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dich endlich, System! |
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01.04.2006
Demo
zum Gedenken der Bombadierung von Lübeck 1942
Als
ich in den 10.07 Zug einstieg, dachte ich, ich wäre als einziger
auf die Idee gekommen, so früh zu fahren. Ich wollte erst das Terrain
sondieren, damit mir nicht wieder so ein Horror wie im Juli 2005 passierte.
Zum Glück stieg noch eine größere Gruppe Kameraden ein,
so konnte ich mich ihnen anschließen. Da ich hier in der Schanze
wohnte, kenne ich noch kaum Menschen, die lebensbejahend denken. So
war das eine angenehme Stunde bis nach Lübeck. Einmal wurde eine
Zecke erkannt, die sich durch den Zug schleichen wollte. Kameraden setzten
ihn am nächsten Bahnhof kurzerhand an die frische Luft. Das bedröppelte
Gesicht des Zottels war einfach Gold wert.
Als wir ankamen, wiesen uns Polizeiführer eine Richtung zu, in
die wir zu gehen hatten. Anscheinend machten sie sich einen Spaß
daraus, ihre Anweisungen so unklar zu lassen, das der Kollege genau
das Gegenteil behauptet und unsere ganze Gruppe wieder zurückschickte.
Dann endloses Warten. Zweieinhalb Stunden Regen, eingeklemmt zwischen
dem Saturnhinterhaus und einem Nebeneingang der Bahn. Reine Schikane
das alles. Zwischendurch regnete es, als beweinten die Seelen der Bombenopfer
die schändliche Behandlung ihres Gedenkens. Um kurz vor halb zwei
war auch der Lautsprecherbus da, und es konnte sich der Zug formieren.
Warum der Lautsprecherbus so lange brauchte, blieb vielen ein Rätsel.
Dann ging es endlich los. Nachdem die Auflagen verlesen wurden, setzte
sich unser stattlicher Zug in Bewegung. An der ersten Biegung wurden
wir von schon empfangen. Wir blieben den ganzen Weg über eifriges
Photoobjekt. André von der anderen Seite hatte schon die professionelle
Gelassenheit, böse-böse Nazis zu photographieren und damit
zur hemmungslosen Denunziation freizugeben.
Eine
Zecke torkelte in unsere Richtung und lallte irgendeinen Stuß.
Seine wirre Figur war ein krasser Kontrast zu unseren sauberen, disziplinierten
Kameraden. Er trug lange, verfilzte Locken und versiffte, ehemals blaue
Jeans. Wir lachten ihn aus: Laß dir mal die Haare schneiden (Nötig
hatte es der arme Kerl ja wirklich mal. So einen verlausten Zottel habe
ich lange nicht mehr gesehen). Wasch dich mal, Wasser tut nicht weh,
alles gute Ratschläge, die ihm seine Eltern wohl vorenthalten haben.
Wohl mit Absicht wurde unser Zug in fast völlig unbewohnte Gebiete
abgedrängt. Unsere Route lag völlig aus dem Blickfeld der
Öffentlichkeit. Unsere eigentlich erhoffte Aufmerksamkeit verpuffte
in die Lübecker Wallanlagen. Normale Bürger, der sogenannte
kleine Mann, wurden von uns abgeschirmt, als litt unser Haufen an einer
tödlichen Krankheit. Aber doch: Wir bringen einen Virus in die
vermufften Ratsstuben. Den Virus vom Freiheitswillen des deutschen Volkes.
So hielten wir, in Sichtweite des mächtigen Lübecker Doms,
unsere Kundgebung ab. Getrennt durch einen Seitenarm vom Mühlenteich
lagerten auf dem Kirchgrundstück, dessen Betreten uns ja ausdrücklich
verboten wurde von den üblichen Verdächtigen, die Schützlinge
der Kirche. Es war wirklich ein malerisches Bild, auf der einen Uferseite
wurden unsere schwarzweißroten Fahne geschwenkt, auf der anderen
Seite sammelte sich der Mob der Systemalimentierten. Sie versuchten
einem Altpapiercontainer anzuzünden, doch bloß ein klägliches
Kokeln und beißender Rauch war der Dank. Wie sollten sie überleben,
wenn die "Staatsknete" einmal weg fiel? Doch das soll nicht
unser Problem sein.
Hier kamen wir nicht weiter. Die Staatsmacht stellte sich uns in den
Weg, in die Innenstadt kamen wir wohl diesesmal noch nicht. Nun, persönlich
war's mir Recht, an diesem idyllischen Mühlenteich zu sein, ich
kannte ja die Innenstadt sehr gut von meinen Schuljahren im ehrwürdigen
Johanneum. Aber es war schon ein Skandal, das die vorher zugesicherte
Route nicht eingehalten wurde, weil die Polizei nicht Willens war, gegen
ihre heimlichen Verbündeten, dem Gewerkschafts- und Sozenfilz mit
ihren autonomen Fußtruppen, vorzugehen. So blieben wir mit der
Fahne in Sichtweite des Dom. Welch' gewaltiges, trutziges Gebäude.
Wieviel Willenskraft haben unsere Ahnen dafür aufgebraucht, um
ihn zu bauen? Schade, das er nun von solch' einem Pöbel entehrt
wurde. Nun, es ist nicht aller Tage Abend!
Dann begann der erste Kamerd mit seiner Rede. Leider wurde er ein paar
Mal unterbrochen, da einige Kameraden statt der Rede mehr die sich sammelnden
Zecken im Auge hatten. Beifall brannte auf, als die Staatsmacht ihres
Amtes waltete und einigen der Krakeler eine kleine Abreibung verpaßten.
Kamerad Wiechmanns Rede fesselte wieder, als er auf den Skandal hinwies,
das die Bunzel-Republik nicht mal Geld bereitstellte, um die gefallenen
Kameraden heimzuholen, die lieblos in einer Lagerhalle in der Tschechei
lagern. Stattdessen erdreistete sich der Exkanzler der BRD, Schröder,
an den Siegerfeiern in Moskau teilzunehmen. Zum Schluß sprach
wie immer Kamerad Steiner, dann drehte unser Zug um 180° und wir
gingen den Weg wieder zurück, den wir gekommen waren. Die Linken
feierten das natürlich. Irrtümlich denken sie, das sie uns
vertrieben haben, aber es ist wie mit einer Drachenfaust die Burgtore
zu öffnen: Noch 'n Stoß und noch 'nen Stoß. Die Risse
werden mit jedem Schlag breiter. Wir kommen wieder, keine Frage. Getragene,
einer Trauerveranstaltung angemessene Musik ertönte wieder, dann
ging unser Lindwurm zurück in Richtung Bahnhof. Kurz vor der Brücke
zur Stadtmitte begann ein Kamerad, die Bevölkerung von unserem
Anliegen zu informieren. Es war so ziemlich der einzige Punkt, wo so
etwas wie Publikumsverkehr herrschte. Das paßte den Systemknechten
natürlich überhaupt nicht. Einem Polizist ist wohl komplett
die Sicherung durchgeknallt, er begann wild an dem einen Lautsprecherkabel
zu ziehen und es mit einer kleinen Zange durchzukneifen. Sofort drängten
Kameraden ihn ab und schützten unseren Einsatzwagen. Dann werden
die beiden Anderen eben lauter gedreht und die Polizei in sachlichem
Ton darauf hingewiesen, daß Lautsprecherbetrieb während des
Marsches erlaubt war. Zur Krönung des Ganzen weigerte sich die
Polizei, den Namen des Beamten herauszugeben, um gegen ihn eine Anzeige
wegen Sachbeschädigung zu stellen. Polizeischikane, um unseren
Zug aufzuhalten, damit uns der Mob am Bahnhofsvorplatz erwarten konnte.
Nachdem sich die Lage wieder etwas beruhigt hatte, bogen wir um die
Ecke, und richtig, direkt auf einer kleinen Grünfläche, (die
armen Primeln taten mir richtig leid. Nun, Respekt für die Natur
ist solch' Barbaren nicht gegönnt). Die Polizei hatte den Pöbel,
es war ein kläglich zusammengewürfelter Haufen von 50-100
Gestalten, aber ganz gut im Griff. So kamen wir ohne größere
Probleme zu den Zügen.
Fazit:
Es blieb trotz dem schönen Gefühl des Zusammenseins mit den
Kameraden ein etwas zwiespältiges Gefühl. Wir waren völlig
abgeschnitten von der normalen Durchschnittsbürgerwelt. Manchmal
hasten Menschen an den materialistischen Polizisten vorbei. Vor dem
leeren DGB-Gebäude konnten wir dann unser Anliegen vortragen. Die
einzige Möglichkeit, in Kontakt mit der Bevölkerung zu kommen,
die zugige Brücke zum Holstentor, scheiterte an der weiträumigen
Absperrung. Das Wie und Warum kann er dann nur wieder aus den Systemmedien
erfahren. Das ist ein bißchen schade. Das wichtigste aber war:
Wir waren da. Präsent. Nur das zählt. Eigentlich wollte ich
einigen Kamerden noch ein bißchen die alte Stadt zeigen, aber
das wurde uns von den Zecken verwehrt. Da bleibt uns wohl nichts anderes
übrig, als wieder zu kommen.
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