunächst als Bewußtseinsfaktum vorhandenen Gegenstands, seiner Umwandlung, wie wir später sagen werden, in ein «Überding», seines Wandels vom Wissenszustand zum Erkenntniszustand. Dieses Faktum wird allgemein verkannt, obgleich es doch das auffallendste in der gesamten realen phänomenologischen Erfahrung ist. Alle Schwierigkeiten, an denen die übliche Phänomenologie und mit ihr sämtliche klassischen Erkenntnistheorien zu scheitern drohen, beruhen auf dieser Tatsache, daß die Verbindung Bewußtsein — Erkenntnis (oder genauer ausgedrückt: Bewußtsein — Wissenschaft) für fähig gehalten wird, allein die Gesamtheit des Erlebten zu erschöpfen, während doch in Wirklichkeit die Dreierverbindung Erkenntnis — Bewußtsein — Wissenschaft die einzige ist, die eine wahrhaft ontologische Begründung der Phänomenologie gestattet. Und die Überhöhung kann einzig durch das direkte und persönliche Erlebnis des Phänomenologen selbst deutlich werden. Niemand darf behaupten, die wahrhaft transzendentale Phänomenologie begriffen zu haben, wenn er diese Erfahrung nicht selbst gemacht hat, wenn er nicht selbst durch sie «erleuchtet» wurde. Er mag der spitzfindigste Dialektiker, der beredteste Logiker sein — wenn er nicht unter den Dingen andere Dinge erlebt und gesehen hat, kann er auf dem Gebiet der Phänomenologie nicht mitreden und keine wahrhaftphänomenologische Tätigkeit ausüben. Wählen wir ein klares Beispiel. Soweit meine Erinnerungen zurückreichen, konnte ich Farbenerkennen: Blau, Rot, Gelb. Meine Augen sahen sie, und ich besaß eine latente Erfahrung dieser Farben. Allerdings befragte «mein Auge» sich nicht über sie — und wie hätte es auch Fragen stellen sollen? Seine Funktion ist, zu sehen, nicht aber sich selbst beim Sehen zu betrachten. Dabei befand sich jedoch mein Gehirn in einer Art Schlafzustand: es war keineswegs das Auge des Auges, sondern eine einfache Verlängerung dieses Organs. Und so sagte ich, fast ohne daran zu denken: Das ist ein schönes Rot, ein etwas blasses Grün, ein strahlendes Weiß. Eines Tages nun, vor einigen Jahren, ging ich in den waadtländischen Weinbergen spazieren, die sich über den ge-schwungenen Ufern des Genfersees hinziehen und eine der schönsten Landschaften der Welt bilden, so schön und so weit, daß das «Ich» 'sich eben in dieser Weite aufzulösen scheint und sich dann plötzlich wieder fängt und emporschwingt. Bei dieser Gelegenheit hatte ich ein unverhofftes und außerordentliches Erlebnis. Das Ockergelb des schroffen Abhangs, das Blau des Sees, das Violett der Berge von Savoyen und im Hintergrund die funkelnden Gletscher des Grand-Combin — das alles hatte ich schon hundertmal gesehen. Nun aber wußte ich mit einemmal, daß ich sie nie angesehen hatte. Dabei lebte ich schon seit drei Monaten in dieser Gegend. Die Landschaft hatte von der ersten Stunde an nicht ihre Wirkung auf mich verfehlt, aber das Ergebnis dieser Wirkung in mir war nur eine undeutliche Begeisterung gewesen. Gewiß ist das «Ich» des Philosophen stärker als alle Landschaften. Das ergreifende Gefühl der Schönheit ist nur eine Art Selbstbesinnung des «Ich», das sich daran stärkt, ein Bewußtwerden des unendlichen Abstands, der uns von ihr trennt. An jenem Tag jedoch wußte ich urplötzlich, daß ich selbst diese Landschaft schuf, daß sie ohne mich nichts war: «Ich bin es, der dich sieht und der mich dich sehen sieht und der, indem er mich sieht, dich erschafft.» Dieser innere Aufschrei ist der des Demiurgen nach «seiner» Erschaffung der Welt. Es geht dabei nicht nur um die Aufhebung einer «alten» Welt, sondern um die Projektion einer «neuen». Und tatsächlich wurde in jenem Augenblick die Welt neu erschaffen. Noch nie hatte ich solche Farben gesehen. Sie waren hundertmal intensiver, nuancierter, lebendiger. Ich wußte, daß ich soeben den Farbsinn erworben hatte, daß ich eine neue, jungfräuliche Haltung den Farben gegenüber einnahm, daß ich bis dahin noch nie ein Bild wirklich gesehen hatte und noch nie in die Welt der Malerei eingedrungen war. Aber ich wußte auch,daß ich infolge dieser Selbstbesinnung meines Bewußtseins den Schlüssel zu dieser Welt der Überhöhung gefunden hatte, die durchaus nicht irgendeine mysteriöse «Hinter-Welt» ist, sondern die wahre Welt, diejenige, aus der die «Natur» uns verbannt hat. Ein solcher Zustand hat nichts mit der gewöhnlichen Aufmerksamkeit zu tun. Die Überhöhung ist vollkommen, die Aufmerksamkeit ist es nicht. Die Überhöhung erkennt sich selbst in der Sicherheit des Genügens, die Aufmerksamkeit strebt nach einem vielleicht möglichen Genügen. Dabei kann man aber auch nicht sagen, die Aufmerksamkeit sei leer. Nein, sie ist begierig. Diese Begierde selbst aber ist noch keine Fülle. Als ich an jenem Tag in den Ort zurückkehrte, widmeten sich die meisten Leute, denen ich begegnete, «aufmerksam» ihrer Arbeit; trotzdem kamen sie mir alle vor wie Schlafwandler.(Raymond Abellio, Cahiers du Cercle d'Etudes Métaphysiques. 1954)

4. Der Text von Gustav Meyrink

Der Schlüssel zur Macht über die innere Natur ist verrostet seit der Sintflut. Er heißt: Wach sein. Wach sein ist alles.Von nichts ist der Mensch so fest überzeugt wie davon, daß er wach sei; dennoch ist er in Wirklichkeit in einem Netz gefangen, das er sich selbst aus Schlaf und Traum gewebt hat. Je dichter dieses Netz, desto mächtiger herrscht der Schlaf; die darein verstrickt sind, das sind die Schlafenden, die durchs Leben gehen wie Herdenvieh zur Schlachtbank, stumpf, gleichgültig und gedankenlos.Die Träumenden unter ihnen sehen durch die Menschen eine vergitterte Welt — sie erblicken nur irreführende Ausschnitte, richten ihr Handeln danach ein und wissen nicht, daß diese Bilder bloß sinnloses Stückwerk eines gewaltigen Ganzen sind. Diese, «Träumer» sind nicht, wie du vielleicht glaubst, die Phantasten und Dichter — es sind die Regsamen, die Fleißigen, Ruhelosen der Erde, die vom Wahn des Tuns Zerfressenen; sie gleichen emsigen, häßlichen Käfern, die ein glattes Rohr emporklimmen, um von oben — hineinzufallenSie wähnen, wach zu sein, aber das, was sie zu erleben glauben, ist in Wahrheit nur Traum — genau vorausbestimmt im kleinsten Punkt und unbeeinflußbar von ihrem Willen.Einige unter den Menschen hat's gegeben und gibt es noch, die wußten gar wohl, daß sie träumten — Pioniere, die bis zu den Bollwerken vorgedrungen sind, hinter denen sich das ewig wache Ich verbirgt, Seher wie Goethe, Schopenhauer und Kant — aber sie besaßen die Waffen nicht, um die Festung zu erstürmen, und ihr Kampfruf hat die Schläfer nicht .erweckt.Wach sein ist alles.Der erste Schritt dazu ist so einfach, daß jedes Kind ihn tun kann; nur der Verbildete hat das Gehen verlernt und bleibt lahm auf beiden Füßen, weil er die Krücken nicht missen will, die er von seinen Vorfahren geerbt hat.Wach sein ist alles.Sei wach bei allem, was du tust! Glaub nicht, daß du's schon bist. Nein, du schläfst und träumst.Stell dich fest hin, raff dich zusammen und zwing dich einen einzigen Augenblick nur zu dem körperdurchrieselnden Gefühl:«Jetzt bin ich wach!»Gelingt es dir, das zu empfinden, so erkennst du auch sogleich, daß der Zustand, in dem du dich soeben noch befunden hast, dagegen wie Betäubung und Schlaftrunkenheit erscheint.Das ist der erste zögernde Schritt zu einer langen, langen Wanderung von Knechttum zu Allmacht.Auf diese Art geh ich vorwärts von Aufwachen zu Aufwachen.Es gibt keinen quälenden Gedanken, den du damit nicht bannen könntest; er bleibt zurück und kann nicht mehr zu dir empor, du reckst dich über ihn, so wie die Krone eines Baumes über die dürren Äste hinauswächst. —Die Schmerzen fallen von dir ab wie welkes Laub, wenn du einmal so weit bist, daß jenes Wachsein auch deinen Körper ergreift.Die eiskalten Tauchbäder der Juden und Brahmanen, die Nachtwachen der Jünger Buddhas und der diristlichen Asketen, die Foltern der indischen Fakire, um nicht einzuschlafen — sie alle sind nichts anderes als erstarrte äußerliche Riten, die wie Säulentrümmer dem Suchenden verraten: hier hat in grauer Vorzeit ein geheimnisvoller Tempel des Erwachenwollens gestanden.Lies die heiligen Schriften der Völker der Erde: durch alle ziehtsich wie ein roter Faden die verborgene Lehre vom Wachsein;es ist die Himmelsleiter Jakobs, der mit dem Engel des Herrn die ganze «Nacht» gerungen hat, bis es «Tag» wurde und er den Sieg gewann!Von einer Sprosse immer hellem und hellem Wachseins zur ändern mußt du steigen, wenn du den Tod überwinden willst, dessen Rüstzeug Schlaf, Traum und Betäubung sind.Schon die unterste Sprosse dieser Himmelsleiter heißt: Genie;wie erst sollen wir die höheren Stufen benennen! Sie bleiben der Menge unbekannt und werden für Legenden gehalten. — Auch die Geschichte von Troja galt jahrhundertelang als Sage, bis endlich einer den Mut fand — und selber nachgrub.Auf dem Wege zum Erwachen wird der erste Feind, der sich dir entgegenstellt, dein eigner Körper sein. Bis zum ersten Hahnenschrei wird er mit dir kämpfen; erblickst du aber den Tag des ewigen Wachseins, der dich fernrückt von den Schlafwandlern, die da glauben, sie seien Menschen, und nicht wissen, daß sie schlafende Götter sind, dann verschwindet für dich auch der Schlaf des Körpers, und das Weltall ist dir Untertan.Dann kannst du Wunder tun, wenn du willst, und mußt nicht wie ein wimmernder Sklave demütig harren, bis es einem grausamen Götzen gefällig ist, dich zu beschenken oder — dir den Kopf abzuschlagen.Freilich, das Glück des treuen, wedelnden Hundes: einen Herrn ijiber sich zu kennen, dem er dienen darf — dieses Glück wird für ' dich zerschellen; aber frag' dich selbst, würdest du als der Mensch,) der du jetzt noch bist, mit deinem Hunde tauschen? Laß dich nicht abschrecken durch die Angst, das Ziel in diesem Leben vielleicht nicht erreichen zu können! — Wer unsern Weg einmal betreten hat, der kommt immer wieder auf die Welt in' einer Innern Reife, die ihm' die Fortsetzung seiner Arbeit ermöglicht — er wird als «Genie» geboren. Der Pfad, den ich dir weise, ist besät mit wundersamen Erlebnissen: Tote, die du im Leben gekannt hast, werden vor dir aufstehen und mit dir reden! — Lichtgestalten, glanzumflossen und beseligend, werden dir erscheinen und dich segnen. Es sind nur Bilder — Hauchformen, von deinem Körper ausgesendet, unter dem Einfluß deines verwandelten Willens den magische Tod stirbt und aus Stoff zu Geist wird, gleich wie starresvom Feuer getroffen, sich in formenballenden Dunst auflöst.Erst wenn du alles Kadaverhafte von ihm abgestreift hast, kannst du sagen: jetzt ist der Schlaf für immer von mir gewichen.Dann aber ist das Wunder vollbracht, das die Menschen nicht glauben können, weil sie, durch ihre Sinne betrogen, nicht begreifen, daß Stoff und Kraft dasselbe ist — jenes Wunder: daß, wenn man dich auch begräbt, keine Leiche im Sarge liegt.Dann erst, nicht früher, wirst du Wesenhaftes vom Schein trennen können; wem du dann begegnest, kann nur einer sein, der vor dir den Weg gegangen ist. Alle ändern sind Schatten.Bis dahin bleibt es ungewiß auf Schritt und Tritt, ob du das glücklichste oder das unglücklichste der Wesen wirst. — Aber fürchte dich nicht: noch ist keiner, der den Pfad des Wachseins betreten hat, auch wenn er in der Irre ging, von den Führern verlassen worden.Ein Merkmal will ich dir sägen, an dem du erkennen kannst, ob eine Erscheinung, die du hast, wesenhaft ist oder ein Trugbild:Wenn sie vor dich tritt, und dein Bewußtsein ist getrübt, und die Dinge der Außenwelt sind für dich verschwommen oder verschwunden, dann traue nicht! Sei auf der Hut! Es ist ein Stück von dir. Wenn du das Gleichnis nicht errätst, das es in sich birgt, ist es nur ein Gespenst ohne Bestand — ein Schemen, ein Dieb, der von deinem Leben zehrt.Die Diebe, die die Kraft der Seele stehlen, sind schlimmer als die Diebe der Erde. Sie locken dich wie Irrlichter in die Moräste einer trügerischen Hoffnung, um dich in der Finsternis allein zu lassen und für immer zu verschwinden.Laß dich durch kein Wunder blenden, das sie scheinbar für dich tun, durch keinen heiligen Namen, den sie annehmen, durch keine Prophezeiung, die sie aussprechen, auch nicht, wenn sie in Erfüllung geht — sie sind deine Todfeinde, von der Hölle deines eigenen Körpers ausgespien, mit dem du um die Herrschaft ringst.Wisse, daß die wunderbaren Kräfte, die sie besitzen, deine eignen sind — von ihnen entwendet, um dich in Sklaverei zu erhalten; sie können nicht leben, außer von deinem Leben, aber wenn du sie überwindest, sinken sie zu stummen, gehorsamen Werkzeugen herab, die du nach deinem Willen handhaben kannst.Unzählig sind die Opfer, die sie unter den Menschen geforderthaben; lies die Geschichte der Visionäre und Sektierer, und du wirst erkennen, daß der Pfad der Beherrschung, den du wandelst, mit Totenschädeln bedeckt ist.Die Menschheit hat sich unbewußt eine Mauer gegen sie gebaut: den Materialismus. Diese Mauer ist ein unfehlbarer Schutz — sie ist ein Sinnbild des Körpers, aber sie ist zugleich auch eine Kerkermauer, die den Ausblick hemmt.Heute, wo sie langsam zerbröckelt und der Phönix des innern Lebens aus seiner Asche, in der er lange Zeit wie tot gelegen, mit neuen Schwingen wieder aufersteht, regen auch die Aasgeier einer ändern Welt die Flügel. Darum hüte dich. Die Waagschale, in die du dein Bewußtsein legst, zeigt dir allein an, wann du Erscheinungen trauen darfst; je wacher es ist, desto tiefer neigt sie sich zu deinen Gunsten.Will dir ein Führer, ein Helfer oder ein Bruder aus einer geistigen Welt erscheinen, so muß er es können, auch ohne dein Bewußtsein zu plündern; du darfst, wie der ungläubige Thomas, deine Hand in seine Seite legen.Es wäre ein Leichtes, den Erscheinungen und ihren Gefahren auszuweichen — du brauchst nur zu sein wie ein gewöhnlicher Mensch. — Aber was ist damit gewonnen? Du bleibst ein Gefangener im Kerker deines Leibes, bis der Henker «Tod» dich zum Richtblock Schleppt. Die Sehnsucht der Sterblichen, die Gestalten der Überirdischen:zu schauen, ist ein Schrei, der auch die Phantome der Unterwelt weckt, weil eine solche Sehnsucht nicht rein ist — weil sie Habgier ist statt Sehnsucht, weil sie «nehmen» will in irgendeiner Form,statt zu schreien, um das- «geben» zu lernen, Jeder, der die Erde als ein Gefängnis empfindet, jeder Fromme,der nach Erlösung ruft — sie alle beschwören unbewußt die Welt;der Gespenster, Tu du es auch. Aber: bewußt!Ob es für jene, die es unbewußt tun, eine unsichtbare Hand gibt, die die Sümpfe, in die sie geraten müssen, in Eilande verzaubern kann? Ich weiß es nicht. Ich will nicht streiten — aber ich glaub's nicht.Wenn du auf dem Wege des Erwachens das Reich der Geister durchquerst, wirst du allmählich erkennen, daß es nur Gedanken sind, die du plötzlich mit den Augen sehen kannst.Das ist der Grund, weshalb sie dir fremd und wie Wesen erscheinen;denn die Sprache der Formen ist anders als die Sprache des Gehirns.Dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo sich die seltsamste Wandlung vollzieht, die dir geschehen kann: aus den Menschen, die dich umgeben, werden — Gespenster werden. Alle, die dir lieb gewesen, werden plötzlich Larven sein. Auch dein eigner Leib.Es ist die furchtbarste Einsamkeit, die sich ausdenken läßt — ein Pilgern durch die Wüste, und wer die Quelle des Lebens in ihr nicht findet, verdurstet.Alles, was ich dir hier gesagt habe, steht auch in den Büchern der Frommen jedes Volkes: das Kommen eines neuen Reiches, das Wachen, die Überwindung des Körpers und die Einsamkeit— und doch trennt uns von diesen Frommen eine unüberbrückbare Kluft: sie glauben, daß ein Tag naht, an dem die Guten in das Paradies eingehen und die Bösen in den Höllenpfuhl geworfen werden; wir wissen, daß eine Zeit kommt, wo viele erwachen werden und von den Schlafenden getrennt sein werden wie die Herren von den Sklaven, weil die Schlafenden die Wachen nicht begreifen können, wir wissen, daß es kein Böse und kein Gut gibt, sondern nur ein «Falsch» und ein «Richtig» — sie glauben, daß «wachen» ein Offenhalten der Sinne und Augen und ein Aufbleiben des Körpers während der Nacht sei, damit der Mensch Gebete verrichten könne; wir wissen, daß das «Wachen» ein Aufwachen des unsterblichen Ichs bedeutet und die Schlummerlosigkeit des Leibes eine natürliche Folge davon ist;— sie glauben, der Körper müsse vernachlässigt werden und verachtet, weil er sündig sei; wir wissen: es gibt keine- Sünde, der Körper ist der Anfang, mit dem wir zu beginnen haben, und wir sind auf die Erde herabgestiegen, um ihn in Geist zu verwandeln— sie glauben, man solle mit dem Leib in die Einsamkeit gehen, um den Geist zu läutern; wir wissen, daß zuerst unser Geist in die Einsamkeit gehen muß, um den Leib zu verklären.Bei dir allein steht es, deinen Weg zu wählen — ob unsern oder jenen. Es soll dein freier Wille sein.Ich darf dir nicht raten; es ist heilsamer, aus eigenem Entschluß eine bittere Frucht zu pflücken, als auf fremden Rat eine süße auf dem Baume — hängen zu sehen.Nur mach's nicht wie die vielen, die da wohl wissen, es stehtgeschrieben: «Prüfet alles, und das Beste behaltet» - aber hingehen, nichts prüfen und das - Erstbeste behalten.(Gustav Meyrink, Aus dem Roman Das grüne Gesicht)

9 DER PUNKT JENSEITS DES UNENDLICHEN

Vom Surrealismus zum phantastischen RealismusDer höchste PunktMan soll den Bildern mißtrauenDer Wahnsinn Georg Cantors Der Yogi und der MathematikerEin fundamentales Bestreben des menschlichen GeistesEin Auszug aus einer genialen Novelle von Jorge Luis Borges

In den vorhergehenden Kapiteln haben wir versucht, einen Begriff davon zu vermitteln, wie eine Untersuchung über die Realität eines anderen Bewußtseinszustands möglich ist. In diesem anderen Zustand — falls es ihn gibt — würde jeder Mensch, der vom Erkenntnisfieber gepackt ist, vielleicht eine Antwort auf die Frage finden, die er sich immer wieder stellt:Könnte ich nicht in mir selbst einen Ort entdecken, von dem aus sich alles, was mir zustößt, unmittelbar erklären ließe, einen Ort, von dem aus alles, was ich sehe, weiß oder fühle, sofort entziffert würde, gleichgültig ob es sich um die Bahnen der Gestirne handelt, um die Anordnung der Blütenblätter einer Pflanze, um die Strömungen der Kultur, der ich angehöre, oder um die geheimsten Regungen meines Herzens? Könnte nicht dieser unermeßliche und wahnwitzige Drang, alles zu verstehen, den ich mir selbst zum Trotz durch alle Abenteuer meines Lebens mitschleppe, eines Tages schlagartig eine absolute und zufriedenstellende Erfüllung finden? Gibt es nicht im Menschen, in mir selbst, einen Weg, der zur Erkenntnis aller Gesetze der Welt führt? Liegt nicht auf dem Grunde meines Seins der Schlüssel zur totalen Erkenntnis?Im zweiten Manifest des Surrealismus glaubte André Breton, diese Frage endgültig beantworten zu können.

«Alles weist darauf hin, daß es einen bestimmten Punkt des Geistes gibt, von dem aus Leben und Tod, Realität und Vorstellung, Vergangenheit und Zukunft, Mitteilbares und nicht Mitteilbares, Oben und Unten nicht mehr als Gegensätze empfunden werden.»Selbstverständlich wollen wir uns nicht anmaßen, jetzt unsererseits eine endgültige Antwort zu liefern. Wir möchten nur die Methoden des Surrealismus durch die etwas einfachere Arbeitsweise und den etwas schwerfälligeren Apparat jener Richtung ersetzen, die Bergier und ich als «phantastischen Realismus» bezeichnen. Bei der näheren Untersuchung unseres Gegenstands werden wir uns auf verschiedene Gebiete der Erkenntnis beziehen. Auf die esoterische Überlieferung. Auf die avantgardistische Mathematik. Und auf eine bestimmte Spane der modernen Literatur. Unsere Methode besteht eben darin, daß wir unsere Untersuchung auf mehreren Ebenen führen (auf der Ebene des magischen Geistes, auf der Ebene des reinen Intellekts und auf der Ebene der dichterischen Intuition), daß wir zwischen diesen Ebenen Verbindungen herstellen, die jeweils sich anbietenden Erkenntnisse durch Vergleiche nachprüfen und schließlich eine Hypothese entwickeln, in der diese bestätigten Erkenntnisse enthalten sind. Unser dickes, ein wenig ungeordnetes Buch ist nur ein Beginn der Verteidigung und Erläuterung dieses Vorgehens.Der zitierte Satz André Bretons stammt aus dem Jahr 1930. Es sollte ihm ein außerordentlicher Erfolg beschieden sein. Noch heute wird er ununterbrochen kommentiert. Und tatsächlich ist ja einer der auffallendsten Züge des zeitgenössischen Geistes das wachsende Interesse für das, was man «den Gesichtspunkt jenseits des Unendlichen» nennen könnte.Dieser Begriff taucht schon in den ältesten Überlieferungen auf, und heute finden wir ihn in der modernsten Mathematik wieder. Er beeinflußte die Gedanken des Dichters Paul Valéry, und einer der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart, der Argentinier Jorge Luis Borges, hat ihm eine seiner schönsten und erstaunlichsten Novellen gewidmet, der er den bezeichnenden Titel Das Aleph gab.62 Dieser Name ist der des ersten Buchstaben im Alphabet der heiligen Sprache. In der Kabbala bezeichnet er das En-soph, den Ort der totalen Erkenntnis, den Punkt, von dem aus der Geist mit einem Schlage die Gesamtheit aller Phänomene, ihre Ursachen und ihren Sinn erfaßt. In zahlreichen Texten wird gesagt, daß dieses Zeichen die Form eines Menschen habe, der gleichzeitig zum Himmel und auf die Erde weist, um damit anzudeuten, daß die Welt hier unten Spiegel und Nachbild der Welt dort oben ist. Der Punkt jenseits der Unendlichkeit ist jener «bestimmte Punkt» aus dem zweiten Manifest des Surrealismus, der Punkt Omega des Paters Teilhard de Chardin und die Vollendung des Großen Werks der Alchimisten.Wie läßt sich dieser Begriff klar definieren? Versuchen wir es. Es gibt im Weltall einen privilegierten Ort, von dem aus das ganze Universum sich enthüllt. Wir beobachten die Schöpfung mit Teleskopen, Mikroskopen und anderen Instrumenten. Hier jedoch braucht der Beobachter sich nur an diesen privilegierten Ort zu begeben: blitzartig wird die Gesamtheit aller Dinge vor ihm erscheinen, Zeit und Raum werden sich ihm in ihrer Totalität sowie in der letzten Bedeutung jedes ihrer Aspekte offenbaren.Um den Kindern einer Schulklasse eine Vorstellung vom Begriff der Ewigkeit zu vermitteln, bediente ein Jesuitenpater eines berühmten Kollegiums sich des folgenden Bildes:«Stellt euch vor, daß die Erde aus Bronze besteht und daß alle tausend Jahre eine Schwalbe mit ihrem Flügel daran streift. Wenn die Erde durch dieses Anstreifen des Flügels abgewetzt und verschwunden ist, dann fängt die Ewigkeit an...»Die Ewigkeit ist jedoch nicht nur eine unendliche Zeitdauer. Sie ist noch etwas anderes.

Man soll den Bildern mißtrauen. Sie dienen dazu, die Idee, die nur in der Höhenluft atmen kann, auf ein niedrigeres Niveau des Bewußtseins herabzuzwingen. Das Ergebnis gleicht einem Kadaver. Die einzigen Bilder, die einer höheren Idee gemäß sind, müssen im Bewußtsein einen Zustand der Überraschung, der Entrücktheit hervorrufen können, sie müssen dieses Bewußtsein auf jenes Niveau heben, auf dem die betreffende Idee lebt, auf dem man sie in ihrer ganzen Frische und Kraft fassen kann. Dies ist das Ziel, das sowohl die magischen Riten wie die echte Poesie verfolgen. Und darum werden auch wir nicht ver-suchen, ein «Bild» von diesem Begriff des Punkts jenseits der Unendlichkeit zu entwerfen. Es wird unserem Leser dienlicher sein, wenn wir ihn auf den Text von Jorge Luis Borges verweisen.Borges hat in seiner Novelle die Arbeiten der Kabbalisten und der Alchimisten sowie islamische Legenden benutzt. Auch in anderen Sagen, die so alt sind wie die Menschheit selbst, wird dieser Höchste Punkt, dieser Privilegierte Ort erwähnt. Für unsereEpoche jedoch ist es diarakteristisch, daß die Bemühungen des reinen Intellekts, die sich einer jeder Mystik und Metaphysik fernen Forschung zuwenden, zu mathematischen Begriffen geführt haben, welche uns gestatten, die Idee des Über-Unendlichen rational zu beschreiben und zu verstehen.

Die bedeutendsten und hervorragendsten Arbeiten auf diesem Gebiet stammen von dem genialen Georg Cantor*, der 1918, in Wahnsinn verfallen, starb. Seine Thesen werden noch heute von den Mathematikern lebhaft diskutiert. Einige von ihnen behaupten, die Ideen Cantors seien logisch unhaltbar. Die Anhänger des Über-Unendlichen erwidern darauf: «Niemand wird uns aus dem Paradies vertreiben, dessen Pforten Cantor uns aufgetan hat.»Der Gedankengang Cantors läßt sich in groben Umrissen folgendermaßen zusammenfassen: Stellen wir uns auf einem Blatt Papier zwei Punkte, A und B, vor, die einen Zentimeter voneinander entfernt sind. Nun ziehen wir eine Gerade, die A und B verbindet. Wie viele Punkte liegen auf dieser Linie? Cantor beweist, daß ihre Zahl höher ist als unendlich. Um diese Gerade zu füllen, bedarf es einer mehr als unendlichen Anzahl von Punkten, und dieser Begriff des «mehr als unendlich» wird durch die Zahl Aleph ausgedrückt.Wenn man die Gerade in zehn gleiche Strecken aufteilt, so wird jeder dieser Abschnitte ebenso viele Punkte enthalten wie die ganze Gerade. Wenn man ein Quadrat konstruiert, dessen Seiten die Länge der Geraden haben, so enthält auch die Fläche dieses Quadrats ebenso viele Punkte wie die ursprüngliche Linie. Und konstruiert man einen Würfel, so enthält wiederum der Inhalt dieses Würfels ebenso viele Punkte wie die Gerade zwischen A und B. Wenn man, von diesem Würfel ausgehend, einen vierdimensionalen festen Körper, ein Tessarakt, erstellt, so sind auch in ihm ebenso viele Punkte enthalten wie auf der anfänglichen Geraden. Und so weiter ad infinitum.In dieser Mathematik des Ober-Unendlichen, deren Gegenstand die Alephs sind, ist der Teil gleich dem Ganzen. Vom Standpunkt , der klassischen Vernunft aus klingt das wie vollendeter Wahnsinn, und doch ist es beweisbar. Ebenso zu belegen ist die Tatsache, daß sich, wenn man ein Aleph mit irgendeiner beliebigen

* Deutscher Mathematiker und Begründer der sogenannten Mengenlehre.

Zahl multipliziert, als Produkt stets Aleph ergibt. Hier verbindet sich die hohe Mathematik von heute mit der Smaragdtafel des Hermes Trismegistos («Was oben ist, ist wie das, was unten ist») und der Intuition von Dichtern, wie William Blake («Das ganze Universum ist in einem Sandkorn enthalten»).Es gibt nur ein einziges Mittel, über das Aleph hinauszugelangen, nämlich es in die Potenz Aleph zu erheben (man weiß, daß A hoch B gleich A, B mal mit A multipliziert, ist. Somit ist Aleph hoch Aleph ein anderes Aleph).Nennt man das erste Aleph null, so ist das zweite Aleph eins, das dritte Aleph zwei usw. Aleph null ist, wie bereits gesagt, die Anzahl der in einer Geraden oder in einem Körper enthaltenen Punkte. Man beweist, daß Aleph eins der Zahl aller im Raum denkbar möglichen Kurven entspricht. Was Aleph zwei betrifft, so entspricht es bereits einer Zahl, die größer ist als alles, was innerhalb des Universums faßbar ist. Im gesamten Weltall gibt es nicht die genügende Anzahl von Dingen, um bei ihrer Zusammenzählung auf ein Aleph zwei zu kommen. Die Alephs aber lassen sich unendlich erweitern. Der menschliche Geist gelangt demnach über das Universum hinaus und konstruiert Begriffe, die das Universum niemals zu füllen vermag. Es ist dies ein traditionelles Attribut Gottes, doch nie hatte man sich vorgestellt, daß der Geist sich dieses Attributs würde bemächtigen können. Vermutlich waren es die Betrachtungen der Alephs jenseits des Aleph zwei, die den Wahnsinn Cantors verursachten.Die modernen Mathematiker, die widerstandsfähiger oder dem metaphysischen Wahnsinn gegenüber weniger anfällig sind, operieren täglich mit Begriffen dieser Art und leiten sogar gewisse Anwendungsmöglichkeiten daraus ab. Einige davon sind durchaus angetan, den gesunden Menschenverstand zu verwirren, wie etwa das berühmte Paradox von Banach und Tarski *.Gemäß diesem Paradox ist es möglich, eine Kugel von normaler Dimension, zum Beispiel der eines Apfels oder eines Tennisballs, in Scheiben zu schneiden und dann diese Scheiben wieder so zusammenzusetzen, daß man eine Kugel erhält, die kleiner ist als ein Atom, oder eine, die größer ist als die Sonne.

* Zwei polnische Mathematiker. Banach kam in Auschwitz um; Tarski führt seine eigenen Arbeiten weiter.

Diese Operation war physikalisch nicht durchführbar, weil das Zerschneiden speziellen Flächen entlang durchgeführt werden muß, die keine tangentialen Ebenen haben, und die Technik hierzu nicht imstande ist. Die meisten Fachwissenschaftler sind jedoch der Ansicht, daß sich diese unbegreifliche Operation theoretisch realisieren läßt, und zwar in dem Sinne, daß, wenn auch diese Flächen nicht der Welt angehören, die auf übliche Weise meßbar und bearbeitbar ist, die auf sie bezüglichen Berechnungen, sich in der Welt. der Kernphysik als richtig und wirksam erweisen. Die Neutronen bewegen sich im Atommeiler in Kurven, die keine Tangente haben.Banach und Tarski gelangen in ihren Arbeiten zu Schlüssen, die in erstaunlicher Weise an die Kräfte erinnern, die sich die in der Samadhi-Technik erfahrenen Hindus zuschreiben: sie behaupten, daß es ihnen möglich sei, sich bis zur Größe der Milchstraße auszudehnen oder sich auf den Umfang des kleinsten denkbaren Teilchens zusammenzuziehen. Und Shakespeare — um ein uns näherliegendes Beispiel zu wählen — läßt Hamlet ausrufen: «O Gott, ich könnte in eine Nußschale eingesperrt Sein und mich für einen König unermeßlicher Gebiete halten!» Es erscheint uns unmöglich, durch die Ähnlichkeit zwischen diesen fernen Anklängen des magischen Gedankens und der modernen mathematischen Logik nicht betroffen zu sein.

Ein Anthropologe, der 1956 an einer Konferenz für Parapsychologie in Royaumont teilnahm, erklärte:«Die Siddhi-Yogis sind höchst bemerkenswert, weil sie für sich die Fähigkeit in Anspruch nehmen, sich so klein zu machen wie ein Atom oder so groß wie eine ganze Sonne oder das Universum. Unter diesen außerordentlichen Behauptungen treffen wir auf positive Tatsachen, die wir mit gutem Grund für wahr halten dürfen, und wiederum auf andere, die uns unglaublich und jeder Art von Logik entrückt erscheinen müssen.» Man muß jedoch annehmen, daß dieser Anthropologe weder Hamlets Ausruf noch die unverhofften Schlüsse kannte, zu denen, die reinste und modernste Logik, die mathematische nämlich, gelangt ist. Wo kann die tiefe Bedeutung dieser Entsprechungen liegen? Wie stets in diesem Buch beschränken wir uns darauf, einige Hypothesen zu formulieren. Die romantischste und erregendste, aber zugleich die am wenigsten einleuchtende wäre die, daß die Samadhi-Technik real ist, daß es dem Eingeweihten tatsächlich gelingt, sich so klein zu machen wie ein Atom und so groß wie eine Sonne, und daß diese Technik sich aus gewissen Erkenntnissen uralter Kulturen ableiten läßt, welche die Mathematik des Über-Unendlichen beherrschten. Unserer Ansicht nach handelt es sich hier um eine der fundamentalen Bestrebungen des menschlichen Geistes, die ihren Ausdruck ebenso in der Samadhi-Technik wie in der avant-gardistischen Mathematik von Banach und Tarski findet.Wenn die revolutionären Mathematiker recht haben, wenn die Paradoxe des Über-Unendlichen fundiert sind, so eröffnen sich dem menschlichen Geist unerhörte Perspektiven. Dann kann man es für möglich halten, daß im Raum Aleph-Punkte existieren wie derjenige, den Borges in seiner Novelle beschreibt. In diesen Punkten ist das ganze Kontinuum Raum—Zeit dargestellt, und dieses Schauspiel erstreckt sich vom Inneren des Atomkerns bis zur fernsten Milchstraße.Man kann noch weiter gehen: man kann sich vorstellen, daß infolge gewisser Vorkehrungen, die sowohl die Materie wie die Energie und den Geist betreffen, irgendein beliebiger Punkt im Raum zu einem über-unendlichen Punkt werden kann. Wenn eine solche Hypothese einer physikalisch-psychologisch-mathematischen Realität entspricht, so hätten wir damit die Erklärung für das Große Werk der Alchimisten und die höchste Ekstase, die gewisse Religionen kennen. Die Idee eines über-unendlichen Punktes, von dem aus das gesamte Weltall erfaßbar wäre, ist auf eine wunderbare Weise abstrakt. Aber die grundlegenden Thesen der Relativitätstheorie sind es nicht weniger, und doch wurde durch ihre praktische Anwendung die Atombombe entwickelt.

Im übrigen macht der menschliche Geist unentwegt neue Fortschritte, die auf ein immer höheres Niveau der Abstraktion hinzielen. Paul Langevin hat bereits darauf hingewiesen, daß ein einfacher Elektriker mit einem so abstrakten und diffizilen Begriff wie dem des Potentials ganz selbstverständlich umgeht und ihn durchaus in seine Alltagssprache eingegliedert hat.Man kann sich auch vorstellen, daß in einer mehr oder weniger fernen Zukunft der menschliche Geist, der dann diese Mathematik des Ober-Unendlichen beherrscht, mit Hilfe gewisser Instrumente dazu gelangt, im Raum «Alephs» zu konstruieren, also über-unendliche Punkte, von denen aus ihm das unendlich Kleine und das unendliche Große in ihrer Gesamtheit und ihrer letzten Wahrheit begreiflich werden. Damit hätte die jahrtausendealte Suche nach dem Absoluten endlich einen Abschluß gefunden. Die Vorstellung, daß man dieses Experiment schon als teilweise geglückt betrachten kann, ist verlockend. Wir sind im ersten Teil dieses Buches auf die Arbeit der Alchimisten eingegangen, in deren Verlauf der Adept die Oberfläche einer aus geschmolzenen Metallen bestehenden Masse zur Oxydation bringt. Wenn das Oxydhäutchen zerreißt, erblickt man auf dem undurchsichtigen Grund das Bild unserer Milchstraße mit ihren zwei Satelliten, den Magellanwolken. Sage oder Faktum? Auf jeden Fall dürfte es sich dabei um die Erwähnung eines ersten «über-unendlichen Instruments» handeln, mit dessen Hilfe man durch andere als die bis dahin bekannten Mittel eine Verbindung mit dem Universum herstellen kann. Vielleicht haben die Mayas, die noch kein Teleskop kannten, mit einer ähnlichen Vorrichtung den Uranus und den Neptun entdeckt. Aber wir wollen hier nicht in phantastische Gefilde abschweifen. Begnügen wir uns mit der Feststellung, daß • diese fundamentale Bestrebung des Geistes, die von der klassischen Psychologie übersehen wurde, existiert, und verweisen wir in die- sem Zusammenhang noch einmal auf die Beziehungen zwischen den alten Überlieferungen und den großen Strömungen der modernen Mathematik. ...

Nun aber soll der Auszug aus Borges' Das Aleph folgen:

In der Calle Garay bat mich das Dienstmädchen, ich möchte sogut sein und einen Augenblick warten. Der Kleine hielt sich wie immer im Keller auf und entwickelte photographische Platten. Zur Seite der großen Tonvase, die keine einzige Blume schmückte, lächelte auf dem Piano in grellen Farben (nicht so sehr unzeitgemäß als zeitlos) das große Porträt von Beatriz. Niemand konnte uns sehen, mit liebevoller Verzweiflung trat ich auf das Bild zu und sagte zu ihm: «Beatriz, Beatriz Elena, Beatriz Elena Viterbo, geliebte Beatriz, auf immer verlorene Beatriz, ich bin es, ich — Borges.»Eine kleine Weile später trat Carlos ein. Er sprach in trockenemTon; ich sah ein, daß er außerstande war, an etwas anderes als den drohenden Verlust des Aleph zu denken.«Ein Gläschen von dem falschen Cognak», rief er befehlshaberisch, «dann sollst du die Nase in den Keller stecken. Ich habe dir schon gesagt: ohne Rückgratverkrümmung geht es nicht ab. Auch die Dunkelheit, die Reglosigkeit, eine gewisse Anpassung des Auges sind unerläßlich. Du legst dich rücklings auf den Fliesenboden und heftest den Blick auf die neunzehnte Sprosse der betreffenden Treppenleiter. Ich gehe fort, schlage die Falltüre zu, und du bleibst allein. Solltest du vor irgendeinem Nagetier Angst haben — das macht nichts. Binnen weniger Minuten erblickst du das Aleph, den Mikrokosmos der Alchimisten und Kabbalajünger, den Gottseibeiuns in leibhafter Gestalt, das multum in parvo.»Wir waren bereits im Eßzimmer, als er hinzusetzte: «Es versteht sich von selbst, daß, falls du es nicht siehst, deine Unfähigkeit mein Zeugnis keineswegs entkräftet... Geh hinunter; binnen kürzester Frist wirst du mit allen Bildern von Beatriz Zwiesprache halten können...»Ich stieg rasch hinunter, überdrüssig seiner haltlosen Redereien. Das Kellergeschoß, kaum breiter als die Treppe, hatte große Ähnlichkeit mit einem Brunnenschacht. Vergeblich suchte mein Blick den Koffer, von dem Carlos Argentino gesprochen hatte. Ein paar Kisten mit Flaschen und ein paar Leinwandsäcke waren in einer Ecke gestapelt. Carlos ergriff einen Sack, faltete ihn zusammen und legte ihn an eine bestimmte Stelle.«Das Deckenpolster ist armselig», erklärte er, «doch würde ich es nur um einen Zentimeter anheben, so sähest du keinen Pfifferling und müßtest verärgert und beschämt von hinnen ziehen. Bequeme deine leibliche Fracht hier auf den Boden und zähle neunzehn Sprossen ab.»Ich entsprach seinen lächerlichen Vorschriften; endlich ging er. Behutsam schloß er die Falltür über mir; die Finsternis dünkte mich vollkommen, trotz einer Ritze, die ich erst später entdeckte. Auf einmal begriff ich die Gefahr, in der ich mich befand; von einem Verrückten hatte ich mich lebendig begraben lassen, nachdem er mir Gift verabreicht hatte. Aus Carlos' prahlerischen Reden sprach die geheime Angst, ich könnte die Wundererscheinung nicht sehen; Carlos, bestrebt, an seinem Wahn festzuhalten, die Verrücktheit vor sich selber zu leugnen, konnte nicht anders: ermußte mich umbringen. Ich empfand ein dumpfes Unbehagen, das ich auf meine versteifte Haltung und nicht auf die Wirkung irgendeines Gifts zu schieben bemüht war. Ich schloß die Augen, tat sie wieder auf. Da erblickte ich das Aleph.Hiermit komme ich zum unaussprechlichen Kernpunkt meiner Geschichte; und hiermit hebt auch für den Schriftsteller das Verzweiflungsvollste seiner Aufgabe an. Alles, was sich Sprache nennt, ist ein Alphabet aus symbolischen Zeichen, deren Verwendung die Teilnahme der Sprechenden an einer Vergangenheit voraussetzt; wie aber soll man anderen das unendliche Aleph mitteilen, wenn es meine schaudernde Erinnerung kaum zu fassen vermag? Die Mystiker helfen sich aus einer ähnlichen Klemme, indem sie, um die Gottheit zu bezeichnen, in Symbolen schwelgen. So spricht der Perser von einem Vogel, der gewissermaßen alle Vögel in sich faßt; Alanus ab Insulis von einem Kreis, dessen Mittelpunkt überall und dessen Umfang nirgends ist; Ezechiel von einem Engel mit vier Gesichtern, die er gleichzeitig nach Osten und Westen, nach Norden und Süden kehrt. (Nicht umsonst rufe ich diese unbegreiflichen Analogien in Erinnerung; sie stehen mit dem Aleph in einem gewissen Zusammenhang.) Vielleicht würden auch mir die Götter den Fund eines einschlägigen Bildes nicht versagen, und doch müßte dieser Art der Wiedergabe etwas Literarisches, etwas Falsches anhaften. Im übrigen ist das Kernproblem nicht zu lösen: nämlich die Aufzählung, sei es auch nur die teilweise Aufzählung eines unendlichen Insichganzen. In jenem alles überragendenAugenblick habe ich Millionen herzerfreuender und gräßlicher Vorgänge gesehen; am meisten war ich darüber erstaunt, daß sie alle in demselben Punkt stattfanden, ohne sich zu überdecken oder durchzuscheinen. Was meine Augen schauten, war im Raum und;in der Zeit gleich; ich kann es nur als Nacheinander wiedergeben, weil die Sprache so beschaffen ist; doch etwas davon will ich festhalten. Im unteren Teil der Treppenstufe, ein Stück weit rechts, sah ich einen kleinen regenbogenfarbenen Kreis von fast unerträglicher, Leuchtkraft. Anfangs glaubte ich, er schwinge um sich selbst; nachher begriff ich, daß die schwindelmachende Fülle dessen, was sichtbar in ihm vorging, an dieser Täuschung schuld war. Im Durdimesser mochte das Aleph zwei oder drei Zentimeter groß sein, aber der kosmische Raum war ohne Schmälerung seines Umfangsin ihm versammelt. Jedes Ding (etwa die Scheibe des Spiegels) war eine Unendlichkeit von Dingen, da ich sie deutlich von allen Punkten des Weltalls aus erblickte. Ich sah das bewegte Meer, ich sah Morgen- und Abendröte, ich sah die Menschenmassen Amerikas, ich sah ein versilbertes Spinngewebe inmitten einer schwarzen Pyramide, ich sah ein aufgebrochenes Labyrinth (das war London), ich sah unzählige ganz nahe Augen, die sich in mir wie in einem Spiegel ergründeten, ich sah alle Spiegel des Planeten, doch warf keiner mich zurück, ich sah in einem Durchgang der Calle Soler dieselben Fliesen, die ich vor dreißig Jahren im Flur eines Hauses in Fray Bentos sah, ich sah Wurzelgeflecht, Schnee, Tabak, Metalladern, Wasserdampf, ich sah aufgewölbte Wüsten am Äquator und jedes einzelne Sandkorn darin, ich sah, nie zu vergessen, in Inverness eine Frau, sah das ungestüme Haar, den stolz aufgerichteten Körper, sah eine Krebsgeschwulst in der Brust, sah einen kreisförmigen Ausschnitt trockenen Bodens auf einem Waldweg, wo vordem ein Baum gestanden hatte, sah in einem Landhaus von Adrogué ein Exemplar der ersten englischen Pliniusübersetzung, verfaßt von Philemon Holland, sah gleichzeitig jeden einzelnen Buchstaben auf jeder Seite (als Kind wunderte ich mich immer, daß die Lettern in einem geschlossenen Buch nicht durcheinander geraten und sich verirren), ich sah die Nacht und den Tag gleichzeitig, ich sah einen Sonnenuntergang in Queretaro, der die Farbe einer Rose in Bengalen widerzustrahlen schien, ich sah mein Schlafzimmer und niemanden darin, ich sah in einem Kabinett in Alkmaar einen Erdglobus zwischen zwei Spiegeln, die ihn endlos vervielfältigten, ich sah Pferde mit zerstrudelter Mähne in der Morgenfrühe auf einem Strand am Kaspischen Meer, ich sah das feingliedrige Skelett einer Hand, sah die Überlebenden einer Schlacht, wie sie Postkarten nach Hause schrieben, sah in einem Schlafzimmer von Mirzapur ein spanisches Kartenspiel, sah die schrägen Schatten von Farnen am Boden eines Gewächshauses, sah Tiger, Dampfkolben, Bisons, Sturzfluten und Heereszüge, sah alle Ameisen, die es auf Erden gibt, sah ein persisches Astrolabium, sah in einer Schublade des Schreibtischs (und beim Anblick der Handschrift erbebte ich) unanständige, unglaubliche, zweideutige Briefe von Beatriz an Carlos Argentino, sah ein Andachtsmal in der Chacarita, sah den furchtbaren leiblichen Überrest der ehemals so köstlichen Beatriz Viterbo, sah den Kreislauf meines dunklenBlutes, sah das ineinandergreifende Triebwerk der Liebe und die langsame Entstellung des Todes, sah das Aleph aus allen Punkten zugleich, sah im Aleph die Erde und in der Erde abermals das Aleph und im Aleph die Erde, sah mein Antlitz und mein Eingeweide, sah dein Antlitz, empfand Schwindel und weinte, weil meine Augen diesen verborgenen gemutmaßten Gegenstand erschaut hatten, auf dessen Namen die Menschen Anspruch erheben, den aber kein Mensch je geschaut hat: das unfaßliche Weltall. Ich fühlte unendliche Verwirrung, unendliches Bedauern.«Der Kopf muß dir schwirren von alledem, was du unberufen ausspioniert hast», sagte eine unleidliche begönnernde Stimme. «Wenn du dir auch das Gehirn ausschwitzt: nicht in einem Jahrhundert wirst du mir diese Offenbarung heimzahlen können. Was für ein sagenhaftes Observatorium, he, Borges?»Die Füße von Carlos Argentino standen auf der obersten Treppenstufe. Im jäh hereingebrochenen Dämmerlicht brachte ich es , fertig, mich aufzuraffen und zu stammeln: «Sagenhaft, ja — sagenhaft!» Der gleichgültige Klang meiner Stimme befremdete mich. Ängstlich gespannt, beharrte Carlos Argentino auf seiner Frage: «Hast du auch alles richtig gesehen, in Farben?»In diesem Augenblick nahm ich meine Rache wahr. Wohlwollend, betont mitleidig, nervös, ausweichend sprach ich Carlos Argentino meinen Dank für die Gastfreundlichkeit in seinem Keller aus und legte ihm dringend nahe, den Abbruch seines Hauses zu benutzen, um sich von der verderblichen Hauptstadt eine Weil« zu entfernen, die keinen — «glaub es mir!» — die keinen ungestraft läßt. Ich sträubte mich mit sanftem Nachdruck wider jede Erörterung des Aleph; ich umarmte ihn beim Abschied und sagte noch einmal zu ihm, daß Landluft und Gelassenheit zwei vortreffliche Ärzte seien.- Auf der Straße, auf den Treppenstufen der Constitucion, in einer Untergrundbahn kamen mir alle Gesichter bekannt vor. Ich fürchtete, daß kein Ding mehr imstande sei, mich zu überraschen, ich fürchtete, nie mehr den Eindruck von Wiederkehr loszuwerden. Glücklicherweise überfiel mich nach ein paar schlaflosen Nächten wiederum das Vergessen.

 

10 TRÄUMEREI ÜBER DIE MUTANTEN

Das astronomische KindEin fieberhaftes Hochschnellen der IntelligenzkurveTheorie der MutationenDer Mythos von den ÜbermenschenDie Mutanten unter unsVom Horla bis zu Leonhard EulerEine unsichtbare Gesellschaß der Mutanten?Die Geburt des KollektivwesensDie Liebe zum Lebendigen

Im Winter des Jahres 1956 wurde Dr. J. Ford Thomson, dem Psychiater der Erziehungsbehörde von Wolverhampton, ein siebenjähriger Junge vorgestellt, der seine Eltern und seinen Lehrer äußerst beunruhigte. Thomson notiert:«Er hatte bestimmt keine Spezialwerke zur Verfügung. Und selbst wenn er sie gehabt hätte, so hätte er sie doch kaum lesen können. Trotzdem konnte er die schwierigsten Fragen der Astronomie richtig beantworten.»Der Arzt, bei dem die Untersuchung dieses Falles eine gewisse Bestürzung auslöste, entschloß sich zu einer Umfrage über das Intelligenzniveau der Schulkinder und ließ mit Hilfe des British Council for Medical Investigations, der Ärzte von Harwell und zahlreicher Universitätsprofessoren fünftausend Kinder in ganz England testen.

Nach achtzehnmonatiger Arbeit schien es ihm festzustehen, daß ein «fieberhaftes Hochschnellen der Intelligenzkurve» zu verzeichnen war. Er schreibt:«Von den 90 letzten Kindern im Alter von sieben bis neun Jahren, die wir befragt haben, zeigte sich bei 16 ein Intelligenzquotient von 140, also eine fast geniale geistige Begabung. Meiner Ansicht nach könnte das Strontium 90, ein radioaktives Produkt, das in den Körper eindringt, für diese Erscheinung verantwortlich zu machen sein. Vor der ersten Atomexplosion war dieses Produkt nicht vorhanden.»

Zwei amerikanische Wissenschaftler, C. Brooke Worth und Robert K. Enders, glauben in ihrem bedeutenden Werk The Nature of Living Things bewiesen zu haben, daß die Gruppierung der Gene sich in letzter Zeit verändert hat und daß durch Einwirkung vorerst noch unerforschter Einflüsse eine neue Menschenrasse entsteht, die mit überragenden geistigen Fähigkeiten ausgestattet ist. Selbstverständlich handelt es sich hier um eine These, die noch der Bestätigung bedarf. Immerhin ist der Genetiker Lewis Terman, der dreißig Jahre hindurch sogenannte «Wunderkinder» untersucht hat, zu den folgenden Schlußfolgerungen gelangt:Die meisten Überbegabten büßten früher nach der Pubertät ihre Fähigkeiten ein. Heute sieht es so aus, als entwickelten sie sich zu einer Art von höheren Erwachsenen, die über eine Intelligenz verfügen, mit der sich die der anderen Menschen überhaupt nicht vergleichen läßt. Sie besitzen dreißigmal soviel Aktivität wie ein normaler begabter Mensch. Ihr «Erfolgsindex» ist um das Fünfundzwanzigfache vermehrt. Sie erfreuen sich einer ausgezeichneten Gesundheit und einer absoluten gefühlsmäßigen und sexuellen Ausgeglichenheit. Sie sind kaum anfällig für psychosomatische Krankheiten und auch nicht für Krebserkrankungen. Treffen diese Beobachtungen zu? Sicher ist, daß wir auf der ganzen Welt eine fortschreitende Erhöhung des geistigen Vermögens erleben, der übrigens eine parallellaufende Erhöhung der körperlichen Fähigkeiten entspricht. Die Erscheinung ist so eindeutig, daß ein anderer amerikanischer Wissenschaftler, Dr. Sydney Pressey von der Universität Ohio, einen Erziehungs- und Ausbildungsplan für frühreife Kinder ausgearbeitet hat, bei dessen Durchführung pro Jahr dreihunderttausend junge Menschen von höchster Intelligenz die Schulen verlassen  würden.Handelt es sich hier um eine Mutation innerhalb der menschlichen Rasse? Erleben wir das Auftauchen von Wesen, die uns äußerlich' gleichen und die doch Ganz anders sind als wir?

Wir wollen versuchen, dieser interessanten Frage auf den Grund zu gehen. Sicher ist jedenfalls, daß wir die Geburt eines Mythos erleben: des Mythos vom Mutanten. In unserem von Technik und Wissenschaft' beherrschten Zeitalter kann die Geburt einer solchen Mythe nicht ohne wesentliche Bedeutung und dynamischen Wert sein.Bevor wir unseren Gegenstand näher betrachten, müssen wir, darauf hinweisen, daß dieses fieberhafte Hochschnellen der Intelligenzkurve, das bei den Kindern festgestellt wurde, die einfachepraktische und einleuchtende Erklärung nahelegt, daß die fortschreitende Verbesserung der menschlichen Rasse der Technik zu verdanken ist. Der moderne Sport hat gezeigt, daß der Mensch über körperliche Kraftquellen verfügt, die noch bei weitem nicht erschöpft sind. Die gegenwärtigen Experimente über das Verhalten des menschlichen Körpers in interplanetarischen Raketen haben das Vorhandensein einer unverhofften Widerstandsfähigkeit erwiesen. Die Überlebenden in den Konzentrationslagern konnten ermessen, in welchem Maße der Mensch über Möglichkeiten verfügt, sein Leben zu verteidigen, und sie entdeckten beträchtliche Kraftquellen in der gegenseitigen Beeinflussung von Körper und Seele. Was schließlich den Intellekt betrifft, so eröffnen sich uns außerordentliche Perspektiven durch die Entdeckung mentaler Techniken und die zu erwartende Produktion chemischer Präparate, die imstande sind, das Gedächtnis zu aktivieren und die Mühe des Auswendiglernens auf ein Nichts zusammenschrumpfen zu lassen. Die Grundtatsachen der Wissenschaft sind für einen normal begabten Menschen bestimmt nicht unerreichbar. Wenn man das Gehirn des Schülers und des Studenten von der enormen Gedächtnisarbeit befreit, die es bisher leisten mußte, so ist es durchaus möglich, jedem jungen Studenten die Kernstruktur und das periodische System der Elemente und jedem Gymnasiasten die Relativitätstheorie und die Quantentheorie beizubringen. Wenn andererseits die Grundtatsachen der Wissenschaft erst einmal einem großen Teil der Bevölkerung in allen Ländern bekannt sind, wenn es fünfzig- oder hundertmal mehr Forscher gibt als heute, wird durch die Verbreitung der neuen Ideen, die gegenseitige Befruchtung der Gehirne und den vervielfachten Gedankenaustausch die gleiche Wirkung erzielt werden wie durch eine Erhöhung der Zahl der Genies. Ja, die Wirkung wird sogar noch nachhaltiger sein, da das Genie häufig unbeständig und antisozial ist. Es ist zudem zu vermuten, daß eine neue Wissenschaft, die Allgemeine Informationstheorie, uns in Kürze gestatten wird, die Idee, die wir hier qualitativ darlegen, auch quantitativ zu präzisieren. Indem man die Erkenntnisse, über welche die Menschheit heute verfügt, allen zugänglich macht und die Menschen zu einem Gedankenaustausch ermutigt, der zu neuen Kombinationen führen kann, wird man das geistige Potential der menschlichen Gesellschaft ebenso schnell heben, wie wenn man die Anzahl der Genies vermehrte.Unser Freund Charles-Noel Martin hat in einer aufsehenerregenden Veröffentlichung über die speichernden Wirkungen der Atomexplosionen berichtet. Die im Verlauf der Experimente verbreiteten Strahlungen üben ihre Wirkungen in geometrischer Proportion aus. Die menschliche Rasse läuft somit Gefahr, das Opfer ungünstiger Mutationen zu werden. Daneben ist zu bedenken, daß seit fünfzig Jahren überall in der Welt das Radium ohne ernsthafte Kontrolle verwendet wird. In zahlreichen Industriezweigen arbeitet man mit Röntgenstrahlen und gewissen radioaktiven chemischen Produkten. Wie und in welchem Umfang wird der moderne Mensch von diesen Strahlungen betroffen? Wir wissen noch nichts über das System der Mutationen. Wäre aber nicht auch die Entstehung günstiger Mutationen denkbar? Sir Ernest Rock Carling, ein beamteter Pathologe des Home Office, erklärte auf einer Atomkonferenz in Genf:«Man kann auch hoffen, daß in einer begrenzten Anzahl von Fällen diese Mutationen in günstigem Sinne verlaufen und zur Entstehung eines Genies führen. Auf die Gefahr hin, bei dieser' ehrenwerten Versammlung Anstoß zu erregen, möchte ich behaupten, daß die Mutation, die uns einen neuen Aristoteles, einen Leonardo da Vinci, einen Newton, einen Pasteur oder einen Einstein bescheren würde, eine hinreichende Entschädigung für die neunundneunzig Fälle wäre, in denen weniger glückliche Wirkungen zutage träten.»Zunächst ein Wort über die Theorie der Mutationen.Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts leisteten August Weismann und Hugo de Vries einen neuen Beitrag zur Idee der Evolution. Der Begriff des Atoms war damals in Mode gekommen und machte vor allem in der Physik von sich reden. Sie entdeckten das «Vererbungs-Atom» und verlegten es in die Chromosomen, Die so geschaffene neue Wissenschaft der Genetik bedeutete eine Wiederbelebung der Arbeit, die der österreichische Mönch Gregor Mendel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geleistet hatte, Heute steht es außer Frage, daß die Erbanlagen durch die Gene bestimmt werden. Diese sind in hohem Maße gegen Einwirkungen der Außenwelt geschützt. Indessen hat es doch den Anschein, als könnten die atomaren sowie die kosmischen Strahlen und bestimmte starke Gifte, wie das Colchicin, sie erreichen oder doch die Anzahl der Chromosomen verdoppeln. Man hat beobachtet, daß die Häufigkeit der Mutationen der Stärke der Radioaktivität entspricht. Nun ist aber die Radioaktivität heute fünfunddreißigmal so stark wie zu Beginn unseres Jahrhunderts. Luria und Delbrück (1943) wie auch Demerec (1945) haben durch präzise Experimente nachgewiesen, daß sich unter der Einwirkung von Antibiotika bei den Bakterien eine Auslese durch genetische Mutation vollzieht. In diesen Fällen erfolgt die Mutation und Selektion in der Weise, wie Darwin sie sich vorgestellt hat. Demnach scheinen die Gegner der Theorien von Lamarck, Mitschurin und Lyssenko über die Erblichkeit der erworbenen Eigenschaften recht zu haben. Kann man jedoch die bei der Untersuchung der Bakterien gewonnenen Erkenntnisse auf Pflanzen und Tiere und auch auf den Menschen übertragen? Es besteht kaum noch ein Zweifel, daß diese Frage zu bejahen ist. Gibt es kontrollierbare genetische Mutationen innerhalb der menschlichen Rasse? Ja.

Einer der Beweise hierfür ist der folgende:Der Fall stammt aus den Archiven der englischen Spezialklinik für Kinderkrankheiten in London. Dr. Louis Wolf, der leitende Arzt dieses Krankenhauses, schätzt die Zahl der jährlich in England geborenen phenylketonuretischen Mutanten auf dreißig. Diese Mutanten besitzen Gene, die bestimmte Fermente, welche im normalen menschlichen Blut tätig sind, nicht produzieren. Ein phenylketonuretischer Mutant ist nicht fähig, das Phenyl-Alanin aufzulösen. Dieses Unvermögen macht das Kind anfällig für Epilepsie und Ekzeme, ruft eine aschgraue Färbung der Haare hervor und führt bei Erwachsenen leicht zu Geisteskrankheiten. So scheint denn bewiesen, daß neben der normalen menschlichen Rasse eine phenylketonuretische Spezies unter uns lebt... Es handelt sich in diesen Fällen um eine negative Mutation; aber muß man deshalb die Möglichkeit positiver Mutationen ausschließen? Es ließen sich doch auch Mutanten denken, deren Blut gewisse Stoffe enthält, die dazu angetan sind, ihr physisches Gleichgewicht zu verbessern und ihren Intelligenzquotienten weit über das normale Maß hinaus zu erhöhen. Sie könnten in ihren Adern gewisse natürliche Beruhigungsmittel haben, die sie gegen die psychischen Schockwirkungen des gesellschaftlichen Lebens und gegen Angstkomplexe abschirmen. Sie würden demnacheine Rasse bilden, die anders als die menschliche und derselben überlegen ist. Die Psychiater und Mediziner richten ihr Augenmerk auf die negativen Fälle. Wie aber lassen sich die positiven Fälle erkennen?In dieser Hinsicht müssen wir zwei Aspekte oder vielmehr zwei Interpretationen des Phänomens unterscheiden.i. Diese Mutation, dieses Auftauchen einer anderen Rasse könnte sich durch Zufall ergeben. Die Radioaktivität könnte, neben anderen Ursachen, bei gewissen Individuen eine Veränderung der Gene herbeiführen. Das betroffene Protein des Gens würde zum Beispiel nicht mehr gewisse Säuren produzieren, die ein Angstgefühl in uns erregen. Und so würden wir eine neue Rasse entstehen sehen: eine Rasse der ruhigen Menschen, die vor nichts Angst haben und die keinerlei negative Empfindungen verspüren. Ein solcher Mensch geht ruhig in den Krieg, tötet ohne innere Beunruhigung, genießt ohne Komplexe. Er ist eine Art Roboter, der keinerlei innere Schwingungen kennt. Es erscheint nicht ausgeschlossen, daß wir zur Zeit das Entstehen dieser Rasse erleben.1. Die genetische Mutation ist nicht zufällig, sondern bewußt gelenkt. In diesem Fall wäre sie auf eine geistige Höherentwicklung der Menschheit gerichtet. Die Wirkungen der Radioaktivität entsprächen hier einem aufwärtsstrebenden Willen. Unter dieser Voraussetzung wären die Veränderungen, die wir gegenwärtig wahrnehmen können, nichts im Vergleich zu dem, was die Gattung Mensch noch erwarten darf, nichts als eine leichte Andeutung zu- künftiger einschneidender Wandlungen. Das Protein des Gens wäre in seiner gesamten Struktur betroffen, und wir würden eine Rasse erleben, deren Denken völlig umgeformt ist, eine Rasse, die fähig ist, Zeit und Raum zu beherrschen und jede geistige Operation überdie Unendlichkeit hinaus zu verlegen. Zwischen der ersten und derzweiten Vorstellung besteht ein ähnlicher Unterschied wie zwischen dem gehärteten und dem durch eine verfeinerte Technik zu einemMagnetophonband verarbeiteten Eisen. Die zweite Konzeption, die verantwortlich ist für einen modernen Mythos, dessen die «Science-Fiction» sich bemächtigt hat,;findet sich sonderbarerweise auf den verschiedensten Gebieten der zeitgenössischen Spiritualität. Die luziferische Seile haben wir kennengelernt. Wir haben gesehen, daß Hitler an die Existenz derUnbekannten Übermenschen glaubte, und wir hörten seinen Ruf:«Ich werde Ihnen ein Geheimnis verraten: die Mutation der menschlichen Rasse hat begonnen; es gibt übermenschliche Wesen!»Ausgehend von dem wieder in Mode gekommenen Hinduismus, hat der Meister des Ashram von Pondichery und einer der größten Denker des neuen Indien, Sri Aurobindo Ghose, seine Philosophie und seine Kommentare der heiligen Texte auf der Gewißheit begründet, daß sich eine aufwärts gerichtete Entwicklung der Menschheit durch Mutationen vollzieht. So schreibt er:«Das Auftauchen einer neuen menschlichen Rasse auf dieser Erde — so unbegreiflich oder wunderbar dieses Phänomen auch erscheinen mag — kann zu einer praktischen Erfahrung der Gegenwart werden.»Im Rahmen eines Katholizismus schließlich, der sich dem wissenschaftlichen Denken nicht verschließt, hat Teilhard de Chardin erklärt, er glaube «an eine Strömung, die imstande ist, uns einer Form des Ultra-Menschlichen entgegenzutragen».Andre Breton, der Vater des Surrealismus, dieser Pilger auf dem Wege des Absonderlichen, feinfühliger als jeder andere gegenüber den Strömungen beunruhigender Ideen, mehr Zeuge als Schöpfer, aber doch überklarsichtiger Zeuge aller waghalsigen Abenteuer des modernen Intellekts, zögerte nicht, im Jahre 1942 zu schreiben:«Der Mensch ist vielleicht nicht das Zentrum, der Zielpunkt des Universums. Man kann sich zu dem Glauben veranlaßt fühlen, daß es über ihm auf der animalischen Stufenleiter noch Geschöpfe gibt, deren Verhalten ihm ebenso fremd ist wie das seine einer Eintagsfliege oder einem Walfisch. Es gibt keinen zwingenden Gegengrund für die Annahme, daß diese Wesen sich unserem sinnlichen Wahrnehmungssystem mit Hilfe einer Tarnung völlig entziehen können. Wenn wir uns eine Vorstellung von Art und Wesen dieser Tarnung machen wollen, so steht uns als Vergleich lediglich die Mimikry bestimmter Tiergattungen zur Verfügung. Es ist nicht zu bezweifeln, daß sich dieser Idee ein weites Feld der Spekulationen eröffnet, wenngleich der Mensch hier auf ein sehr bescheidenes Niveau der Interpretation seiner Welt gestellt ist, ähnlich dem eines Kindes, das mit dem Fuß gegen einenAmeisenhaufen stößt und sich dabei in Gedanken an die Stelle einer der Ameisen da unten versetzt. Gehen wir von den zerstörenden Wirkungen eines Wirbelsturmes aus, in dem der Mensch nichts sein kann als Opfer oder Zeuge, oder von denen eines Krieges, über dessen Wesen wir nur sehr unvollkommene Begriffe haben, so dürfte es nicht ausgeschlossen sein, im Verlauf einer umfangreichen Untersuchung, bei der die kühnsten Folgerungen stets angebracht erscheinen, Struktur und Wesen dieser hypothetischen Geschöpfe, die sich uns dunkel im Angstgefühl und im Gefühl, dem Zufall ausgeliefert zu sein, offenbaren, annähernd zu bestimmen und als wahrscheinlich hinzustellen.Ich muß mich in diesem Zusammenhang dem Gedanken anschließen, den William Jones einmal ausgesprochen hat: <Wer weiß, ob wir in der Natur, verglichen mit Wesen, von denen wir nichts ahnen, nicht einen ebenso kleinen Platz einnehmen wie unsere Katzen und Hunde, die in unseren Häusern leben?> Selbst die Wissenschaftler sind nicht alle entgegengesetzter Ansicht. Vielleicht sind wir umgeben von Geschöpfen, die nach demselben Muster gebaut sind wie wir und die sich doch von uns unterscheiden, von Menschen zum Beispiel, deren Proteine andere Eigenschaften aufweisen.> So spricht Emile Duclaux, der frühere Direktor des Pasteur-Instituts.Ein neuer Mythos? Muß man diese Geschöpfe davon überzeugen, daß sie einer Sinnestäuschung entspringen, oder soll man ihnen Gelegenheit geben, sich uns zu offenbaren?»Gibt es Wesen unter uns, die uns äußerlich ähnlich sind, deren Ver-halten uns jedoch ebenso fremd ist wie das ungere «einer Eintagsfliege oder einem Walfisch»? Der gesunde Menschenverstand antwortet hierauf, daß wir diese höheren Geschöpfe ja bemerken müßten, wenn sie unter uns lebten.Dieses Argument des gesunden Menschenverstands hat unserer Meinung nach John W. Campbell am überzeugendsten in einem Artikel widerlegt, der 1941 in der Zeltschrift Astounding Science Fiction erschien.Niemand, so führt er aus, wird seinen Arzt aufsuchen, um ihm zu sagen, daß er sich ausgezeichnet fühle. Niemand wird zum Psychiater gehen, um ihm mitzuteilen, daß das Leben ein leichtes und köstliches Spiel sei. Niemand wird im Sprechzimmer eines Psychoanalytikers erscheinen, um zu erklären, daß er an keinem Komplex leide. Die ungünstigen Mutationen sind nachweisbar. Und die günstigen?Aber, wendet hier der gesunde Menschenverstand ein, die «positiven» Mutationen würden sich durch ihre ans Wunderbare grenzende geistige Aktivität bemerkbar machen.Keineswegs, erwidert Campbell. Ein genialer Mensch, der unserer Rasse angehört, ein Einstein zum Beispiel, veröffentlicht die Früchte seiner Arbeit. Er macht sich bemerkbar. Das bringt ihm viel Ärger, Feindschaft, Verständnislosigkeit, Drohungen ein, er muß sogar ins Exil gehen. Einstein erklärte am Ende seines Lebens:«Wenn ich das alles gewußt hätte, wäre ich Klempner geworden.» Der Mutant, der noch über Einstein steht, ist klug genug, sich verborgen zu halten. Er behält seine Entdeckungen für sich. Er führt ein möglichst unauffälliges Leben und versucht lediglich, mit anderen Wesen seiner Art in Verbindung zu treten. Ein paar Stunden Arbeit pro Woche genügen ihm, um den nötigen Lebensunterhalt zu verdienen, und den Rest seiner Zeit verwendet er auf Tätigkeiten, von denen wir uns keine Vorstellung machen können.Die Hypothese ist verführerisch. Beim gegenwärtigen Stand unserer Wissenschaft ist sie nicht beweisbar. Keine anatomische Untersuchung kann uns Hinweise über die Intelligenz liefern. Anatole France hatte ein anormal leichtes Gehirn. Es besteht endlich kein Grund, warum ein Mutant seziert werden sollte, außer nach einem Unfalltod. Und wie sollte man dann eine Mutation der Gehirnzellen feststellen? Es ist also keineswegs ganz unsinnig, die mögliche Existenz von «Übermenschen» unter uns anzunehmen. Wenn sich die Mutationen nur zufällig ergeben, so werden einige davon vermutlich auch günstig ausfallen. Werden sie aber durch eine organisierte Naturkraft gelenkt, entsprechen sie einem Willen zur Höherentwicklung der Lebewesen, wie es zum Beispiel Sri Aurobindo Ghose glaubte, so muß ihre Anzahl viel größer sein. Dann lebten bereits unsere Nachfolger auf Erden.Alles weist darauf hin, daß sie uns absolut gleichen oder vielmehr, daß wir sie an keinem auffälligen Merkmal erkennen können. Gewisse Autoren der Science-Fiction llegen den Mutanten selbstverständlich bestimmte anatomische Eigenschaften bei. So stellt sich van Vogt in seinem berühmten Werk Slans vor, daß ihre Haare von einer besonderen Beschaffenheit sind: eine Art Antennen, diezur telepathischen Kommunikation dienen, und er baut darauf eine schöne und schreckliche Geschichte auf von der Jagd auf die Slans, die der Judenverfolgung vergleichbar ist. Aber es kommt bekanntlich oft vor, daß die Romanschriftsteller die Natur zu erweitern versuchen, um die Probleme zu vereinfachen.Wenn man an eine gelenkte Entwicklung glaubt, so muß man annehmen, daß der Mutant zu seinem Schutz über fast vollkommene Tarnmöglichkeiten verfügt. Im zoologischen Bereich sehen wir, wie das räuberische Tier getäuscht wird, weil seine Beute sich «verkleidet», die Gestalt welker Blätter, dürrer Zweige und sogar von Exkrementen annimmt, und zwar mit geradezu verblüffender Perfektion. Die «Bosheit» gewisser wohlschmeckender Arten geht m einzelnen Fällen sogar so weit, daß sie die Färbung ungenießbarer Arten nachahmen.«Der neue Mensch lebt in unserer Mitte! Er ist da! Genügt Ihnen das? Ich werde Ihnen ein Geheimnis sagen: ich habe den neuen Menschen gesehen! Ich habe Angst vor ihm gehabt!» schreit Hitler zitternd.

Wir können noch einen anderen Geist nennen, der vom Schrecken erfaßt, vom Wahnsinn ergriffen war: Maupassant schreibt , bleich und schweißbedeckt in rasender Eile einen der beunruhigendsten Texte der französischen Literatur nieder, Le Horla:«Jetzt weiß ich es, ich errate es. Die Herrschaft der Menschen ist beendet. Er ist gekommen. Derjenige, den die primitiven Völker in ihrem ersten Schrecken fürchteten, jener, den die Priester voller Angst auszutreiben versuchten, den die Zauberer in dunklen Nächten beschworen, doch ohne ihn erscheinen zu sehen, dem die jeweiligen Herren der Welt ahnungsvoll die grotesken oder lieblichen Gestalten von Gnomen, Geistern, Genien, Feen und Kobolden verliehen. Die verängstigten Primitiven machten sich nur einen groben Begriff von ihm; später haben scharfsinnigere Menschen sein Wesen deutlicher gespürt. Mesmer hat ihn erraten, und schon seit zehn Jahren haben die Ärzte die Natur seiner Macht entdeckt, noch bevor er sie selbst ausgeübt hat. Sie haben mit dieser Waffe des neuen Herrn gespielt, haben eine mysteriöse Macht über die Menschenseele, die zur Sklavin geworden war, ausgeübt. Sie haben das Magnetismus, Hypnose, Suggestiongenannt... was weiß ich? Ich habe gesehen,, wie sie, törichten Kindern gleich, an dieser grauenvollen Macht ihre Freude hatten. Weh über uns! Weh über den Menschen! Er ist gekommen, der ... der ... Wie heißt er? ... Der ... mir ist, als schreie er seinen Namen, und ich kann ihn doch nicht hören ... ja... er schreit ihn ... ich höre ... ich kann nicht... noch einmal... der ... Horla ... ich habe verstanden ... der Horla ... das ist er... der Horla... er ist da!»In seiner stammelnden Niederschrift dieser wunderbaren und entsetzlichen Vision schreibt Maupassant dem Mutanten hypnotische Kräfte zu. Die moderne Literatur der Science-Fiction, die sich mehr an die Arbeiten von Rhine, Soal und Mac Connel hält als an die Charcots, verleiht den Mutanten «parapsychologische» Kräfte, die Fähigkeit der Telepathie und der Telekinese. Einzelne Autoren gehen noch weiter und zeigen uns den Übermenschen, der in der Luft schwebt oder durch Wände und Mauern geht. Doch das sind nur Phantasien, ein heiteres Wiederaufgreifen der Märchen-Archetypen. Und ebenso spiegelt die Insel oder die Milchstraße der Mutanten den alten Traum von den Gefilden der Seligen, und die paranormalen Kräfte entsprechen dem Archetyp der griechischen Götter. Versetzt man sich jedoch auf das Niveau der Realität, so bemerkt man, daß alle diese Eigenschaften für Wesen, die innerhalb einer modernen Zivilisation leben, ganz überflüssig sind. Was soll die Telepathie, wenn es das Radio gibt? Und was soll die Telekinese in einer Welt, die über Flugzeuge verfügt? Wenn der Mutant existiert — und wir neigen zu dieser Ansicht — dann stehen ihm Kräfte zu Gebote, die viel stärker sind als alles, was unsere Phantasie sich zu erträumen vermag. Und vor allem eine Kraft, die der gewöhnliche Mensch kaum ausnutzt: die Intelligenz.Unsere Handlungen sind irrational, und die Intelligenz spielt bei unseren Entscheidungen nur eine sehr unwesentliche Rolle, Man kann sich den Übermenschen, die neue Stufe des Lebens auf unserem Planeten, als ein rationales Wesen vorstellen, das nicht mehr einfach denkt und überlegt, sondern mit einer ständigen objektiven Intelligenz ausgestattet ist und erst dann eine Entscheidung trifft, wenn es die Gesamtheit seiner Erfahrungen und Kenntnisse klar überprüft hat. Ein Wesen, dessen Nervensystem wie eine Festung ist,/die dem Angriff aller negativen Triebe und Strömungen zu widerstehen vermag. Ein Wesen mit einem kühlen, rasch arbeitenden Gehirn, begabt mit einem vollkommenen, unfehlbaren Gedächtnis. Das Bild, das wir zeichnen, mag simpel erscheinen. Es ist indessen viel phantastischer als alles, was die Literatur der Science-Fiction uns bietet. Die Biologen von heute haben bereits einen Begriff davon, welche chemischen Veränderungen zur Erschaffung dieser neuen Rasse nötig wären. Die Experimente über die Zusammenstellung von Beruhigungsmitteln, über bestimmte Säuren und ihre Derivate haben gezeigt, daß es nur sehr schwacher Spuren gewisser noch unbekannter organischer Stoffe bedarf, um unser Nervensystem vor einer übermäßigen Empfindlichkeit zu schützen und uns auf diese Weise ein objektives Denkvermögen bei allen Gelegenheiten zu sichern. Ebenso wie es phenyl-ketonuretische Mutanten gibt, deren Blut in seiner chemischen Zusammensetzung dem Leben weniger angepaßt ist als das unsere, kann man sich auch Mutanten vorstellen, deren Blut chemische Stoffe enthält, die bewirken, daß sie sich dem Leben in dieser in einer Umwandlung begriffenen Welt besser anpassen können als wir. Diese Mutanten wären Vorläufer einer Gattung, die dazu berufen ist, den Menschen zu ersetzen. Und sie würden nicht auf einer geheimnisvollen Insel oder einem uns unzugänglichen Planeten wohnen. Die Natur war imstande, Wesen zu schaffen, die in den Tiefen des Meeres oder in der verdünnten Luft der hohen Bergesgipfel leben. Sie ist auch imstande, den Übermenschen zu schaffen, dessen idealer Wohnsitz Metropolis ist, «die von Fabriken rauchende Erde, die von Geschäften erzitternde Erde, die von hundert neuen Strahlungen vibrierende Erde ...»Das Leben ist nie vollkommen den Bedürfnissen der Umwelt angepaßt, aber es strebt nach vollkommener Anpassung. Warum sollte dieses Streben seit der Erschaffung des Menschen erloschen sein? Warum sollte nicht über den Menschen hinaus etwas entstehen können, das besser und vollkommener ist als der Mensch? «Das Leben», sagt Dr. Loren Eiseley, «ist ein großer träumender Fluß, dessen Wasser sich durch alle Öffnungen ergießen und sich allen Veränderungen des Geländes anpassen.» 83 Seine Stabilität ist nur scheinbar, eine Illusion, die sich aus der Kürze unserer eigenen Daseinsdauer herleitet. Wir sehen nicht, wie der Stundenzeiger die 3. Runde um das Zifferblatt macht: ebensowenig bemerken wir, wie eine Form des Lebens langsam in die andere hinüberfließt.Der Zweck dieses Buches ist, Tatsachen aufzuzeigen und Hypothesen vorzubringen, keineswegs aber irgendeinen Kult zu begründen. Wir behaupten nicht, daß wir Mutanten kennen. Wenn wir jedoch der Vorstellung zuneigen, daß der vollkommene Mutant auch perfekt getarnt ist, so hegen wir damit gleichzeitig die Vermutung, daß der Natur bei ihrem aufwärtsstrebenden schöpferischen Bemühen zuweilen ein kleiner Fehler unterlaufen kann und daß sie gelegentlich auch unvollkommene Mutanten erschafft, die für uns sichtbar und erkennbar sind.Bei diesem «mißglückten» Mutanten mischen sich außergewöhnliche geistige Fähigkeiten mit körperlichen Mängeln. Wir finden derartige Fälle zum Beispiel unter den sogenannten Rechenkünstlern. Der beste Fachmann auf diesem Gebiet, Professor Robert Tocquet, erklärt zu diesem Thema:«Manche Rechenkünstler wurden ursprünglich als zurückgebliebene Kinder angesehen. Der belgische Wunderrechner Oscar Verhaeghe konnte sich im Alter von siebzehn Jahren noch nicht besser ausdrücken als ein zweijähriges Kind. Im übrigen haben wir schon darauf hingewiesen, daß Zerah Collburn ein deutliches Zeichen von Degeneration auf wies: er hatte an jeder Hand sechs Finger. Ein anderer Wunderrechner, Prolongeau, war ohne Arme und Beine geboren. Mondeux war ein Hysteriker... Oscar Verhaeghe, der in Bousval in Belgien geboren wurde und einer kleinen Beamtenfamilie entstammte, gehört zu jenen Rechenkünstlern, deren Intelligenz weit unter dem Durchschnittsniveau liegt. Eine seiner Spezialitäten ist die Erhebung von aus gleichen Ziffern bestehenden Zahlen in die verschiedenen Potenzen. Das Quadrat von 888 888 888 888 888 errechnet er binnen 40 Sekunden, und die Zahl 9 999 999 kann er in 60 Sekunden in die fünfte Potenz erheben, wobei das Resultat aus 35 Ziffern besteht.»Degenerierte Menschen oder mißglückte Mutanten? Einen Fall können wir jedoch nennen, der vielleicht Beispiel eines vollkommenen Mutanten ist: den Leonhard Eulers. Euler stand übrigens in Verbindung mit Rudjer Boskowitsch, dessen Geschichte wir in einem früheren Kapitel erzählt haben. Leonhard Euler (1707—1783) gilt allgemein als der größte Mathematiker aller Zeiten. Doch diese Klassifizierung ist viel zu begrenzt und wird den übermenschlichen Eigenschaften seines Geistes nicht gerecht. Er konnte die schwierigsten Aufsätze in wenigen Sekunden überfliegen und war imstande, den vollständigen Inhalt sämtlicher Bücher wiederzugeben, die ihm, seit er lesen gelernt hatte, in die Hände gekommen waren. Er besaß umfassende Kenntnisse auf den Gebieten der Physik, der Chemie, der Zoologie, der Botanik, der Geologie, der Medizin, der Geschichte und der griechischen und lateinischen Literatur. Kein Mensch seiner Zeit konnte sich in allen diesen Fächern mit ihm messen. Er besaß die Fähigkeit, sich nach Belieben vollständig gegen die Außenwelt zu isolieren und irgendeinen Gedankengang hartnäckig zu verfolgen. Im Jahre 1766 büßte er die Sehkraft ein, doch schien er das nicht als Beeinträchtigung zu empfinden. Einer seiner Schüler berichtet, daß während einer Diskussion über Berechnungen, die sich bis auf die siebzehnte Dezimalstelle erstrecken sollten, eine Meinungsverschiedenheit hinsichtlich der fünfzehnten Stelle entstand. Euler rechnete im Bruchteil einer Sekunde mit geschlossenen Augen die ganze Aufgabe noch einmal nach. Er konnte Zusammenhänge und Beziehungen sehen, die allen gebildeten und intelligenten Menschen entgingen. So entdeckte er neue und revolutionäre mathematische Ideen in den Gedichten Vergils. Dabei war er ein einfacher und bescheidener Mensch, und alle seine Zeitgenossen berichten übereinstimmend, daß er stets '' bemüht war, unbemerkt zu bleiben. Euler und Boskowitsch lebten in einer Epoche, in der man die Wissenschaftler ehrte und in der , diese nicht Gefahr liefen, um ihrer politischen Ideen willen eingesperrt zu werden, und auch nicht von den Regierungen gezwungen wurden, Waffen zu fabrizieren. Lebten sie in unserem Jahrhundert, würden sie es vielleicht fertigbringen, völlig unerkannt zu bleiben. Möglicherweise gibt es heute unter uns Menschen wie Euler und Boskowitsch. Vielleicht leben kluge und rational denkende Mutanten, die mit einem absoluten Gedächtnis und einem ständig wachen Intellekt ausgerüstet sind, an unserer Seite und haben sich als Dorfschullehrer oder Versicherungsagenten verkleidet. Bilden diese Mutanten eine unsichtbare Gesellschaft? Kein menschliches Wesen lebt allein. Es kann seinen Zweck nur innerhalb eines sozialen Apparates erfüllen. Nun hat aber die menschliche Gesellschaft, die wir kennen, mehr als einmal bewiesen, daß sie dem objektiven Intellekt und der freien Phantasie feindlich gesinnt ist.Giordano Bruno wurde verbrannt, Einstein mußte auswandern, Oppenheimer wird überwacht.

Wenn es Mutanten gibt, die unserer Beschreibung entsprechen, so liegt die Vermutung nahe, daß sie innerhalb einer der unseren übergeordneten Gesellschaft, die sich zweifellos über die ganze Welt erstreckt, arbeiten und miteinander in Verbindung treten. Daß sie sich bei ihrer Kommunikation höherer psychischer Mittel, wie der Telepathie, bedienen sollten, erscheint als eine etwas kindliche Hypothese. Realistischer und zugleich phantastischer dürfte die Annahme sein, daß sie ganz normale menschliche Kommunikationsmittel benutzen, um sich Botschaften und Informationen zu übermitteln, die lediglich für ihren eigenen Gebrauch bestimmt sind. Die Allgemeine Informationstheorie und die Semantik haben deutlich gezeigt, daß es möglich ist, Nachrichten mit doppeltem, dreifachem oder selbst vierfachem Sinn abzufassen. Es gibt chinesische Texte, die sieben Bedeutungen, eine in die andere verschachtelt, enthalten. Der Held von van Vogts Slans entdeckt die Existenz anderer Mutanten, indem er eine Zeitung liest und scheinbar ganz harmlose Artikel dechiffriert. Ein solches Nachrichtennetz innerhalb unserer Literatur und unserer Presse ist durchaus denkbar. Die New York Herald Tribüne veröffentlichte am 15. Mai 1958 den Bericht ihres Londoner Korrespondenten über eine Reihe rätselhafter Mitteilungen, die unter den kleinen Anzeigen der Times erschienen waren. Diese Botschaften hatten die Aufmerksamkeit der Fachleute für Geheimschriften und einiger Polizeibeamter erregt, da sich hinter ihnen offensichtlich ein geheimer Sinn verbarg. Dieser Sinn hat sich jedoch allen Dechiffrierversuchen entzogen. Zweifellos gibt es Kommunikationsmöglichkeiten, die noch weniger auffallend sind. Irgendein drittklassiger Roman, eine technische Abhandlung, ein scheinbar etwas versponnenes philosophisches Traktat können insgeheim komplizierte Untersuchungen oder Mitteilungen an höher geartete Intelligenzen bergen, die sich von unserem Geist so weitgehend unterscheiden wie dieser von dem eines großen Affen.Louis de Broglie schreibt 64:«Wir dürfen nie vergessen, wie beschränkt unsere Kenntnisse sind und welche unverhofften Entwicklungen sich hier noch ergeben können. Wenn die menschliche Kultur weiterbesteht, sowird die Physik vermutlich in einigen hundert Jahren von der unseren so verschieden sein wie diese von der Physik des Aristoteles. Vielleicht werden die erweiterten Begriffe, zu denen wir heute gelangt sind, uns eines Tages gestatten, die Gesamtheit aller physikalischen und biologischen Phänomene in einem einheitlichen System zusammenzufassen, in dem jedes seinen ihm gebührenden Platz erhält. Falls das menschliche Denkvermögen infolge irgendeiner biologischen Mutation gekräftigt wird und sich eines Tages zu der entsprechenden Höhe aufschwingen kann, wird es unter einer anderen und richtigeren Beleuchtung, von der wir heute noch nichts ahnen, die Einheit all der Phänomene erfassen, die wir zur Zeit mit Hilfe von Adjektiven wie <physiko-chemisch>, <biologisch> oder auch <psychisch> benennen und unterscheiden.»Und wenn diese Mutation bereits vollzogen sein sollte? Einer der. bedeutendsten französischen Biologen, Morand, der Erfinder verschiedener Beruhigungsmittel, nimmt an, daß im Verlauf der gesamten Menschheitsgeschichte immer wieder Mutanten aufgetreten sind.65 «Die Mutanten hießen unter anderem Mohammed, Konfuzius, Jesus Christus ...» Vielleicht gibt es noch viele andere. Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß die Mutanten in der gegenwärtigen Entwicklungsepoche es nicht für nötig halten, sich zu erkennen zu geben oder irgendeine Form einer neuen Religion zu predigen. Im Augenblick gibt es Besseres zu tun, als sich an das Individuum zu wenden. Es wäre vorstellbar, daß die Mutanten die zum Kollektivismus hinstrebende Bewegung unserer Menschheit als notwendig und günstig erachten. Und schließlich ist es auch nicht undenkbar, daß sie unsere Geburtsschmerzen als wünschenswert ansehen und sogar irgendeine große Katastrophe "begrüßen würden, die dazu angetan wäre, das Bewußtwerden der geistigen Tragödie, die das Phänomen Mensch in seiner Gesamtheit darstellt, zu beschleunigen. Um handeln zu können, um den Strom zu lenken, der uns vielleicht irgendeiner Form des Übermenschlichen entgegenträgt, die sie bereits verkörpern, müssen sie vielleicht verborgen bleiben und das Geheimnis ihrer Koexistenz wahren, während sich entgegen allem Anschein und vielleicht gerade dank ihrer Gegenwart die neue Seele für eine neue Welt heranbildet, die wir mit der ganzen Kraft unserer Liebe herbeiwünschen wollen.Wir sind an den Grenzen des Phantastischen angelangt. Wir müssen haltmachen. Es war nur unsere Absicht, die größtmögliche Anzahl nicht vernunftwidriger Hypothesen vorzulegen. Viele von ihnen mögen widerlegt und verworfen werden. Wenn jedoch einige davon bisher verborgene Türen zu neuen Forschungen aufgestoßen haben sollten, so haben wir nicht umsonst gearbeitet, dann haben wir uns nicht sinnlos der Gefahr ausgesetzt, uns lächerlich .zu machen. «Das Geheimnis des Lebens kann gefunden werden. Wenn ich die Gelegenheit dazu hätte, so würde ich sie mir bestimmt nicht aus Angst vor dem Spott meiner Umwelt entgehen lassen.» (Loren Eiseley)Jede Überlegung über die Mutanten mündet in eine Träumerei über die Entwicklung, über die Geschicke des Lebens und des Menschen. Was ist, mit kosmischem Maßstab gemessen, die Zeit der Erdgeschichte, wenn man sie in den endlosen Ablauf eingliedert? Hat die Zukunft nicht, wenn ich mich einmal so ausdrücken darf, vor Ewigkeiten begonnen? Betrachtet man das Phänomen der Mutanten, so gewinnt man den Eindruck, als werde die menschliche Gesellschaft zuweilen von einer Brandung der Zukunft überspült, als erhielte sie den Besuch von Zeugen künftiger Erkenntnisse. Verkörpern die Mutanten nicht das Zukunfts-Gedächtnis, mit dem das große Gehirn der Menschheit vielleicht begabt ist?Und ein weiterer Gedanke: Die Vorstellung von einer günstigen Mutation ist offensichtlich verknüpft mit der Fortschrittsidee. Diese Hypothese einer Mutation findet eine gewisse Bestätigung auf rein wissenschaftlichem Niveau. Es ist absolut sicher, daß die von der Entwicklung zuletzt erfaßten und am wenigsten erforschten Gebiete, nämlich die schweigenden Zonen der Gehirnmasse, als letzte zur Reife gelangen. Einige Neurologen sind mit Recht der Ansicht, daß hier noch Möglichkeiten liegen, die die Zukunft unserer Rasse uns enthüllen wird. Man darf erwarten, daß dem künftigen Individuum ganz neue Möglichkeiten offenstehen, daß sich ein höherer Grad der Individualisierung vorbereitet. Andererseits aber scheint uns die Zukunft der menschlichen Gesellschaft durchaus auf eine wachsende Kollektivierung ausgerichtet. Ist das ein Widerspruch? Wir glauben es nicht. In unseren Augen ist die Existenz nicht Widerspruch, sondern gegenseitige Ergänzung und Überwindung vergangener Zustände.In einem Brief an seinen Freund Laborit schreibt der Biologe Mo-rand:«Der Mensch, der vollkommen logisch geworden ist und jeder Leidenschaft ebenso wie jeder Illusion entsagt hat, wird zu einer Zelle in dem vitalen Kontinuum, das eine auf dem höchsten Grad ihrer Evolution angelangte Gesellschaft darstellt: wir haben diesen Zustand ganz offensichtlich noch nicht erreicht, aber ich glaube nicht, daß es ohne ihn eine Entwicklung geben kann.

Dann aber, und erst dann, wird jenes <universelle Bewußtsein> des Kollektivwesens vorhanden sein, nach dem wir streben.»Wir wissen wohl, daß die Anhänger des alten Humanismus, der unsere Kultur hat versteinern lassen, eine solche Vision entsetzt ablehnen. Sie stellen sich vor, der Mensch habe in diesem Fall kein Ziel mehr und trete in eine Phase des Abstiegs ein. «Der Mensch, der vollkommen logisch geworden ist und jeder Leidenschaft ebenso wie jeder Illusion entsagt hat...» Wie könnte der Mensch, der zum Träger eines strahlenden Intellekts geworden ist, im Niedergang begriffen sein? Gewiß, das psychologische Ich, das, was wir Persönlichkeit nennen, würde allmählich verschwinden. Aber wir sind nicht der Meinung, daß diese «Persönlichkeit» das höchste Gut des Menschen ist. Und in dieser Hinsicht halten wir uns für religiös. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, daß wir alle wesentlichen Betrachtungen in eine Vision der Transzendenz einmünden lassen. Nein, die Persönlichkeit ist nicht das höchste Gut des Menschen. Sie ist nur eines der Werkzeuge, die ihm gegeben sind, um in den Zustand des Erwachtseins zu gelangen. Ist das Ziel erreicht, wird das Werkzeug fortgelegt. Wenn wir einen Spiegel besäßen, der uns diese «Persönlichkeit», auf die wir so viel Wert legen, zeigen könnte, wir würden den Anblick nicht ertragen, so viele Ungeheuer und Larven sähen wir da herumwimmeln. Nur der wahrhaft erwachte Mensch könnte sich über ihn neigen, ohne fürchten zu müssen, vor Schreck zu sterben, denn in diesem Fall würde der Spiegel klar bleiben und kein Bild wiedergeben. Das wäre das wahre Gesicht: das Gesicht, das der Spiegel der Wahrheit nicht zurückwirft. Wir haben in diesem Sinne noch kein Antlitz. Und die Götter werden erst dann Auge in Auge mit uns sprechen, wenn wir selbst ein Gesicht haben. Bereits Rimbaud lehnt das schwankende und begrenzte psychologische Ich ab, wenn er sagt: «Ich ist ein anderer.» Er meint das unbewegliche, transparente und reine Ich, dessen Begriffsvermögen unbegrenzt ist. Die Überlieferungen fordern den Menschen auf, alles aufzugeben, um zu diesem Ziel zu gelangen. Es könnte sein, daß eine nahe Zukunft in derselben Sprache reden wird wie die ferne Vergangenheit.Außerhalb dieser Betrachtungen über die anderen Möglichkeiten des Geistes kann selbst das großzügigste Denken nur Widersprüche zwischen dem persönlichen und dem universellen Bewußtsein, zwischen dem individuellen und dem kollektiven Leben feststellen. Ein Denken jedoch, das im Lebendigen Widersprüche entdeckt, ist ein krankes Denken. Das wahrhaft erwachte persönliche Bewußtsein geht in das universelle Bewußtsein über. Die persönliche Existenz, wenn sie ganz begriffen und als Instrument des Erwachens eingesetzt wird, verschmilzt, ohne Schaden zu nehmen, mit dem kollektiven Leben.Es ist schließlich nicht gesagt, daß die Bildung dieses kollektiven Wesens das letzte Ziel der Entwicklung sei. Der Geist der Erde, die Seele des Lebendigen, ist noch nicht völlig vor uns aufgetaucht. Die Pessimisten behaupten angesichts der gewaltigen Erschütterungen, die dieses geheimnisvolle Auftauchen mit sich bringt, man müsse zumindest versuchen, «den Menschen zu retten». Aber dieser Mensch ist nicht zu retten, man muß ihn ändern. Der Mensch der klassischen Psychologie und der gängigen Philosophien ist bereits überholt; er ist zum Untergang verurteilt, weil er sich nicht anpassen kann. Mutation oder nicht, auf jeden Fall brauchen wir einen anderen Menschen als diesen, wenn wir das Phänomen Mensch in den Lauf des vorwärtsdrängenden Schicksals eingliedern wollen.

Und das ist keine Frage des Pessimismus oder des Optimismus: es ist eine Frage der Liebe.In jener Zeit, da ich glaubte, die Wahrheit in meinem Geist und in meinem Körper zu besitzen, da ich mir einbildete, in Kürze die Lösung aller Rätsel finden zu können, damals, als ich ein Schüler des Philosophen Gurdjew war, habe ich ein Wort niemals gehört:das Wort Liebe. Ich bin heute nicht im Besitz einer absoluten Gewißheit. Ich könnte nicht mit Sicherheit behaupten, daß auch nur die vorsichtigste der in diesem Buch dargelegten Hypothesen gültig und zutreffend sei. Fünf Jahre gemeinsamer Überlegungen undArbeiten mit Jacques Bergier haben mir einen einzigen Gewinn eingebracht: den Willen, allen Formen des Lebens und allen Spuren des Geistes im Lebendigen überrascht und vertrauensvoll gegenüberzutreten. Diese beiden Zustände, Überraschung und Vertrauen, sind unlösbar miteinander verbunden. Der Wille, zu ihnen zu gelangen und sich darin zu erhalten, unterliegt auf die Dauer einer Wandlung. Er hört auf, Wille, das heißt Joch, zu sein, und verwandelt sich in Liebe, das heißt in Freude und Freiheit. Mit einem Wort, der einzige Besitz, den ich in mir trage und der mir nicht mehr genommen werden kann, ist die Liebe zum Lebendigen auf dieser Erde und in der Unendlichkeit der Welten.Um dieser machtvollen und vielseitigen Liebe den richtigen, ihr gebührenden Ausdruck zu verleihen, haben Jacques Bergier und ich uns nicht auf die wissenschaftliche Methode beschränkt, wie die Vorsicht es vielleicht geboten hätte. Aber was hat Liebe mit Vorsicht zu tun? Unsere Methoden waren wohl die von Wissenschaftlern, aber auch die von Theologen, von Dichtern, von Zauberern, von Magiern und von Kindern. Alles in allem haben wir die Haltung von Barbaren angenommen und die Invasion der Evasion vorgezogen. Wir taten es, weil eine innere Stimme uns sagte, daß wir tatsächlich Streiter in einem fremden Heer waren, daß wir gespenstischen Horden angehörten, deren Kriegshörner im Ultraschall ertönen, transparenten und ungeordneten Kohorten, die über unsere Zivilisation hereinzubrechen beginnen. Wir stehen auf der Seite der Invasoren, auf der Seite des kommenden Lebens, auf der Seite der Verwandlung des Zeitalters und des Denkens. Irrtum? Wahnsinn? Das Leben eines Menschen ist nur gerechtfertigt durch sein Bemühen, die Zusammenhänge besser zu verstehen, selbst wenn er dabei scheitern sollte. Besser verstehen aber heißt ja sagen. Je mehr ich verstehe, um so mehr liebe ich, denn alles, was verstanden wird, ist gut.

 

Anmerkungen

1. G. Magloire, «Teilhard de Chardin tel que je l'ai connu» in Synthese, November 1957

2. Louis Pauwels, Monsieur Gurdjieff, Éditions du Seuil, Paris 1954. Deutsch:Gurdjew der Magier, Paul List Verlag, München 1956

3. R. P. Dubarle in einer Rundfunkdiskussion vom 12. April 1957

4. Eine Ausnahme macht Dr. Martin Schwenke in seinem 1957 erschienenen werk Vom Staatsroman zur Science Fiction (Göttinger Abhandlung zur Soziologie...)

5. Herbert George Wclls, The Invisible Man, 1897. Deutsch Der Unsichtbare, 1911

6. Arthur C. Clarke, Childhood's End, Ballantine Books, New York 1953

7. Serge Hutin, Histoire de Rose-Croix, Editions Gerard Nizet, Paris

8. Robert Jungk, Heller als tausend Sonnen, Alfred Scherz Verlag, Bern 1956

9. Talbot Mundy, The Nine Unknown, 1925 (?)

10. Walter Dornbcrger, V 2 — Der Schuß ins Weltall, Bechtle Verlag, Eßlingen 1952

11. Robert Andrews Millikan, The Electron, 1917. Deutsch: Das Electron,1922

12. Technique Mondiale, Paris, April 1957

l3. Edwin Armstrong, «The Inventor as Hero» in Harpers Magazine

14. James Frazcr, The Golden Bough, London 1890, Neuauflage 1951. Deutsch: Der goldene Zweig, Hirschfeld Verlag, Leipzig 1928

15. Kurt Seligmann, The Mirror of Magic. Deutsch: Das Weltreich der Magie,Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1958

16. Aspects de l'Alchimie Trachtionelle, Editions de Minuit, Paris

17. La Tourbe des Philosophes in Bibliotheque des Philosophes Chimiques, 1741

18. Die beiden Bücher wurden in zweiter Auflage vom Omnium Litteraire, 72, Champs-Elysees, Paris, herausgegeben. Die erste Auflage datiert vom Jahr 1925. Sie ist längst vergriffen, und einzelne Exemplare, die gelegentlich auftauchen, werden hoch bezahlt

19. René Alleau, Vorwort zu Le Breton, Les Clés de la Philosophie spagyrique, Editions Caracteres, Paris

20. Vorwort zur französischen Ausgabe von William Seabrook, The Magic Island, Editions Firmin-Didot, Paris 1932

21. Sprague de Camp und Willy Ley, Lands Beyond

22. Daniel Ruzo, «La culture Masma» in Revue de la Societe d'Éthnographie de Paris, 1956 und 1959

23. Cynthia Fain, Bolivie, Arthaud, Paris

24. J. H. Bowen, The Exploration of Time, London 1958

25. Diese ganze Angelegenheit wurde im Dezember 1958 im Rahmen einervon der Georgetown University veranstalteten Diskussion untersucht.Siehe hierzu den Aufsatz von Ivan T. Sanderson in Fantastic Universe,Januar 1959

26. Hermann Rauschning, Gespräche mit Hitler, Europa Verlag, Zürich 1940

27. Arthur Machen, The Anatomy of Tobacco (1884), The Great God Pan(1895), The House of Souls (1906), The Hill of Dreams (1907), The GreatReturn (1915), The Bowmen (1915), The Terror (1917), The Secret Glory (1922), Strange Road» (1923), The London Adventure (1924), The Carning Wonder (1926), The Green Round (1933), Holy Terrors (1946). Nach seinem Tod erschien der Sammelband Tales of Horror und the Supernatural (1948)

28. Henri Martineau, «Arthur Machen et Toulet, correspondance inédite» in Le Mercure de France Nr. 4, Januar 1938Henri Martineau, Jean-Paul Toulet et Arthur Machen, Monsieur du Paur et le Grand Dien Pan, Le Divan, Paris

29. Wenig später veröffentlichte er seine Mitteilungen unter dem Namen Pierre Victor in den ersten beiden Nummern der Zeitschrift La Tour Saint-Jacques. Der Titel seines Aufsatzes lautete: «L'Ordre hermétique de la Golden Dawn»

30. Rauschning, a. a. 0.

3l. Rauschning, a. a. 0. Siehe auch Achille Delmas, Hitler, essai de biographie psycho-pathologique. Éditions Marcel Riviere, Paris 1946

32. Elmar Brugg, Spießbürger gegen Genie, Baden (Schweiz) 1952

33. Immanuel Velikovsky, Welten im Zusammenstoß. Als die Sonne stillstand. Europa Verlag, Stuttgart 1959

34. Konrad Heiden, Adolf Hitler, Europa Verlag, Zürich 1936

35. Achille Delmas, a. a. 0.

36. Jack Fishman, The Seven Men of Spandau

37. Nach Joseph Kessel, Medizinalrat Kersten, Nymphenburger Verlagshandlung, München 1961

38. Karl 0. Poetel, «Typologie de l'Ordre Noir» in Diogene

39. Nach einem Artikel Brasillachs (erschossen 1944) in der französischen Wochenzeitschrift Je suis partout

40. Herbert George Wells, Menschen Göttern gleich, Wien 1927

41. Le Figaro Illustré, November 1891

42. Guillaume Apollinaire, Calligrammes, Paris 1918

43. J. W. Dünne, An Experiment With Time

44. H. P. Lovecraft, Beyond the Wall of Sleep

45. Bericht der Rand Corporation vom 31. August 1958

46. Jacques Bergier in Constellation Nr. 140, Dezember 1959

47. Dr. Lindner beschreibt die Geschichte dieser Behandlung in The Fifty Minute Hour

48. Diese Zahlen nennt François Le Lionnais in seinem Aufsatz «Une Maladie des Civilisations: les Fausses Sciences» in L» Nef Nr. 6, Juni 1954

49. Gilbert Keith Chesterton, The Innocence of Father Brown, London 1911.Deutsch: Das Geheimnis des Paters Brown, München 1958

50. Nr. 7, S. 21, Moskau 1956

51. Charles-NoÁ l Martin, Les Vingt Sens de l'Homme

52. Fulcanelli, Le Mystère des Cathédrales, Paris 1925

53. Auszug aus dem Roman Through the Gates of the Silver Key

54. Bulletin de Liaison des Cercles de Politique Economique, März 1959

55. René Alleau, De la Nature des Symboles, Flammarion, Paris

56. Mircea Eliadc, Images et Symboles, Paris 1952

57. J. B. Odds, «The Pleasure Centres in the Brain» in Scientific American,Oktober 1958

58. Herbert George Wells, In the Days of the Comet, 1906. Deutsch: Im Jahre des Kometen, Stuttgart 1908

59. Vgl. hierzu die Arbeit von Yoseph Millard über Cayce, CopyrightCayce Foundation, die Studie von John V. Campbell in Astounding S. F.vom März 1957 und Thomas Sugrue, Edgar Cayce, Dell Books

60. Theoria philosophiae naturalls redacta ad unicam legem virium in natura existentium, Wien 1758

61. Vgl. hierzu R. 0. Oliver Leroy, La Lévitation, Edition du Cerf, Paris

62. In deutscher Übersetzung erschienen in Labyrinthe, Carl Hanser Verlag,München 1959

63. New York Herold Tribune, 23. November 1959

64. Ein Aufsatz mit dem Titel «Qu'est-ce que la vie?» in den Nouvelles Litteraires vom 2. März 1950

65. P. Morand und H. Laborit, Les Destins de la vie et de l'homme, Editions Masson, Paris 1959