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Das unerhört Neue im nationalsozialistischen Deutschland liegt darin, daß sich hier der Wirtschaft und Technik ein magisches Denken angegliedert hatte.Die intellektuellen Verleumder unserer Zivilisation, die ihre Sehnsucht den alten Zeiten zuwandten, waren stets Feinde des technischen Fortschritts, wie etwa René Guénon, Gurdjew oder die zahlreichen Hinduisten. Im Nationalsozialismus jedoch hat der Geist der Magie sich der Schalter und Hebel des materiellen Fortschritts bemächtigt. Lenin hat gesagt, der Kommunismus sei Sozialismus plus Elektrizität. Der Nationalsozialismus wäre vielleicht als Guénonismus plus Panzerdivisionen zu bezeichnen. Eins der schönsten Dichterwerke unserer Zeit trägt den Titel The Martian Chronicles. Sein Verfasser ist ein etwa dreißigjähriger Amerikaner, ein Christ nach der Art von Bernanos, ein Gegner der Roboter-Zivilisation, ein Mann voller Zorn und Mitleid. Sein Name lautet Ray Bradbury. Er ist nicht, wie man allgemein glaubt, ein Verfasser von «Science-Fiction»-Erzählungen, sondern ein religiöser Künstler. Seine Themen entlehnt er einer Phantasie modernster Prägung, aber wenn er Reisen in die Zukunft oder in den Weltenraum unternimmt, so will er dabei nur den inneren Menschen und seine wachsende Unruhe beschreiben. Zu Beginn der Martian Chronicles sind die Menschen daran, ihre erste große interplanetarische Rakete zu starten. Sie wird den Mars erreichen und so zum erstenmal eine Verbindung mit anderen Intelligenzen herstellen. Es ist Januar im Jahre 1999.«Eben noch herrschte der Winter in Ohio: Türen und Fenster waren fest geschlossen. Eisblumen schimmerten an den Scheiben, die Dachränder waren mit Eiszapfen gesäumt... Dann fegte eine Hitzewelle durch die kleine Stadt. Eine Springflut glühendheißer Luft schoß empor; es war, als habe man die Tür eines riesigen Backofens geöffnet. Der heiße Atem fuhr über die Häuser, die Büsche, die Kinder. Die Eiszapfen lösten sich, fielen herab und begannen zu schmelzen ... Der Sommer der Rakete. Die Neuigkeit verbreitete sich von Mund zu Mund. Der Sommer der Rakete. Der sengende 'Wüstenhauch ließ die Eisarabesken an den Fenstern zerfließen... Der Schnee, der aus dem kalten Himmel auf die Stadt herabfiel, verwandelte sich in warmen Regen, noch bevor er den Boden erreichte. Der Sommer der Rakete. Die Menschen traten aus den Türen auf ihre tropfenden Veranden und blickten zum geröteten Himmel empor...»Das, was den Menschen in dem Dichtwerk Bradburys später zustößt, ist traurig und schmerzhaft, denn der Autor glaubt nicht daran, daß sich mit dem äußeren Fortschritt auch ein Fortschritt der Seelen verbinde. Im Prolog jedoch, in dem er diesen «Sommer der Rakete» beschreibt, spricht er einen Archetyp des menschlichen Gedankens an: die Hoffnung auf einen ewigen Frühling. In dem Augenblick, in dem der Mensch an die Himmelsmechanik rührt und ihr einen neuen Motor einsetzt, vollziehen sich hier unten gewaltige Veränderungen. Auch hier greift ein Ereignis in das andere. In den interplanetarischen Räumen, in denen sich von nun an der menschliche Geist manifestiert, werden Kettenreaktionen ausgelöst, die auch auf Erden, wo ein Klimawechsel stattfindet, ihren Widerhall haben. Im Moment, da der Mensch nicht allein den Himmel erobert, sondern auch das, «was jenseits des Himmels ist», in dem Augenblick, in dem sich im All eine große materielle und geistige Revolution vollzieht, in dem die menschliehe Kultur sich zu einer kosmischen Kultur erweitert, wird der Erde eine unmittelbare Belohnung für diese Tat zuteil. Die Elemente bedrängen den Menschen nicht mehr. Eine ewige milder Wärme hüllt den Globus ein. Das Eis, das Sinnbild des Todes, ist besiegt. Die Gleichsetzung des Feuers mit der geistigen Energie ist einweiterer Archetyp des Gedankens. Der Träger dieser Energie ist Träger des Feuers. So sonderbar es erscheinen mag: Hitler war überzeugt, daß überall dort, wo er vorrückte, die Kälte zurückweichen mußte. Diese mystische Überzeugung erklärt zum Teil die Art, wie er den Feldzug in Rußland führte.Die Anhänger Hörbigers, die ihrer Aussage nach imstande sind, das Wetter auf der ganzen Erde auf Monate und sogar auf Jahre vorauszusagen, hatten einen relativ milden Winter prophezeit. Aber es gab noch einen anderen Grund: gleich den Schülern der Welteislehre war Hitler in seinem Innersten absolut sicher, daß er einen Pakt mit der Kälte geschlossen hatte und daß die Schneemassen der russischen Ebenen ihn auf seinem Marsch nicht aufhalten würden. Die Menschheit würde unter seiner Führung in den neuen Zyklus des Feuers eintreten. Er hatte bereits begonnen. Der Winter würde vor seinen Legionen, den Trägern der Flamme, zurückweichen.Und während der Führer der Ausrüstung seiner Truppen sonst ganz besondere Aufmerksamkeit widmete, hatte er den für den Rußlandfeldzug bestimmten Soldaten nur ein paar lächerliche Zusatzstücke bewilligt: einen Wollschal und ein Paar Handschuhe.Im Dezember 1941 fiel das Thermometer plötzlich auf mehr als vierzig Grad unter Null. Die Voraussagen waren falsch gewesen, die Prophezeiungen hatten sich nicht bewahrheitet: die Elemente bäumten sich auf, und die Sterne in ihrer Bahn hörten mit einemmal auf, für die gerechte Sache zu arbeiten. Jetzt triumphierte das Eis über das Feuer. Die automatischen Waffen versagten, da das Öl einfror. In den Kanistern zersetzte sich das synthetische Benzin unter der Einwirkung der Kälte in zwei unbrauchbare Bestandteile. Hinter der Front vereisten die Lokomotiven. Die Männer starben in ihren Uniformröcken und ihren einfachen Soldatenstiefeln. Die leichteste Verwundung bereits war ein Todesurteil. Tausende von Soldaten, die sich auf den Boden hockten, um ihre Notdurft zu verrichten, brachen mit schweren Erfrierungen zusammen. Hitler weigerte sich, an diesen ersten Zwiespalt zwischen Mystik und Realität zu glauben. General Guderian riskierte die Absetzung und vielleicht sogar den Tod, als er nach Berlin flog, um dem Führer über die Lage Bericht zu erstatten und um einen Rückzugsbefehl zu bitten.«Die Kälte ist meine Sache», erwiderte Hitler. «Greifen Sie an!»So kam es, daß das gesamte Panzerkorps, das Polen in achtzehn Tagen und Frankreich in einem Monat besiegt hatte, die Armeen Guderian, Reinhardt und Hoeppner, die mächtige Legion der Eroberer, die Hitler seine «Unsterblichen» nannte, vom Wind zerbissen, vom Eis verbrannt, in der Kältewüste untergehen mußten, um zu beweisen, daß die Mystik wahrer sei als die Natur.Das, was von der Großen Armee übrigblieb, mußte schließlich umkehren. Als im folgenden Sommer die Truppen den Kaukasus besetzten, fand dort eine sonderbare Zeremonie statt. Drei SS-Alpenjäger erkletterten den Gipfel des Elbrus, des heiligen Bergs der Arier, die Hochburg alter Kulturen, den magischen Gipfel der Sekte, die sich «Freunde Lufizers» nannte. Dort pflanzten sie die nach ihrem Ritus geweihte Hakenkreuzfahne auf. Diese Fahnenweihe auf dem Elbrus sollte den Anbruch eines neuen Zeitalters symbolisieren. Von nun an würden die Jahreszeiten dem Willen des Menschen untenan sein, das Feuer würde auf Jahrtausende hinaus das Eis besiegen. Das vergangene Jahr hatte eine schwere Enttäuschung gebracht, aber das war nur eine letzte Prüfung vor dem wahrhaften Sieg des Geistes gewesen. Und trotz der Berichte der meteorologischen Stationen, die? einen noch strengeren Winter als den vorhergehenden prophezeiten, trotz aller drohenden Anzeichen zogen die Truppen auf Stalingrad zu, um Rußland in zwei Teile zu zerschneiden.Doch die «Schüler der Vernunft mit ihren düsteren Mienen» sollten den Sieg davontragen. Die materiellen Menschen, die Menschen «ohne Feuer», mit ihrem Mut, ihrer «jüdisch-liberalen» Wissenschaft, ihrer Technik ohne religiösen Unterbau, die Menschen ohne die «geheiligte Maßlosigkeit» waren es, denen die Kälte und das Eis zu Hilfe kommen und die schließlich triumphieren sollten. Sie sprengten den Hitlerschen Pakt. Sie hatten:den Vortritt vor der Magie. Nach Stalingrad ist Hitler kein Prophet mehr. Seine Religion bricht zusammen. Stalingrad ist nichtallein eine militärische und politische Niederlage. Das Gleichgewicht der spirituellen Kräfte ist verändert. Die deutschen Zeitungen erscheinen mit schwarzem Trauerrand, und die Beschreibungender Katastrophe, die sie geben, sind noch entsetzlicher als die der russischen Kommuniques. Es wird eine allgemeine Nationaltrauer angeordnet. Aber diese Trauer geht über den Rahmen der Nation hinaus. «Macht es euch klar!» schreibt Goebbels. «"Es ist ein Gedanke, eine ganze Weltanschauung, die hier unterliegen. Die geistigen Kräfte werden zunichte gemacht, die Stunde des Gerichtes naht.»In Stalingrad ist es nicht oder doch nicht nur der Kommunismus, der über den Faschismus triumphiert. Von einem Standpunkt aus, der weit genug entfernt ist, um den Sinn derartig wesentlicher Ereignisse zu erfassen, bemerkt man, daß die humanistische Kultur schlechthin es war, die den Aufschwung einer anderen, luziferischen, magischen Kultur stoppte, die nicht für den Menschen gemacht war, sondern für «etwas, das mehr ist als der Mensch». Es gibt keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Beweggründen der zivilisatorischen Taten der UdSSR und der USA. Das Europa des 18. und 19. Jahrhunderts hat den Motor geliefert, der überall zu gebrauchen ist. Er läuft in Moskau nur nicht mit dem gleichen Geräusch wie in New York. Es war wirklich eine einheitliche Welt, die im Krieg gegen Deutschland stand, und nicht eine momentane Koalition von Völkern, die sich im Grunde feindlich sind. Eine einheitliche Welt, die an den Fortschritt, an die Gleichheit der Menschen und an die Wissenschaft glaubt. Eine einheitliche Welt, die die gleiche Ansicht vom Kosmos, die gleiche Auffassung von den allgemeingültigen Gesetzen hat und die dem Menschen den gleichen Platz im Universum zuweist, der weder zu klein noch zu groß ist. Eine einheitliche Welt, die völlig untergehen sollte, um einer anderen, als deren Verkünder sich Hitler fühlte, Platz zu machen.Der kleine Mensch der «freien Welt» war es, der Bewohner von Moskau, von Boston, von Limoges oder von Lüttich, der kleine positive, rationalistische, mehr moralistische als religiöse Mensch ohne metaphysische Begabung, ohne Interesse für das Phantastische, derjenige, den Zarathustra einen «Zwitter von Pflanze und Gespenst» nennt, der Kiembürger, wie Flaubert ihn als Monsieur Homais in Madame Bovary gezeichnet hat, er war es, der die Große Armee vernichten sollte, die bestimmt war, dem Übermenschen, dem Gottmenschen, dem Herrn über die Elemente, die Klimata und die Gestirne, den Weg zu ebnen. Und durch eine seltsame Fügung der Gerechtigkeit oder auch der Ungerechtigkeit sollte dieser kleine Mensch mit der beschränkten Seele es sein, der Jahre später einen Satelliten in den Himmel schicken und damit das interplanetarische Zeitalter eröffnen sollte.Stalingrad und der Sputnik waren wirklich, wie die Russen sagen, zwei entscheidende Siege, und 1957, bei den Feiern zum Jahrestag ihrer Revolution, nennen sie diese beiden Ereignisse mit Recht in einem Atemzug. Die russischen Zeitungen brachten ein Bild von Goebbels mit der Unterschrift: «Er glaubte, wir würden untergehen. Aber wir mußten siegen, 'um den interplanetarischen Menschen zu schaffen.»Der verzweifelte, wahnwitzige, unheilvolle Widerstand, den Hitler noch leistet, als offensichtlich schon alles verloren ist, läßt sich nur dadurch erklären, daß er auf die von den Hörbiger-Schülern angesagte Sintflut wartete. Wenn die Lage sich nicht mit menschlichen Mitteln umkehren ließ, so blieb immer noch die Möglichkeit, das Urteil der Götter herauszufordern. Eine Sintflut würde als Strafe über die gesamte Menschheit hereinbrechen. Nacht würde sich über die Erde breiten, und alles würde in Regen und Hagel versinken. «Hitler», so berichtet Speer schaudernd, «versuchte mit voller Überlegung, alle und alles in seinen Untergang mit hineinzuziehen. Er war ein Mensch, für den das Ende seines eigenen Lebens das Ende aller Dinge bedeutete.» Goebbels begrüßt in seinen letzten Leitartikeln begeistert die feindlichen Bomber, die sein Land zerstören: «Unter den Trümmern unserer vernichteten Städte sind die Zeugnisse des stumpfsinnigen 19. Jahrhunderts begraben.» Hitler übergibt dem Tod das Regiment: er befiehlt die totale Vernichtung Deutschlands, er läßt die Gefangenen hinrichten, verurteilt seinen früheren Chirurgen zum Tod, läßt seinen Schwager umbringen, fordert den Tod für die besiegten Soldaten und steigt selber ins Grab. «Hitler und Goebbels», schreibt Trevor Roper, «forderten das deutsche Volk auf, seine Städte und Fabriken zu zerstören, seine Deiche und Brücken zu sprengen, seine Eisenbahnlinien und das gesamte rollende Material aufzuopfern, und alles das zugunsten einer Legende, im Namen einer Götterdämmerung.» Hitler will Blut; er schickt seine letzten Truppen in den Opfertod: «Die Verluste werden niemals hoch genug sein können», sagt er. Nicht die Feinde Deutschlandts sind es, die hier siegen, es sind die Kräfte des Alls, die sich in Bewegung setzen, um die Erde zu überschwemmen und die Menschheit zu bestrafen, weil sie es zugelassen hat, daß das Eis den Sieg über das Feuer davontrug, daß die Mächte des Todes die Macht des Lebens und der Auferstehung besiegten. Der Himmel wird sich rächen. Im Sterben bleibt nur noch die Möglichkeit, die große Sintflut zu beschwören. Hitler bringt dem Wasser ein Opfer: er gibt den Befehl, die Berliner Untergrundbahn unter Wasser zu setzen, in deren Schächten Tausende von Menschen, die sich hierher geflüchtet haben, umkommen. Bevor Goebbels im Bunker seine Frau, seine Kinder und sich selbst tötet, verfaßt er einen letzten Artikel, in dem er behauptet, das eigentliche Drama spiele sich nicht auf der Erde, sondern im Kosmos ab. «Unser Ende wird das Ende des Universums sein.»
8 Die Erde ist hohl Wir leben in ihrem Innern Die Sonne und der Mond befinden sich in ihrem Mittelpunkt Das Radar im Dienste der Magier Eine in Amerika entstandene Religion Ihr deutscher Prophet war ein Flieger Der Anti-Einstein Die Arbeit eines Wahnsinnigen Ein Schiedsspruch Hitlers Jenseits aller Zusammenhänge Wir schreiben den Monat April des Jahres 1941. Deutschland opfert alle seine Kräfte für den Krieg. Nichts, so scheint es, kann die Techniker, die Gelehrten und die Generäle von ihrer unmittelbaren Aufgabe abbringen.Und doch verläßt eine geheimnisvolle Expedition mit der Zustimmung Görings, Himmlers und Hitlers das Festland. Die Mitglieder dieser Forschergruppe sind einige der besten deutschen Radar-Spezialisten. Unter Führung von Dr. Heinz Fischer, der sich durch seine Arbeiten über die infraroten Strahlen einen Namen gemacht hat, landen sie auf der Ostseeinsel Rügen. Sie sind mit den vollendetsten Radargeräten ausgestattet. Dabei gibt es zu diesem Zeitpunkt erst wenige dieser Apparate, und man benötigt sie vor allem an den neuralgischen Punkten der deutschen Verteidigung. Die Beobachtungen jedoch, denen man sich auf der Insel Rügen widmen- soll, werden im Generalstab der Marine als unerläßlich für die Offensive angesehen, die Hitler an allen Fronten vorbereitet.Kaum gelandet, läßt Dr. Fischer die Geräte in einem Winkel von 45 Grad gegen den Himmel richten. In der gewählten Richtung ist jedoch offensichtlich nichts zu entdecken. Die anderen] Mitglieder der Expedition glauben, es handele sich um einen Versuch. Sie ahnen nicht, was man von ihnen erwartet. Der Zweck der Untersuchungen soll ihnen erst später mitgeteilt werden. Erstaunt bemerken sie, daß die Radargeräte mehrere Tage hindurch in derselben Position verbleiben. Dann aber kommt die Aufklärung: Der Führer hat gute Gründe, anzunehmen, daß die Erde nicht konvex, sondern konkav ist. Wir wohnen nicht außen auf der Erde, sondern innen und sind somit Fliegen vergleichbar, diesich über die Innenfläche einer Glaskugel bewegen. Die Expedition hatte den Auftrag, den wissenschaftlichen Beweis dieser Wahrheit zu erbringen. Durch die Reflexion der Radarwellen, die sich in gerader Linie fortpflanzen, würde man Bilder von den entferntesten Punkten im Inneren der Kugel erhalten. Die zweite Aufgabe der Expedition war es, durch Reflexion Aufnahmen der in Scapa Flow ankernden englischen Flotte zu beschaffen.Martin Gardner berichtet über dieses verrückte Unternehmen auf Rügen in seiner Arbeit In the Name of Science. Auch Dr. Fischer selbst spielt nach Beendigung des Krieges darauf an. Professor Gerard S. Kuiper vom Observatorium auf dem Mount Palomar widmete im Jahre 1946 eine Reihe von Artikeln der Hohlweltlehre, die den Anlaß zu dieser Expedition gegeben hatte. So schreibt er in Popular Astronomy:«Wichtige Persönlichkeiten in der deutschen Marine und der Luftwaffe glaubten an die Hohlweltlehre. Vor allem meinten sie, daß es auf Grund dieser Lehre möglich sei, die Bewegungen der englischen Flotte zu beobachten, da die konkave Krümmung der Erde Beobachtungen auf sehr weite Entfernung vermittels der infraroten Strahlen gestatten würde, die ja weniger gekrümmt verlaufen als die sichtbaren Strahlen.»Der Ingenieur Willy Ley berichtet dieselben Tatsachen in seiner im Mai 1947 verfaßten Studie Pseudo-sciences in Naziland. So erstaunlich es klingt, es ist wahr: hohe nationalsozialistische Funktionäre und Militärexperten leugneten glattweg das, was für jedes kleine Kind unserer zivilisierten Welt eine augenscheinliche Wahrheit ist, daß nämlich die Erde eine Kugel ist und daß wir außen, auf ihrer Oberfläche leben. Über uns, so denkt das kleine Kind, erstreckt sich das endlose Firmament mit seinen Myriaden von Sternen und Milchstraßen. Unter uns befindet sich das Gestein der Erde. Gleichgültig, ob das Kind Franzose, Engländer, Amerikaner oder Russe ist, es stimmt in dieser Hinsicht völlig überein mit der offiziellen Wissenschaft und ebenso mit allen anerkannten religiösen und philosophischen Thesen. Unsere Moral, unsere Kunst und unsere Technik gründen auf dieser Ansicht, die durch die Erfahrung bewiesen scheint. Wenn irgend etwas die Einheitlichkeit der modernen Kultur deutlich machen kann, dann gewißdie Kosmogonie, die wir alle anerkennen. Ober das Wesentliche, nämlich über die Stellung des Menschen und der Erde innerhalb des Universums, sind wir alle einer Meinung, ob wir Marxisten sein mögen oder nicht. Einzig die Nationalsozialisten teilten diese Auffassung nicht.Für die Anhänger der Hohlweltlehre, die jene berühmte pseudowissenschaftliche Expedition auf die Insel Rügen veranstalteten, leben wir im Innern einer Kugel und sind somit in eine Gesteinsmasse eingeschlossen, die sich bis in die Unendlichkeit erstreckt. Wir haften gewissermaßen an der konkaven Innenseite der Kugel, in deren Mitte sich der Himmel befindet. Dieser wiederum ist eine Masse aus bläulichem Gas mit glänzenden Lichtpunkten, die wir für Sterne halten. Es gibt nur die Sonne und den Mond, doch sind diese unendlich viel kleiner, als die orthodoxen Astronomen behaupten. Damit aber erschöpft sich das Universum. Wir sind allein, im Fels eingeschlossen.Wir wollen jetzt einmal sehen, wie diese Anschauung entstanden ist. Sie leitet sich aus Legenden, aus intuitiven Eingebungen und Erleuchtungen her. Eine Nation, die in einen Krieg verwickelt ist, in dem die Technik alles bedeutet, verlangt im Jahre 1942 von der Wissenschaft, sie solle die Mystik unterstützen, und von der Mystik, sie solle die Technik bereichern. Auch in Paris oder London gibt es exzentrische Denker, Entdecker abwegiger Kosmogonien, Propheten aller möglichen Verrücktheiten. Sie verfassen Flugschriften, sie stöbern in den Hinterzimmern der Buchhandlungen herum, sie halten Ansprachen im Hyde Park oder in der «Salle de Géographie» auf dem Boulevard Saint-Germain. Im Hitlerdeutschland hingegen erleben wir es, daß Leute dieser Art die Kräfte der Nation und die technische Apparatur einer im Krieg befindlichen Armee mobilisieren. Wir erleben es, daß sie auf die Generalstäbler, die Politiker und Wissenschaftler einen entscheidenden Einfluß ausüben. Wir stehen hier einer völlig neuen Geistesrichtung gegenüber, die sich auf die Verachtung der klassischen Kultur und der Vernunft gründet. Die Intuition, die Mystik, die dichterische Eingebung rangieren hier auf gleicher Stufe mit der wissenschaftlichen Forschung und der rationellen Erkenntnis. «Wenn ich von Kultur reden höre, zieh ich meinen Revolver», sagt Göring. Dieser Satz ist in doppelt Hinsicht erschreckend: einmal im wörtlichen Sinne, der uns Göring-Ubu zeigt, wie er den Intellektuellen den Schädel einschlägt, zum anderen aber in einem viel tieferen und für das, was wir Kultur nennen, viel gefährlicheren Sinne, denn hier zeigt sich uns ein Göring, der Explosivgeschosse wie die Hörbigersche Kosmogonie, die Hohlweltlehre oder die Mystik der Thule-Gesellschaft abfeuert. Die Hohlweltlehre wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Amerika geboren. Am 10. April 1818 erhielten alle Mitglieder des amerikanischen Kongresses, die Rektoren der Universitäten und einige bedeutende Wissenschaftler den folgenden Brief:An die ganze Welt!Saint Louis, Missouri, Nordamerika, 10. April.Ich erkläre hiermit, daß die Erde hohl und in ihrem Inneren bewohnbar ist. Sie enthält mehrere konzentrische feste Kugeln, die ineinander verschachtelt sind, und ist am Pol mit einer Öffnung von 12 bis 16 Grad versehen. Ich mache mich anheischig, die Wahrheit meiner Behauptung zu beweisen, und bin bereit, das Innere der Erde zu erforschen, wenn die Welt sich entschließt, mich bei meinem Vorhaben zu unterstützen.Jno. Cleves SYMNES, Hauptmann der Infanterie a. D. von OhioSprague de Camp und Willy Ley fassen in ihrer schönen Arbeit The Lands Beyond21 die Theorie und das Abenteuer des ehemaligen Hauptmanns der Infanterie folgendermaßen zusammen:«Symnes behauptet, daß, da alles in der Welt hohl ist, wie zum Beispiel die Knochen, die Haare, die Pflanzenstengel, auch die Planeten hohl sein müßten und daß man im Falle der Erde fünf kugelförmige Gebilde unterscheiden könne, die ineinandergeschoben seien und deren jedes sowohl von innen wie von außen bewohnbar sei. Außerdem seien sie an den Polen mit geräumigen Öffnungen ausgestattet, so daß die Bewohner jeder Kugel sich von jedem beliebigen Punkt des Inneren an einen anderen und ebenso auf die Außenseite begeben könnten, so wie eine Ameise, die zuerst über die innere und dann über die äußere Fläche einer Porzellankugel läuft... Symnes zog seine Vortragsreisen wie Wahlkampagnen auf. Bei seinem Tod hinterließ er Stöße von Notizen und das kleine Holzmodell seines Globus, das sich zur Zeit in der Akademie der Naturwissenschaften von Philadelphia befindet. Sein Sohn, Americ Vespucius Symnes, war einer seiner Schüler und versuchte, die nachgelassenen Notizen zu einem einheitlichen Band zusammenzufassen. Er fügte eine Hypothese an, laut der, wenn die Zeit erfüllt sei, die zehn verlorenen Stämme Israels, die vermutlich in der innersten der Kugeln lebten, wiedergefunden würden.Im Jahre 1870 behauptet ein anderer Amerikaner, Cyrus Read Teed, ebenfalls, daß die Erde hohl sei. Teed war ein hochgebildeter Mann, der sich insbesondere mit der alchimistischen Literatur befaßt hatte. 1869, während er in seinem Laboratorium arbeitete und über das Buch Jesaia meditierte, hatte er eine Erleuchtung. Er begriff auf einmal, daß wir nicht auf der Erde, sondern in ihrem Inneren wohnen. Da diese Vision seiner Ansicht nach gewisse alte Sagen bestätigte, begründete er eine Art Religion und verkündete seine Lehre in einer kleinen Zeitschrift, die er The Sword of Fire betitelte. 1894 hatte er bereits mehr als viertausend fanatische Anhänger gewonnen. Er gab seiner Religion auch einen Namen: den Koreschismus. Im Jahre 1908 starb er, nachdem er verkündet hatte, daß sein Leichnam nicht in Verwesung übergehen werde. Zwei Tage nach seinem Tod jedoch sahen seine Anhänger sich genötigt, ihn einzubalsamieren.Diese Vorstellung von der hohlen Erde knüpft an eine Überlieferungan, die man allerorten und zu allen Zeiten antrifft. Die ältesten Werke der religiösen Literatur sprechen von einer abgesonderten, unter der Erdkruste gelegenen Welt, in der die Totenund die Geister hausen. Als Gilgamesch, der legendäre Held deralten Sumerer und der babylonischen Epen, seinen Ahnherrn Utnapischtim besuchen will, steigt er ins Erdinnere hinab, und hier sucht auch Orpheus die Seele seiner Eurydike. Odysseus bringt, als er an den Grenzen des Abendlandes angekommen ist, ein Opfer, damit die Geister der Abgeschiedenen aus den Tiefen der Erde heraufsteigen und ihm ihren Rat erteilen. Pluton herrscht in der Unterwelt über die Geister der Toten. Und dorthin verbannen die germanischen Sagen auch Venus. Dante verlegt die Hölle in die inneren Kreise. In der europäischen Folklore wohnen die Drachen unter der Erde, und die Japaner stellen sich vor, daß in den Tiefen ihrer Insel ein Ungeheuer haust, dessen Zuckungen die Erde erzittern lassen.Wir sprachen bereits von der vor-nationalsozialistischen Geheimgesellschaft, der Vril-Gesellschaft, die diese Legenden mit den Thesen vermengte, die der englische Schriftsteller Bulwer-Lytton in seinem Roman The Coming Race aufgestellt hatte. Nach Ansicht der Mitglieder dieser Gruppe bewohnen Wesen, die über höhere psychische Kräfte als wir verfügen, Höhlen im Mittelpunkt der Erde. Eines Tages werden sie daraus hervorkommen, um die Herrschaft über uns anzutreten. Nach Beendigung des ersten Weltkriegs entdeckt Bender, ein junger deutscher Flieger, der in französische Gefangenschaft geraten war, einige alte Exemplare von Teeds Zeitschrift The Sword of Fire sowie etliche Propagandabroschüren, in denen die Behauptung vertreten wurde, daß die Erde hohl sei. Er fühlt sich von dieser Theorie angesprochen, erfährt selbst eine Art Erleuchtung und entwickelt die Doktrin weiter. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland begründet er eine Bewegung, die Hohlweltlehre. Dabei stützt er sich auf die Arbeiten eines anderen Amerikaners, Marshall B. Gardner, der im Jahre 1913 ein Werk veröffentlicht hatte, in dem er den Beweis erbringen wollte, daß die Sonne nicht über der Erde steht, sondern in ihrem Mittelpunkt, und daß ihre Strahlen einen Druck ausüben, der uns auf der konkaven Erdoberfläche festbannt.Für Bender ist die Erde eine Kugel mit denselben Dimensionen, die ihr auch die orthodoxe Geographie zuschreibt; aber sie ist hohl, und das Leben wird vermittels gewisser von der Sonne ausgehender Strahlungen auf ihrer Innenfläche festgehalten. Darüber befinden sich unendliche Gesteinsmassen. Die Luftschicht im Inneren der Kugel ist sechzig Kilometer hoch, dann verdünnt sie sich immer mehr bis zu dem absolut luftleeren Raum im Mittelpunkt, in dem drei Körper schweben: die Sonne, der Mond und das Weltall-Phantom. Das Weltall-Phantom ist eine Kugel aus bläulichem Gas, in der Lichtkörner aufschimmern, die von den Astronomen als Sterne bezeichnet werden. Es wird Nacht auf einem Teil der konkaven Erdenfläche, wenn diese blaue Masse vor der Sonne vorbeizieht und der Schatten dieser Masse Verfinsterungen auf dem Mond hervorruft. Wir glauben an ein äußeres Universum, das sich über uns befindet, weil die Lichtstrahlen sich nicht in gerader Linie bewegen: sie sind, mit Ausnahme der infraroten Strahlen, gekrümmt. Diese Theorie Benders sollte um 1930 populär werden. Leitende Persönlichkeiten des Dritten Reichs, hohe Offiziere der Marine und der Luftwaffe glaubten an die Hohlweltlehre.Es erscheint uns völlig unbegreiflich, daß Männer, die die Führung einer Nation übernommen hatten, sich in ihren Maßnahmen teilweise nach mystischen Intuitionen richteten, welche die Existenz unseres Universums leugneten. Man muß jedoch bedenken, daß in Deutschland dem einfachen Mann, dem Mann von der Straße, der schwer unter der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit gelitten haue, um 1930 die Theorien der Hohlweltlehre auch nicht wahnwitziger vorkamen als der Gedanke, daß ein winziges Körnchen Materie unbegrenzte Energiequellen enthalten könne, oder die Vorstellung einer vierdimensionalen Welt. Die Wissenschaft hatte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts einen Weg eingeschlagen, der nicht mehr der des sogenannten gesunden Menschenverstands war. Für naive, unglückliche und mystisch veranlagte Menschen wurde jede phantastische Idee glaubhaft, vor allem wenn sie so verständlich und tröstlich war wie die Hohlweltlehre. Hitler und seine Gefährten waren Männer aus dem Volk und Gegner des reinen Intellekts; ihnen mußten die Gedanken Benders viel einleuchtender erscheinen als die Theorien Einsteins, die eine unendlich komplizierte und außerordentlich schwer faßbare Welt vor-aussetzten. Zwar war die Bendersche Welt offensichtlich ebenso vernunftwidrig wie die von Einstein heraufbeschworene, aber um sie zu begreifen, bedurfte es gewissermaßen nur eines Wahnsinns ersten Grades. Bender baute seine Erklärung der Welt auf verrückten Voraussetzungen auf, doch die weitere Entwicklung seiner Gedanken war vernunftgemäß. Der Verrückte hat alles verloren, nur nicht die Vernunft! Die Hohlweltlehre, die die Menschen als die einzigen geistbegabten Lebewesen hinstellte, das Weltall auf die Dimensionender Erde beschränkte und dem Menschen das Gefühl vermittelte, daß er umschlossen, eingefangen, beschützt war wie der Fötus im Mutterleib, befriedigte gewisse Hoffnungen der unglücklichen Seele, die in ihrem Stolz gekränkt und von Haß auf die äußere Welt erfüllt war. Außerdem war sie die einzige deutsche These, die man, dem Juden Einstein entgegenstellen konnte.Die Theorie Einsteins beruht auf den Experimenten von Michelson und Morley, durch die sie bewiesen, daß die Geschwindigkeit des Lichts, das sich parallel zur Erdumdrehung bewegt, gleich der Geschwindigkeit der Lichtstrahlen ist, die senkrecht zur Erdbewegung verlaufen. Einstein folgert daraus, daß das Licht also nicht durch irgendein Mittel «getragen» wird, sondern selbst aus unabhängigen Korpuskeln besteht. Von dieser Gegebenheit ausgehend bemerkt Einstein, daß das Licht sich im Sinne der Bewegung zusammenzieht und daß es eine Lichtenergie gibt. Er stellt die Theorie von der Relativität der Lichtbewegung auf. Nach dem System Benders ist die Erde hohl und bewegt sich somit nicht. Es gibt für ihn keinen Michelson-Effekt. Die Hohlweltlehre trägt der Realität also scheinbar ebenso Rechnung wie die Theorie Einsteins. Zu jener Zeit waren Einsteins Überlegungen noch durch keine experimentelle Nachprüfung unterbaut worden: noch hatte keine Atombombe diese Gedanken auf eine ebenso absolute wie erschreckende Weise bekräftigt. Die führenden Persönlichkeiten des Nationalsozialismus hielten sich für berechtigt, den Arbeiten des genialen Juden jeden Wert abzusprechen. Damit begannen sie ihre Verfolgungstaktik gegen die jüdischen Gelehrten und ihren Kampf gegen die offizielle Wissenschaft.Einstein, Teller, Fermi und eine Anzahl anderer bedeutender Männer mußten emigrieren. Sie fanden gastliche Aufnahme in den Vereinigten Staaten, wo ihnen reichliche Geldmittel und vorzüglich ausgestattete Laboratorien zur Verfügung gestellt wurden. Hier entstand die Grundlage für die Atommacht Amerikas. Der Auftrieb der okkulten Kräfte in Deutschland war es, der den Amerikanern die Atomenergie bescherte.Das wichtigste Forschungszentrum der amerikanischen Armee be-findet sich in Dayton im Staate Ohio. 1957 wurde bekannt, daß es im Laboratorium dieser Forschungsstätte gelungen war, eine Temperatur von einer Million Grad zu erzielen. Der Mann aber, dem dieses außerordentliche Experiment glückte, hieß Dr. Heinz Fischer es war derselbe Heinz Fischer, der seinerzeit die Expedition auf die Insel Rügen angeführt hatte, welche die Thesen der Hohlweltlehre bestätigen sollte. Als die amerikanischen Journalisten ihn über seine Vergangenheit befragten, erklärte er: «Die Nazis ließen mich die Arbeit eines Wahnsinnigen verrichten und beeinträchtigten damit erheblich den Fortgang meiner Forschungen.» Man kann sich fragen, was wohl geschehen wäre und wie der Krieg sich entwickelt hätte, wenn die Forschungen Dr. Fischers nicht zugunsten des Mystikers Bender unterbrochen worden wären ...Nach dem negativen Ausgang der Versuche auf der Insel Rügen sank das Renommé Benders in den Augen der NS-Führer trotz der Protektion, die Gering dem früheren Helden der Luftfahrt, für den er Sympathie empfand, angedeihen ließ. Die Anhänger Hörbigers, die Verfechter der Welteislehre, trugen den Sieg davon. Bender kam schließlich in ein Konzentrationslager, wo er starb. So hatte die Hohlweltlehre ihren Märtyrer bekommen.Doch schon lange vor der verrückten Expedition nach Rügen hatten die Schüler Hörbigers Bender mit Hohn überschüttet und das Verbot seiner Schriften gefordert. Das Hörbigersche System erhob Anspruch darauf, eine für alle verbindliche Lehre zu sein:man konnte nicht gleichzeitig an einen Kosmos glauben, in dem Eis und Feuer einen immerwährenden Kampf ausfochten, und an eine in unendliche Gesteinsmassen eingeschlossene Welt. Hitler wurde gebeten, einen Schiedsspruch zu fällen. Seine Antwort stimmt nachdenklich: «Wir brauchen gar keine einheitliche Auffassung von der Struktur der Welt. Sie können alle beide recht haben.» Das, was zählt, ist nicht der Zusammenhang und die Einheitlichkeit der Sicht, es ist die Zerstörung der aus der Logik hervorgegangenen Systeme, der rationalen Denkmethoden, es sind die mystische Dynamik und die Explosive Wucht der Intuition. In den dunkel schimmernden Bereichen des magischen Geistes ist Platz für mehr als einen Funken.
9 Das Euthanasie-Programm Die Aufhebung der Naturgesetze Das letzte Gebet Dietrich Eckarts Thule, der magische Mittelpunkt einer untergegangenen Kultur Eine Pflanzschule der Medien Haushofer, der Magier Rudolf Heß fliegt nach England Das Hakenkreuz und die Inschrift auf der Hausmauer in Jekaterinburg Die sieben Männer, die das Leben verändern wollten Eine tibetanische Kolonie Die Ausrottungen und das Ritual In Flensburg lebte nach dem Krieg als tüchtiger Vertrauensarzt für Versicherungsgesellschaften und medizinischer Sachverständiger bei Gerichtsverhandlungen ein Mann namens Fritz Sawade. Gegen Ende des Jahres 1959 warnte eine mysteriöse Stimme den guten Doktor und teilte ihm mit, daß die Behörden sich gezwungen sehen würden, ihn zu verhaften. Er floh, irrte acht Tage umher und stellte sich schließlich der Polizei. In Wirklichkeit handelte es sich um den SS-Standartenführer Werner Heyde. Professor Heyde war der medizinische Organisator des Euthanasie-Programms gewesen, dem in den Jahren 1940 und 1941 zweihunderttausend Kranke zum Opfer fielen und das gewissermaßen als Vorspiel zu den großen Vernichtungsaktionen in den Konzentrationslagern galt.Anläßlich dieser Verhaftung schrieb der französische Journalist Nobecourt, einer der besten Historiker des nationalsozialistischen Deutschland, in der Wochenzeitschrift Carrefour:«Die Affäre Heyde ähnelt wie viele andere einem Eisberg: man bekommt nur einen Bruchteil des wirklichen Umfangs zu sehen ... Die Euthanasie der Geistesschwachen und Unheilbaren, die systematische Ausrottung aller Gruppen, die man in Verdacht hatte, sie könnten die Reinheit des germanischen Bluts vergiften, wurde mit pathologischer Verbissenheit und einem fast religiösen Fanatismus durchgeführt, der an Wahnsinn grenzte. Zahlreiche Beobachter der Prozesse, die nach dem Krieg stattfanden und zwar namhafte Wissenschaftler und Mediziner, von denen man kaum annehmen kann, daß sie Mystifikationen als gültigeBeweise ansahen kamen schließlich zu der Ansicht, daß bloße politische Leidenschaft eine unzureichende Erklärung für diese Tatsachen war und daß man wohl das Vorhandensein einer mystischen Verbindung annehmen müsse, die zwischen all den Befehlsgebern und den Vollstreckern dieser Befehle, zwischen Himmler und dem letzten Wärter im Konzentrationslager, bestand.Es drängt sich allmählich die Hypothese einer Geheimgesellschaft auf, die dem äußerlichen Gefüge des Nationalsozialismus zugrunde lag. Es muß eine wahrhaft dämonische Verbindung gewesen sein, und sie gehorchte geheimen Dogmen, die viel schärfer und genauer ausgearbeitet waren als die allgemeinen Thesen in Mein Kampf oder im Mythos des 20. Jahrhunderts. Die Spuren ihrer Riten sind kaum bemerkbar, für die Analytiker der Nazi-Pathologie jedoch (und wir betonen noch einmal, daß es sich um Wissenschaftler und Mediziner handelte) kann an ihrer Existenz kein Zweifel bestehen.»Wir sind allerdings nicht der Ansicht, daß es sich hier um eine einzige, fest organisierte und klar verzweigte Gemeinschaft gehandelt hat, und auch das Bestehen eines einheitlichen Dogmas und bestimmter, allgemeingültiger Riten erscheint uns fraglich. Im Gegenteil, gerade die Vielfältigkeit und Zusammenhanglosigkeit dürften für dieses unterirdische Deutschland, das wir zu beschreiben versuchen, bezeichnend gewesen sein. Einem Abendländer, der vom Positivismus und der kartesianischen Denkweise herkommt, erscheint eine gewisse Einheitlichkeit für jedes, selbst ein mystisches Unternehmen, unerläßlich. Aber wir stehen hier außerhalb des Abendlands; es handelt sich um einen vielgestaltigen Kult, um einen über-geistigen (oder auch unter-geistigen) Zustand, der die verschiedensten nur lose miteinander zusammenhängenden Riten und Glaubensformen absorbiert. Wichtig ist nur, ein geheimes Feuer zu schüren, eine Flamme am Leben zu erhalten, und zu diesem Zweck ist jedes Mittel recht. In einem solchen Zustand ist nichts mehr unmöglich. Die Naturgesetze sind aufgehoben, die Welt wird fließend. Die Führer der SS behaupten, die Breite des Ärmelkanals sei viel geringer, als sie auf den Landkarten angegeben ist. Für sie, genau wie für die Weisen der Hindu vor zweitausend Jahren oder für den Bischof Berkeley im 18. Jahrhundert, war die Welt nur eine Illusion, und ihre Strukturließ sich durch den wirkenden Gedanken der Eingeweihten verändern.Wir möchten nunmehr gemäß unserer Methode dem Leser einige Hinweise und Zitate über gewisse andere bisher vernachlässigte Seiten des «magischen Sozialismus» unterbreiten: die Thule-Gesellschaft, den Aufbau des Schwarzen Ordens und das Forschungsamt Ahnenerbe. Wir haben über diese Punkte eine etwa tausend Seiten umfassende Dokumentation gesammelt. Wollten wir jedoch eine klare, überzeugende und vollständige Arbeit über dieses Gebiet schreiben, müßte dieses Material zunächst noch einmal überprüft und ergänzt werden. Das liegt für den Augenblick außerhalb des Bereichs unserer Möglichkeiten. Andererseits möchten wir dieses Buch auch nicht ungebührlich belasten, da wir die Gegenwartsgeschichte hier lediglich als Beispiel für den «phantastischen Realismus» herangezogen haben. Darum geben wir nur eine kurze Zusammenfassung einiger interessanter Tatsachen. An einem Herbsttag des Jahres 1923 stirbt in München eine ungewöhnliche Persönlichkeit, ein Dichter, Verfasser von Dramen, ein Journalist, ein Bohémien: Dietrich Eckart. Seine Lungen sind von Giftgas zerfressen. Vor seiner Agonie spricht er ein Gebet vor einem schwarzen Meteoriten, den er «meine Kaaba» nennt und den er Professor Oberth, einem der Schöpfer der Astronautik, vermachte. Kurz zuvor hatte er ein langes Manuskript an seinen Freund Karl Haushofer geschickt. Seine Angelegenheiten waren geregelt. Er starb, aber die Thule-Gesellschaft sollte weiterbestehen und bald die Erde und das Leben auf dieser Erde verändern.Im Jahre 1920 machen Dietrich Eckart und ein anderes Mitglied der Thule-Gesellschaft, der Architekt Alfred Rosenberg, die Bekanntschaft Hitlers. Diese erste Zusammenkunft findet im Haus Winfred Wagners in Bayreuth statt. Drei Jahre hindurch sind diese beiden Männer nun ständig um den kleinen Gefreiten des ersten Weltkriegs und beeinflussen seine Gedanken und Handlungen. Konrad Heiden 34 schreibt: «Dietrich Eckart übernimmt Adolf Hitlers geistige Führung. Hitler lernt von ihm schreiben und sogar sprechen.» Diese Unterweisung betraf zwei Gebiete: die «Geheimdoktrin» und die Propagandadoktrin. Die Unterhaltungen, die Lehrer und Schüler miteinander führten, hat Eckart in einer merkwürdigen Broschüre aufgezeichnet: Der Bolschewismus von Mosesbis Lenin. Im Juli 1923 ist Eckart, Hitlers neuer Lehrer, eines der sieben Gründungsmitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Sieben: die heilige Zahl. Als er im Herbst stirbt, sagt er:«Folgt Hitler! Er wird tanzen, aber die Musik zu seinem Tanz habe ich komponiert. Wir haben ihm die Mittel gegeben, mit IHNEN in Verbindung zu treten... Beklagt mich nicht: ich werde mehr Einfluß auf die Geschichte gehabt haben als jeder andere Deutsche...» Die Sage von Thule geht auf älteste Zeiten zurück. Man spricht von einer Insel, die irgendwo im fernen Norden im Meer versunken ist. Oder sollte es sich vielleicht um Grönland handeln? Um Labrador? Ebenso wie Atlantis soll auch Thule der magische Mittelpunkt einer untergegangenen Kultur gewesen sein. Für Eckart und seine Freunde jedoch waren nicht alle Geheimnisse Thules verlorengegangen. Irgendwelche Wesen, die zwischen dem Menschen und Geistern außerhalb der Erde stehen, verfügten nach Ansicht der Eingeweihten über ein Kraftreservoir, aus dem sie schöpfen konnten, um Deutschland die Herrschaft über die Welt zu verleihen, um aus Deutschland die Verkündernation des künftigen Übermenschentums, der bevorstehenden Mutationen der menschlichen Rasse zu machen. Eines Tages werden Legionen sich in Bewegung setzen, um alles, was dem geistigen Schicksal der Erde im Wege steht, zu vernichten, und sie werden von unfehlbaren Männern angeführt werden, die aus den Quellen der Kraft getrunken haben und den Spuren der Großen folgen.Solcherart sind die Mythen, die in der arischen Doktrin Eckarts und Rosenbergs enthalten sind und die diese Propheten eines magischen Sozialismus der medialen Seele Hitlers einimpfen. Aber die Thule-Gesellschaft ist vorerst zweifellos nur eine zwar mächtige, aber kleine Knetmaschine, die Traum und Wirklichkeit miteinander vermengt. Sie wird sehr bald unter anderen Einflüssen und unter der Führung anderer Persönlichkeiten zu einem viel sonderbareren Instrument werden: zu einem Instrument, das imstande ist, das Wesen der Wirklichkeit selbst zu verändern. Erst durch das Auftreten Karl Haushofers scheint die Thule-Gesellschaft ihren wahren Charakter zu gewinnen: sie wird zu einer Geheimgesellschaft, deren Mitglieder in Verbindung mit dem Unsichtbaren stehen zum magischen Mittelpunkt des Nationalsozialismus.Hitler wurde am 20. April 1889 um 17 Uhr 30 in Braunau am Inn, Salzburger Vorstadt 219, geboren. Diese kleine Stadt an der Grenze zwischen Österreich und Bayern, Begegnungspunkt zweier großer deutschsprachiger Staaten, sollte später für Hitler zu einem symbolischen Ort werden. Eine eigenartige Tradition ist mit der Geschichte dieser Stadt verknüpft: sie ist eine Pflanzstätte für Medien. Hier wurden Willy und Rudi Schneider geboren, deren Experimente auf diesem Gebiet vor etwa dreißig Jahren eine Sensation waren. Hitler hatte dieselbe Amme wie Willy Schneider. Jean de Pange schreibt 1940:«Braunau ist ein Zentrum der Medien. Eines der bekanntesten ist Frau Stockhammer, die im Jahre 1920 in Wien den Prinzen Joachim von Preußen heiratete. Aus Braunau ließ sich auch der Münchner Parapsychologe Albert Freiherr von Schrenck-Notzing seine Medien kommen, zu denen unter anderen ein Vetter Hitlers gehörte.»Der Okkultismus lehrt, daß, nachdem die geheimen Mächte durch einen Pakt versöhnt sind, die Mitglieder der Gruppe diese Kräfte nur durch Vermittlung eines Beschwörers zur Wirkung bringen könnten. Dieser Beschwörer wiederum kann ohne ein Medium nichts ausrichten. In unserem Fall nun sieht es ganz so aus, als sei Hitler das Medium gewesen und Haushofer der Beschwörer. Rauschning beschreibt den Führer folgendermaßen:«Man ist gezwungen, an Medien zu denken. Die meiste Zeit sind sie ganz gewöhnliche, unbedeutende Menschen. Plötzlich fallen wie aus dem Himmel Kräfte auf sie, die sie weit über das Maß des Gewöhnlichen herausheben. Diese Kräfte haben mit ihrer eigentlichen Persönlichkeit nichts zu tun. Sie sind wie Besucher von anderen Sternen. Das Medium ist besessen. Wenn der Bann gebrochen ist, fällt es wieder in seine Mittelmäßigkeit zurück. Und auch bei Hitler ist es unzweifelhaft so, daß gewisse Kräfte durch ihn hindurchgehen. Fast dämonische Kräfte, denen der Mensch, der Hitler heißt, nur die augenblickliche äußere Hülle bietet. Durch dieses Zusammentreffen des Gewöhnlichen und desAußerordentlichen ergibt sich jene unerträgliche Zwiespältigkeit, die man empfindet, sobald man mit Hitler in Berührung kommt. Diese Figur hätte von Dostojewsky erfunden sein können. Das jedenfalls ist der Eindruck, den die Verbindung einer krankhaften Unruhe und einer dunklen Kraft in seinem grotesken Gesicht vermittelt.»Und Strasser:«Ein Schlafwandler wahrhaftig, ein Medium, wie es die wirresten Epochen der Menschheitsgeschichte hervorbringen. Er taucht aus dem Halbschatten auf, zwischen Tag und Nacht. Wie oft bin ich gefragt worden, worin denn die außergewöhnliche Rednergabe Hitlers bestehe. Ich kann sie nicht anders erklären als durch jene wunderbare Intuition, die ihm die unfehlbare Diagnose von der Unzufriedenheit vermittelt, unter der seine Zuhörer leiden ... Das Medium versinkt in Trance, wenn es seinem Publikum gegenübersteht. Das sind die Augenblicke seiner wirklichen Größe...»Bouchez meint:«Ich sah seine Augen an, Augen, die medial geworden waren ... Manchmal ereignete sich etwas Ähnliches wie bei dem Phänomen des Ektoplasmas: irgend etwas schien in dem Redner zu wohnen. Eine Art Fluidum sonderte sich ab... Dann wurde er wieder klein, ja vulgär, ein Irgendwer. Er schien erschöpft, die Akkumulatoren waren leer.»Und Fran¸ ois-Poncet:«Er geriet in ein Art mediale Trance. Sein Gesichtsausdruck war der einer ekstatischen Verzückung.»Hinter dem Medium aber hat man zweifellos nicht einen einzelnen Menschen zu suchen, sondern eine Gruppe, eine Energiegemeinschaft, eine magische Zentrale. Und eins erscheint uns sicher;Hitler wurde von etwas anderem angetrieben als von dem, was er selbst darstellte: von Kräften und Richtungen, die sich zwar nicht ganz deutlich abzeichneten, die aber unendlich gefährlicher waren als die bloße nationalsozialistische Theorie. Von einem Gedanken, der viel größer war als das, was sein eigenes Hirn produzieren konnte, der ihn ständig über sein eigenes Ziel hinausschießen ließ und über den er seinem Volk und seinen Mitarbeitern nur bruchstückhafte und vergröberte Andeutungen machen konnte. Hitler war ein heftig schwingender Resonanzboden.«Er war wirklich der <Trommler>, wie er sich selbst im Münchner Prozeß bezeichnete, und dieser Trommler ist er zeitlebens geblieben. Bei alledem hat er, je nach den Umständen, von dieser Gabe nur soweit Gebrauch gemacht, wie sie seinem Machthunger, seinem Traum von der Welteroberung und der biologischen Erzeugung des Gottmenschen dienlich war.» 35Aber da gab es noch einen anderen Traum, einen anderen Wahn:das Leben auf der gesamten Erde zu verändern. Zuweilen tritt er zutage, oder, richtiger gesagt, dieser Hintergedanke drängt sich vor, sickert plötzlich durch einen kleinen Spalt heraus. Hitler sagt zu Rauschning:«Unsere Revolution ist eine neue Etappe, oder vielmehr sie ist die endgültige Etappe in der Entwicklung, die zur Überwindung der Geschichte führt...»Oder:«Ihr wißt nichts von mir, meine Parteigenossen haben keine Ahnung von den Träumen, die mich bewegen, und von dem grandiosen Gebäude, dessen Grundmauern zumindest stehen werden, wenn ich sterbe... Es wird sich eine Umwälzung auf der Erde vollziehen, die ihr, die nicht Eingeweihten, nicht verstehen könnt... Das, was hier vor sich geht, ist mehr als das Heraufkommen einer neuen Religion...» Rudolf Heß war der Assistent Haushofers gewesen, als dieser als Professor an der Universität München wirkte. Er ist es, der den Kontakt zwischen Haushofer und Hitler herstellt. (Nachdem Haushofer ihm gesagt hat, daß er ihn im Traum nach England habe fliegen sehen, flieht er, offenbar in einem Anfall geistiger Umnachtung, in einem Flugzeug nach England. In den seltenen Augenblicken der Geistesklarheit, die seine unerklärliche Krankheit ihm läßt, soll der Gefangene Heß, der letzte Oberlebende der Thule-Gesellschaft, erklärt haben, daß Haushofer der Magier, der geheime Meister, gewesen sei36.)Nach dem mißglückten Putsch kommt Hitler als politischer Häftling auf die Festung Landsberg. Auf Veranlassung von Heß besucht Haushofer ihn hier täglich, verbringt jedesmal mehrere Stunden bei ihm, entwickelt ihm seine Theorien und kehrt dabei alle für die politische Machtergreifung günstigen Argumente hervor. In Gemeinschaft mit Heß verquickt Hitler die zur politischen Propaganda verwendbaren Thesen Haushofers mit den Gedanken Rosenbergs zu einem Ganzen, das er sofort diktiert. So entsteht sein Buch Mein Kampf.Karl Haushofer wurde 1869 geboren. Er unternahm zahlreiche Reisen nach Indien und in den Fernen Osten, wurde auch nach Japan geschickt und erlernte dort die Landessprache. Für ihn befand sich die Wiege des deutschen Volkes in Zentralasien, und der Bestand, die Größe und der Adel der Welt waren durch die indogermanische Rasse gesichert. In Japan soll Haushofer einer der bedeutendsten buddhistischen Geheimgesellschaften beigetreten sein und sich verpflichtet haben, falls seine «Mission» scheitern sollte, den vorgeschriebenen zeremoniellen Selbstmord zu begehen.1914 fällt der junge General Haushofer durch seine außergewöhnliche Fähigkeit auf, kommende Ereignisse vorauszusagen: die Stunde, zu der ein feindlicher Angriff stattfinden wird, die Stellen, an denen Granaten einschlagen werden, Unwetter, politische Veränderungen in Ländern, von denen er nichts weiß. Hat auch Hitler diese Gabe der Hellsichtigkeit gehabt, oder war es Haushofer, der . ihm seine eigenen Erleuchtungen einflüsterte? Hitler sagt genau das Datum voraus, an dem seine Truppen in Paris einziehen werden, und er nennt auch den Tag, an dem die ersten Blockadebrecher in Bordeaux eintreffen. Als er sich zur Besetzung des Rheinlands entschließt, sind alle Experten Europas einschließlich der deutschen überzeugt, daß Frankreich und England Gegenmaßnahmen ergreifen werden. Hitler erklärt, dies werde nicht geschehen. Später sagt er das Todesdatum Roosevelts voraus.Nach dem ersten Weltkrieg nimmt Haushofer seine Studien wieder auf und scheint sich ausschließlich für die Probleme der politischen Geographie zu interessieren. Er gründet die Zeitschrift Geopolitik und veröffentlicht zahlreiche Arbeiten. Sonderbarerweise scheinen diese Studien auf einem streng materialistischen politischen Realismus zu fußen. Dieses bei allen Mitgliedern der Gruppe erkennbare Bemühen, eine rein materialistische exoterische Sprache zu führen und auf diese Weise pseudowissenschaftliche Begriffe zu propagieren, stiftet ununterbrochen neue Verwirrung.Hinter dem Geopolitiker verbirgt sich jedoch noch eine andere Persönlichkeit: der Schüler Schopenhauers, der den Weg zum Buddhismus gefunden hat, der Bewunderer des heiligen Ignatius von Loyola, den der Gedanke der Herrschaft über die Menschen reizt, der Mann, der über eine hohe Bildung und eine ungewöhnliche Seelenkraft verfügt. Man darf wohl annehmen, daß Haushofer es war, der das Hakenkreuz als Emblem gewählt hat.Das Hakenkreuz galt in Europa wie in Asien seit jeher als magisches Zeichen. Man sah in ihm ein Symbol der Sonne, der Quelle des Lebens und der Fruchtbarkeit, oder auch ein Symbol des Donners, in dem sich der göttliche Zorn, den man beschwören muß, ausdrückt. Zum Unterschied vom Kreuz, vom Dreieck, vom Kreis oder vom Halbmond ist das Hakenkreuz kein elementares Signum, das in jedem Zeitalter der Menschheit und an jedem Punkt der Erde jeweils mit einer anderen Bedeutung ausgestattet und immer von neuem erfunden werden kann. Es ist das erste mit einer bestimmten Absicht entworfene Symbol. Das Studium seiner Wanderungen wirft das Problem der ersten Zeitalter, des gemeinsamen Ursprungs der verschiedenen Religionen und der prähistorischen Beziehungen zwischen Europa, Asien und Amerika auf. Das älteste Hakenkreuzzeichen wurde in Siebenbürgen entdeckt und dürfte aus dem Ende der Steinzeit stammen. Man findet es auf Hunderten von Spindeln aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. wieder und ebenso auf den Trümmern der Stadt Troja. Im 4. Jahrhundert v. Chr. er-scheint es in Indien und im 5. Jahrhundert n. Chr. in China. Ein Jahrhundert später taucht es in Japan auf, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, an dem der Buddhismus, der es zu seinem Emblem macht, hier an Einfluß gewinnt. Eine Tatsache läßt sich aus alledem herauslesen: in allen semitischen Religionen, also in Ägypten, in Chaldäa, in Assyrien und in Phönizien, ist das Hakenkreuz unbekannt oder tritt nur vereinzelt und zufällig auf. Es ist ein ausschließlich «arisches» Symbol. 1891 schon hebt Ernst Krauss diese Tatsache hervor, und 1908 beschreibt Guido List das Hakenkreuz in seinen populärwissenschaftlichen Arbeiten als ein Symbol der Reinheit des Bluts, das gemeinsam mit einem Zeichen für esoterische Erkenntnis auftritt, welches bei der Entzifferung des Runen-Epos der Edda entdeckt wurde. Am russischen Zarenhof wird das Hakenkreuz durch die Zarin Alexandra Feodorowna eingeführt. Geschah es unter dem Einfluß Der Theosophen? Oder vielleicht unter dem des Mediums Badmajew, jener sonderbaren Persönlichkeit, die eine Ausbildung in Lhasa genossen hatte und späterhin noch immer zahlreiche Verbindungen mit Tibet unterhielt? Tibet aber ist eins der Länder, in denen man sowohl das nach rechts wie das nach links gerichtete Hakenkreuz am häufigsten antrifft. Und in diesem Zusammenhang ist eine sehr erstaunliche Geschichte zu vermerken. Auf einer Mauer des Hauses in Jekaterinburg, in dem die Zarin die letzten Tage ihres Lebens verbrachte, hatte sie vor ihrer Erschießung ein Hakenkreuz und eine Inschrift gezeichnet. Wie es heißt, wurde eine Photographie von dieser Zeichnung gemacht, bevor sie beseitigt wurde. Der berühmte General Kutjepow soll im Besitz eines am 24. Juli aufgenommenen Photos gewesen sein. Ihm sei, wie verlautet, außerdem die Ikone übergeben worden, die man bei der Leiche der Zarin fand und die eine weitere Botschaft enthielt, in welcher auf die Geheimgesellschaft des Grünen Drachens angespielt wurde. Laut Bericht des Spionageagenten, der später auf mysteriöse Weise vergiftet wurde und der Romane unter dem Pseudonym Teddy Legrand verfaßt hat, war Kutjepow, der spurlos verschwand, auf der Dreimastbark des Barons Otto Bautenaas entführt und dort getötet worden. Auch Bautenaas selbst soll später ermordet worden sein. Teddy Legrand schreibt:«Dieses große weiße Schiff hieß Asgard. Es war also zufällig? auf den Namen getauft worden, mit dem die isländischen Sagen das Reich des Königs von Thule bezeichnen.»Nadi Trebitsch-Lincoln (der behauptete, in Wirklichkeit der Lama Djordi Den zu sein) stammte die Gesellschaft der Grünen, die der Thule-Gesellschaft verwandt war, aus Tibet. In Berlin gab es einen tibetanischen Mönch, der unter dem Spitznamen «der Mann mit den grünen Handschuhen» bekannt war und der dreimal in der Presse mit absoluterGenauigkeit im voraus die Zahl der nationalsozialistischen Abgeordneten angab, die in den Reichstag einziehen würden. Dieser Mann hatte regelmäßige Zusammenkünfte mit Hitler. Er war, wie die Eingeweihten sagten, «der Bewahrer der Sdilüssel, die das <Reich Agarthi> öffnen».Damit wären wir wieder in Thule. Zur gleichen Zeit, da Mein Kampf veröffentlicht wurde, erschien auch das Werk des Polen Ossendowski Tiere, Menschen und Götter, in dem zum erstenmal öffentlich die Begriffe Shampullah und Agarthi genannt werden. Im Nürnberger Prozeß wird man diese Namen wieder aus dem Mund derer hören, die das Forschungsamt Ahnenerbe leiteten.Wir schreiben das Jahr 1925*. Die nationalsozialistische Partei beginnt sehr aktiv zu werden. Horst Wessel, der Gewährsmann Hörbigers und Verfasser des später zur zweiten Nationalhymne erhobenen Horst-Wessel-Liedes, organisiert die Sturm-Abteilungen. Ein Jahr später wird er von Kommunisten ermordet. Der deutsche Schriftsteller Hans Heinz Ewers, gewissermaßen ein deutscher Lovecraft, verschreibt sich voller Begeisterung der Partei, weil er in ihr, zumindest in ihren Anfängen, «den stärksten Ausdruck der schwarzen Mächte» erblickt. Was nun diese «schwarzen Mächte» betrifft, so sind die sieben Begründer der Partei, die davon träumen, das Leben zu verändern, überzeugt, daß sie physisch und vor allem geistig von ihnen gestützt und getragen werden. Falls die Auskünfte, die wir erhielten, zutreffen, so haben der Schwur, der sie bindet, der Mythos, auf den sie sich beziehen und aus dem sie Kraft, Vertrauen und Zuversicht schöpfen, ihren Ursprung in einer tibetanischen Sage. Danach lebte vor drei- oder viertausend Jahren im Gebiet der heutigen Wüste Gobi ein Volk mit einer hohen Kultur. Infolge einer Katastrophe vielleicht einer Atomkatastrophe verwandelte das * In seinem 1931 erschienenen Werk Le symbolisme de la croix bringt René Guénon folgende Fußnote: «Kürzlich fand ich in einem Artikel des Journal des Débats vom 22. Januar 1929 den folgenden Bericht, der darauf hinzuweisen scheint, daß die alten Überlieferungen doch nicht so völlig in Vergessenheit geraten sind, wie man denkt: <1925 erhob sich ein großer Teil der Cuna-Indianer. Sie töteten die Polizisten von Panama in ihrem Territorium und gründeten die unabhängige Republik Thule, deren Fahne ein Hakenkreuz auf orangefarbenem Grund mit rotem Rand zeigt.> Bemerkenswert daran ist vor allem die Verbindung des Hakenkreuzes mit dem Namen Thule, der eine der ältesten Bezeichnungen für das höchste geistige Zentrum darstellt und später auch für einige untergeordnete Zentren Anwendung fand.» Land Gobi sich in eine Wüste, und die Überlebenden wanderten aus: ein Teil zog nach Nordeuropa, ein anderer in den Kaukasus. Der Gott Thor der nordischen Mythologie soll einer der Helden dieser Wanderung gewesen sein.Die «Eingeweihten» der Thule-Gesellschaft waren überzeugt, daß diese Auswanderer aus dem Lande Gobi die Grundrasse der Menschheit, den arischen Stamm, bildeten. Haushofer wies auf die Notwendigkeit hin, zu den «Quellen» zurückzukehren, d. h., ganz Osteuropa, Turkestan, Pamir, die Wüste Gobi und Tibet zu erobern. Diese Länder waren in seinen Augen die «Herzregion», und der Herrscher über sie war gleichzeitig der Herr der Welt.Nach dieser Sage, so wie sie Haushofer zweifellos gegen 1905 aus dem Orient mitbrachte und wie René Guénon sie auf seine Art in Le Roi du Monde erzählt, siedelten sich die führenden Persönlichkeiten jener hohen Kultur, die großen Weisen, die Söhne der Geister anderer Welten, nach der Katastrophe von Gobi in einem riesigen Höhenbezirk unter dem Himalaja an. Innerhalb dieses Bezirks spalteten sie sich in zwei Gruppen; die eine folgte dem «Weg rechter Hand», die andere dem «Weg linker Hand». Der Mittelpunkt des «ersten Weges» soll Agarthi gewesen sein, eine unauffindbare Stadt, der Ort der Kontemplation, der Tempel des Nicht-Teilhabens an der Welt. Der «zweite Weg» führte über Shampullah, die Stadt der Macht und der Gewalt, deren Kräfte über die Elemente und die Massen der Menschen geboten und sie der «großen Zeitwende» entgegenführten. Den großen Magiern anderer Völker war es möglich, durch Gelöbnisse und Opfer einen Pakt mit Shampullah zu schließen.In Österreich verkündete die Gruppe «Edelweiß» im Jahre 1928, es sei ein neuer Messias geboren. In England erklärten Sir Mosley und Bellamy im Namen der Hörbigerschen Lehre, daß Deutschland vom «Licht» berührt sei. In Amerika erschienen die Silver Roads des Obersten Ballard. Eine Anzahl bedeutender englischer Persönlichkeiten versucht, die Öffentlichkeit vor dieser Bewegung zu warnen, in der sie zunächst nur eine geistige Bedrohung, das Heraufkommen einer luziferischen Religion erblickt. Kipling läßt das Hakenkreuz von den Umschlagdeckeln seiner Bücher entfernen. Lord Tweedsmuir, der unter dem Namen John Buchan schreibt, veröffentlicht zwei Schlüsselromane: The Courts of the Morning und A Prince in Captivity, die eine Beschreibung der Gefahrenenthalten, welche der abendländischen Kultur durch eine geistige und zugleich magische, auf das Böse ausgerichtete «Energiezentrale» erwachsen können. Saint-George Saunders zeigt in The Seven Sleepers und The Hidden Kingdom die düsteren Flammen der nationalsozialistischen Esoterik und ihrer «tibetanischen Herkunft» auf. Im Jahre 1926 bildeten sich in München und Berlin kleine Kolonien von Hindus und Tibetanern. Nach dem Einmarsch der Russen in Berlin fand man unter den Leichen etwa tausend Todesfreiwillige in deutscher Uniform ohne Ausweise und Abzeichen, die sichtlich der Himalaja-Rasse angehörten. Von dem Augenblick an, da die Bewegung über große Geldmittel verfügt, werden zahlreiche Expeditionen nach Tibet organisiert, die praktisch ohne Unterbrechung bis zum Jahre 1943 fortdauern.Die Mitglieder der Thule-Gesellschaft waren sicher, daß sie die Weltherrschaft erringen würden, daß sie gegen jede Gefahr gefeit seien und daß ihr Wirken sich über tausend Jahre, bis zur nächsten Sintflut, erstrecken werde. Sie verpflichteten sich, von eigener Hand zu sterben, wenn sie einen Fehler begehen sollten, der den Pakt gefährdete, und schworen auch, Menschenopfer darzubringen. Die Ausrottung der Zigeuner (750 000 Menschen) scheint lediglich «magische» Gründe gehabt zu haben. Wolfram Sievers wurde zum Vollstrecker, zum priesterlichen Henker, zum rituellen Würger ernannt. Wir werden noch einmal auf diese Zusammenhänge zurückkommen, halten es jedoch für nötig, zunächst einen der Aspekte des erschreckenden Problems zu erhellen, vor den diese Ausrottungsaktionen das Gewissen des modernen Menschen stellen. Für die höchsten Stellen ging es offenbar darum, die Gleichgültigkeit der überirdischen Mächte zu bezwingen und ihre Aufmerksamkeit zu erregen. In diesem Bestreben liegt der magische Sinn aller Menschenopfer von den Mayas bis zu den Nationalsozialisten. Während des Nürnberger Prozesses war man oft erstaunt darüber, wie unbeteiligt die höchsten Befehlsgeber dieser Mordaktionen sich gaben. Ein schöner und schrecklicher Satz, den Merritt einem der Helden seines Romans The Dwellers in the Mirage in den Mund legt, hilft uns vielleicht, diese Haltung zu verstehen: «Ich habe vergessen, so wie ich jedesmal in der düsteren Erregung des Rituals die Opfer vergaß ...»Am 14. März 1946 tötete Karl Haushofer zuerst seine Frau Marthaund gab sich dann selbst nach japanischer Tradition den Tod. Kein Denkmal, kein Kreuz zeigt sein Grab an. Er hatte erst sehr spät erfahren, daß sein Sohn Albrecht, der in die Verschwörung und das Attentat gegen Hitler vom 20. Juli 1944 verwickelt war, verhaftet und im Moabiter Gefängnis hingerichtet worden war. In der Tasche des blutdurchtränkten Anzugs von Albrecht Haushofer fand man einige Gedichte, darunter die folgenden Verse:«Für meinen Vater war das Los gesprochen. Es lag einmal in seiner Willenskraft, Den Dämon heimzustoßen in die Haft. Mein Vater hat das Siegel aufgebrochen. Den Hauch des Bösen hat er nicht gesehn. Den Dämon ließ er in die Welt entwehn.»Diese Darstellung in ihrer Kürze und zwangsläufigen Zusammenhanglosigkeit konnte nur ein Bündel von zufälligen Erkenntnissen, Ausschnitten, Hinweisen und Vermutungen bringen. Selbstverständlich schließen die hier nach unserer Methode zusammengestellten Einzelheiten keinesfalls eine Erklärung des nationalsozialistischen Phänomens durch politische und wirtschaftliche Erwägungen aus. Und es ist ebenso selbstverständlich, daß im Geist oder auch im Unterbewußtsein der Menschen, von denen wir sprechen, nicht alles von diesem magischen Glauben bestimmt worden ist. Aber ob man nun die irrwitzigen Bilder, die wir zeichneten, für Phantasie oder für Realität hält, eins erscheint uns sicher: sie haben in gewissen Augenblicken in den Gehirnen dieser Menschen gespukt.
10 Himmler und das umgekehrte Problem Der Wendepunkt von 1934 Der Schwarze Orden ergreift die Macht Der Mönchsorden mit dem Totenkopf Die Weihe in den Burgen Wolfram Sievers' letztes Gebet Die sonderbaren Arbeiten des Forschungsamts Ahnenerbe Der Hohepriester Friedrich Hielscher Eine vergessene Tagebucheintragung Ernst Jüngers Der Sinn eines Krieges und eines Sieges Der strenge Winter 1941/1942 war hereingebrochen. Die besten deutschen Soldaten und die Sturmtrupps der SS rückten zum erstenmal nicht vor: wie gebannt saßen sie in den Eisfeldern der russischen Ebene fest. England bereitete sich systematisch auf die kommenden Kämpfe vor, Amerika sollte sich in Kürze zum Eingreifen entschließen. An einem Dezembermorgen dieses Winters traf der behäbige Dr. Kersten, der «Mann mit den magischen Händen», seinen Patienten, den Reichsführer der SS Himmler, traurig und niedergeschlagen an.«Lieber Herr Kersten», sagte Himmler, «ich bin in schrecklichen Nöten.»Begann er etwa, am Endsieg zu zweifeln? Aber nein. Er knöpfte seine Hose auf, um sich den Leib massieren zu lassen, legte sich hin, richtete den Blick zur Decke und begann zu sprechen. Er offenbarte dem Arzt seine Sorgen: der Führer hatte begriffen, daß kein Frieden auf Erden sein werde, solange noch ein einziger Jude am Leben war ... «Ja, und darum», sagte Himmler, «hat der Führer mir be-fohlen, alle Juden, die in unserer Gewalt sind, zu liquidieren.» Seine langen trockenen Hände lagen bewegungslos, wie angefroren, auf dem Sofa. Er schwieg.Der entsetzte Kersten glaubte ein Gefühl des Mitleids beim Herrn des Schwarzen Ordens zu entdecken, und sein Schrecken wurde von einem Strahl der Hoffnung erhellt.«Ja, ja», sagte er, «in den Tiefen Ihres Gewissens billigen Sie diese Grausamkeiten nicht... sonst wären Sie nicht so traurig.»«Aber darum handelt es sich ja gar nicht, durchaus nicht», rief Himmler und richtete sich auf. «Sie verstehen überhaupt nichts!»Hitler hatte ihn zu sich gerufen und von ihm verlangt, sofort fünf bis sechs Millionen Juden auszurotten. Das war eine ungeheure Aufgabe, und Himmler war erschöpft und außerdem gerade zu diesem Zeitpunkt mit Arbeit überhäuft. Es war unmenschlich, für die nächste Zeit diese zusätzliche Anstrengung von ihm zu fordern. Er hatte das seinem geliebten Führer zu verstehen gegeben, aber der geliebte Führer hatte sich damit nicht abgefunden, sondern einen seiner schrecklichen Wutanfälle bekommen. Und nun war Himmler sehr niedergeschlagen, weil er sich in einem Augenblick der Erschöpfung und des Egoismus hatte gehen lassen. 37Wie kann man diese grauenhafte Umkehrung aller Werte verstehen? Es ist nur möglich, wenn man versucht, sich in die Gedankengänge eines Wahnsinnigen zu versetzen. Hier geschieht alles in einer Welt, die parallel zu der unseren verläuft, deren Strukturen und Gesetze jedoch von den unseren völlig verschieden sind. Der Physiker George Gamow stellt sich eine Parallelwelt vor, in der z. B. eine Billardkugel gleichzeitig in zwei Löcher rollen kann. Die Welt, in der Menschen wie Himmler leben, ist der unseren mindestens ebenso fremd wie die Welt Gamows. Der wahre Mensch, der Eingeweihte der Thule-Gesellschaft, steht in Verbindung mit den überirdischen Mächten und richtet seine ganze Energie auf eine Veränderung des Lebens auf dieser Erde. Das Medium verlangt von einem dieser wahren Menschen, er solle fünf Millionen falsche Menschen liquidieren. Gut, einverstanden. Nur der Augenblick ist nicht günstig. Es ist unbedingt nötig? Sofort? Gut, recken wir uns noch ein wenig über uns selbst empor, bringen wir noch ein weiteres Opfer...Am 21. Mai 1945 wird am britischen Kontrollpunkt Meinstedt bei Bremervörde ein Mann mit rundem Kopf und schmalen Schultern festgenommen, der ein Soldbuch, das auf den Namen Heinrich Hitzinger lautet, bei sich hat. Er trägt Zivilkleidung und eine schwarze Klappe über dem rechten Auge. In rascher Folge wird er durch zwei Lager geschleust, nämlich Bremervörde und Zeelos. Im dritten, Westertimke, kommt er vorläufig in Einzelhaft. Drei Tage lang versuchen die englischen Offiziere, seine Identität festzustellen. Schließlich gibt er sich selbst zu erkennen; er nimmt seine Augen-klappe ab und sagt: «Ich bin Heinrich Himmler.» Im Informationszentrum muß er sich nackt ausziehen. Seine Kleidung und sein Körper werden von einem Militärarzt nach Gift und anderenSelbstmordwerkzeugen untersucht. Daraufhin steckt man ihn in eine englische Uniform. Als man dann auch seine Mundhöhle inspizieren will, zerbeißt der Gefangene eine Zyankalikapsel und stürzt zu Boden. Drei Tage später holen ein Offizier und drei Feldwebel die Leiche ab und bringen sie in einen Wald in der Nähe von Lüneburg. Dort wird eine Grube ausgehoben, der Tote hineingesenkt und die Grasnarbe sorgfältig wieder aufgelegt. Niemand weiß heute, wo Himmlers Grab ist, unter den Zweigen welchen Baumes die Überreste eines Mannes ruhen, der sich für eine Wiederverkörperung Kaiser Heinrich I., des Voglers, hielt.Wäre Himmler am Leben geblieben und hätte man ihn in Nürnberg vor Gericht gestellt, was hätte er zu seiner Verteidigung sagen können? Es gab keine gemeinsame Sprache zwischen ihm und seinen Richtern. Er lebte nicht auf dieser Seite der Welt. Er gehörte einer völlig anderen Ordnung der Dinge und des Geistes an.Poetel 38 schreibt:«Man hat die psychologischen Hintergründe, die Auschwitz und alles, was mit diesem Namen verknüpft ist, entstehen ließen, noch nicht hinreichend erklären können. Im Grunde hat auch der Nürnberger Prozeß kein neues Licht auf diese Frage geworfen, und die Fülle der psychoanalytischen Erklärungen, die einfach dahin lauten, daß ebenso wie ein Einzelmensch auch ganze Nationen ihr geistiges Gleichgewicht verlieren können, hat das Problem eher noch undurchsichtiger gemacht. Kein Mensch weiß, was im Gehirn von Männern wie Himmler und seinesgleichen vorging, wenn sie ihre Vernichtungsbefehle gaben.»Wenn wir diese Dinge jedoch von der Warte unseres «phantastischen Realismus» aus betrachten, so können wir es vielleicht ahnen.Denis de Rougemont sagt über Hitler:«Manche, die in seiner Gegenwart einen Schauer heiligen Schreckens empfunden haben, halten ihn für den Sitz einer <Herrschaft>, eines <Throns> oder einer <Macht>, in dem Sinne, wie der heilige Paulus von den Geistern zweiter Ordnung spricht, die den Körper irgendeines Menschen befallen und ihn besetzen können wie eine Festung. Ich habe ihn bei einer seiner großenReden erlebt. Woher kommt ihm die übermenschliche Kraft, die von ihm ausgeht? Man spürt deutlich, daß eine Energie dieser Art nicht die Energie eines Einzelmenschen sein kann und daß sie sich sogar um so wirksamer kundtut, je unbedeutender dieser Einzelmensch selber ist. Er ist nur der Träger einer Kraft, die sich unserer psychologischen Definition entzieht. Was ich hier sage, wäre Romantik simpelster Art, wenn nicht das Werk, das dieser Mann oder vielmehr die in ihm wirkende Kraft vollbracht hat, eine Realität wäre, die unser ganzes Jahrhundert in Staunen gesetzt hat.»Während seines Aufstiegs scheint Hitler, der Schüler Eckarts und Haushofers, die zu seiner Verfügung gestellten oder richtiger die durch ihn hindurchgehenden Mächte nur im Sinne eines recht beschränkten politischen und nationalistischen Ehrgeizes angewandt zu haben. Er ist ursprünglich ein durchaus mittelmäßiger Mensch, der nur von einer starken patriotischen und sozialen Leidenschaft angetrieben wird. Die «Mächte» bedienen sich seiner zunächst für untergeordnete Aufgaben: sein Traum hat Grenzen. Doch er wird auf wunderbare Weise vorwärts getragen, alles glückt ihm. Das Medium aber, durch dessen Körper die Kräfte strömen, muß ihren Umfang und ihre Richtung nicht notwendigerweise begreifen.Er tanzt nach einer Musik, die er nicht selbst komponiert hat. Bis 1934 glaubt er, daß die Schritte, die er tut, gut und richtig sind. Aber er kann sich doch nicht ganz dem Rhythmus anpassen. Er glaubt, daß er sich der Mächte nur zu bedienen brauchte. Doch man bedient sich nicht der Mächte; diese bedienen sich der Menschen. Hier liegt die Bedeutung (oder eine der Bedeutungen) der grundsätzlichen Wandlung, die sich während und unmittelbar nach der Säuberungsaktion im Juni 1934 vollzieht. Die Bewegung, von der Hitler selbst geglaubt hatte, daß sie national und sozialistisch sein müsse, wird immer unmittelbarer von der Geheimlehre beeinflußt. Hitler wird niemals wagen, Rechenschaft über den «Selbstmord» Gregor Strassers zu fordern; man zwingt ihn, den Befehl zu unterzeichnen, der die SS in den Rang einer autonomen, über der Partei stehenden Organisation erhebt. Nach dem Zusammenbruch schreibt Joachim Günther in einer deutschen Zeitschrift: «Die vitale Idee der SA wurde am 30. Juni 1934 durch eine satanische Idee reinsten Wassers, die der SS, besiegt.» «Es ist schwer, genau den Tag festzulegen, an dem Hitler zum erstenmal den Traum der biologischen Mutation träumt», sagt Dr. Delmas. Dieser Gedanke ist nur einer der Aspekte des großen esoterischen Ideenkreises, von dem die nationalsozialistische Bewegung von diesem Zeitpunkt an immer deutlicher bestimmt wird. Und das Medium wird nicht etwa wahnsinnig, wie Rauschning meint, sondern ein immer gehorsameres Werkzeug, es wird zum Trommler eines unendlich ehrgeizigeren Marsches, als es der Marsch einer Partei zur Macht sein kann, den eine Nation oder selbst eine Rasse angetreten hat.Der Mann, der mit der Organisation der SS beauftragt wird, ist Heinrich Himmler. Diese SS aber ist keine bloße Polizeitruppe, sondern ein regulärer religiöser Orden mit einer hierarchischen Gliederung, die von den Laienbrüdem bis zu den obersten Graden reicht. Zu diesem höchsten Gremium gehören die Verantwortlichen, die um den Schwarzen Orden wissen, dessen Existenz übrigens nie durch die nationalsozialistische Regierung offiziell anerkannt wurde. Innerhalb der Partei sprach man von den «Männern, die dem inneren Kreis angehören», aber nie wurde ihnen eine legale Bezeichnung zugelegt. Es erscheint sicher, daß die nirgends klar formulierte Doktrin auf dem unumstößlichen Glauben an Mächte beruhte, welche die gewöhnlichen Kräfte des Menschen bei weitem übersteigen. In den Religionen unterscheidet man die als Wissenschaft betrachtete Theologie von der intuitiven und unübertragbaren Mystik. Die Arbeiten des Forschungsamtes Ahnenerbe, von denen noch die Rede sein wird, bilden gewissermaßen die theologische Seite, während der Schwarze Orden den mystischen Aspekt der Religion der Herren von Thule verkörpert. Eine Tatsache müssen wir uns einprägen: von dem Augenblick an, in dem das ganze Werk des Aufbaus und der Zielsetzung der Hitlerpartei seine Richtung verändert oder vielmehr sich immer klarer im Sinne einer Geheimlehre orientiert, die das vorgeschobene Medium nur bis zu einem gewissen Grade begreift, aber mehr oder weniger richtig anwendet, haben wir nicht mehr eine nationale und politische Bewegung vor uns. Die allgemeinen Themen werden dieselben bleiben, aber man verwendet sie nur noch in einer für die Massen bestimmten Sprache und zur Beschreibung unmittelbarer Ziele, hinter denen sich ganz andere Absichten verbergen.«Nichts anderes zählte mehr als die unermüdliche Verfolgung eines ungeheuerlichen Traumbilds. Wenn Hitler ein Volk zur Verfügung gehabt hätte, das zur Verwirklichung seines hohen Gedankens besser geeignet gewesen wäre als das deutsche, so hätte er von diesem Zeitpunkt an nicht gezögert, das deutsche Volk zu opfern...»Es ging jedoch nicht um «seinen hohen Gedanken», sondern um den hohen Gedanken einer magischen Gruppe, der Hitler nur als Medium diente. Brasillach 39 erkennt, «daß er das ganze Glück der Menschheit, sein eigenes und das seines Volkes dazu, aufopfern würde, wenn die geheimnisvolle Macht, der er gehorcht, es ihm befehlen würde».«Ich will Ihnen ein Geheimnis sagen: Ich gründe einen Orden», sagt Hitler eines Tages zu Rauschning. Er spricht von den Burgen, in denen eine erste Weihe stattfinden soll, und er fügt hinzu:«Das ist die Stufe der heroischen Jugend. Aus ihr wachst die Stufe des Freien, des Menschen, der Maß und Mitte der Welt ist, des schaffenden Menschen, des Gottmenschen. In meinen Ordensburgen wird der schöne, sich selbst gebietende Gottmensch als kultisches Bild stehen ... Aber es gibt noch Grade, von denen ich nicht sprechen darf...»Die Energiezentrale, die sich um den Hauptkern, den Schwarzen Orden, gruppiert, sondert alle ihre Mitglieder, welchem Grad sie auch angehören mögen, von der Außenwelt ab. Poetel schreibt:«Wohlgemerkt, es war nur ein ganz kleiner aus hochstehenden Persönlichkeiten und SS-Führern zusammengesetzter Kreis, der über die wesentlichen Theorien und Ziele im Bilde war. Die Mitglieder der verschiedenen untergeordneten Trupps erfuhren nur Bruchstücke davon. Wenn sie heiraten wollten, mußten sie vorher die Genehmigung ihrer Vorgesetzten einholen, und sie unterstanden einer eigenen, übrigens äußerst strengen Gerichtsbarkeit, waren jedoch der Zuständigkeit der Zivilgerichte) entzogen. Außerhalb der Ordensregeln gab es für sie keine Gesetze, doch hatten sie andererseits auch keinen Anspruch mehr auf ein Privatleben.» Die kämpfenden Mönche der Totenkopf-SS (die man nicht mit anderen Formationen verwechseln darf; so setzte sich zum Beispiel die Waffen-SS aus Laienbrüdern und Mitgliedern des dritten Grades zusammen oder auch aus Verbänden menschlicher Maschinen, die der eigentlichen SS nachgebildet waren wie Gießformen einem Original) erhielten ihre erste Weihe in den Burgen. Zuvor jedoch waren sie durch eine Art Seminar, die Napola (Nationalpolitische Er-ziehungsanstalt), hindurchgegangen. Bei der Einweihung eines dieser Institute brachte Himmler die Doktrin auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner: «Glauben, gehorchen, kämpfen ist alles.» Es sind dies die Schulen, in denen man, wie das Schwarze Korps vom 26. November 1942 schreibt, «lernt, den Tod zu geben und zu empfangen». Später wird die Auslese der Kadetten, die in die Burgen aufgenommen wird, erfahren, daß «den Tod empfangen» auch im Sinne von «sein Ich abtöten» verstanden werden kann. Gehören sie jedoch nicht der Auslese der Würdigen an, so ist einfach der physische Tod gemeint, der sie auf dem Schlachtfeld erwartet. «Die Tragödie der Größe besteht darin, daß man über Leichen gehen muß.» Aber was tut es? Nicht alle Menschen führen eine wahrhafte Existenz, und es gibt eine Hierarchie der Existenz, die vom Scheinmenschen bis zum großen Magier reicht. Die Burgen waren der Ort, an dem man die Gelöbnisse ablegte und zu einem «übermenschlichen unwiderruflichen Schicksal» berufen wurde. Der Schwarze Orden läßt die Drohungen Dr. Robert Leys zur Tat werden:«Derjenige, dem die Partei das Recht, das Braunhemd zu tragen, aberkennt und das muß jeder von uns genau wissen! geht nicht allein seiner Funktionen verlustig, sondern er wird ausgelöscht, er selbst, seine Familie, seine Frau und seine Kinder. So lauten die harten, die unerbittlichen Gesetze unseres Ordens.»Damit befinden wir uns außerhalb der Welt. Es geht hier nicht mehr um das ewige Deutschland oder den nationalsozialistischen Staat, sondern um die magische Vorbereitung auf die Ankunft des Gottmenschen, des Menschen nach dem Menschen, den die großenMächte auf die Erde schicken werden, wenn wir das Gleichgewicht unserer geistigen Kräfte umgewandelt haben. Die Zeremonie, bei der man die SS-Rune erhielt, dürfte jener Szene geglichen haben, die Reinhold Schneider beschreibt, als er die Mitglieder des Deutschritterordens schildert, die im Großen Remter zu Marienburg die Gelöbnisse ablegen, durch welche sie zu Streitern der Ecciesia militans werden;«Sie kamen aus Ländern verschiedenster Art, aus einem bewegten Leben. Sie traten in die ummauerte Strenge dieses Schlosses und legten hier ihre Wappenschilde ab, die vor ihnen mindestens vier ihrer Ahnen getragen haben mußten. Von nun an sollte das Kreuz ihr Wappenzeichen sein; es erlegt ihnen den schwersten aller Kämpfe auf und sichert ihnen das ewige Leben.»Derjenige, der weiß, spricht nicht: es existiert keine Beschreibung von der Einweihungszeremonie in den Burgen, aber man weiß, daß ein solches Ritual stattfand. Man nannte es die «Zeremonie der dicken Luft», wohl in Anspielung auf die Atmosphäre außerordentlicher Spannung, die dabei herrschte und die sich erst löste, wenn die Gelöbnisse ausgesprochen waren. Einige Okkultisten, so Lewis Spence, haben darin eine Schwarze Messe rein satanischer Tradition sehen wollen. Willi Frischauer hingegen interpretiert in seinem Buch Himmler, the Evil Genius of the Third Reich (London 1953) die «dicke Luft» als einen Augenblick absoluter Vertierung der Teilnehmenden. Zwischen diesen beiden Thesen ist Platz für eine realistischere und zugleich phantastischere Interpretation.Es bestanden Pläne, die Mitglieder der Totenkopf-SS für ihr ganzes Leben von der Welt der «Scheinmenschen» zu isolieren. Man beabsichtigte, überall in der Welt Städte und Dörfer für die «alten Kämpfer» anzulegen, die einzig der Verwaltung und der Autorität des Ordens unterstehen sollten. Aber Himmler und seine «Brüder» entwarfen ein noch viel umfassenderes Traumbild. Man würde einen souveränen SS-Staat gründen, ein Vorbild für die ganze Welt. Himmler läßt im März 1943 verlauten:«Auf der Friedenskonferenz wird die Welt erfahren, daß das alteBurgund wieder auferstehen soll, dieses Land, das einst die Heimat der Künste und Wissenschaften war und das Frankreich auf den Rang eines in Weinessig konservierten Blinddarms herabgedrückt hat. Der souveräne Staat Burgund mit seiner Armee, seinen Gesetzen, seinem Münz- und Postwesen wird der Modellstaat der SS sein. Er wird die französische Schweiz einbeziehen, die Pikardie, die Champagne, die Franche-Comté, den Hennegau und Luxemburg. Die offizielle Sprache wird selbstverständlich die deutsche sein. Die nationalsozialistische Partei wird keinerlei Rechte in diesem Staat ausüben. Einzig die SS wird herrschen, und die ganze Welt wird starr vor Staunen sein über diesen Staat, in dem die Weltanschauung der SS in die Praxis umgesetzt werden soll.»Die wahre SS, der Kreis der «Eingeweihten», steht in ihren eigenen Augen jenseits von Gut und Böse. «Die Organisation Himmlers zählt nicht auf die fanatische Hilfe von Sadisten, die die Wollust des Mordens anlockt; sie zählt auf den neuen Menschen.» Außerhalb des «inneren Kreises», dem die «Totenköpfe», ihre Führer, angehören, die entsprechend ihrem Rang in die Geheimlehre eingeweiht sind und deren allerheiligsten Mittelpunkt die Thule-Gesellschaft bildet, gibt es noch die gewöhnliche SS. Sie ist eine seelenlose Maschine, ein Roboter, der sich serienmäßig herstellen läßt, indem man von den «negativen Eigenschaften» ausgeht. Zu dieser Herstellung braucht die Geheimlehre nicht bemüht zu werden, sie ist eine einfache Frage der Dressur.«Es geht nicht darum, die Ungleichheit unter den Menschen abzuschaffen. Im Gegenteil: man muß sie vergrößern und sie zu einem durch unüberwindbare Schranken geschützten Gesetz machen ... Wie soll die künftige Gesellschaftsordnung aussehen? Meine Kameraden, ich werde es euch sagen: es wird eine Herrenklasse geben, es wird die in Rangstufen eingeteilte Menge der Parteimitglieder geben, es wird die große Masse der Anonymen geben, die Gemeinschaft der Dienenden, der ewig Minderjährigen, und noch unter diesen noch die Klasse der Besiegten, die modernen Sklaven. Und über all diesen Klassen wird ein neuer Hochadel stehen, von dem ich hier nicht sprechen kann ... Die einfachen Kämpfer brauchen von diesen Plänen nichts zu wissen ...»Die Welt ist ein Stoff, den man verändern muß, damit sich eine von den Magiern beschworene Kraft von ihr absondert, eine psychische Energie, die imstande ist, die Mächte des Universums, dieUnbekannten Übermenschen, die Meister des Kosmos anzuziehen. Die Tätigkeit des Schwarzen Ordens entspricht keinen militärischen oder politischen Erfordernissen; sie folgt den Geboten einer magischen Notwendigkeit. Die Konzentrationslager sind eine Schöpfung der nachahmenden Magie: sie stellen einen symbolischen Akt, einen Entwurf dar. Alle Völker sollen entwurzelt und in ein einziges riesiges Nomadenvolk verwandelt werden, in ein Rohmaterial, mit dem man nach Belieben schalten und walten kann und aus dem schließlich das Meisterwerk geformt werden soll: der Mensch, der mit den Göttern in Verbindung steht. Hier ist die Gießform («Die Hölle ist die Gießform des Himmels», sagt Barbey d'Auréville) des Planeten, der zum Schmelzkessel für den magischen Rührstab der SS geworden ist.Bei der Unterweisung, die die Eingeweihten in den Burgen erhalten, wird ihnen ein Teil der Geheimlehre durch die folgende Formel übermittelt.«Als einzig Lebendes gibt es nur den Kosmos, das Universum. Alle Dinge, alle Wesen einschließlich des Menschen sind nur verschiedene Formen, die sich im Verlauf der Zeitalter des lebenden Universums immer mehr erweitern.»Wir selbst können uns also nur als lebend bezeichnen, insofern wir uns dieses Seins bewußt sind, das uns umgibt und umfängt und durch uns andere, neue Formen vorbereitet. Die Schöpfung ist noch nicht vollendet, der Geist des Kosmos ist noch nicht zur Ruhe gekommen. Darum laßt uns den Befehlen nachkommen, die die Götter uns übermitteln, uns, den grausamen Magiern, den Bäckern, die den blutigen und blinden Teig der Menschenmassen kneten! Die Vernichtungsöfen von Auschwitz: ein Ritual. Der SS-Obersturmbannführer Wolfram Sievers, der sich auf eine rein verstandesmäßige Verteidigung beschränkt hatte, bat darum,;man möge ihn, bevor er zum Galgen geführt werde, ein letztes Mal seinen Kult zelebrieren und seine mysteriösen Gebete sprechen;lassen. Nachdem er es getan hatte, bot er gleichmütig seinen Hals dem Henker dar. Er war Geschäftsführer des Forschungsamts Ahnenerbe gewesen und als solcher in Nürnberg zum Tode verurteilt worden. Die ursprüngliche Gründung dieser Forschungsstelle ging auf die Privatinitiative von Sievers' geistigem Meister Friedrich Hielscher zurück, den eine mystische Freundschaft mit dem schwedischen Forscher Sven Hedin verband. Sven Hedin wiederum stand in engem Kontakt mit Haushofer. Er kannte den Fernen Osten sehr genau, hatte lange in Tibet gelebt und spielte eine wichtige Vermittlerrolle bei der Aufstellung der nationalsozialistischen Geheimlehre. Friedrich Hielscher war nie Nationalsozialist gewesen und unterhielt sogar Beziehungen zu dem jüdischen Philosophen Martin Buber. Seine Theorien jedoch stimmten mit gewissen «magischen» Vorstellungen der großen Meister des Nationalsozialismus überein. 1935, also zwei Jahre nach seiner Gründung, machte Himmler das Forschungsamt Ahnenerbe zu einer offiziellen, der SS angegliederten Organisation. Ihre Aufgabe war es, das Erbe der indogermanischen Rasse nach Ort, Geist und Ausdruck zu bestimmen und die Ergebnisse dieser Untersuchungen in gemeinverständlicher interessanter Form unter das Volk zu bringen. Diese Aufgabe sollte nach streng wissenschaftlichen Methoden gelöst werden. So wurde das deutsche rationale Denken in den Dienst des Irrationalen gestellt. Im Januar 1939 wurde das Ahnenerbe kurzweg der SS eingegliedert und seine Führer in den persönlichen 'Stab Himmlers übernommen. Zu diesem Zeltpunkt verfügte das Forschungsamt über fünfzig Institute, die einem Spezialisten für alle heiligen Texte, Professor Wust, unterstanden, der an der Universität München Vorlesungen über Sanskrit gehalten hatte.Es scheint, daß Deutschland für das Forschungsamt Ahnenerbe mehr Geld ausgegeben hat als Amerika für die Herstellung der ersten Atombombe. Das Spektrum seiner Arbeit reichte von der rein wissenschaftlichen Tätigkeit bis zum Studium okkulter Praktiken, von der an Häftlingen vorgenommenen Vivisektion bis zur Spionage in ausländischen Geheimgesellschaften. Es kam zu Besprechungen mit Skorzcny, bei denen man die Möglichkeit erwog, eine Expedition zur Entwendung des heiligen Grals auszurüsten. Himmler schuf als Spezialabteilung einen Forschungschenst für den «Bereich des Übernatürlichen».Die Liste der Berichte, die das Ahnenerbe mit großer Mühe und beträchtlichem Kostenaufwand zusammenstellte, ist von wahrhaft phantastischer Buntheit. Da wird vom augenblicklichen Stand derRosenkreuzer-Gesellschaft gesprochen; man erforscht die Symbolik, die im Verbot des Harfenspiels in der Grafschaft Ulster liegt; man untersucht die okkulte Bedeutung der gotischen Türme und der Zylinderhüte, die die Schüler von Eton tragen usw. Als die deutschen Truppen sich darauf vorbereiten, Neapel zu räumen, betont Himmler in seinen Befehlen immer wieder, man dürfe um keinen Preis vergessen, den Grabstein des letzten Höhenstaufenkaisers mitzunehmen. 1943, nach dem Sturz Mussolinis, versammelt der Reichsführer in einer Villa bei Berlin die sechs bedeutendsten Okkultisten Deutschlands und erteilt ihnen den Auftrag, den Ort zu bestimmen, an dem der Duce gefangen sitzt. Die Generalstabsbesprechungen der SS beginnen mit einer Konzentrationsübung nach dem Yoga-System. In Tibet nimmt Dr. Scheffer auf Anordnung von Sievers zahlreiche Beziehungen mit Lama-Klöstern auf.Während des Krieges organisiert Sievers in den Deportiertenlagern jene entsetzlichen Experimente, mit denen sich später verschiedene Schwarzbücher beschäftigt haben. Das Ahnenerbe wird durch ein «Institut für Wehrwissenschaftliche Forschung» erweitert, dem «alle in Dachau gegebenen Möglichkeiten» zur Verfügung stehen. Professor Hirt, der dieses Institut leitet, stellt eine Sammlung typisch jüdischer Skelette zusammen. Sievers erteilt der Invasionsarmee in Rußland den Befehl, eine Sammlung von Schädeln jüdischer Kommissare zu beschaffen. Als im Nürnberger Prozeß die Rede auf diese Themen kommt, bemerkt man bei Sievers nicht die geringste Spur eines normalen menschlichen Gefühls. Der Begriff «Mitleid» ist ihm fremd. Er ist anderswo. Er hört auf andere Stimmen. Hielscher hat zweifellos eine bedeutende Rolle bei der Ausarbeitung der Geheimlehre gespielt. Wenn man diese Lehre nicht in Betracht zieht, bleibt die Haltung von Sievers, ebenso wie die vieler anderer Verantwortlicher, absolut unverständlich. Mit Begriffen wie «moralische Ungeheuerlichkeit», «geistige Grausamkeit», «Wahnsinn» ist nichts erklärt. Den geistigen Lehrer von Sievers erwähnt Ernst Jünger in seinem Werk Strahlungen, das seine Tagebücher während der Jahre der Besetzung von Paris enthält. So schreibt er am 14. Oktober 1943: «Abends Besuch bei Bogo.» (Vorsichtshalber legt Jünger in seinen Tagebüchern den hohen Persönlichkeiten Pseudonyme bei. Mit «Bogo» ist Hielscher gemeint, während Hitler «Kniébolo» heißt.)«Bogo erscheint mir in dieser an originalen Kräften so armen Zeit als einer der Bekannten, über die ich am meisten nachgedacht und noch am wenigsten zum Urteil gekommen bin. Früher glaubte ich, daß er in die Geschichte unserer Zeit eingehen würde als eine. ihrer geistreich überspitzten, doch weniger bekannten Figuren, und heute glaube ich, daß er mehr bestellen wird. Vor allem sind viele, ja vielleicht die meisten der geistig bewegten jungen Leute der Generation, die nach dem Weltkriege heranwuchs, durch seinen Einfluß und oft durch seine Schule hindurchgegangen... Er bestätigte mir einen Verdacht, den ich seit langem hege, nämlich den, daß er eine Kirche gegründet hat. Jetzt sitzt er über der Dogmatik, während er mit der Liturgie schon weit gediehen ist. So zeigte er mir eine Reihe von Gesängen und einen Festzyklus <Das Heidnische Jahr>, der eine Zuordnung von Göttern, Festen, Farben, Tieren, Speisen, Steinen und Pflanzen umfaßt. Ich sah darin, daß die Lichtweih am 2. Februar zu feiern ist...»Das, was Jünger weiter erzählt, bestätigt unsere These:«Grundsätzlich glaubte ich an Bogo eine Veränderung wahrzunehmen, die mir für die gesamte geistige Elite kennzeichnend scheint und die darin besteht, daß er mit dem rationalistisch erworbenen Elan des Denkens in metaphysische Gebiete eilt. Das fiel mir bereits an Spengler auf und zählt zu den. günstigen Vorzeichen. Summarisch gesprochen war das 19. Jahrhundert ein rationales, während das 20. ein kultisches ist. Davon lebt auch bereits Kniébolo, und daher die völlige Unfähigkeit der liberalen Intelligenzen, auch nur den Ort zu sehen, an dem er steht.»Hielscher, den man nicht behelligt hatte, sagte beim Nürnberger Prozeß als Zeuge für Sievers aus. Vor den Richtern beschränkte er sich auf einige politische Abschweifungen und absichtlich ausgefallene Bemerkungen über die Rassen und Stämme früherer Zeiten. Er bat um die Erlaubnis, Sievers zur Hinrichtung begleiten zu dürfen, und sprach mit ihm die zu einem besonderen Kult gehörenden Gebete, über den Hielscher im Laufe des Verhörs kein Wort hatte verlauten lassen.Sie wollten das Leben verändern und es auf eine neue Art mit dem Tod verknüpfen. Sie bereiteten die Ankunft des Unbekannten Übermenschen vor. Sie hatten eine magische Auffassung von der Welt und vom Menschen. Ihr hatten sie die gesamte Jugend ihres Landes geopfert und den Göttern Ströme von Menschenblut dargebracht. Sie hatten alles getan, um sich die überirdischen Mächte günstig zu stimmen. Sie haßten die moderne abendländische Kultur, gleichgültig ob ihr Träger das Bürgertum oder die «Arbeiterklasse» war: auf der einen Seite widerstrebte ihnen der fade Humanismus, auf der anderen der beschränkte Materialismus. Sie mußten siegen, denn sie waren die Bewahrer einer Flamme, die ihre Gegner, die Kapitalisten wie die Marxisten, seit langem hatten erlöschen lassen, weil sie sich mit der müden Vorstellung eines flachen und begrenzten Schicksals abgefunden hatten. Sie würden für ein Jahrtausend die Herren der Welt sein, denn sie standen auf der Seite der Magier, der Hohepriester, der Demiurgen... Und nun sahen sie sich auf einmal besiegt, vernichtet, abgeurteilt, gedemütigt von minderwertigen Durchschnittsmenschen, von Kaugummikauern oder Wodkatrinkern, von Männern, denen der heilige Wahnsinn fremd war, die einem lächerlichen Glauben anhingen und engstirnig untergeordnete Ziele verfolgten. Von positiv, rational und moralisch denkenden Menschen einer ganz oberflächlichen Welt, von schlechthin menschlichen Menschen. An den Millionen dieser Anhänger des guten Willens sollte der stählerne Wille der Ritter des flammenden Dunkels scheitern! Diese mechanisierten Tölpel im Osten, diese knochenweichen Puritaner im Westen hatten mehr Tanks, mehr Flugzeuge, mehr Kanonen gebaut als sie! Und sie hatten die Atombombe, diese Menschen, die sich keine Vorstellung von den großen verborgenen Kräften machen konnten! Und wie Schnecken nach einem Gewitterguß kamen sie nach dem Eisenregen hervorgekrochen, die bebrillten Richter, die Professoren des Menschenrechts und der horizontalen Tugend, die Doktoren der Mittelmäßigkeit, die Baritone der Heilsarmee, die Krankenträger des Roten Kreuzes, die naiven, großsprecherischen Verkünder der «goldenen Zukunft». Sie kamen nach Nürnberg, um ihnen hier einen Anfangsunterricht in Moral zu erteilen ihnen, den Herren der Welt, den kämpfenden Mönchen, die einen Pakt mit den überirdischen Mächten geschlossen hatten, den Opferpriestern, die dieWahrheit im schwarzen Spiegel lasen, den Verbündeten von Shampullah, den Erben des heiligen Grals!Die Angeklagten von Nürnberg und ihre Führer, die sich dem Gericht durch Selbstmord entzogen hatten, konnten eines nicht verstehen: daß nämlich die Kultur, die über sie triumphiert hatte, ebenfalls und zwar viel uneingeschränkter eine geistige Kultur war, eine ungeheure Bewegung, die von Chicago bis Taschkent die Menschheit einem höheren Schicksal entgegenführen will. Die Nationalsozialisten hatten die Ratio angezweifelt und durch die Magie ersetzt. Sie konnten es tun, da die kartesianische Vernunft tatsächlich nicht den ganzen Menschen und die Gesamtheit seiner Erkenntnisfähigkeit erfaßt. Die Richter von Nürnberg, die Wortführer der siegreichen Kultur, wußten selber nicht, daß dieser Krieg ein geistiger Krieg gewesen war. Die Meinung, die sie von ihrer eigenen Welt hatten, war nicht hoch genug. Sie glaubten nur, daß das Gute den Sieg über das Böse habe davontragen müssen, ohne jedoch die Tiefe des besiegten Bösen und die Höhe des siegreichen Guten zu erkennen. Die von mystischen Gedanken bewegten deutschen und japanischen Kämpfer hielten sich für viel größere Magier, als sie in Wirklichkeit waren. Den zivilisierten Völkern, denen sie unterlagen, war gar nicht bewußt, welch höhere magische Bedeutung ihre eigene Welt gewonnen hatte. Sie sprachen von Vernunft, von Gerechtigkeit, von Freiheit, von Achtung vor dem Leben, aber alle diese Begriffe, so wie sie sie auf-faßten, gehörten gar nicht mehr in diese zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der die Grundlagen der Erkenntnis sich gewandelt haben und der Übergang in einen anderen menschlichen Bewußtseinszustand allmählich wahrnehmbar wird.«Wenn man mich auf die eine Wange schlägt, so biete ich nicht die andere dar, und ich schlage auch nicht mit der Faust zurück:ich schleudere den Blitz.» Dieser Kampf zwischen den Herren der Unterwelt und den kleinen normalen Menschen der Erdoberfläche, zwischen den Mächten der Finsternis und der im Fortschritt begriffenen Menschheit, mußte in Hiroshima durch das leuchtende Zeichen einer Macht beendet werden, die jenseits aller Diskussion stand.
Dritter Teil Der unendliche Mensch 1 EIN NEUES ERLEBNIS Das Phantastische in Feuer und Blut Die Barrieren der Ungläubigkeit Die erste Rakete Bürger und Arbeiter der Erde Die falschen Tatsachen und die echten Fiktionen Die bewohnten Welten Besucher von anderen Sternen Die großen Verbindungen Die modernen Mythen Der phantastische Realismus in der Psychologie Vorschlag einer Entdeckungsreise in das phantastische Innere des Menschen Als ich in jener Nacht aus dem Keller heraufkam, war Juvisy, die Stadt meiner Kindheit, verschwunden. Ein dichter gelber Nebel lagerte über einem Meer von Trümmern, aus dem Rufe und Jammerlaute drangen. Die Welt meiner Spiele, Freundschaften und Liebschaften, fast alle Zeugen meiner ersten Lebensjahre lagen begraben unter dieser weiten Mondlandschaft. Ein wenig später, als die ersten Hilfstrupps eintrafen, kamen die Vögel. Sie ließen sich durch das Licht der Scheinwerfer täuschen, glaubten, es sei Tag, und begannen auf den staubbedeckten Sträuchern zu singen.Eine andere Erinnerung: An einem Sommermorgen, drei Tage vor der Befreiung von Paris, befand ich mich mit etwa zehn Kameraden in einem Privathaus in der Nähe des Bois de Boulogne. Wir kamen aus verschiedenen Jugendlagern, die überstürzt geräumt worden waren, und nun führte uns der Zufall in dieser letzten «Kaderschule» zusammen, in der man uns, während draußen unter Waffenklirren und Kettengerassel eine Welt in Trümmer sank, ungerührt beibrachte, wie man Marionetten herstellt, Komödie spielt und singt. An jenem Morgen nun standen wir in der in falscher Gotik erbauten Halle und sangen unter Leitung eines romantischen Chordirigenten dreistimmig das Volkslied «Gebt mir doch Wasser, gebt mir doch Wasser, Wasser, Wasser für meine zwei Eimer...» Ein Telephonklingeln unterbrach uns. Einige Minuten später führte der Dirigent uns in eine Garage. Ein paar andere junge Leute mußten, die Maschinenpistole in der Hand, die Ausgange bewachen. Zwischen Autowracks und Benzinkanistern lagen die von Kugeln durchlöcherten Leichen junger Menschen: Mitglieder einer von den Deutschen an der großen Kaskade imPols de'Boulogne ermordeten Widerstandsgruppe. Man hatte esfertiggebracht, sie hierherzuholen und Särge zu beschaffen. Boten waren ausgeschickt, um die Familien zu benachrichtigen. Und jetzt galt es, diese Leichen zu waschen, die Blutlachen aufzuwischen,ihnen die von den Geschossen aufgerissenen Jacken und Hosen zuzuknöpfen, die Körper in die Särge zu betten und weißes Papier über diese Ermordeten zu breiten, deren Augen, Münder und Wunden noch vor Entsetzen zu schreien schienen; es galt, diesem Tod eine gewisse Würde zu verleihen. Und so arbeiteten wir in dieser Schlachthausatmosphäre mit Schwamm und Bürste und «gaben Wasser, Wasser, Wasser...» .Pierre Mac Orlan reiste vor diesem Krieg auf der Suche nach dem «sozial Phantastischen» umher, das er in der malerischen Atmosphäre der großen Hafenstädte fand: in den Kneipen von Hamburg, auf den Themsekais, im Tierpark von Antwerpen. Eine liebenswerte, aber .überlebte Marotte! Das Phantastische ist heute nicht mehr Sache der Künstler, es ist in Feuer und Blut zu einer erlebten Erfahrung der zivilisierten Welt geworden. Der Handschuhmacher von der nächsten Ecke steht eines Morgens auf der Schwelle seiner Haustür, einen gelben Stern auf der Brust. Die Tochter des Hausmeisters erhält aus London in surrealistischem Stil abgefaßte Botschaften und trägt unsichtbare Offizierstressen, An den Balkons der Häuser eines Dorfes hängen plötzlich Leichen: das Werk geheimnisvoller Partisanen. Mehrere Welten, die ihrem innersten Wesen nach völlig entgegengesetzt sind, überschneiden ? sich; der Wind des Zufalls weht uns von der einen in die andere. Bergier erzählt mir:«Im Lager Mauthausen bezeichnete man uns mit den Buchstaben NN Nacht und Nebel. Keiner von uns hatte noch Hoffnung, zu überleben. Als am 5. Mai 1945 der erste amerikanische Jeep den Hügel herauf rollte, richtete sich neben mir ein russischer Deportierter, einer der Anführer des antireligiösen Kampfes in der Ukraine, auf seinen Ellbogen auf und rief:<Gott sei gelobt!>Alle Männer, deren körperliche Verfassung es noch zuließ, wurden in Fliegenden Festungen repatriiert, und so kam es, daß ich mich am Morgen des 19. Mai auf dem Flughafen von Linz in Österreich befand. Das Flugzeug kam aus Burma. <Das istein richtiger Weltkrieg, nicht wahr?> sagte der Funker zu mir. Er übermittelte für mich eine Botschaft an das Hauptquartier der Alliierten in Reims und zeigte mir dann seine Radaranlage. Da gab es alle Arten von Apparaten, deren Verwirklichung ich bestenfalls im Jahre 2000 für möglich gehalten hatte. In Mauthausen hatten die amerikanischen Ärzte mir von der Entdeckung des Penicillins erzählt. In zwei Jahren war die Wissenschaft um hundert Jahre vorangekommen. Ein verrückter Gedanke schoß mir durch den Kopf: <Und die Atomenergie?> <Man spricht davon>, antwortete der Funker. <Die Sache ist noch ziemlich geheim, aber es gibt da allerhand Gerüchte.. .> Einige Stunden später stand ich in meinem gestreiften Anzug auf dem Boulevard de la Madeleine. War das Paris? War es ein Traum? Menschen umringten mich, überschütteten mich mit Fragen. Ich flüchtete in die Métro und rief meine Eltern an:<In ein paar Minuten bin ich bei euch.> Aber ich stieg doch zuerst wieder auf die Straße hinauf. Ich mußte meinen Lieblingsort aus der Vorkriegszeit wiedersehen: die amerikanische Buchhandlung Brentano's auf der Avenue de l'Opera. Mein Erscheinen rief eine Sensation hervor. Und da lagen alle Zeitungen und Zeitschriften der Welt. Mit einem ganzen Armvoll verließ ich das Geschäft... Auf einer Bank im Tuileriengarten bemühte ich mich, diese neue Welt mit der Welt, wie ich sie gekannt hatte, in Einklang zu bringen. Man hatte die Leiche Mussolinis an einen Fleischerhaken gehängt. Hitler war verbrannt. Deutsche Truppen befanden sich auf der Insel Oleron vor der Mündung der Charente und in den Häfen der Atlantikküste. War denn der Krieg in Frankreich noch nicht zu Ende? Als ich die technischen Zeitschriften durchblätterte, wirbelte mir der Kopf. Diese Sache mit dem Penicillin stimmte also, Sir Alexander Fleming hatte tatsächlich diesen Triumph errungen? Eine neue Chemie war entstanden, die der Silikone, jener Zwischenglieder zwischen dem Organischen und Mineralischen. Der Helikopter, dessen Konstruktion im Jahre 1940 für unmöglich erklärt worden war, wurde serienweise fabriziert. Die Elektronik hatte geradezu phantastische Fortschritte gemacht. Das Fernsehen würde bald ebenso verbreitet und selbstverständlich sein wie das Telephon. Ich kam in eine Welt, in der meine Träume für das Jahr 2000 Wirklichkeit geworden waren. Aber die Texte, die ich da las, waren mir unverständlich. Wer war dieser Marschall Tito? Und diese Vereinten Nationen, was bedeuteten sie? Und dieses DDT?Plötzlich begann ich zu begreifen, körperlich wie geistig, daß ich kein Gefangener mehr war, nicht mehr zum Tode verurteilt, daß mir die Zeit und jede Freiheit zur Verfügung stand, um zu verstehen und zu handeln. Zunächst einmal konnte ich die ganze Nacht, die vor mir lag, darauf verwenden, wenn ich wollte ... Ich glaube, ich war in diesem Augenblick sehr blaß geworden. Eine Frau trat auf mich zu und bot mir an, mich zu einem Arzt zu bringen. Ich lehnte ab und lief zu meinen Eltern, die ich in Tränen aufgelöst fand. Auf dem Tisch im, Eßzimmer lagen Briefe, die Radfahrer gebracht hauen, Telegramme von Militärbehörden und Zivilpersonen. In Lyon hatte man eine Straße nach mir benannt, ich war zum Hauptmann befördert worden, verschiedene Länder hatten mir Auszeichnungen verliehen, und eine amerikanische Dienststelle, die in Deutschland nach Geheimwaffen forschte, bat um meine Mitarbeit. Gegen Mitternacht drängte mein Vater mich, endlich zu Bett zu gehen. Im Augenblick des Einschlafens kamen mir ohne ersichtlichen Grund zwei lateinische Wörter ins Gedächtnis:magna, mater. Als ich am nächsten Morgen erwachte, klangen sie mir wieder in den Ohren, und nun begriff ich auch ihren Sinn. Im alten Rom mußten diejenigen, die sich dem Geheimkult der Magna Mater weihen wollten, zuvor durch ein Blutbad gehen. Wenn sie am Leben blieben, so waren sie damit ein zweites Mal geboren.»In diesem Krieg wurden sämtliche Verbindungstüren zwischen allen Welten aufgestoßen. Ein ungeheurer Windstoß sprengte sie. Dann schleuderte uns die Atombombe ins Atomzeitalter. Im nächsten Augenblick schon kündeten die Raketen uns die kosmische Ära an. Alles wurde möglich. Die Barrieren der Ungläubigkeit, die im 19. Jahrhundert so fest gewesen waren, wurden schon durch den Krieg erschüttert. Jetzt aber brachen sie gänzlich zusammen.Im März 1954 erklärte Ch. Wilson, der amerikanische Kriegsminister: «Sowohl die USA wie Rußland verfügen von jetzt an über die Macht, die ganze Welt zu vernichten.» Die Idee des Weltuntergangs kam auf. Der Mensch, der von der Vergangenheit abgeschnitten war und sich vor der Zukunft fürchtete, entdeckte die Gegenwart als absoluten Wert, sah in dieser hauchdünnen Grenze eine wiedergefundene Ewigkeit. Die Reisenden der Verzweiflung, der Einsamkeit und des Ewigen wagten sich auf Flößen ins Meer hinaus, Noahs des Experimentierzeitalters, Pioniere der nächsten Sintflut, und sie nährten sich von Plankton und fliegenden Fischen. Der Himmel bevölkerte sich mit Besuchern aus dem Jenseits. Ein kleiner Sandwichverkäufer namens Adamsky, der seinen Stand zu Füßen des großen Teleskops auf dem Mount Palomar hat, erklärt, die Bewohner der Venus hätten ihn besucht, beschreibt seine Unterhaltungen mit ihnen in einem Buch, das einer der größten Verkaufserfolge der Nachkriegszeit ist, und wird zum Rasputin des holländischen Königshofs. Am 13. September 1959 verkündeten um 22 Uhr 02 Funkstationen aller Länder, daß zum erstenmal eine von der Erde abgeschossene Rakete den Mond erreicht habe. Ich hörte Radio Luxemburg. Der Sprecher verlas die Nachricht und gab anschließend bekannt, seine Station werde von nun an jeden Sonntag um diese Stunde eine Sendung mit dem Titel «Die offene Tür» bringen ... Ich ging in den Garten hinaus, um den leuchtenden Mond zu betrachten, dies Sinnbild der Ruhe und Gelassenheit, auf dem seit einigen Sekunden die Trümmer der Rakete ruhten. Auch der Gärtner war herausgekommen. «Wissen Sie», sagte er, «das ist fast so schön wie das Evangelium ...» Er hatte spontan die Bedeutung dieses Ereignisses erfaßt und es in die richtige Größenordnung eingereiht. Ich fühlte mich diesem Mann wahrhaft nahe, ihm und allen einfachen Menschen, die in dieser Minute staunend und von einer undefinierbaren, aber tiefen Bewegung ergriffen ihr Gesicht zum Himmel wandten. «Glücklich der Mensch, der den Kopf verliert; er wird ihn im Himmel wiederfinden!» Gleichzeitig fühlte ich mich den Menschen meines Milieus unendlich fern, all jenen Schriftstellern, Philosophen und Künstlern, die sich unter dem Vorwand, einen klaren Kopf behalten und den Humanismus verteidigen zu wollen, einer solchen Begeisterung verschlossen. So hatte mir zum Beispiel mein Freund Jean Dutourd, ein bemerkenswerter Schriftsteller und Verehrer Stendhals, einige Tage zuvor gesagt: «Komm, bleiben wir doch mit den Füßen auf der Erde und lassen wir uns nicht durch diese elektrischen Spieleisenbahnen für Erwachsene den Kopf verdrehen.» Ein anderer mir sehr lieber Freund, Jean Giono, den ich in Manosque besuchte, erzählte mir, daß er eines Sonntag morgens, als er über :Colmar-les-Alpes kam, gesehen habe, wie der Polizeihauptmann und der Pfarrer auf dem Vorplatz der Kirche mit Reifen spielten. «Solange es noch Polizeihauptleute und Pfarrer gibt, die mit Reifen spielen», sagte er, «ist hier unten Platz für Glück, und wir sind hier besser aufgehoben als auf dem Mond...» Ich sah es: alle meine Freunde waren verspätete Bürger in einer Welt, in der die Menschen, von ungeheuren Plänen in kosmischem Maßstab bewegt, sich als Arbeiter der Erde zu fühlen begannen. «Bleiben wir doch auf der Erde!» sagten meine Freunde. Sie reagierten wie die Handweber von Lyon, als die mechanischen Webstühle erfunden wurden: sie fürchteten, arbeitslos zu werden. Meine schriftstellernden Freunde fühlen, daß in dem Zeitalter, das jetzt beginnt, die sozialen, moralischen, politischen und philosophischen Perspektiven der humanistischen Literatur, des psychologischen Romans bald recht unwesentlich erscheinen müssen. Die hauptsächliche Wirkung der sogenannten modernen Literatur besteht darin,:daß sie uns daran hindert, wahrhaft modern zu sein. Ihre;Verfasser wollen sich einreden, sie schrieben «für die ganze Welt». Trotzdem spüren sie, daß die Zeit heranrückt, in der der Geist der Massen sich von neuen Mythen angezogen fühlen wird, von gewaltigen Abenteuern, und in der sie selber, wenn sie fortfahren,ihre kleinen «humanen» Geschichtchen zu schreiben, ihre Leser mit falschen Tatsachen täuschen, anstatt ihnen echte Fiktionen zu erzählen.An jenem Abend des 13. September 1959, als ich in den Garten hinausging und im tiefdunklen Himmel den Mond betrachtete, der von nun an die Spuren der Menschenwelt trug, war ich von einer zwiefachen Bewegung erfaßt. Ich dachte an meinen Vater. Genau wie er es früher jeden Abend in unserem kleinen Vorstadtgarten getan hatte, hob auch ich bewegt meinen Blick. Und genau wie ihm drängte sich auch mir die größte aller Fragen auf: «Sind wir Menschen dieser Erde die einzigen lebenden Wesen?» Mein Vater stellte diese Frage, weil seine Seele groß war und weil er zudem Bücher gelesen hatte, die einen zweifelhaften Spiritualismus vertraten, naive Nutzanwendungen gaben. Ich stellte sie, während ich die Prawda und Werke der reinen Wissenschaft las und mit Naturforschern verkehrte. Aber als ich da mit erhobenem Gesicht unter den Sternen stand, fühlte ich mich doch meinem Vater verbunden durch die gleiche brennende Neugier, der sich das Gefühl einer unendlichen Erweiterung des Geistes zugesellte.Ich erwähnte schon das Entstehen der Gerüchte über die «Fliegenden Untertassen». Man kann darin eine sehr bezeichnende soziale Tatsache erblicken. Aber es versteht sich andererseits von selbst, daß man nicht an Irgendwelche Raumschiffe denken darf, aus denen kleine, bürgerlich geartete Geschöpfe ausstiegen, um sich mit Schrankenwärtern und Sandwichverkäufern zu unterhalten. Die Existenz von Marsmenschen, Saturnbewohnern oder Jupiterwesen ist unwahrscheinlich. Unser Freund Charles-Noel Martin faßt unsere tatsächlichen Erkenntnisse über diese Frage zusammen und schreibt:«Die Vielzahl der möglicherweise bewohnbaren Gestirne in den Milchstraßen und insbesondere in der unseren läßt uns mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit vermuten, daß ungeheuer zahlreiche Formen des Lebens bestehen.»Auf jedem Planeten einer anderen Sonne, und sei diese auch Hunderte von Lichtjahren von der Erde entfernt, dürften uns ähnliche Wesen existieren, sofern dort die Bedingungen der Masse und der Atmosphäre den unseren entsprechen. Man hat berechnet, daß es allein in unserem Milchstraßensystem etwa zehn bis zwölf Millionen Planeten gibt, die unserer Erde mehr oder weniger vergleichbar sind. Harlow Shapley rechnet in seinem Werk Of Stars and Men im bekannten Weltall mit 1011 wahrscheinlichen Schwestergestirnen der Erde. Alles, was wir über diese Dinge wissen, legt die Vermutung nahe, daß noch andere Welten bewohnt sind und noch andere Wesen das Universum bevölkern. Ende 1959 wurden an der Cornell University in den Vereinigten Staaten Spezial-Laboratorien eingerichtet. Unter der Leitung der Professoren Coccioni und Morrison, die auf diesem Gebiet bahnbrechende Arbeit geleistet haben, forscht man hier nach Zeichen und Botschaften, die andere im Kosmos lebende Wesen uns möglicherweise übermitteln.Mehr noch als die Landung von Raketen auf den uns nahen Gestirnen könnte ein Kontakt zwischen den Menschen und Wesen mit einer anderen Geistesbeschaffenheit und vielleicht auch einer anderen seelischen Struktur zum umwälzenden Ereignis. unserer heutigen Geschichte werden.Wenn es nun andere geistbegabte Wesen gibt wissen sie von unserer Existenz? Fangen sie vielleicht das ferne Echo der von uns ausgesandten Rundfunk- und Fernsehwellen auf, und können sie es entziffern? Sehen sie mit Hilfe von Apparaten die Störungen, die die Riesenplaneten Jupiter und Saturn auf unserer Sonne hervorrufen? Schicken sie Raumschiffe in unsere Milchstraße? Es ist denkbar, daß schon unzählige Male Beobachtungsraketen durch unser Sonnensystem gezogen sind, ohne daß wir auch nur die geringste Ahnung davon hatten. Wir sind zur Stunde, da ich diese Zeilen schreibe, nicht einmal imstande, unseren Lunik III wiederzufinden, dessen Sender gestört ist. Wir wissen nicht, was in unserem eigenen Bereich geschieht.Sind irgendwelche Fremde aus dem Kosmos schon einmal zu uns gekommen, um uns zu besuchen? Es ist höchst wahrscheinlich, daß bereits interplanetarische Reisen stattgefunden haben. Aber warum sollten diese Wesen ausgerechnet zu uns, auf die Erde, gekommen sein? Milliarden von Sternen sind über das Feld der Lichtjahre verstreut. Sind wir für sie die nächsten? Die interessantesten? Und doch ist es statthaft, sich vorzustellen, daß «große Fremde» gekommen sind, um unseren Globus zu betrachten, sich sogar einmal darauf niederzulassen und für einige Zeit hierzubleiben. Seit mehr als einer Jahrmilliarde besteht das Leben auf der Erde. Der Mensch ist vor etwa einer Million Jahren hier erschienen, während unsere Erinnerungen kaum über viertausend Jahre hinausgehen. Was wissen wir also? Vielleicht haben einmal prähistorische Ungeheuer ihre langen Hälse vorbeigleitenden Raumschiffen entgegengereckt.Dr. Ralph Stair vom amerikanischen N.B.S. hat seltsame glasartige Felsbrocken, die sogenannten Tektiten, untersucht, die sich verstreut in der Gegend des Libanon finden, und nimmt auf Grund dieser Untersuchungen an, daß diese Gebilde von einem verschwundenen Planeten stammen könnten, dessen Bahn zwischen dem Mars und dem Jupiter verlief. In den Tektiten hat man radioaktive Aluminium- und Beryllium-Isotope entdeckt.Einige durchaus glaubwürdige Gelehrte sind der Ansicht, daß der Phobos, ein Satellit des Mars, hohl ist. Es würde sich also um ein künstliches Gestirn handeln, das von nicht-irdischen geistbegabten Wesen in die Bahn des Mars geschickt wurde. So jedenfalls lautet die Schlußfolgerung eines Artikels, der im November 1959 in der wissenschaftlich ernstzunehmenden Zeitschrift Discovery erschien. Sie deckt sich mit der von einem sowjetischen Spezialisten für Radio-Astronomie, Professor Schtlowski, aufgestellten Hypothese.In einem vielbeachteten Aufsatz, den eine Moskauer literarische Zeitschrift im Februar 1960 brachte, spricht der Physiker und Mathematiker Professor Agrest die Vermutung aus, daß die Tektiten, die sich nur bei sehr hohen Temperaturen und unter der Einwirkung starker nuklearer Strahlungen bilden konnten, möglicherweise die Reste von Peilgeschossen sind, weiche aus dem Kosmos auf die Erde gesandt wurden. Demnach wären also vor einer Jahrmillion Besucher aus dem Weltraum zu uns gekommen. Für Professor Agrest (der sich in diesem Aufsatz nicht scheut, derart phantastische Hypothesen vorzutragen, und damit zeigt, daß die Wissenschaft auch innerhalb eines positiven philosophischen Denksystems der schöpferischen Einbildungskraft und den kühnsten Vermutungen soweit wie möglich Rechnung tragen kann und soll), für Professor Agrest ist die Zerstörung von Sodom und Gomorrha möglicherweise auf eine thermonukleare Explosion zurückzuführen, die entweder Raumfahrer absichtlich auslösten oder die sich infolge der vor der Rückkehr dieser Besucher in den Kosmos notwendigen Zerstörung ihrer Energiedepots ergab. In den am Toten Meer aufgefundenen Manuskripten liest man folgende Beschreibung:«Eine Säule aus Rauch und Staub erhob sich, gleich einer Rauchsäule, die aus dem Herzen der Erde kommt. Sie überschüttete Sodom und Gomorrha mit einem Schwefel- und Feuerregen und zerstörte die Stadt, die ganze Ebene, alle Bewohner und alle Pflanzen. Und die Frau Lots wandte sich um und verwandelte sich in eine Statue aus Salz. Und Lot lebte in Zoar; dann siedelte er sich in den Bergen an, denn er fürchtete sich, in Zoar zu bleiben.Die Menschen wurden angewiesen, die Stätten der künftigen Explosion zu verlassen, sich nicht an ungeschützten Orten aufzuhalten, die Explosion nicht anzusehen und sich unter der Erde zu verbergen ... Die Flüchtigen, die sich umdrehten, wurden blind und starben.»Eins der geheimnisvollsten Monumente in dieser Gegend des Antilibanon ist die «Terrasse von Baalbek». Es handelt sich um eine Plattform, die aus Steinblöcken erbaut ist, von denen einige mehr als zwanzig Meter Seitenlänge messen und zweitausend Tonnen wiegen. Man hat sich nie erklären können, warum, wie und von wem diese Plattform angelegt wurde. Nach Ansicht von Professor Agrest ist es nicht ausgeschlossen, daß wir es hier mit den Resten einer Landefläche zu tun haben, die von den aus dem Kosmos gekommenen Astronauten erbaut wurde.Schließlich wären noch die Berichte der Moskauer Akademie der Wissenschaften über eine Explosion zu erwähnen, die sich am 30. Juni 1908 in Sibirien ereignete. Man entnimmt daraus, daß sie möglicherweise auf die Zerstörung eines Raumschiffs anläßlich einer Notlandung zurückzuführen ist.An diesem 30. Juni 1908 stieg um sieben Uhr morgens eine Feuersäule über der sibirischen Taiga auf, die eine Höhe von achtzig Kilometern erreichte. Eine riesige Feuerkugel, die mit der Erde in Berührung kam, vernichtete den Wald auf vierzig Kilometer im Umkreis. Mehrere Wochen lang zogen über Rußland, Osteuropa und Nordafrika sonderbare goldfarbene Wolken hin, die während der Nacht das Sonnenlicht reflektierten. In London photographierte man um ein Uhr nachts Menschen, die auf der Straße die Zeitung lasen. Noch heute hat sich in dieser Gegend Sibiriens keine neue Vegetation gebildet. Die von einer russischen wissenschaftlichen Expedition im Jahre 1960 vorgenommenen Messungen ergaben, daß die Radioaktivität hier das Dreifache des normalen Werts beträgt.Wenn nun tatsächlich Besucher von anderen Planeten zu uns gekommen sind, haben sie sich dann unter uns bewegt? Nein, antwortet der sogenannte gesunde Menschenverstand: wir hätten sie bemerken müssen. Das ist jedoch keineswegs sicher. Die erste Regel der Tierpsychologie lautet, daß man die Tiere, die man beobachtet, nicht stören darf. Der Tübinger Forscher Zimansky, ein Schüler des genialen Konrad Lorenz, hat drei Jahre hindurch dieSchnecken studiert und sich dabei ihrer Sprache und ihrem psychischen Verhalten soweit angeglichen, daß die Schnecken ihn schließlich für ihresgleichen hielten. Das gleiche Verfahren können unsere Besucher gegenüber den Menschen angewandt haben. Dieser Gedanke mag unseren Widerspruch herausfordern, er ist dennoch begründet.Eine andere Frage: Sind vielleicht vor Beginn der uns bekannten Menschheitsgeschichte wohlwollende Forscher von anderen Planeten zu uns auf die Erde gekommen? Eine indische Sage spricht von den Herren von Dzyan, die aus dem Kosmos kamen, um den Erdenbewohnern das Feuer und den Bogen zu bringen. Und das Leben selbst, ist es auf der Erde entstanden, oder ist es uns durch Raumfahrer gebracht worden? Die meisten Astronomen und Theologen nehmen an, daß das irdische Leben auf der Erde selbst begonnen hat. Thomas Gold, der Astronom von Cornell, hingegen verneint diese These. In einem Bericht, den Gold im Januar 1960 beim Kongreß der Raumforscher in Los Angeles vortrug, entwikkelte er den Gedanken, daß das Leben vielleicht seit zahllosen Jahrmilliarden schon anderswo im Universum existierte, bevor es auf der Erde Wurzel faßte.Seit etwa einer Jahrmilliarde existiert das Leben auf der Erde. Auch Gold weist auf diese Tatsache hin. Es begann mit den einfachsten Formen von mikroskopischem Ausmaß.Nach Verlauf einer Jahrmilliarde kann nach Golds Hypothese der befruchtete Planet Geschöpfe entwickelt haben, die genügend Intelligenz besaßen, um weiter in den Raum vorzudringen, andere fruchtbare, aber jungfräuliche Planeten zu besuchen und dort ihrerseits entwicklungsfähige Mikroben zu hinterlassen. Dieser Vorgang ist vermutlich der normale Beginn des Lebens auf jedem Planeten einschließlich der Erde. «Raumfahrer», so sagt Gold, «können vor einer Jahrmilliarde die Erde besucht haben, und die Rückstände der uns von ihnen geschenkten Lebensformen können sich derart weiterentwickelt haben, daß den Mikroben bald ein anderes Medium (nämlich der menschliche Raumfahrer) ersteht, der imstande ist, sie über ein noch weiteres Betätigungsfeld zu ver-streuen.»Wie ist es nun mit den anderen Systemen, die jenseits unserer Milchstraße im Raum schweben? Gold gehört zu den Gelehrten, die sich zur Theorie eines starren Universums bekennen.Und wann hat das Leben begonnen? Die Theorie eines starren Universums besagt, daß der Raum keine Grenzen und die Zeit weder Anfang noch Ende kennt. Wenn das Leben sich von den alten zu den neuen Milchstraßen fortpflanzt, so kann seine Geschichte durchaus auf eine Ewigkeit zurückblicken: auch sie hat weder Anfang noch Ende. «Sind wir von anderswo gekommen», fragt sich auch der Biologe Loren Eiseley, «und sind wir im Begriff, uns mit Hilfe von Instrumenten a |